Das Schweizer Ehepaar Oppliger fühlt sich in Tel Aviv wohl

Das Schweizer Ehepaar Oppliger fühlt sich in Tel Aviv wohl

„Lass Israel wieder lächeln!“

Ein Schweizer Ehepaar bietet Opfern von Prostitution und Menschenhandel in Tel Aviv zweite Chance. Dabei leistet es auch einen Beitrag zum Umweltschutz.

TEL AVIV (inn) – Heilig-Land-Pilger und Touristen kommen nicht selten euphorisch von ihrer Reise nach Israel und und in die palästinensischen Gebiete zurück. Heilige Stätten, Bad im Toten Meer, Begegnungen mit Einheimischen, der orientalische Basar und die mediterrane Küche lassen manchen gleich von einer Fortsetzungsreise träumen. Der eine oder die andere schiebt allerdings ein „Aber“ hinterher. Das meint den Unfrieden zwischen Israelis und Palästinensern und die Militärbesatzung. Auch das Thema Umweltverschmutzung verbirgt sich manchmal hinter der leicht gedämpften Begeisterung. Müll am Straßenrand, auf Plätzen, neben Abfallbehältern erregt so manchen Mitteleuropäer, ebenso, dass außer Plastikflaschen nichts gesammelt und recycelt wird. Pfandflaschen? Fehlanzeige! Sie landen ebenso wie Papier oder Gemüseabfälle im Restmüll.

Im vergangenen Dezember vermeldete die Bundesgesellschaft GTAI / Germany Trade & Invest, dass Israel „immer mehr“ recycle, „aber noch immer zu wenig.“ Von der Deponieentsorgung zur Kreislaufwirtschaft habe das Land „trotz Fortschritten noch eine weite Strecke vor sich“. Daraus ergäben sich für deutsche Firmen Geschäftschancen, erklärt GTAI, das dem Bundeswirtschaftsministerium untersteht.

Ein Schweizer Ehepaar hat eine solche Chance ergriffen und mit einem sozialen Anliegen verknüpft. Matthias Oppliger verliebte sich bei einem Spontanbesuch 2011 schon beim Anflug auf den Flughafen in die Stadt Tel Aviv. Beim Blick von oben packte ihn etwas, er fühlte, die Stadt werde in seinem Leben noch eine Rolle spielen. 2013 wollte sich die ganze Familie einen Eindruck von Israel verschaffen und flog nach Tel Aviv. Dort wurde Tabea Oppliger unfreiwillig Zeugin eines Gesprächs zwischen Zuhälter und Prostituierter. Diese, von ihr spontan gefragt, ob sie zur Arbeit gezwungen werde, bejahte. Da wurde Tabea Oppliger klar: „Wir müssen Arbeitsplätze für diese Menschen in Tel Aviv schaffen.“

Handgemachte Taschen aus gebrauchtem Material

Im Jahr darauf verließ das Ehepaar mit drei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter die sichere Schweiz. Einen Tag nach dem Gaza-Konflikt „Starker Fels“ mit 2.185 getöteten Palästinensern und 15 Toten auf israelischer Seite landeten die fünf in der neuen Heimat. Entschlossen und von ihrer Idee überzeugt wagten sie den Neuanfang und gründeten das Sozialunternehmen A.I.R. mit dem Modelabel KitePride. Die Idee: Sportler spenden ihre gebrauchten Kitesurfdrachen oder Yachtsegel, Fallschirme und Neoprenanzüge, Schulen und Geschäfte für diese Sportarten ebenso.

Daraus fertigt das israelisch-schweizerische Unternehmen widerstandsfähige und ultraleichte Rucksäcke, Accessoires und Taschen „mit 100 Prozent Wirkung“, wie die firmeneigene Internetseite verheißt, und weiter erklärt: „Jede Tasche ist in Tel Aviv handgemacht.“

Matthias Oppliger, 47, erklärt im persönlichen Gespräch Auslöser und Motivation: „Die Firma hier im Süden von Tel Aviv haben wir ausschließlich dazu gegründet, um Arbeitsstellen und Arbeitsintegration zu schaffen. Zielgruppe sind Frauen und Männer, welche aus der Zwangsprostitution aussteigen sowie Opfer von Menschenhandel.“ Bis zu 14.000 Menschen arbeiten in der „Sexindustrie“, hauptsächlich Israelis, aber auch Frauen aus der Ukraine. Das Einstiegsalter der Mädchen in dieses Milieu liegt im Durchschnitt bei 13 bis 14 Jahren, manche sind erst 11.

Den Schrei der Zwangsprostituierte zu hören bekommen

Tabea Oppliger hatte schon im Züricher Rotlichtmilieu bei Gratis-Massagen für Sexarbeiter tiefe Einblicke in die Szene gewonnen und dort regelmäßig „den Schrei aller Frauen, Männer, Transgender, die als Zwangsprostituierte gearbeitet haben“ zu hören bekommen. Die Botschaft dahinter: „Wir brauchen kein Mitleid, sondern einen anderen Job.“ Doch fehlende Ausbildung, Geldnot oder Schulden genau wie finanzielle Abhängigkeiten, Zwang und Ausbeutung versperrenden Ausweg. Eine geregelte Tätigkeit zu finden erscheint nahezu aussichtslos.

„Make Israel Smile Again!“ – Lass Israel wieder lächeln: Dafür haben die beiden Schweizer alles auf eine Karte gesetzt, trotz Hürden und Barrieren sprachlicher oder bürokratischer Art. Geschäftsführer Oppliger sagt hinter vorgehaltener Hand, dass „alleine der Stempel“ für sein einjähriges Arbeitsvisum 10.000 israelische Schekel koste, gut 2.500 Euro. Dazu käme nochmal derselbe Betrag für Anwaltskosten, und das trotz Freundschaftspreises beim Anwalt. Oppliger gesteht: „Als Nicht-Israeli hier zu leben, ist schon eine sehr große Herausforderung.“

Ideen über Ideen

Doch haut das die beiden Schweizer nicht so schnell um. Im Gegenteil. Stolz berichtet Matthias Oppliger, dass derzeit in seiner Sozialfirma 33 Menschen mit Arbeitsvertrag angestellt sind; dass etliche andere erfolgreich bei anderen Arbeitgebern Anstellungen gefunden und damit für Neueinsteiger Platz gemacht haben; dass er kürzlich weitere Räume für Schulungen angemietet hat; dass nun mit Amsterdam ein zweiter Standort dazukommt, dass … die Ideen scheinen dem Ehepaar nicht auszugehen.

Die beiden glauben einfach an die „Mission possible“ und bieten, mit dem gemeinnützigen Schweizer Förderverein glowbalact im Rücken, Menschen am Rande der Gesellschaft ein sicheres Arbeitsumfeld, Job-Rehabilitation und Begleitung. Zudem tragen die Mitarbeiter durch das Upcycling zum Umweltschutz bei. Und fast beiläufig kommt beim Nähen immer ein Unikat heraus, ein einzigartiges Produkt. Bisher wurden über 15.000 Quadratmeter Stoff verarbeitet und wiederverwertet – etwas mehr als zwei Fußballplätze in Standardgröße. Daraus entstanden über 26.000 Produkte, selbst designt und genäht.

„Früher bin ich völlig benebelt zur Arbeit gegangen, um das zu ertragen, was ich machen musste“, sagt ein Mitarbeiter anonym. Der Job „bei GlowbalAct / KitePride gibt mir einen Grund, jeden Tag aufzuwachen und mit Freude zur Arbeit zu gehen, weil mir das die Kraft gibt, meine Probleme anzugehen. Ich fühle mich zuversichtlich.“ Kollege Nadir Schoschani nennt seinen Namen – und seine frühere Arbeit „die Hölle“. Dann kam er zu KitePride. Schon die Erstbegegnung fühlte sich „an wie das Paradies, wie der Garten Eden, die Liebe, die Ermutigung“. Alleine die täglichen Umarmungen beruhigten und stärkten ihn. „Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich liebenswert bin.“

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) entsendet seit 60 Jahren Frauen und Männer zwischen 18 und 30 Jahren, manchmal auch ältere, nach Israel. Zur Auswahl stehen fast 30 Einsatzorte, seit vergangenem September auch KitePride. Jan Brezger, ASF-Referent für Freiwilligenarbeit in der Berliner Zentrale, erklärt den Hintergrund: „Wir kamen auf KitePride, weil wir es für ein sehr sinnvolles und enorm wichtiges Projekt halten, das sozial benachteiligte Menschen unterstützt und im Sinne des Empowerment stärkt und eine Perspektive bietet.“ Das Sozialprojekt ermögliche ihnen, „angstfrei und selbstbestimmt zu leben und auf eigenen Füßen stehen zu können“.

„Wir geben ihnen neues Leben“

Erstmals kooperieren die Oppligers nun mit dem israelischen Wohlfahrtsministerium. „Helfen Sie uns, durch unser neues 24-monatiges Programm in den nächsten drei Jahren 100 weitere Frauen und Männer auszubilden und an Firmen zu vermitteln. Die Anzahl nun verdreifachen!“ Mit diesem Appell wirbt der Märzrundbrief von globwalact um Paten für dieses „Joint-Venture.“ 49 Prozent der Kosten übernimmt das Ministerium, die restlichen 51 Prozent müssen durch die firmeneigenen Erlöse, glowbalact und Spender wie Nehemiah Gateway in Nürnberg aufgebracht werden. „Damit werden wir in kommenden Jahren viel mehr Menschen einen Ausstieg aus der Branche und nachhaltige Anstellung im Arbeitsmarkt bieten können“, verspricht Matthias Oppliger.

„Aus weggeworfenen Drachen machen wir was Wunderschönes“, sagt Ehefrau Tabea und zieht eine Parallele zwischen dem Rohstoff und den Mitarbeitern. „Das ist wie das Leben unserer Angestellten, sie wurden wie Objekte behandelt. Wir geben ihnen eine zweite Chance. Wir geben ihnen ein neues Leben.“

Von: Johannes Zang

Dieser Text ist eine leicht abgewandelte Version eines Artikels, der zuerst in der „Tagespost“ erschien.