„Gemüse und Obst“ – Zweisprachiges Schild an einem Tante-Emma-Laden

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Aufstieg der russischen Juden

Ein Ereignis vor 30 Jahren hat Israels Demografie umgekrempelt: Der Zerfall der Sowjetunion. Ihm folgte eine Einwanderung von einer Million Juden nach Israel. Lange fühlten sie sich dort wie Bürger zweiter Klasse, doch nun scheint ihre Zeit gekommen: Sie haben Israel zur Start-up-Nation gemacht – und sind ein politischer Machtfaktor.

Uns Einwanderer aus der Sowjetunion hassen sie hier in Israel besonders“, schreibt eine anonyme Entrüstete in einem russischsprachigen Forum. Sie ist sich sicher: „Solange wir weiter schweigen, werden sie uns unterdrücken.“ Sie will eine Demonstration organisieren, denn in Israel fühle sie sich wie eine Bürgerin zweiter Klasse, Diskriminierung sei allgegenwärtig. Ein gewisser Alexander Svetlitsch antwortet darauf: „Ich bin der erste, der auf die Straße geht. Sag nur Bescheid.“ Wer das liest, gewinnt den Eindruck, dass russischsprachige Einwanderer in Israel ziemlich aufgebracht sind.

Der Zerfall der Sowjetunion vor 30 Jahren ging nicht nur mit wirtschaftlichem Chaos, sondern auch mit antisemitischen Begleiterscheinungen einher. Viele Juden machten in den 90er Jahren daher von ihrem Rückkehrrecht nach Israel Gebrauch. Knapp eine Million sogenannter „russischer Juden“ – der Begriff ist ungenau aber gebräuchlich für die russischsprachigen Juden aus dem postsowjetischen Raum – emigrierten. Die nie dagewesene Masseneinwanderung stellte das kleine Israel vor enorme Herausforderungen. Zu Spitzenzeiten kamen tausend Menschen pro Tag. Mittlerweile machen die Russischsprachigen 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung aus. Damit ist Israel das Land mit dem höchsten Anteil russischer Muttersprachler außerhalb des postsowjetischen Raums. Bis heute sind die Einwanderungszahlen aus Russland und der Ukraine überdurchschnittlich. Vergangenes Jahr trafen von dort 19.305 Olim ein, das waren 64 Prozent der gesamten Einwanderung. Zum Vergleich: Aus Deutschland kamen 185.

In mittleren und kleinen Städten wie Aschdod oder Carmel stellen die russischen Juden mittlerweile ein Drittel der Einwohner. Wer schon einmal in Israel war, kann bestätigen: An fast jeder Straßenecke hört man russische Wortwechsel. Der Vorsitzende des Ebenezer Hilfsfonds zur Unterstützung von Olim, Hinrich Kaasmann, schildert es so: „Beim Einkauf im Supermarkt ist es völlig ausreichend, wenn man Russisch kann, weil an der Kasse ohnehin jemand sitzt, der Russisch spricht. Auch unter Hilfskräften in Krankenhäusern und in Autowerkstätten spielt Russisch eine große Rolle.“ Mark Mostov, der seit 1984 in Israel lebt, erzählt von einem Witz, der in Israel die Runde macht: „Was ist die zweitwichtigste Sprache in Israel? Antwort: Hebräisch.“ Der Witz suggeriere, dass Russisch weiter verbreitet sei als Hebräisch. Natürlich ist das übertrieben; dennoch sagt es einiges über die Realität aus.

Festhalten am Russischen

Und doch sind die Einwanderer aus der Sowjetunion immer noch „die anderen“. Zum Teil haben sie durch eigene Versäumnisse dazu beigetragen. Viele schwänzten nach der Ankunft in Israel die Ivrit-Kurse. Sie sprechen Russisch in der Familie, mit ihren Freunden und haben einen russischen Arbeitgeber. Sie lesen die russischsprachige israelische Zeitung „Westi“, schauen im Fernsehen den russischsprachigen „Kanal 9“ und pflegen ein besonderes Verhältnis zu ihren Herkunftsländern, zumeist Russland oder die Ukraine. Zwar trübt dies in den meisten Fällen nicht ihre Loyalität zum jüdischen Staat, aber Integration in die israelische Gesellschaft sieht anders aus.

Umgekehrt begegneten ihnen die Israelis mit Vorbehalten. In den 90er Jahren kursierten in der Boulevardpresse Schauermärchen über „russische Prostituierte“ und die „russische Mafia“. Die Israelis waren enttäuscht, dass nicht wie erwartet lauter Glaubensbrüder und -schwestern kamen. Nur eine verschwindend kleine Zahl russischer Juden ist religiös: Zwischen 1,5 und 2 Prozent. Die meisten von ihnen verstehen sich als areligiös – und wollen sich keinen Glauben überstülpen lassen. In der Sowjet­union definierte sich ihr Jüdischsein nicht über Religion, sondern über ethnische Zugehörigkeit.

Hinzu kommt, dass etwa 250.000 der Einwanderer nach den religiösen Rechtsvorschriften, der Halacha, nicht als Juden gelten. Nach dem Rückkehrgesetz dürfen alle heimkehren, die einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil haben, egal ob väterlicher- oder mütterlicherseits. Laut der Halacha gilt jedoch nur als Jude, wer es mütterlicherseits ist. Die Konsequenz ist, dass Rabbiner sowie religiöse Politiker verlautbaren, hunderttausende der russischen Einwanderer seien keine echten Juden. Die sogenannten „Vaterjuden“ empfinden das als Hohn. Ironischerweise wurden sie in der Sowjetunion am meisten verfolgt. Dort galt als jüdisch, wer einen jüdischen Vater hatte.

Wer nach der Halacha nicht als Jude gilt, kann in Israel nicht beim Rabbiner heiraten – und eine standesamtliche Heirat gibt es nicht. Eine Eheschließung ist für sie daher nur im Ausland möglich. Außerdem werden sie nicht auf jüdischen Friedhöfen beerdigt. „Als wir zwei Monate im Libanon für dieses Land kämpften und unsere Freunde wie Hunde außerhalb der Friedhofsmauer verscharrt wurden, haben wir verstanden, dass sich keiner für uns interessiert“, schreibt ein verbitterter Nutzer im russischen sozialen Netzwerk „Vkontakte“.

Für zusätzlichen Frust sorgt bei den oft salopp so genannten „Russen“, dass ihre Kinder sich an der Front in Lebensgefahr bringen, während die Ultra-Orthodoxen von der Wehrpflicht ausgenommen werden und zugleich Sozialhilfe kassieren.

Die russischsprachigen Einwanderer haben das Gefühl, selbst nichts geschenkt bekommen zu haben. In den 90er Jahren mussten „ehemalige Chefs großer Werke für einen Hungerlohn“ und „Diplom-Ingenieure als Putzkraft“ arbeiten, berichtet eine Frau bei „Vkontakte“. Hinrich Kaasmann von Ebenezer bestätigt: „Einwanderer, die zwischen 30 und 40 Jahre alt waren, als sie Mitte der Neunziger nach Israel kamen, berichten fast alle, dass sie extrem hart körperlich gearbeitet haben – teilweise zwei Schichten an einem Tag, also etwa zwölf Stunden.“ Den Neueinwanderern gegenüber seien Israelis außerdem teils arrogant aufgetreten, nach dem Motto: „Großzügig wie wir sind, lassen wir euch bei uns arbeiten.“

Dennoch eine Erfolgsgeschichte

Doch die „Russen“ bissen die Zähne zusammen und arbeiteten sich hoch. Ihr überdurchschnittlicher Bildungsgrad sollte Israel in den kommenden Jahren einen enormen Aufschwung bescheren. Über 60 Prozent der Einwanderer verfügen über einen Hochschulabschluss, darunter 75.000 Ingenieure, 40.000 Lehrer und 15.000 Ärzte. In den 90er Jahren kletterte das Wirtschaftswachstum Israels auf 6 Prozent. 13.000 russische Wissenschaftler sorgten für einen Innovationsschub in Physik, Mathematik, Informatik und Biochemie. Der Investor Menasche Esra, marokkanischer Jude und einstiger Pionier im Bereich kabellose Netzwerke, sagt anerkennend: „Man darf nicht vergessen, dass der Hightech-Sektor in Israel nicht dieses Level erreicht hätte ohne die Alija aus der ehemaligen UdSSR in den 90er Jahren.“ In Israel genießen russischsprachige Einwanderer zunehmend den Ruf, der mit dem der Deutschen vergleichbar ist: Sie gelten als zuverlässig, fleißig und diszipliniert. Esra sagt: „Die Arbeit der Einwanderer aus der UdSSR zeichnet sich dadurch aus, dass sie genauer und qualitativ hochwertiger ist.“

„Die Vorteile der Einwanderung“: Beim YouTube-Kanal „Daria IsrLife“ dreht sich alles um das Leben als russischsprachiger Jude in Israel

„Die Vorteile der Einwanderung“: Beim YouTube-Kanal „Daria IsrLife“ dreht sich alles um das Leben als russischsprachiger Jude in Israel

Die russischsprachige YouTuberin Daria zeigt sich auf ihrem Kanal „Daria IsrLife“ überzeugt: Wer sich anstrengt, kann es in Israel zu etwas bringen. „Viele schreiben mir, dass ihnen die Leute erzählen, in Israel würden Nichtjuden gehasst und diskriminiert und bekämen hier keine Arbeit.“ Daria hält das für völlig überzogen. Sie hat einen jüdischen Vater, aber eine Mutter, die nur väterlicherseits jüdisch ist, also ist Daria nach den religiösen Gesetzen keine „echte“ Jüdin. Trotzdem sagt sie: „Ich kann nicht verstehen, warum ich in meinem eigenen Zuhause – und Israel ist mein Zuhause – ausgegrenzt werden sollte.“ Israel sei eine rechtsstaatliche Demokratie. Wer einen Job nicht bekommt, weil er halachisch kein Jude ist, könne dagegen klagen. Sie ist überzeugt: „Wenn ihr einen guten Job kriegen wollt, strengt euch an und werdet konkurrenzfähig. Der Arbeitgeber wird euch nicht zu seinem eigenen Schaden ablehnen, nur weil ihr nicht jüdisch seid.“

Gelungene Integration

Darias Beispiel zeigt: Obwohl die meisten russischen Juden mit rechtlicher Benachteiligung wie etwa der Eheschließung hadern, werden sie zu einem respektierten Teil der Gesellschaft. Stimmen wie die der eingangs zitierten Entrüsteten gibt es zwar auch heute noch, sie werden aber weniger. Besonders die „Generation 1,5“ gilt mittlerweile als gut integriert: Es sind diejenigen, die in den 90ern als Kinder nach Israel kamen. Durch die Schule und vor allem den Wehrdienst beherrschen sie die hebräische Sprache. Auf der Webseite der Denkfabrik „Shaharit“ erklären sie: „Wir haben uns in die Gesellschaft integriert und sind vollständig israelisch. Trotzdem tragen wir auch unser kulturelles Gepäck, das wir nicht aufgegeben haben und im Gegenteil sogar pflegen und bewahren wollen.“

Obwohl das auch für die Generation 2,0 der in Israel Geborenen gilt, zeigen Studien hier bereits deutliche Unterschiede zur älteren Generation: 70 Prozent von ihnen glauben laut einer Untersuchung des Washingtoner „Pew Research Centers“ an Gott. Das sind 15 Prozentpunkte mehr als bei den Eltern. Es ist auch wahrscheinlicher, dass sie sich an die koscheren Gesetze beim Essen halten oder am Schabbat Kerzen anzünden. Im Unterschied zu den Älteren organisieren sich die Jungen zunehmend, um ihre Anliegen zu vertreten. Ein Beispiel ist das „Novij-God-Projekt“, bei dem russisch-sprachige Familien israelische Familien nach Hause einladen und sie am traditionellen russischen Neujahrsfest teilnehmen lassen.

Politischer Machtfaktor

Dabei haben die russischen Juden in ihrer Funktion als Wähler bereits ohne eigenes Zutun erheblichen Einfluss. Die Onlinezeitung „Times of Israel“ titelte diesen Sommer: „Die Russen kommen … an die Wahlurnen. Israelische Politiker wachen endlich auf.“ Ohne die russischsprachige Gemeinschaft lassen sich keine Wahlen mehr gewinnen, das ist den meisten Politikern klar. Mit „Israel Beiteinu“ hat sich unter Leitung von Avigdor Lieberman seit 1999 eine „russische“ Partei dauerhaft etabliert. Lieberman bekleidete bereits mehrere Ministerämter, war etwa Außen- oder Verteidigungsminister. Und Regierungschef Benjamin Netanjahu ging im letzten Wahlkampf mit Plakaten auf Stimmenfang, auf denen er dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Hand schüttelt. Jair Lapid vom Parteienbündnis Blau-Weiß versuchte es gar mit einem Video, in dem er eine halbe Minute Russisch sprach, ohne es selbst zu verstehen.

Einige „Russen“ finden solche Auftritte zu plump. Der YouTuber „Shalin“ etwa zitiert einen Auftritt des damaligen Wirtschaftsministers Naftali Bennett, der seinen russischsprachigen Mitbürgern 2014 zum neuen Jahr gratulierte und dabei demonstrativ Olivier-Salat aß, ein russisches Nationalgericht. Shalin berichtet: „Als ich das gesehen habe, hätte ich fast blutige Tränen geweint. Ich nehme ihm das überhaupt nicht ab. Es wirkt so unnatürlich.“ Außerdem vergäßen die Politiker die russische Gemeinschaft „augenblicklich“, sobald der besondere Anlass vorbei sei, entrüstet sich Shalin. Er will, wie viele andere, nicht mehr nur die zweite Geige spielen. Die russischen Juden wollen die Geschicke ihres Landes mitbestimmen. Demonstrieren müssen sie wohl gar nicht. Ihr Fleiß und ihre bloße Masse verleihen ihnen das nötige Gewicht.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 5/2019 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5 66 77 00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

Von: Timo König

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