Der Status der Araber in Jerusalem ist kompliziert

Der Status der Araber in Jerusalem ist kompliziert

Nur knapp jeder Siebte will die israelische Staatsbürgerschaft

Die Araber in Ostjerusalem haben einen komplizierten Status. Israel gewährt ihnen das Recht auf die Staatsbürgerschaft. Doch immer weniger würden davon Gebrauch machen. Warum das so ist, beleuchtet ein renommierter Meinungsforscher.

JERUSALEM (inn) – Unter den arabischen Bewohnern Ostjerusalems zeichnet sich offenbar ein Umdenken ab: Immer weniger von ihnen würden die israelische Staatsbürgerschaft einer palästinensischen vorziehen. Der Trend lässt sich seit fünf Jahren in Umfragen beobachten. Bei der jüngsten Befragung im Januar und Februar dieses Jahres gaben nur noch 15 Prozent der Teilnehmer an, dass sie israelische Staatsbürger werden würden, wenn sie eine Wahl treffen müssten.

Die neue Umfrage wurde vom „Washington-Institut für Nahostpolitik“ (WINEP) in Zusammenarbeit mit palästinensischen Meinungsforschungsinstituten unter der Leitung von David Pollock durchgeführt. Dieser befasst sich seit zehn Jahren mit der Befragung von Arabern im Osten Jerusalems, im Westjordanland und dem Gazastreifen. Vergangene Woche wertete Pollock die Ergebnisse der Umfragen unter den Arabern in Ostjerusalem in einer Videokonferenz aus.

Untersucht wurden die Antworten auf die Frage: „Wenn Sie eine Wahl treffen müssten, würden Sie Staatsbürger Israels oder Bürger eines palästinensischen Staates oder keines von beidem werden wollen?“ Die Auswertung ergab, dass der Anteil der Araber, die die israelische Staatsbürgerschaft beantragen würden, in den Jahren 2010 bis 2015 stetig gestiegen war: Von anfangs 35 Prozent auf 52 Prozent zu Beginn des Jahres 2015. Danach sei er dramatisch und überraschend gesunken, bis auf 15 Prozent Anfang dieses Jahres.

Entfremdung und Propaganda

Pollock beleuchtete in seinen Ausführungen, welche Faktoren zu diesem Wandel geführt haben. Ein entscheidender Punkt sei die sogenannte Messerintifada, die im September/Oktober 2015 begann. Mehr als ein Jahr lang verübten Palästinenser vor allem mit Messern Anschläge auf Juden. Dies habe einerseits das Nationalbewusstsein der in Ostjerusalem lebenden Araber weiter gestärkt. Andererseits hätten sich die israelischen Reaktionen auf diese Anschläge auf die Araber ausgewirkt. So sei ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt worden. Zwischen den Arabern und ihren jüdischen Arbeitgebern, Nachbarn oder Behörden habe es eine Entfremdung gegeben.

Dass sich die Einstellung der Araber so verändert hat, führt Pollock auf einen weiteren Faktor zurück: Mittlerweile lebten rund 150.000 der im Osten Jerusalems gemeldeten etwa 340.000 Araber mit israelischen Daueraufenthaltsgenehmigungen hinter der israelischen Sicherheitsanlage. In Jerusalem besteht diese weitestgehend aus einer hohen Mauer. Diese Araber müssten zunächst Kontrollpunkte überqueren, um Zugang zu ihrer Arbeitsstätte oder anderen israelischen Einrichtungen zu erhalten. Ihr Bild von Israel habe sich dadurch sehr verschlechtert.

In verschiedenen Umfragen habe sich zudem herausgestellt, dass immer mehr Palästinenser der Propaganda der Palästinenserführung oder der Hamas Glauben schenkten, Israel gefährde islamische Heiligtümer in Ostjerusalem, wie die Al-Aqsa-Moschee. Auch dies habe dazu geführt, dass immer weniger Araber in Jerusalem israelische Staatsbürger werden möchten. Eine Rolle spiele zudem, dass die Hamas, die Palästinensische Autonomiebehörde, der nördliche Flügel der Islamischen Bewegung in Israel sowie die Türkei ihre Aktivitäten in Ostjerusalem gegen Israel verstärkt hätten.

Praktische Gründe für Staatsbürgerschaft

Pollock beleuchtete in seinen Ausführungen auch, warum Araber in Ostjerusalem überhaupt israelische Staatsbürger werden wollen. Dies habe vor allem praktische Gründe, wie den Zugang zu besserem Bildungs- und Gesundheitswesen, einer besseren Sozialversorgung sowie besseren Arbeitschancen in Israel. Ideologie oder die persönliche Identifizierung mit Israel spielten dabei kaum eine Rolle.

Im dem Zusammenhang ging Pollock auch auf die Frage ein, warum in den vergangenen zehn Jahren verhältnismäßig wenig Araber in Ostjerusalem die israelische Staatsbürgerschaft beantragt haben, obwohl sie dazu berechtigt sind. Er führte dies darauf zurück, dass die Befragten noch nie wirklich vor der Entscheidung gestanden hätten, die israelische oder palästinensische Staatsbürgerschaft wählen zu müssen.

Hintergrund: Der Status der Jerusalemer Araber

Die Araber in Jerusalem bezeichnen sich selbst zumeist als Palästinenser. Sie genießen volle Gleichberechtigung mit israelischen Staatsbürgern, ohne einen israelischen Pass zu besitzen. Sie sind in den palästinensischen Autonomiegebieten wahlberechtigt, ohne palästinensischem Recht unterworfen zu sein. Mehr über den komplizierten Status der Araber in Israels Hauptstadt lesen Sie in unserem Hintergrundbericht.

Ausführliche Informationen zu den arabischen Staatsbürgern in Israel finden sie in der Ausgabe 6/2019 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5667700, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

 

Von: dn

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