Viele ultra-orthodoxe Juden sehen das heutige Israel nicht als den von Gott verheißenen Staat

Viele ultra-orthodoxe Juden sehen das heutige Israel nicht als den von Gott verheißenen Staat

Über die Identität des Judentums

Der 2018 verstorbene Holocaust-Überlebende Israel Yaoz war als Reiseleiter oft mit Christen in Israel unterwegs. Das hat ihn zum Nachdenken über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jüdischen und christlichen Tradition gebracht. In diesem Aufsatz hat er seine Gedanken zur Identität des Judentums festgehalten.

Während der zweitausend Jahre des Umherirrens unter den Völkern, in der Fremde, trug das jüdische Volk sein Vaterland in Form von Bibel und Talmud in seinem Wanderbeutel mit sich. Es lebte im Glauben an die verheißene „herrliche Zukunft“: Wenn Gott seines Volkes gedenken und es in seine alte Heimat zurückführen werde – jene Heimat, die es in seinem Herzen, seinen Gedanken und Gebeten, seinen Hoffnungen und Träumen immer bei sich getragen hatte. Dieser Gedanke hielt das Volk gefesselt, hielt es wach, begeisterte es und zeigte ihm seinen Weg durch die vielen Jahrhunderte der Verbannung.

Dieser Aufsatz möchte dazu beitragen, das Selbstverständnis der Juden und ihre Beziehung zum Land Israel zu verstehen.  Einerseits braucht das Volk der Juden einen Staat, in dem es eine absolute Mehrheit bildet, um dort ungestört seine Identität zum Ausdruck bringen zu können. Andererseits kann dieser Staat sich in keinem anderen Land der Welt befinden, weil das Land eben selbst einen Teil dieser Identität darstellt.

In diesen Jahrhunderten der Verbannung hatte Israel viele Sorgen und Probleme. Ein Problem gab es aber kaum: die Erhaltung seiner Identität. Die Heilige Schrift, die strengen Vorschriften des Talmuds, die uralten Traditionen, aber auch die Ghettomauern, gaben ihm die Möglichkeit, sein eigenes Leben als Volk zu führen, seinem Selbsterhaltungstrieb gerecht zu werden und nicht unter den Völkern aufzugehen.

Emanzipation: Gefahr einer geistigen Zerstörung

Im 19. Jahrhundert kam jedoch die Emanzipation für die Juden Europas. Sie brachte ihnen die gesellschaftliche Gleichstellung und Anpassung an die christlich-abendländische Kultur. Zum ersten Mal in seiner Geschichte sah sich das jüdische Volk der Gefahr einer geistigen Zerstörung ausgesetzt. Ein Assimilationsprozess begann, wie er vorher kaum möglich gewesen war. Alte jüdische Werte wurden durch die der europäischen Kultur verdrängt.

Diese neue, geistige Not der Juden war dort am größten, wo die Assimilation am weitesten fortgeschritten war: in Westeuropa. Jedoch entwickelte das jüdische Volk eine Antwort auf diese neue Gefahr: den Zionismus. Es ist kein Zufall, dass der zionistische Gedanke im 19. Jahrhundert seine Anfänge nahm. Es war der praktische Versuch, den nie vergessenen Traum der Rückkehr in das gelobte Land in die Tat umzusetzen. Zuvor war die zionistische Idee nicht unbedingt notwendig gewesen, um das Judentum am Leben zu erhalten.

Rückgang des Glaubens

Zur Assimilation im 19. Jahrhundert trug auch der Rückgang des Glaubens in Westeuropa bei. Nicht mehr Bibel und Talmud galten als unbedingte letzte Wahrheit für Juden, nicht mehr das Alte und Neue Testament als unantastbare, heilige Offenbarung für Christen, sondern die Erkenntnisse der Wissenschaft; die Kritik und die Vernunft wurden zu unbestrittenen Maßstäben des Denkens. Und zu dem Zeitpunkt, als nicht mehr der Glaube die endgültigen Antworten gab, brach ein Damm, da stürzten auch die geistigen Ghettomauern.

Auch daraus resultierte die oben erwähnte geistige Not der Juden, ihre Identität zu wahren. Damals, im 19. Jahrhundert, und dort, in Europa, musste der Zionismus geboren werden, um die zukünftige Existenz des Judentums zu garantieren: jedenfalls für jenen Teil des jüdischen Volkes, der den Glauben verloren hatte, aber seine Identität nicht preisgeben wollte.

So verstehen wir, warum die ersten Befürworter der zionistischen Idee gerade aus dem „ungläubigen“, nicht-gesetzestreuen Teil des jüdischen Volkes kamen. Die „gläubigen“, orthodoxen Juden wollten zu Anfang nichts von dem zionistischen Experiment wissen, sie hatten ja ihre Verheißung in ihrem Wanderbeutel bei sich; im Gebet, im Gebot, im Glauben. „Gottes Zeit ist noch nicht gekommen“, hieß es.

Allmählich aber wurde der zionistische Traum Wirklichkeit. Die Furcht vor einer Desillusion schwand. Damit kam auch von religiöser Seite eine stufenweise Befürwortung des praktischen Zionismus. Wenn auch der heutige Staat Israel von vielen ultra-orthodoxen Juden nicht als der von Gott verheißene Staat angesehen wird, so gilt er doch bei einem großen Teil der Orthodoxen als der Vorbote dieses künftigen Heilsstaates.

Fragen zur Identität des Staates

Natürlich ist im heutigen Staat Israel das Ziel, das Judentum zu bewahren, vorläufig gesichert. Dabei tauchen aber viele Fragen auf, die die Identität des Staates betreffen. Viele Debatten in der Knesset zeugen davon: Wer ist Jude, wie soll das öffentliche Leben an jüdischen Feiertagen gestaltet werden, soll das Personen­standsrecht, also das Heirats- und Scheidungsrecht, weiterhin nur in den Händen der religiösen Autoritäten bleiben, soll die nationale Fluggesellschaft El Al nur koscheres Essen anbieten?

Für gesetzestreue zionistische Juden sind diese Fragen kein Problem. Ihr Glaube und die Verheißung ist ja verknüpft mit diesem Land. Er besagt: „Das Wohnen im Lande Israel wiegt gegen alle Gebote in der Tora auf“ (Kommentar aus Sifre Devarim 80 zu 5. Mose 12,29b). Der Lebensweg, den sie gehen, ist eine gelungene Synthese zwischen dem, was sie glauben, und dem, was sie tun. Doch die gläubigen, gesetzestreuen Juden bilden nur etwa 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels.

Was ist nun mit den nicht-gesetzestreuen, weltlichen Juden in Israel? Die Antwort auf diese Frage kann nur subjektiv sein. Das Judentum ist ein gemeinsames Kulturerbe, das viele Aspekte umfasst: eine gemeinsame Religion und Geschichte, einen gemeinsamen Leidensweg, eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame soziologische Struktur und Moral, gemeinsame Psychologie, Literatur, Poesie, Tradition, Küche, Tabus und andere Faktoren, die die „jüdische Welt“ prägen. Auch ohne den Faktor der „Gesetzes­treue“ bleibt diese „jüdische Welt“ zum Großteil bestehen.

Von Hiob und Kant

Für die meisten Israelis, auch für die säkularen, bleibt daher ein kulturelles Erbe, das zu erhalten ihnen genug bedeutet, um dafür auf Vieles zu verzichten und sogar Opfer zu bringen.

Zu den wichtigsten Bestandteilen dieser Werte gehört das oben so oft erwähnte Land Israel; ebenso wie die Stadt Jerusalem und die Klagemauer. Zu diesen Werten gehört auch die Bibel. In ihr finden säkulare Juden ihren „Goethe“, ihren „Karl den Großen“, ihren „Kant“ und „Lessing“. Sie ist Teil ihrer Literatur, ihrer Geschichte, ihrer Poesie, Lyrik, Philosophie und Grammatik. Für gesetzestreue Juden ist die Bibel all dies, aber darüber hinaus – und vor allem – ist sie das ewige Zeugnis der göttlichen Offenbarung.

Ist ein Psalm, der Gott lobt, weniger Poesie, nur weil er von Gott handelt, und nicht von der Lorelei? Ist Hiob weniger Philosophie als Kant, nur weil er die Wahrheit in Relation zu Gott sucht, und nicht in Relation zur Vernunft? Deshalb können säkulare Israelis, ohne dies als Widerspruch zu empfinden, den Schabbat und andere jüdische Feiertage feiern, wenn sie diese auch anders gestalten als die Orthodoxen. Sie können Psalmen vortragen, auch wenn sie Gott besingen und nicht das „blonde Gretchen“. Sie können auch am Freitagabend Kerzen anzünden, ohne dahinter einen von Gott geoffenbarten Willen zu suchen. Ja, sie können sogar einen koscheren Haushalt führen, wenn dies zu ihrem subjektiven Werteerlebnis beiträgt.

Es gibt allerdings eine Reihe von Israelis, vor allem in der jungen Generation, die dieses Werteempfinden nicht (mehr) haben, und sich deshalb stolz nur „Israelis“ nennen: „Wir sind keine Juden, wir sind Israelis!“ Sie distanzieren sich damit explizit von den Juden außerhalb Israels, bewusst oder unbewusst auch von den negativen Assoziationen, die mit dieser Bezeichnung für sie verbunden sind. Sie distanzieren sich damit aber auch von den jüdischen Werten. Wenn der Staat Israel nur solche Israelis hervorbrächte, dann hätte er keine Existenzberechtigung als Judenstaat. Der Staat Israel ist nicht nur ein Zufluchtshafen für jüdische Flüchtlinge, sondern vor allem auch der Zufluchtshafen für die oben erwähnte geistige Not um die Erhaltung des Judentums. Als Träger des jüdischen Kulturerbes hat Israel seine markanteste Existenzberechtigung.

Handwerker in Siedlungen als Werkzeuge Gottes

Der begeisterte Zionist Abraham Kook war in den 1930ern der erste aschkenasische Oberrabbiner im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Als er einst gefragt wurde, wie er als gläubiger Jude theologisch damit umgehen könne, dass gerade die enthusiastischen Pioniere des neuen Judenstaates säkulare, ja zum Teil atheistische Juden seien, antwortete er in etwa: „Als König Salomo den Tempel in Jerusalem baute, waren die Handwerker einfache Arbeiter, Steinmetze und Zimmermänner. Sie erfüllten ihren Auftrag. Vielleicht waren sie sich nicht einmal dessen bewusst, dass sie ein Haus bauten, das der Sitz Gottes werden sollte und dass sie am Bau des Allerheiligsten beteiligt waren; sie dürften sich der heiligen Arbeit, die sie verrichteten, nicht bewusst gewesen sein. Sie waren aber Werkzeuge Gottes; so sehe ich diese Handwerker in den neuen Siedlungen: Ungewollt bauen sie mit an dem, was einst die Wohnstätte unseres Gottes sein soll.“

Eine berechtigte Frage wäre jetzt, wie sich solch eine Haltung vereinbaren lässt mit dem kosmopolitischen Geist unserer Epoche, mit den revolutionären Vorstellungen einer neuen Welt ohne Grenzen und Begrenzungen. Wo ist unser Platz als Weltbürger? Die Frage ist nicht neu; sie wurde schon seit Anfang des Zionismus von den Zionisten selber gestellt; doch sie zu beantworten würde den Rahmen dieses Themas sprengen.

Von: Israel Yaoz (1928–2018)

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 6/2019 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

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