Gemeinsam bei der Iftar-Feier: Palästinenser und Israelis, Muslime und Juden

Gemeinsam bei der Iftar-Feier: Palästinenser und Israelis, Muslime und Juden

Siedler und Palästinenser knüpfen Kontakte bei muslimischem Fastenbrechen

Hebron gilt nicht gerade als Hochburg der Friedensbewegung. Doch bei einer muslimischen Iftar-Mahlzeit äußern Siedler Vorschläge für ein besseres Miteinander. Diese stoßen bei palästinensischen und israelischen Gästen auf Beifall.

HEBRON (inn) – Israelische Siedler haben an einem Iftar-Mahl zum abendlichen Fastenbrechen im Ramadan teilgenommen. Die Einladung kam von einem palästinensischen Geschäftsmann in Hebron, der auf Dialog setzt. Die Feier diente auch dazu, wirtschaftliche Kontakte zwischen Palästinensern und Israelis zu knüpfen.

Gastgeber war am Dienstag Aschraf Dschabari, der in der Nähe des Patriarchengrabes wohnt. Der Geschäftsmann zog 2019 den Unmut der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) auf sich, als er an einem von den USA organisierten Wirtschaftsgipfel in Bahrain teilnahm. Bereits 2017 hatte er mit dem Israeli Avi Zimmermann eine Industrie- und Handelskammer für Judäa und Samaria gegründet. Diese soll die wirtschaftliche Entwicklung zwischen Arabern und Juden im Westjordanland fördern.

Koscheres Essen aus der Siedlung

Etwa 75 Gäste nahmen an dem Mahl teil. Unter ihnen war auch der frühere israelische Kommunikationminister Ajub Kara (Likud), der zur drusischen Gemeinschaft gehört. Juden brachten Körbe mit Schokolade und Obst als Gastgeschenk mit. An einem Teil der Tische gab es koscheres Essen, das Dschabari aus der Siedlung Kiriat Arba hatte liefern lassen. Muslime erhielten hingegen eine Mahlzeit, die nach ihren religiösen Bestimmung halal war. Doch die Gesellschaft an den einzelnen Tischen habe sich schnell vermischt, berichtet die Nachrichtenseite „Jewish News Syndicate“ (JNS).

Einer der Gäste war der Bürgermeister der Siedlung Efrat, Oded Revivi (Likud). Er verglich Dschabari mit dem biblischen Erzvater Abraham, der ebenfalls jeden in seinem Zelt beherbergt habe. Dem Palästinenser und seiner Familie wünschte er, „dass sie noch viele Menschen zu Gast haben werden, und dass wahrer Friede von unten nach oben wachsen wird“. Auch Revivi hatte Dschabari bereits eingeladen – 2017 kam dieser beim jüdischen Laubhüttenfest in die Sukka das Kommunalpolitikers.

Vorschlag: Gemeinsames Hotel in Hebron

Auch der Bürgermeister für die jüdische Gemeinschaft von Hebron und ehemalige Knessetabgeordnete, Rabbi Hillel Horowitz (Jüdisches Heim), nahm an der Iftar-Mahlzeit teil. Er sagte: „Dies ist das erste Mal, dass ich hier in Dschabaris Haus bin, obwohl wir seit 44 Jahren Nachbarn sind.“ Israelis und Palästinenser sollten Nutzen ziehen aus dem Interesse am biblischen Abraham, das durch die Normalisierungsabkommen zwischen Israel und arabischen Staaten geweckt worden sei.

Horowitz machte gleich einen konkreten Vorschlag: „Wir können hier neben der Höhle der Patriarchen ein gemeinsames Hotel bauen.“ Er forderte die Gäste auf, bei so einem Projekt mitzumachen: „Es sollte einen Weg geben, jeden zu ehren, der eine Verbindung zu unserem Vorfahren Abraham empfindet.“ Die Anwesenden reagierten auf die Idee laut der Zeitung „Jerusalem Post“ mit Applaus.

In seiner kleinen Tischrede machte Horowitz indes deutlich, dass er Hebron als untrennbaren Teil von Israel betrachtet: „Das Land Israel gehört dem jüdischen Volk.“ Er wolle aber gute Beziehungen mit Arabern, die jüdische Ansprüche auf das Land anerkennen und in Frieden mit Israelis leben wollen.

Dschabari begrüßt Freunde aus Israel und den Siedlungen

Gastgeber Dschabari wiederum machte keinen Hehl daraus, dass sich sein Haus aus seiner Sicht auf palästinensischem Gebiet befindet. Er betonte aber, dass er eine Koexistenz zutiefst unterstütze. Der Palästinenser begrüßte seine Gäste mit den Worten: „Es ist eine Ehre, dass Sie meine Einladung angenommen haben und hierher gekommen sind. Wir bevorzugen Koexistenz mit unseren Freunden in Israel und mit denen in den Siedlungen. Sie sind unsere Nachbarn und unsere Freunde. Wir hoffen, dass wir weitermachen können – damit es zu einem echten Frieden zwischen uns kommt.“

Den Sprecher der jüdischen Gemeinschaft in der Erzväterstadt, Noam Arnon, nannte Dschabari einen „Bruder“. Der Israeli sagte bei der Feier, niemand denke an Hebron als Stadt des Friedens. Aber was hier geschehe, sei eine „Revolution“, die Frieden für die nächste Generation schaffen werde.

Siedlerführer: Gespräch mit Palästinensern suchen

Der Geschäftsführerdes Siedlerrates, Jigal Dilmoni, gestand ein, dass er und seine Organisation sich bislang zu wenige Gedanken über ihre palästinensischen Nachbarn gemacht hätten. „Ich bin 50 Jahre alt, und dies ist das erste Mal, dass ich an einer Iftar-Feier teilnehme“, zitiert ihn die „Jerusalem Post“. Der Siedlerrat habe internationale und israelische Kontakte gesucht, aber nicht in Kommunikation mit den Palästinensern investiert, die nebenan lebten.

Dilmonis Eltern sind aus Afghanistan nach Israel eingewandert. Dort hätten jahrelang gute Beziehungen zwischen Juden und Muslimen bestanden, ergänzte Dilmoni. „Es ist nichts Neues. Es ist etwas Altes, das erneuert wurde. Ich denke, es wird wachsen.“

Wirtschaft eigne sich als Ausgangspunkt für erste Schritte. Jene Initiativen könnten zu echten Freundschaften führen, sagte er. Beziehungen wüchsen bei gemeinsamen Problemen wie der Corona-Pandemie. Der Rat habe das israelische Gesundheitsministerium und die Armee um Impfstoff für Palästinenser gebeten, weil das Virus nicht zwischen Menschengruppen unterscheide.

Dilmoni ging auch auf die Sprachen ein, die bei dem Iftar-Mahl gesprochen wurden: Hebräisch oder Englisch, aber nicht Arabisch. Sein eigener Arabischunterricht aus der 8. Klasse habe ihn nicht zu einem Gespräch mit den Palästinensern befähigt. Kurse müssten in den Gemeinden in Judäa und Samaria angeboten werden, um Dialog zu fördern, folgerte er. Auch dieser Vorschlag stieß auf Beifall.

Für Normalisierung: Palästinenser unter Druck

Der internationale Sprecher für die jüdische Gemeinschaft in Hebron, Jischai Fleischer, sagte der JNS, viele Palästinenser sehnten sich nach einer Normalisierung mit Israel, müssten aber aus Furcht vor einer Bestrafung durch die Autonomiebehörde schweigen. Die PA versuche eine solche Normalisierung ebenso zu verhindern wie weit linksgerichtete jüdische Organisationen. Das Iftar-Treffen zeige, dass „starke jüdische und arabische Nationalisten miteinander auskommen, weil wir eigentlich viel mehr gemeinsam haben. Die Siedler können über echten Frieden und über Koexistenz auf der Grundlage von Respekt, Freiheit und Klarheit sprechen, die ‚Baraka‘ bringen werden – das arabische Wort für ‚Segen‘.“

Ein erstes gemeinsames Iftar-Mahl hatte es 2019 gegeben. Aufgrund der Pandemie fiel es 2020 aus. Dschabari hat wegen seines Einsatzes für Koexistenz Todesdrohungen erhalten, lässt sich dadurch aber nicht einschüchtern. Der muslimische Fastenmonat Ramadan endet am 12. Mai.