Buchautor Küntzel kommt zu dem Schluss, „dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen“

Buchautor Küntzel kommt zu dem Schluss, „dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen“

Israelhass und islamischer Antisemitismus: die späten Folgen des Nationalsozialismus

Gezielt verbreiteten die Nationalsozialisten ihre antisemitische Ideologie auch in der islamischen Welt. Damit trugen sie zur Entstehung des israelisch-palästinensischen Konfliktes bei. Mit seinem neuen Buch will der Politologe Matthias Küntzel diesen Aspekt deutscher Geschichte aufarbeiten. Eine Rezension von Marc Neugröschel

Die These, dass der islamische Antisemitismus überhaupt erst durch den Nahostkonflikt ins Leben gerufen worden sei, ist weit verbreitet. Matthias Küntzel hält sie für falsch. Umgekehrt werde ein Schuh draus. In seinem neuen Buch „Nazis und der Nahe Osten: Wie der islamische Antisemitismus entstand“ argumentiert der Hamburger Politikwissenschaftler und Historiker, dass es den heutigen israelisch-palästinensischen Konflikt vielleicht gar nicht geben würde, wenn die Nazis den Nahen Osten nicht mit ihrer antisemitischen Ideologie infiziert hätten.

Anhand konkreter Quellen zeigt Küntzel, wie die Entscheidung gemäßigter arabischer Führer, dem gerade gegründeten Staat Israel 1948 den Krieg zu erklären, auf den Druck einer islamistisch-antisemitischen Bewegung zurückgeht, die kräftig von den Nazis befeuert, finanziert und vor allem auch geistig inspiriert wurde. So zeichnet er nach, wie der nationalsozialistische Antisemitismus bis heute im Nahen Osten nachwirkt und von Migranten aus dieser Region nun nach Europa reimportiert wird.

Küntzel beschreibt, wie nationalsozialistische Propagandisten und islamistische Agitatoren zur Zeit der Nazi-Herrschaft gezielt zusammenarbeiteten, um eine politische und ideologische Allianz gegen den Westen und die Moderne zu schmieden. Zu den Hauptprotagonisten dieser unheilvollen Kollaboration gehörten der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, führende Köpfe der in Ägypten entstanden Muslim-Brüder und hochrangige Mitarbeiter aus Joseph Goebbels‘ nationalsozialistischem Propagandaministerium. Sie schufen einen giftigen propagandistischen Cocktail aus Versatzstücken islamistischer und antisemitischer Ideen, der per Schrift, vor allem aber per Radio in der islamischen Welt verbreitet wurde.

Propaganda durch arabische Radiosendungen aus Berlin

Eine besondere Rolle spielte hierbei der Kurzwellensender im Berliner Vorort Zeesen. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gehörte er zu den modernsten und leistungsstärksten Sendeanlagen überhaupt. Anlässlich der Berliner Olympiade von 1936 war er auf den neusten technischen Stand gebracht worden. Mit ihm konnten die Nazis ihre Hasspropaganda auch unter jenen Teilen der arabischen Bevölkerung verbreiten, die des Lesens nicht mächtig waren. Hierfür scheute das deutsche Propagandaministerium keine Kosten und Mühe. Der Orient-Redaktion von Radio Zeesen gelang es gar, den damals in der arabischen Welt überaus populären irakischen Nachrichtensprecher Junis Bahri als Ansager zu verpflichten.

Eine Auswertung von Mitschriften dieser Radiosendungen gehört zu den wichtigsten Arbeiten des US-amerikanischen Historikers Jeffrey Herf. Bereits 2009 wurde sie unter dem englischen Titel „Nazi Propaganda for the Arab World“ (Nazi-Propaganda für die arabische Welt) veröffentlicht. Ausgerechnet ins Deutsche wurde die Abhandlung bis heute aber nicht übersetzt. Auch deswegen füllt Küntzels Buch eine wichtige Lücke in der deutschen historischen Literatur. Küntzel ergänzt Herfs Forschung aber auch mit eigenen Recherchen der im Berliner Bundesarchiv noch vorhandenen Sendemanuskripte.

Judenfeindliche Elemente der koranischen Überlieferung dienten den Nazis als willkommene Anknüpfungspunkte, die gezielt in Szene gesetzt wurden, um Muslime für den Antisemitismus christlich-europäischer Provenienz zu begeistern. Konzeptuell unterscheidet Küntzel sehr klar zwischen den beiden Formen der Judenfeindschaft, die so miteinander verschmolzen wurden. Während der Koran die Juden als besiegte Widersacher des Propheten Mohammeds erniedrige, sehe die christliche Doktrin sie als die Mörder Christi und somit als eine dunkle Macht und kosmische Gefahr.

„Für den Moslem mochte der Jude feindselig, verschlagen und rachsüchtig sein, aber er war schwach und unwirksam – ein Objekt der Lächerlichkeit, nicht der Furcht. Für die Christen hingegen stellt er eine dunkle und tödliche Macht dar, fähig zu Taten von kosmischer Bosheit“, zitiert Küntzel den Historiker und Islamforscher Bernard Lewis. Er schlussfolgert aus dieser Betrachtung: „Nur auf christlichem Boden konnte (…) die Propaganda von der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ sprießen und gedeihen (…) Nur im christlichen Europa konnte sich der religiöse Antijudaismus zum Antisemitismus steigern.“

Auch Hamas-Charta relevante Quelle

Genau diese, originär christliche Vorstellung von einem verschwörerischen Judentum als kosmische Gefahr findet im zwanzigsten Jahrhundert dann aber, vor allem durch die Propaganda der Nazis, Einzug in die islamische Welt. Dort habe sie sich dann mit der islamischen Judenfeindschaft verbunden und anschließend zu der Vorstellung verdichtet, dass der Staat Israel ein Projekt zur Vernichtung der Muslime sei und dass Muslime erst dann frei sein könnten, wenn der Staat Israel und mit ihm alle Juden von der Bildfläche verschwunden seien.

Diese These belegt Küntzel anhand von drei wirkmächtigen Texten, welche die genannten Elemente von islamischer Judenfeindschaft und europäischem Antisemitismus miteinander verknüpfen und das Bild von Judentum und Israel unter Muslimen des Nahen Ostens bis heute maßgeblich prägen. Bei diesen drei Texten handelt es sich 1. um das Anfang der 1950er-Jahre veröffentlichte Pamphlet „Unser Kampf mit den Juden“ von Sajjid Qutb, einem der wichtigsten Ideologen der islamistischen Muslimbruderschaft; 2. die Charta der palästinensischen Terror-Organisation Hamas von 1988 und 3. den am 18. August 1937 in Kairo erschienenen Aufsatz „Islam und Judentum“. Dieser ist laut Küntzel „die erste umfassende Erklärung, die eine durchgehende Linie zwischen Mohammeds Auseinandersetzungen mit den Juden in Medina und den zeitgenössischen Auseinandersetzungen in Palästina konstruiert und das siebte mit dem zwanzigsten Jahrhundert verknüpft“.

Vor allem anhand von Textstellen aus diesem letztgenannten Aufsatz zeigt Küntzel, dass ein jüdischer Staat, schon lange vor seiner Gründung und lange vor der Existenz der nach dem Sechs-Tage-Krieg errichteten jüdischen Siedlungen, als Feindbild und Verkörperung einer existentiellen Bedrohung für den Islam durch muslimische Köpfe geisterte. Das frühe Erscheinungsdatum dieses Textes, so schlussfolgert Küntzel, „legt nahe, dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen“.

Solides wissenschaftliches Fundament

Wer Küntzels Buch liest, erhält somit also nicht nur einen Einblick in ein oft vernachlässigtes Kapitel deutscher Geschichte. Es bietet auch eine Perspektive auf aktuelle politische Probleme und gesellschaftliche Debatten, die gängige Erklärungsmuster in Frage stellt. In den Fokus gerät dabei nicht nur der israelisch-palästinensische Konflikt, sondern auch das Problem des Antisemitismus unter Migranten, die aus dem Nahen Osten nach Europa einwandern.

Diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart basiert auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament. Neben den Ergebnissen seiner eigenen Recherchen berücksichtigt Küntzel die Erkenntnisse der einschlägigen historischen Literatur und beruft sich dabei auf bedeutende Geschichtswissenschaftler wie Jeffrey Herf, Yehuda Bauer, Georges Bensoussan, Léon Poliakov und Bernard Lewis. Um die Brücke zu den aktuellen Geschehnissen zu schlagen, bezieht Küntzel sich aber auch auf Werke der neueren sozialwissenschaftlichen Literatur. So zitiert er etwa aus aktuellen Studien der Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel oder des Soziologen und Historikers Günther Jikeli, der sich mit Antisemitismus unter Europas Muslimen befasst.

Trotz seiner wissenschaftlichen Fundierung ist das Buch im eingängigen Stil eines journalistischen Essays geschrieben und somit auch für Laien ohne Vorkenntnisse gut lesbar.

Matthias Küntzel: „Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand“, Hentrich & Hentrich, 272 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-95565-347-7

 

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