Rivlin erinnerte an die Holocaustüberlebenden, die dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind

Rivlin erinnerte an die Holocaustüberlebenden, die dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind

Israel gedenkt der Scho'ah

Am Gedenktag Jom HaScho'ah nimmt Präsident Rivlin Bezug auf die besondere Gefährdung der Überlebenden durch das Coronavirus. Regierungschef Netanjahu warnt einmal mehr vor der iranischen Bedrohung.

JERUSALEM (inn) – Staatspräsident Reuven Rivlin hat an die 900 Holocaust-Überlebenden erinnert, die bislang im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion verstorben sind. Er sprach am Mittwochabend in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem bei der zentralen Zeremonie zum Holocaustgedenktag, Jom HaScho'ah.

Als Beispiel nannte Rivlin Elizabeta Guttmann aus Ungarn, die 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde und die Gräuel der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie überlebte. 1965 wanderte sie nach Israel ein. Sie und ihr Mann Sandor gründeten eine Familie. „Zu unserem großen Bedauern beendete Elizabeta ihr Leben allein“, sagte der Präsident. „Das boshafte Coronavirus nahm ihr das Leben, und in ihren letzten Augenblicken war keines ihrer Kinder, Enkel oder Urenkel an ihrer Seite. Niemand war da, um ihr die Hand zu halten, sie zum letzten Mal zu umarmen, sich zu verabschieden.“

Die Überlebenden hätten Ghettos und Todeslager, Einwandererschiffe und Internierungslager überstanden. „Aber der letzte Kampf ihres Lebens wurde von ihnen hilflos und isoliert gekämpft, hinter Masken und Handschuhen, sehnsüchtig nach Kontakt, aber getrennt von ihren Lieben.“ Dieser Abend sei der Erinnerung an sie gewidmet, ergänzte Rivlin.

Erinnerung an Massenerschießungen

Der Jom HaScho'ah steht in diesem Jahr unter dem Thema „Bis zum allerletzten Juden“. Dies bezieht sich auf den Beginn der Massenvernichtung von Juden in der Sowjetunion und in weiteren Staaten des späteren Ostblocks durch die Nazis vor 80 Jahren, im Juni 1941. Rivlin erinnerte an die Massenerschießungen in den Wäldern von Ponar bei Wilna und von Babi Jar bei Kiew: „Es war brutaler Mord, der die völlige, systematische Zerstörung des jüdischen Volkes als Ziel hatte.“

Der Staatspräsident erwähnte auch, dass seine Amtszeit im Sommer endet. Er verlasse aber nicht seine Verpflichtung „als Person, als Jude, als Israeli, zu gedenken und nach den Werten zu erziehen, die uns weitergegeben wurden“.

Ein arabischer Sanitäter als Seelsorger

Auch Premierminister Benjamin Netanjahu (Likud) nahm Bezug auf die Pandemie. Er erzählte von Bella Freund, deren Eltern die Scho'ah überlebt hatten. Ihre Mutter wurde in Auschwitz von Josef Mengele bei Experimenten gequält. Dies hatte sich so ins Herz der Tochter eingeprägt, dass sie Angstzustände bekam, als sie in Jerusalem eine Corona-Impfung erhalten sollte. Doch sie sei „nicht dem Todesengel begegnet, sondern einem ganz besonderen Engel“. Der Sanitäter Fadi Dekidak aus Ostjerusalem habe sich ihre Geschichte angehört und die Jüdin beruhigt: „Haben Sie keine Angst. Ihnen wird nichts geschehen, ich selbst werde Sie impfen.“

Netanjahu sagte, trotz ihres Familientraumas sei Bella erfolgreich geimpft worden – dank der Hilfe von Fadi. „Sehen Sie, was hier geschah, was aus dem Holocaust hervorging: Eine Frau aus einer ultra-orthodoxen Familie, ein arabisch-israelischer Sanitäter und ein Ausweg aus Corona zu einem Leben der Hoffnung.“

Einmal mehr stellte Netanjahu in seiner Rede den Iran als neue Bedrohung für das jüdische Volk dar. Doch „anders als in der Vergangenheit gibt es heute niemanden in der Welt, der uns das Recht und die Macht rauben wird, uns gegen eine existentielle Bedrohung zu verteidigen. Das Nuklearabkommen mit dem Iran ist einmal mehr auf dem Tisch. Solche Abkommen mit extremen Regimen sind wertlos.“ Israel werde sich gegenüber einem neuen Atomdeal nicht verpflichtet sehen.

Zudem ging der Premier auf die Entscheidung des Internationalen Straftgerichtshofes (IStGH) ein, gegen Israel wegen möglicher „Kriegsverbrechen“ gegen Palästinenser zu ermitteln: Die Juden seien angesichts der Nazis schutzlos gewesen, aber heute seien sie es nicht mehr. Sie hätten jegliches Recht, sich gegen ihre Feinde zu verteidigen. Der IStGH sei nach dem Vorbild der Nürnberger Prozesse gebildet worden, die Nationalsozialisten vor Gericht brachten. Aber „von Nürnberg nach Den Haag wurden die Dinge umgekehrt. Eine Körperschaft, die zur Verteidigung der Menschenrechte gegründet wurde, ist zu einer Körperschaft geworden, die diejenigen verteidigt, die auf Menschenrechten herumtrampeln“.

Überlebende: Eine ganze Welt war ausgelöscht

Entsprechend der Tradition entzündeten sechs Überlebende der Judenvernichtung Fackeln im Gedenken an die sechs Millionen Ermordeten. Dabei wurde jeder von einem Mitglied seiner Familie begleitet.

Im Namen der Überlebenden sprach Roza Bloch aus der litauischen Stadt Kovno (Kaunas) zu den Teilnehmern der Zeremonie. Aus ihrem Leben erzählte sie: „Ich erduldete die Gräuel des Krieges als zehnjähriges Mädchen, das die Verantwortung für das Wohlergehen der Familie auf den Schultern trug. Jede Nacht kroch ich unter dem Stacheldraht, der das Ghetto umgab, um Lebensmittel für meine Familie hineinzuschmuggeln. Und dann kam das Ende des Krieges, und ich fand mich krank und allein wieder.“

Ist dankbar, dass sie im jüdischen Staat leben darf: Roza Bloch

Ist dankbar, dass sie im jüdischen Staat leben darf: Roza Bloch

Bei ihrer Rückkehr nach Kovno entdeckte sie eine Stadt, in der es fast keine Juden mehr gab. „Jiddisch und Hebräisch war dort nicht mehr zu hören, und das Aroma des Schabbatkochens kam nicht aus den Fenstern der Häuser. Eine ganze Welt war ausgelöscht.“ Doch sie traf unerwartet ihren Bruder und baute mit ihm aus den Scherben ihres alten ein neues Leben auf.

Glücklich in Israel gelandet

Die Türen nach Palästina seien ihnen verschlossen gewesen. Auch nach der Staatsgründung gelang es ihr mit ihrem Ehemann erst 1973, nach Israel einzuwandern. „Unser Herzenswunsch ging in Erfüllung, und wir hatten die Ehre, auf dem Boden von Eretz Israel, unserem Heimatland, zu stehen.“ Wie die sechs Fackelanzünder fand sie ihre Heimat im jüdischen Staat.

Die Überlebende fügte hinzu: „Nun stehe ich hier vor Ihnen stolz und gerührt, eine Jüdin, eine Israelin, Ehefrau, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Wer hätte damals, als wir Abschied nahmen von unseren Kindern und unseren Alten, geglaubt, dass wir einen unabhängigen, starken Staat haben würden, in dem Juden mit Stolz auf Hebräisch sprechen und lernen können. In dem wir Generationen von Babys und Kindern in einem jüdischen Staat erziehen können, natürlich und ohne Furcht.“ Der zionistische Traum, an dem sie und ihr Mann festhielten, sei wahr geworden. Bloch rief die Israelis angesichts der mehrmals wiederholten Knessetwahlen zur Einheit auf.

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Am Donnerstagmorgen um 10 Uhr Ortszeit ertönten landesweit die Sirenen. Autofahrer und Fußgänger hielten an. Zwei Minuten lang verharrten sie im stillen Gedenken an die ermordeten Juden. Rivlin und Netanjahu legten anschließend Kränze in Yad Vashem nieder. Der Präsident erinnerte zudem in der Zeremonie „Jeder trägt einen Namen“ an Angehörige seiner verstorbenen Ehefrau Nechama, die in der Scho'ah umkamen.

Von: eh