Nicht nur bei einer Corona-Stilllegung sind am Versöhnungstag viele Straßen in Israel autofrei

Nicht nur bei einer Corona-Stilllegung sind am Versöhnungstag viele Straßen in Israel autofrei

„Gott sehnt sich nach einer Beziehung mit uns“

Am Versöhnungstag Jom Kippur bitten Juden normalerweise in den Synagogen Gott um Vergebung. Gottesdienste mit vielen Besuchern sind in diesem Jahr nicht möglich. Rabbiner ermuntern die Gläubigen, die Bußgebete in der Nähe ihrer Wohnung zu sprechen – und getrost zu sein.

„Eine brechend volle heilige Stätte, zu Herzen gehende Melodien, ein trübsinniger Rabbi, traurige Gemeindeglieder“– all das gehört für viele Juden zum Großen Versöhnungstag Jom Kippur, der am Abend des 27. September beginnt. Doch in diesem Jahr müssen sie nicht nur in Israel darauf verzichten, gemeinsam mit vielen anderen Gläubigen in einer Synagoge die „Slichot“-Gebete zum Bekennen der Sünden zu sprechen.

Die englischsprachige Webseite „aish.com“, von der das einleitende Zitat stammt, sieht darin allerdings auch eine Chance. Denn in der Gemeinschaft bestehe die Gefahr, die Gebete gedankenlos „herunterzurattern“, um den Anschluss an die anderen Gemeindeglieder nicht zu verlieren. In Corona-Zeiten erhielten Juden die Gelegenheit, die Slichot gemächlich zu sprechen – denn sie hätten alle Zeit der Welt.

„Wie können wir Jom Kippur neu erschaffen ohne diese Atmosphäre, außerhalb der Synagoge, in der profanen Stille unserer Wohnzimmer?“, fragt Rabbi Levi Lebovits auf der Webseite – und kommt zu dieser Antwort: „Zuerst einmal müssen wir uns daran erinnern, dass Tschuva, Umkehr, überall geschehen kann – ob in der Synagoge oder zu Hause. Diese drei notwendigen Schritte zu einer erfolgreichen Tschuva können überall durchgeführt werden, jederzeit: Verantwortung für unsere Taten übernehmen, die Ursache für unsere Missetaten ausmachen und erkennen, dass Gott – fern davon, uns wegen unserer Übertretungen zu verachten – will, dass wir zu Ihm umkehren.“

„Eine der größten Gaben im Leben eines Juden“

In 3. Mose 23,26–32 steht geschrieben: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Am zehnten Tage in diesem siebenten Monat ist der Versöhnungstag. Da sollt ihr eine heilige Versammlung halten und fasten und dem HERRN Feueropfer darbringen und sollt keine Arbeit tun an diesem Tage, denn es ist der Versöhnungstag, euch zu entsühnen vor dem HERRN, eurem Gott. Denn wer nicht fastet an diesem Tage, der wird aus seinem Volk ausgerottet werden. Und wer an diesem Tage irgendeine Arbeit tut, den will ich vertilgen aus seinem Volk. Darum sollt ihr keine Arbeit tun. Das soll eine ewige Ordnung sein bei euren Nachkommen, überall, wo ihr wohnt. Ein feierlicher Sabbat soll er euch sein und ihr sollt fasten. Am neunten Tage des Monats, am Abend, sollt ihr diesen Ruhetag halten, vom Abend an bis wieder zum Abend.“

Jom Kippur gilt als der Schabbat schlechthin. Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang fasten Juden an diesem Tag. In der Synagoge wird das Buch Jona gelesen. Der biblische Prophet widersetzte sich Gottes Auftrag, den Menschen in Ninive eine Bußpredigt zu halten. Stattdessen bestieg er ein Schiff, das ihn möglichst weit in die westliche Gegenrichtung bringen sollte – nach Tarsis in Spanien. Doch Gott brachte ihn zur Umkehr, er predigte den Menschen in Ninive das Gericht, und sie taten Buße. Die Stadt im heutigen Irak wurde nicht zerstört, weil Gott mit Gnade auf die Bußbereitschaft der Bewohner reagierte.

Der Jom Kippur am 10. Tag des Monats Tischrei schließt die zehn Bußtage zum Auftakt des jüdischen Jahres ab. Rabbi Lebovits schreibt mit Bezug auf die Slichot: „Bekennen ist nicht leicht, aber es sollte nicht ein Wermutstropfen voller Trübsinn und Negativität sein. Wir müssen uns an das größere Bild erinnern. Jom Kippur ist eine der größten Gaben im Leben eines Juden. Es ist eine wertvolle Gelegenheit, unsere Leben wieder an unseren Zielen auszurichten, uns als Menschen wiederherzustellen und unsere Beziehung mit unserem Schöpfer zu erneuern. In seiner Wurzel ist Jom Kippur ein Tag der wahren Freude.“

Vergebung im Mittelpunkt

Im Hebräischen gibt es drei Wörter für Vergebung: slicha, mechila und kappara. Im täglichen Leben ist in Israel oft „slicha“ zu hören, wenn jemand etwa um Verzeihung bittet für ein versehentliches Anrempeln im Gedränge. Das Wort „mechila“ kann neben der Vergebung auch das Graben eines Tunnels bedeuten, wenn beispielsweise Häftlinge auf solche Weise aus einem Gefängnis entfliehen. Übertragen heißt das: Wer einem Menschen vergibt, dass dieser ihn verletzt hat, ist von der damit verbundenen Last befreit. Der Ausdruck „kappara“ wiederum ist mit „kippur“ verwandt. Die Betonung liegt hier auf der Reinigung. Durch die Vergebung ist es so, als wäre die Tat nie geschehen. Das macht Versöhnung möglich.

Manche schlachten angesichts des Jom Kippur einen Hahn. Dieser geht quasi stellvertretend für den Menschen in den Tod. Die Zeremonie trägt den Namen „Kapparot“.

Die meiste Zeit des Tages verbringen Juden im Gebet. Jom Kippur ist der einzige Tag, an dem sie fünf vorgeschriebene Gebete sprechen. Ohnehin üblich sind das Abendgebet (Aravit oder Ma'ariv), das Morgengebet (Schacharit) und das Nachmittagsgebet (Mincha). Wie auch an anderen Festtagen gibt es spezielle Zusatzgebete, die unter dem Begriff „Mussaf“ zusammengefasst werden. Einzigartig ist das Ne’ila-Gebet, das nach Mincha gesprochen wird. Es verdeutlicht unter anderem, dass der Mensch sich für ein Leben nach Gottes Geboten entscheiden kann.

Niemals zu weit entfernt von Gott

Ne’ila („Abschließen“) ist für Rabbi Lebovits die letzte Gelegenheit, Vergebung und Buße zu erlangen – aber auch ein Grund zur Freude. Dieser stehe der „böse Trieb“ entgegen, der dem Beter heimtückisch einflüstere: „Schau dich an! Du bist so weit abgewichen. Du bist unerlösbar. Wie kannst du auch nur von einer Umkehr träumen? Gott will dich bestimmt nicht zurückhaben.“

Auf solche Einflüsterungen biete das Ne’ila-Gebet eine Antwort: „Du hast nicht recht! Gott will, dass wir zu Ihm umkehren, egal, in welchem Zustand wir uns befinden! Er liebt uns, hat Verlangen nach uns, wartet und sehnt sich nach einer Beziehung mit uns! Wir können Tschuva machen. Wir werden niemals zu weit entfernt sein!“ Diese Erkenntnis ist nach Einschätzung des Rabbiners aus Denver das größte Geschenk des Versöhnungstages.

Wie in der Bibel geboten, steht das öffentliche Leben in Israel an Jom Kippur still. Deutlich mehr noch als an einem gewöhnlichen Schabbat verzichten Juden auf das Autofahren, außer in Notfällen. Die freien Straßen bevölkern Kinder mit Fahrrädern, Skateboards und Rollschuhen. Säkulare Onlinezeitungen teilen mit, sie würden ihre Berichterstattung nach dem Ende des Fastens wiederaufnehmen. Selbst viele Juden, die sich als weltlich einstufen, fasten und beten am Jom Kippur.

Bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach der Zeitrechnung betrat der Hohepriester am Jom Kippur das Allerheiligste. Er opferte einen Ziegenbock und schickte einen zweiten in die Wüste, nachdem er ihn symbolisch mit den Sünden des Volkes Israel beladen hatte. Nach dem Verlust des Heiligtums in Jerusalem ersetzten jüdische Gelehrte das Opfer durch Gebete. Viermal wirft sich ein Jude am Versöhnungstag zu Boden, sonst wird im Stehen gebetet.

Differenzierte Ratschläge zum Fasten in Corona-Zeiten

Auch angesichts der Corona-Pandemie müssen sich Juden Gedanken darüber machen, wie sie auf die veränderte Situation reagieren können. Der sephardische Oberrabbiner in Israel, Jitzchak Josef, veröffentlichte am Mittwoch Richtlinien für Jom Kippur im jüdischen Jahr 5781. Er verweist auf die Abstandsregeln und die Maskenpflicht. „Unsere Tora ist eine Tora des Lebens. Sie gebietet uns: Und ihr sollt sehr auf eure Seelen achten“, fügt er hinzu – und nennt das als „Pikuach Nefesch“ bekannte Prinzip, nach dem Lebensgefahr die Gebote aufhebt. Deshalb müssten Juden sich vorsehen, dass sie weder sich selbst gefährden noch andere anstecken.

Rabbi Josef rät dazu, dass jeder in der Nähe seines Hauses die Gebete spreche, „bis der Zorn vorübergeht und sich der Himmel erbarmt“. Für das Fasten hat er differenzierte Ratschläge je nach Situation. So soll ein Jude, der ohne Symptome eine Zeit in Selbstisolation verbringen muss, ganz normal fasten. „Wer sich in Isolation befindet und Muskelschmerzen und etwas Husten hat, beginne zu fasten und achte auf Symptome. Wenn er übermäßige Schwäche und Kopfschmerzen empfindet, trinke er über den Tag verteilt einen Liter Wasser. Und wenn er älter als 45 ist oder eine Vorerkrankung hat, und hustet oder Muskelschmerzen hat, soll er nach und nach auch Essen hinzufügen.“

Wer an starkem Husten oder an Atemproblemen leidet, soll erst gar nicht anfangen zu fasten. Wenn hingegen jemand infiziert ist, aber nur den Geruchs- und Geschmackssinn verloren hat, soll er auf Essen und Trinken verzichten. Besteht jedoch die Gefahr, dass sich die Krankheit verschlimmert, soll er nicht fasten.

Das traditionelle Widderhorn, der Schofar, verkündet das Ende des Feiertags. Gott besiegelt in diesem Augenblick nach jüdischer Auffassung sein Urteil über das weitere Leben der Betenden. Deshalb wünschen Juden einander vor dem Versöhnungstag „Gmar chatima tova“ – eine gute Einschreibung in das Buch des Lebens. Wie auch am Schabbat kennzeichnet das Havdala-Gebet, das zwischen Heiligem und Weltlichem trennt, den Beginn des Alltags. Nun beginnen die Fastenden wieder mit Essen und Trinken. Manche fangen schon an, die Laubhütte für das bevorstehende Sukkot-Fest zu bauen.

Jom-Kippur-Krieg: Überraschungsangriff am Fasttag

Vor 47 Jahren, am 6. Oktober 1973, griffen arabische Truppen während des hohen Feiertages Israel an. Trotz der Überraschung konnten die Israelis den Krieg am Ende für sich entscheiden. Er ging als Jom-Kippur-Krieg in die Geschichte ein, Araber nennen ihn „Oktoberkrieg“.

Von: Elisabeth Hausen

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