Zum Fest der Freiheit blicken Juden dankbar auf ihre Vergangenheit. Deshalb singen sie Loblieder.

Zum Fest der Freiheit blicken Juden dankbar auf ihre Vergangenheit. Deshalb singen sie Loblieder.

Loblieder in Erinnerung an die Befreiung

Zu Beginn des Pessach-Festes, in der Seder-Nacht, feiern Juden den Auszug aus Ägypten. Lieder spielen im liturgischen Ablauf eine wichtige Rolle, drei von ihnen sind besonders bekannt.

Das Fest, an welchem der Übergang des jüdischen Volkes aus der Sklaverei in die Freiheit gefeiert wird, trägt verschiedene Namen: Es ist als Fest der Freiheit, Fest der Ungesäuerten Brote oder Fest des Frühlings bekannt.

Den Auftakt bildet ein langer Abend, der in diesem Jahr auf den 27. März fällt. Er folgt einer bestimmten Ordnung, einem Seder. Diese ist in einer Erzählung, der Haggada, festgeschrieben. Eine Generation gibt diese Erzählung an die nächste weiter. Neben symbolischen Speisen gibt es unzählige Lieder als feste Elemente, die im Laufe des Abends gesungen werden. Sie thematisieren die Bedeutung des Auszugs aus Ägypten – den Übergang von der Sklaverei in die Freiheit.

Die Traditionen unterscheiden sich. Während manche Familien bestimmte Texte in lesen, singen andere sie, teilweise auch mit unterschiedlichen Melodien. Drei Lieder aber werden nahezu überall und unabhängig der Traditionen gesungen.

Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?

Im Laufe des Abends, der sich – je religiöser die Familie, desto länger – in die Nacht zieht, trinken Juden vier Gläser Wein. Nach dem Einschenken des zweiten Glases erzählen sie die Geschichte des Exodus. Damit die Aufmerksamkeit der Kinder nicht nachlässt, soll ihre Neugier geweckt werden. Deshalb ist festgeschrieben, dass Kinder ihren Eltern Fragen stellen. Auch wenn sie die Bedeutung der Erzählung nicht bis ins letzte Detail verstehen, werden sie einbezogen. Das Fragestellen und In-Frage-Stellen ist ein Vorrecht, das nur freien Menschen vorbehalten ist. In aschkenasischen Familien bestehen die Fragen aus vier Strophen, in Chabad-Gemeinden gibt es eine fünfte.

In israelischen Familien ist es zum Brauch geworden, dass das jüngste Kind die Frage als Refrain singt: „Ma nischtanah haLaila haseh? Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?“

Die Seder-Gemeinschaft antwortet ebenfalls singend. Die erste Strophe deutet die Umstände der übereilten Flucht aus Ägypten an und die ungesäuerten Brote: „In den anderen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes – doch in dieser Nacht essen wir nur Ungesäuertes.“ Die nächste Strophe erinnert an das bittere Leben in der Sklaverei in Ägypten und an das Pessachopfer: „In den anderen Nächten essen wir alle Arten von Kräutern – doch in dieser Nacht essen wir nur Bitterkraut.“

Die dritte Strophe heißt: „In den anderen Nächten essen wir sitzend oder liegend. Doch in dieser Nacht essen wir liegend.“ Das Liegen bezieht sich auf den Brauch der Römer, beim Festmahl als freier Mensch an den Tischen zu liegen.

Die vierte Strophe thematisiert das in Salzwasser eingetauchte grüne Gemüse – es steht für die Tränen der Dankbarkeit – sowie das Eintauchen der bitteren Kräuter (Maror) in der süßen Apfel-Nuss-Paste. Diese symbolisiert das Süßen der Last der Bitterkeit und des Leidens. „In den anderen Nächten müssen wir nicht ein einziges Mal eintunken – doch in dieser Nacht tunken wir zweimal ein.“

Im Laufe der Geschichte hat sich die Reihenfolge der Fragen gegenüber der ursprünglichen Version des Talmud geändert. Die heute gebräuchlichste Melodie ist höchstwahrscheinlich Teil des Oratoriums „Chag HaCherut“, „das Fest der Freiheit“, das 1936 vom jüdisch-russischen Komponist Ephraim Avilea geschrieben wurde.

Es wäre schon genug gewesen, wenn …

Nach der Aufzählung der zehn Plagen, die Gott gemäß dem 2. Buch Mose dem Land Ägypten schickte, und den Erzählungen über die Auslegung der Rabbiner folgt das Lied „Dajjenu: Es wäre schon genug gewesen …“. Darin zeigen Juden ihre Dankbarkeit gegenüber Gott: „Es wäre doch genug gewesen, wenn Gott uns an dieser oder jener Stelle geholfen hätte. Aber wieviel mehr sollten wir ihm gegenüber dankbar sein, weil er auch noch die anderen Wundertaten tat!“

Die 15 Strophen sind in drei Themenabschnitte geteilt. Die ersten fünf Strophen thematisieren die Sklaverei:

  • Wenn er uns aus Ägypten geführt hätte, …

  • Wenn er den Ägyptern Gerechtigkeit erwiesen hätte, …

  • Wenn er ihren Göttern Gerechtigkeit erwiesen hätte, …

  • Wenn er ihren Erstgeborenen getötet hätte, …

  • Wenn er uns ihre Gesundheit und ihren Reichtum gegeben hätte, …

… dajjenu; wäre es schon genug gewesen!

Der mittlere Teil spricht von den Wundern Gottes:

  • Wenn er das Meer für uns geteilt hätte, ...

  • Wenn er uns auf trockenem Land durchgeführt hätte, ...

  • Wenn er unsere Unterdrücker hätte ertrinken lassen, ...

  • Wenn er uns 40 Jahre lang in der Wüste gesorgt hätte (für unsere Bedürfnisse), ...

  • Wenn er uns mit Manna gefüttert hätte, …

… dajjenu; wäre es schon genug gewesen!

Der letzte Teil spricht über die Beziehung zwischen Gott und dem jüdischen Volk:

  • Wenn er uns den Schabbat gegeben hätte, …

  • Wenn er uns zum Berg Sinai geführt hätte, …

  • Wenn er uns die Tora gegeben hätte, …

  • Wenn er uns in das Land Israel gebracht hätte, …

  • Wenn er den Tempel für uns gebaut hätte, …

… dajjenu; wäre es schon genug gewesen!

Der Text wird dem Hohepriester Jason im 2. Jahrhundert vor Christus zugeschrieben.

Wer kennt den Einen?

Gegen Ende des Seder-Abends singen Juden das Lied „Wer kennt den Einen, wer weiß um das Eine?“. Darin werden den Zahlen 1 bis 13 wesentliche Begriffe oder Ereignisse der jüdischen Identität zugeordnet. In Dialogform steht der Refrain mit den verschiedenen Zahlen als Frage und die Strophe als Antwort.

Das Lied beginnt mit der Frage: „Wer kennt den Einen, wer weiß um den Einen?“ Die Antwort ist „Den Einen kenn ich, um den Einen weiß ich: Es ist unser Gott, der im Himmel und auf der Erde ist!“

Die zweite Frage heißt: „Wer kennt die Zwei?“ Die Antwort lautet: „Die zwei sind die Bundestafeln!“ Die Drei bezeichnet die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, die Vier die Mütter Sara, Rebekka, Rachel und Lea.

Wer um die Fünf weiß, kennt die Tora, die fünf Bücher Mose. Die Sechs bezeichnen die Mischna, die Textsammlung, die dem Talmud zugrunde liegt. Die Sieben stehen für die Tage einer Woche, Acht für den Tag der Beschneidung der neugeborenen Jungen und damit die Aufnahme in den Bund Abrahams.

Die Neun bezeichnet die neun Monde, also die neun Monate einer Schwangerschaft. Die Zehn steht für die essentiellen Gebote, die Elf für die Sterne, die Josef laut dem Bericht in Genesis in seinem Traum gesehen hat. Wer weiß um die Zwölf? Natürlich, auch da geht es um Josef und seine Geschwister, die später zu den Stammführern wurden.

Die letzte Strophe fragt nach der Dreizehn. Die Antwort liegt in der rabbinischen Lehre, die sich wiederum auf die Tora bezieht, wenn sie Gott 13 Eigenschaften der Gnade und Barmherzigkeit zuschreibt (2. Mose 34,6-7): „Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.“

Der Wert der hebräischen Buchstaben, die für 13, also 10 plus 3 stehen, entspricht dem Wert der Buchstabenzahlenkombination für 1 und 8 und 4, ebenfalls 13. Deshalb sehen jüdische Ausleger hier eine Verbindung. Und weil nach jeder neuen Strophe die vorhergehenden wiederholt werden, wiederholen die Sänger am Ende jeder Strophe den Anfang des Liedes: „Es ist der Eine, unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist!“

Von: mh