Eine neue Plakette erinnert an den heldenhaften Major Jeune

Eine neue Plakette erinnert an den heldenhaften Major Jeune

Britischer Offizier nach 100 Jahren für Rettung von Juden geehrt

Der Mai 1921 beginnt in Jaffa mit tödlichen Zusammenstößen zwischen Arabern und Juden. 100 Jahre später ehrt Großbritannien einen Offizier, der offenbar Schlimmeres verhindert hat.

JAFFA (inn) – „Die britische Botschaft versucht, Freunde und Angehörige des verstorbenen Majors Lionel Mansell Jeune ausfindig zu machen.“ Diesen Aufruf veröffentlichte die britische Botschaft in Israel am 19. April auf Facebook. Dem Major werde „die Rettung von mindestens 100 Juden und einer unbekannten Zahl von Arabern während der Unruhen vom 1. Mai 1921 in Jaffa zugeschrieben“. Damals war Jeune Kommandant des Hafens.

Weiter schrieb die Botschaft: „Chaim Weizman, der später der erste israelische Staatspräsident wurde, schrieb als Präsident der Zionistischen Weltorganisation einen Brief an Major Jeune. Er dankte ihm und gelobte, dass das jüdische Volk sein mutiges Verhalten nie vergessen werde. Jetzt hilft die Stadt Tel Aviv mit einer Zeremonie, diese Worte umzusetzen.“ Wer etwas über Major Jeune wisse oder zu einem Verwandten habe, möge bitte über Facebook eine Nachricht senden.

Plakette enthüllt

Der israelische Historiker Samuel Giler hat Jeunes Leben und seinen Dienst als britischer Soldat erforscht. Kürzlich zog er die Aufmerksamkeit auf dessen in Vergessenheit geratene Heldentat. Wie genau der Brite vor 100 Jahren Juden und Araber rettete, ist offenbar unklar. Doch am Sonntag enthüllte der britische Botschafter Neil Wigan zu seinen Ehren eine Plakette.

Die Zeremonie hatte die Stadt Tel Aviv organisiert. Der britische Militärattaché Oberst Jim Priest war ebenso zugegen wie Bürgermeister Ron Huldai (Die Israelis) und der Leiter der Jewish Agency, Jitzchak Herzog. Auch der frühere Kommandeur der israelischen Luftwaffe, Dan Tolkowsky, nahm teil. Er hatte den Major als Kind gekannt. Anwesend waren ferner Familienmitglieder von Opfern und Überlebenden der Unruhen, wie die Zeitung „Jerusalem Post“ berichtet.

Botschafter Wigan wies darauf hin, dass die Zeremonie auf den „nationalen Trauertag nach der furchtbaren Tragödie am Berg Meron“ falle. Hier gehe es um die Tragödie von vor 100 Jahren. „Aber wir treffen uns nicht nur, um an die Tragödie zu erinnern, sondern auch an etwas Gutes, das an jenem Tag geschah, das viele Leben gerettet hat. Daran, wie die Taten eines Mannes mitten in einer Katastrophe, mitten in einer Tragödie, die Leben vieler Menschen retten können.“ Das sei an diesem traurigen Tag eine frohe Botschaft.

Jeune starb in Ägypten

Der Diplomat lebt seit drei Jahren in Jaffa. Er wusste von den Unruhen im Mai 1921. Von Major Jeune hatte er hingegen noch nicht gehört.

Nach Angaben des Historikers Giler stammte er von der Kanalinsel Jersey. Seine Eltern waren Manzella und Elizabeth Handasyde Jeune, seine Ehefrau hieß Eftychia Mansell-Jeune. Er blieb nach Ende seines Militärdienstes in Tel Aviv. Dort arbeitete er für Passagierschiff-, Taxi- und Autounternehmen. Im Zweiten Weltkrieg gehörte er dem Geheimdienstcorps in Ägypten an. Dort starb er 1943 im Alter von 64 Jahren. Begraben wurde er auf dem britischen Friedhof der ägyptischen Stadt Heliopolis.

Arabischer Unmut über jüdische Einwanderung

Den Verlauf der Unruhen schilderte die Onlinezeitung „Times of Israel“ unlängst in einem Artikel. Demnach waren 1921 für den „Tag der Arbeit“ zwei jüdische Prozessionen angemeldet. Für eine war die Organisation „Ahdut HaAvoda“ (Einheit der Arbeit) verantwortlich – eine neue Partei unter Leitung des späteren israelischen Staatsgründers David Ben-Gurion und seines Gesinnungsgenossen Berl Ketzenelson. Die Sozialistische Arbeiterpartei wiederum wollte einen Marsch durch Jaffa organisieren. Im Vorfeld hatte sie jiddische und arabische Flugblätter verteilt.

In einem gemischten arabisch-jüdischen Viertel in Jaffa, Manschia, stießen die beiden Demonstrationszüge aufeinander. Nahe der Hassan-Bek-Moschee flogen Fäuste, eine Marxistin erlitt eine schwere Kopfverletzung.

Derweil versammelten sich viele Araber in Manschia. In der arabischen Bevölkerung wuchs nämlich in jener Zeit der Unmut darüber, dass immer häufiger Schiffe mit jüdischen Einwanderern in Jaffa anlegten. Seit Beginn der britischen Kontrolle über das Gebiet 1917 waren etwa 20.000 Juden auf diesem Wege nach Palästina gekommen. Unter den Arabern herrschte der Eindruck, die Mehrheit der Juden seien Bolschewiken, die Besitz, Ehe und Religion ablehnten.

Zwei Polizisten, Cohen und Tawfiq Bey, versuchten vergeblich, die Gruppen auseinanderzuhalten. Mittlerweile waren mehrere Tausend Menschen versammelt. Ein britischer Kamerad schoss in die Luft, eine Verwirrung entstand. Niemand wusste, wer das Feuer eröffnete. Doch eine „allgemeine Jagd auf Juden begann“, wie es später in einem Untersuchungsbericht hieß. Juden wurden in Wohnhäusern und Läden angegriffen.

Erschütternde Bilanz

Im Stadtteil Adschami kam eine Menge vor der Herberge für jüdische Einwanderer zusammen, es gab neue Angriffe. Auch arabische Polizisten schossen auf das Gebäude und das Eingangstor. Ein Vorgesetzter gebot ihnen, damit aufzuhören, ging aber dann zum Essen nach Hause. Das Tor wurde geöffnet, der Mob strömte hinein. Fliehende wurden zu Tode geprügelt. Doch manche Araber gewährten verzweifelten Juden auch Zuflucht. Erst nach einigen Stunden traf ein kleines Kontingent britischer Truppen von Lod und Jerusalem ein.

Die Bilanz dieses 1. Mai 1921 ist erschütternd: 27 Juden waren tot und mehr als 100 verwundet. Der damals in London studierende Zionist Mosche Schertok schrieb seinen Verwandten in Palästina: „Die Katastrophe kam plötzlich.“ Dabei verwendete er das hebräische Wort „Scho’ah“. Der Briefschreiber wurde 1953 unter dem Namen Mosche Scharett israelischer Regierungschef.

Bedeutender Schriftsteller ermordet

Am 2. Mai entschieden mehrere jüdische Bewohner eines Hauses in Abu Kabir bei Jaffa, dass sie in Tel Aviv sicherer seien. Während sie zu Fuß unterwegs waren, verbreitete sich das Gerücht, Juden hätten arabische Kinder getötet. Angriffe auf Araber hatte es am Vortag durchaus gegeben. Aber ob Juden oder britische Polizisten dahinter steckten, ließ sich in den Wirren nicht ausmachen.

Die Juden aus Abu Kabir gerieten auf einem Friedhof in einen Trauerzug für einen Sohn des Polizist Mahmud Seit. Die Umstände seines Todes waren unklar. Ein Lynch begann, sechs Juden wurden getötet. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie in einem Massengrab in Tel Aviv. Unter den Opfern war der Schriftsteller Josef Chaim Brenner, der zu den Pionieren der modernen hebräischen Literatur zählt.

Die jüdische Untergrundorganisation Hagana verbot Rache für die Ausschreitungen, doch nicht alle Juden hielten sich daran. Erst nach fast einer Woche war die Ordnung wiederhergestellt. Insgesamt gab es mindestens 100 Tote – von ihnen waren etwa die Hälfte Juden und die andere Hälfte Araber. Außerdem wurden etwa 150 Juden und 75 Araber verwundet. Aus arabischer Sicht hatten Juden die Zusammenstöße ausgelöst.

In dem britischen Untersuchungsbericht, der im Herbst 1921 veröffentlicht wurde, ist Major Jeune viermal erwähnt. Demnach hatte der britisch-jüdische Oberstleutnant Margolin, der in der Nähe von Tel Aviv stationiert war, am Abend des 1. Mai Nachricht von den Unruhen in Jaffa erhalten. Er bat den Gouverneur um Waffen zur Verteidigung der Juden. Letztlich erhielt er die Erlaubnis, sich von Jeune 18 türkische Gewehre aushändigen zu lassen.

Von: eh