Hamburg-Steinwerder nach einem Luftangriff: Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam Walter Bingham in die weitgehend zerstörte Stadt

Hamburg-Steinwerder nach einem Luftangriff: Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam Walter Bingham in die weitgehend zerstörte Stadt

Persönliche Erinnerungen an den Mai 1945

Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht gilt der 8. Mai 1945 in Westeuropa als offizielles Kriegsende. Der heute in Israel lebende Journalist Walter Bingham kam damals als 21-jähriger britischer Soldat nach Deutschland. Bei einem Telefonat mit Israelnetz erzählt er, was er mit diesem Datum verbindet.

Das erste, was mir einfällt, wenn ich an den 8. Mai denke, ist, dass es der Geburtstag meines Vaters war. Er ist 1890 geboren.

Was ich am 8. Mai 1945 gemacht habe? Ach ja, an dem Tag war ich mit einem Kameraden, einem Leutnant von der britischen Luftwaffe, auf dem Weg nach Hamburg. Wir fuhren einen blauen Geländewagen, das war was!

Als ich 16 Jahre alt war, schickte man mich mit dem Kindertransport nach England. Später wurde ich Ambulanzfahrer der britischen Armee. Ich war dabei, als wir 1944 in der Normandie landeten.

Meine Einheit nahm an der ausschlaggebenden Schlacht um Hügel 112 teil und danach an weiteren Kämpfen in Belgien und Holland. Während dieser Zeit dachte ich mir: „Das, was ich mache, kann jeder andere auch. Aber ich kann Deutsch. Schließlich kommen wir doch noch nach Deutschland, wo meine Sprachkenntnisse sicher gebraucht werden.“ Also bat ich um eine Versetzung. Doch erst vor der großen Schlacht um die Rheinbrücke bei Arnheim gelang mir die Versetzung im September 1944.

Experte für Nazi-Dokumente

Sie schickten mich nach London. Dort befand sich unter dem Dach eines damaligen großen Warenhauses am Oxford-Circus ein Büro des Militär-Geheimdienstes, in dem die konfiszierten Dokumente der Nazis untersucht wurden. Dort bildeten sie mich zum Dokumentenexperten aus. Es war das erste Mal seit langem und nach all den Schlachten, dass ich ein Bad nehmen konnte.

Von dort sandten sie mich ins britische Militär-Geheimdienst-Büro in Brüssel, wo ich fast zwei Monate auf eine Stellung wartete.

Anfang Mai 1945 bekamen wir dann den Befehl, nach Hamburg zu fahren. Am 8., vielleicht war es auch der 9. Mai, kamen wir in Hamburg an. Der britische Militär-Geheimdienst hatte längst das Gebäude der Gauleitung am Alsterufer übernommen. Mein Kamerad und ich waren beide deutschsprachig und sollten die vielen Nazi-Dokumente sichten. Es gab da alle möglichen Dokumente. Zum Beispiel sehr viele Papiere von dem Reiseveranstalter „Kraft durch Freude“. Das alles schickten wir nach London.

Manche Briefe behielten wir aber. Wenn wir Nazi-Funktionäre verhörten, gaben sie sich uns gegenüber manchmal beispielsweise als Unterscharführer aus. Wir konnten ihnen dann aber Dokumente zeigen, auf denen sie mit einem höheren Rang, etwa eines Sturmführers, unterschrieben hatten. Damit gehörten sie eindeutig zur Festnahme-Kategorie. Einmal gingen wir zu einer großen Organisation, ich kann mich nicht an den Namen erinnern. Dort war ein großer Schrank, den britische Techniker für uns öffneten. Wir fanden darin 100.000 Mark. Die behielten wir für uns. Doch da der Techniker alles notierte, mussten wir das Geld wieder abliefern.

Den 8. Mai habe ich nicht in besonderer Erinnerung, außer eben, dass wir in Hamburg ankamen. An was ich mich aber gut erinnere, ist der Sommer 1944. Als ich hörte, dass Paris befreit wurde, hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Aus Freude.

„Wir mussten nicht, sondern wir wollten kämpfen. Wir wollten die Nazis verfolgen.“

Außer mir traten hunderte von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich freiwillig in den englischen Militärdienst ein. Im Gegensatz zu den englischen Soldaten hatten wir Flüchtlinge eine ganz andere und stärkere Motivation. Sie mussten ja für ihr Land kämpfen. Wir mussten nicht, sondern wir wollten kämpfen. Wir wollten die Nazis verfolgen. Und natürlich wollte ich meine Familie wiederfinden. Ich hatte ja zu niemandem von ihnen Kontakt.

In Hamburg lebten wir damals in einem schicken Stadtviertel, nahe der Alster, am Harvestehuder Weg. Als Deutsch sprechender englischer Soldat waren viele deutsche Mädchen an mir interessiert. Bestimmt wollten sie ihr Leben verbessern. Ich hätte dort auch heiraten können. Einige jüdische britische Soldaten heirateten wirklich deutsche Mädchen.

Aber wie hätte ich das denn tun können? Ich hätte doch niemals ein deutsches Mädchen mit nach Hause bringen können nach allem, was meine Familie unter den Nazis erlebt hatte! Mein Vater wurde von den Nazis ermordet und meine Mutter war in Konzentrationslagern. Es wäre doch das Schlimmste gewesen, was ich hätte tun können.

Persönliche Begegnung mit Nazi-Außenminister von Ribbentrop

In Hamburg war ich sehr lange, vielleicht etwa anderthalb Jahre. Eines Tages brachte man einen Nazi mit angeblich hohem Rang in mein Büro, der im Raum Hamburg geschnappt wurde. Es war der Nazi-Außenminister Joachim von Ribbentrop. Wir waren allein im Zimmer. Ich fragte ihn nach Informationen zur „Endlösung der Judenfrage“, die geplante Vernichtung aller Juden. Wir sprachen Deutsch und Englisch. Dieser Mann, dessen Aufgabe es war, in allen von Deutschland eroberten Gebieten zu überwachen, dass die Befehle zur Vernichtung der Juden vollzogen wurden, schaute mir ins Gesicht und sagte wörtlich: „Ich wusste davon nichts, das war der Führer.“ In diesem Moment hätte ich ihn am liebsten erwürgt. Doch ich wusste – das hätte mich meine Freiheit gekostet.

So konnte ich nur weitere Fragen stellen. „Also ich nehme an, dass Sie jetzt davon wissen! Wann und wie haben Sie davon erfahren?“ Die Antwort war kaum zu glauben: „Ich las das im Hamburger Nachrichtenblatt.“ Das war ein Zeitungsblatt, das von Engländern herausgegeben wurde. Joachim von Ribbentrop wurde beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Er war der erste, der am 16. Oktober 1946 erhängt wurde.

Hat viele Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit: Walter Bingham

Hat viele Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit: Walter Bingham

Während meiner Arbeit bei der britischen Spionageabwehr durfte ich manchmal zivile Kleidung tragen. Am Rathausmarkt war ein Bekleidungsgeschäft. Dort wurde für mich ein ziviles Outfit angefertigt.

Eines Tages bekam ich den Befehl, nach Kommunisten zu suchen. Damit wurde ich zu einer Adresse geschickt, wo sich Kommunisten versammeln sollten. Doch ich sah niemanden. Die Briten glaubten mir nicht, sie kannten meine jugendlich-sozialistische Einstellung und misstrauten mir. So wurde ich nach Pelzerhaken an der Ostsee versetzt. Dort war ein Lager für deutsche Kriegsgefangene. Meine Aufgabe war, die Kriegsgefangenen politisch zu überprüfen, und falls kein Verdacht als Nazifunktionär vorliegt, ihre Entlassung in die Freiheit zu bestätigen. Zum Ende meines Militärdienstes wurde ich für kurze Zeit nach Hildesheim bei Hannover versetzt und Ende Dezember 1947 aus der Armee entlassen.

Erst später von Gräueln der Judenvernichtung erfahren

Im Mai 1945 kannte ich noch keine Details über die Vernichtung in den Konzentrationslagern. Ich wusste zwar, dass es solche Lager gab. Mein Onkel war ja vor dem Krieg in Dachau bei München gewesen. Aber damals waren die Konzentrationslager noch keine Vernichtungslager. 1937/38 konnte mein Onkel ein Ticket zur Auswanderung nach Schanghai vorweisen, also entließen sie ihn. Die Parole war „Raus mit den Juden!“. Er ging dann über Italien und die Schweiz nach Amerika.

Von den Gräueltaten der Nazis erfuhren wir erst nach dem Kriegsende. Meine Familie wiederzufinden, machte ich mir zur Hauptaufgabe. Meine Mutter fand ich wieder. Das war ein sehr emotionales Ereignis. Auch meinen Onkel und seine Söhne traf ich. Sie gingen später nach Israel.

Walter Bingham wurde 1924 in Karlsruhe als Wolfgang Billig geboren. 1939 kam er mit dem Kindertransport nach England. Zwei Jahre nach seiner Tochter Sonja wanderte er im Alter von 80 Jahren nach Israel ein. Er hat zwei Enkel und zwei Urenkel. Als ältester praktizierender Radiomoderator der Welt führt er einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

Aufgezeichnet von mh

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