Gedenken unter Palmen: Auf diesen Tafeln können Israelis aufschreiben, wofür sie dankbar sind

Gedenken unter Palmen: Auf diesen Tafeln können Israelis aufschreiben, wofür sie dankbar sind

Zehn Tage des Dankes

Es ist ein einfaches Wort und doch bedeutungsschwer: Toda, das hebräische Wort für Danke. Junge Israelis möchten ein neues Bewusstsein für Dankbarkeit schaffen. Eine Initiative zu dem Thema findet von Jahr zu Jahr mehr Anhänger.

Wie jede Gesellschaft unterliegt auch die israelische einem beständigen Wandel. Traditionen mögen das Denken prägen, doch auch neue Gedanken suchen ihren Ort. Dazu gehört die Idee, inmitten der jährlichen Erinnerung an Holocaust, Kriege und Terror Tage des Dankes einzubauen. So wollen es jedenfalls die Menschen hinter der Initiative „Zehn Tage des Dankes“. Daraus wollen sie nicht mehr oder weniger als eine „neue israelische Tradition“ begründen – so lautet jedenfalls der Untertitel ihrer Bewegung.

„Die Idee zur Initiative ‚Zehn Tage des Dankes – eine neue israelische Tradition‘ entstand vor etwa acht Jahren zum Unabhängigkeitstag“, erklärt Noa, die für die „Zehn Tage des Dankes“ arbeitet. „Unsere Wirklichkeit heute ist eine andere als die von vor 70 Jahren. Wir stehen nicht kurz vor der Vernichtung und wir haben uns gefragt: Wie können wir eine Tradition entwickeln, die unseren Erfahrungen entspricht – und anderen Menschen davon erzählen?“

Zwischen dem „Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum“ und dem „Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus“, der nahtlos in den Unabhängigkeitstag übergeht, liegen acht Tage. Die Veranstalter der Initiative erklären: „In der Schule und in der Armee hören wir in den Tagen viele Geschichten von Menschen, die vor Jahrzehnten Schlimmes erlebt haben. Wir hören Sirenen und sehen unsere Flagge allerorts. Aber nach der Armee und spätestens nach dem Studium bewegen wir uns in keinem Rahmen mehr, wo wir mit diesen Dingen konfrontiert sind. Wir verbinden mit diesen Tagen keine besondere Erfahrung, doch es gibt eine Atmosphäre, die wir mit Inhalt füllen möchten.“

Alternative zu Tagen der Umkehr

„40 Prozent der israelischen Bevölkerung heute sind nicht jüdisch“, erklärt Noa, „und wir haben uns gefragt, wie wir eine allgemein gültige neue Tradition schaffen können.“ So entstand die Idee der zehn Dankes-Tage als eine Alternative zu den zehn Tagen der Umkehr, den zehn ehrfurchtsvollen Tagen, die zwischen dem jüdischen Neujahrsfest und dem großen Versöhnungstag Jom Kippur begangen werden. In diesen Tagen liegt der Fokus auf der Buße und inneren Umkehr.

Noa erklärt: „Früher haben wir zum Unabhängigkeitstag Israel-Fahnen verteilt, heute wollen wir Fahnen mit der Aufschrift Toda austeilen.“ Tatsächlich scheint die Kreativität bei den Erfindern der „Zehn-Tage-des-Dankes“ keine Grenzen zu kennen: Auf Straßen im ganzen Land finden sich große Tafeln, auf denen steht: „Ich möchte heute Danke sagen für …“ Mit Kreide können die Passanten die Sätze ergänzen. In den vergangenen Jahren wurde von diesem Angebot in verschiedenen Städten rege Gebrauch gemacht.

Statt der üblichen To-Do-Listen für den Kühlschrank verteilen die Idealisten Papierblöcke mit einer aufgedruckten To-Da-Liste. Hinzu kommen Dankes-Karten in ansprechendem Design, auf deren Rückseite es die Möglichkeit gibt, für etwas zu danken.

Knöllchen einmal anders

Die Veranstalter lassen Bögen drucken, die die jungen Leute später parkenden Autos unter die Scheibenwischer klemmen. Doch statt des erwarteten Strafzettels findet der Fahrer ein Toda-Knöllchen, auf dem die Daten des Autos eingetragen sind. Daneben steht: „Sie haben ein Dankeschön verdient. Danke, dass Sie heute richtig geparkt haben. Danke auch für so vieles mehr.“ Außerdem ist die Liste einer Studie aufgeführt, die von positiven Konsequenzen spricht, wenn Leute regelmäßig danken.

Neben den Toda-Tafeln, -Listen, -Knöllchen für den öffentlichen Bereich hat das Programm auch Unterrichtsmaterial für Lehrer entwickelt, die ihren Schülern ein Bewusstsein für Dankbarkeit vermitteln wollen. Eine Lehrerin sagt bei der Vorbereitung auf die Tage: „Toda ist so ein einfaches Wort, doch viel zu selten sagen wir es einander. Uns geht es hier und heute so gut und so oft konzentrieren wir uns nur auf die schlechten Dinge.“ Sie ist überzeugt: „Ein einfaches Dankeschön oder ein Dankes-Knöllchen kann eine gute Atmosphäre verbreiten.“

Zu einem Vorbereitungstag kommen mehrere Dutzend Interessierte aus dem ganzen Land nach Jerusalem. Noa hat in den vergangenen Jahren Erfahrung gesammelt: „Viele kommen und sind begeistert von unseren Ideen. Und dann wollen sie alles auf einmal machen. Sie sind dann schnell enttäuscht, wenn nicht alles nach ihren Vorstellungen klappt. Eine neue Tradition zu entfalten, benötigt Zeit. Sie kommt nicht über Nacht. Es gibt aber Ortschaften, die viele Ideen einfach wunderbar umsetzen.“ Als Beispiel nennt sie die Kleinstadt Jerocham in der Negev-Wüste. „Überall stehen dort Tafeln auf der Straße und die Einwohner beteiligen sich an unzähligen Aktivitäten. Die ganze Stadt wird in einen riesigen Toda-Erlebnispark verwandelt.“

Hilfestellung für eine Zeremonie

So wie es zu Pessach die Haggada, eine Erzählung über die Befreiung des Volkes Israel aus ägyptischer Sklaverei, mit Handlungsanweisungen zur Gestaltung des Seder-Abends gebe, soll der Unabhängigkeitstag mit einer Unabhängigkeits-Haggada eingeleitet werden. Sie gibt einen Überblick über die Verbindung des jüdischen Volkes zum Land Israel. Ebenso wird die zionistische Bewegung und die Gründung des Staates Israels dargestellt. Die historischen Ereignisse werden mit Bildern unterlegt und von Segenssprüchen begleitet, die in Anlehnung an andere „Chagim“, eigentlich biblische Feste, zum „Fest der Unabhängigkeit“ gesprochen werden sollen.

Für die Zeit der „Zehn Tage des Dankes“ haben die Initiatoren ebenso ein Heft gestaltet, das als Hilfestellung für eine Zeremonie dienen kann. Sie soll zwischen dem Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus und dem Unabhängigkeitstag gehalten werden. Darin gibt es Ausschnitte aus der Bibel und zeitgenössische poetische Texte, die ähnlich den jüdischen Gebeten anlässlich anderer Feste gebetet und gesungen werden sollen. Ein weiteres Buch enthält Texte von Rabbinern, Journalisten und weiteren bekannten Personen des öffentlichen Lebens, die sich mit dem Thema „Dank“ aus ganz unterschiedlicher Perspektive befassen.

Mit Begleitheften bieten die Macher der Dankes-Initiative Hintergrundtexte zum Thema

Mit Begleitheften bieten die Macher der Dankes-Initiative Hintergrundtexte zum Thema

In diesem Jahr stehen die Tage des Dankes unter dem Thema „eine Gelegenheit für …“. Der Rabbiner Dani Segal erklärt die besondere Bedeutung, die in diesem Wort steckt: „Das Wort für ‚Gelegenheit‘ ist ‚hisdamnut‘. Dem des Hebräischkundigen fällt auf, dass das Wort eng mit dem Wort ‚sman‘, also ‚Zeit‘, verbunden ist. ‚Hasman misdamen hisdamnut‘ – die Zeit ermöglicht eine Gelegenheit. Der Dank ermöglicht die Öffnung des Herzens, er öffnet Türen. Im Hebräischen ist ‚hodaja‘, Dank, mehrdeutig. Denn ‚ani mode‘ kann ‚ich danke‘, aber auch ‚ich bekenne‘ bedeuten.“

Der Rabbiner erklärt weiter: „‚Toda‘ entspricht aber auch der ‚Toda’a‘, dem Bewusstsein. Deshalb frage ich mich: Wem habe ich schon Danke gesagt? Der hebräische Buchstabe Taw steht als letzter Buchstabe im hebräischen Alphabet. Lasst uns künftig drauf achten, dass wir mit dem Toda beginnen und es nicht erst zum Schluss sagen.“ Der Rabbiner ist der Initiative schon seit einigen Jahren freundschaftlich verbunden: „Hier geht es darum, Augen zu öffnen. Persönlich haben wir damit schon begonnen. Doch was heißt das für unser Volk? Für den Ort, in dem ich lebe? Was heißt es, zehn Tage lang jeweils eine Stunde über Dank zu sprechen?“

Anregungen im Internet

Neben den Texten, die die Initiative bereitstellt, gibt es einen eigenen YouTube-Kanal, in dem Filmchen zum Thema aus den vergangenen Jahren gezeigt werden. Zum Angebot gehört außerdem die Homepage „10x10“, auf der zehn Leute für jeweils zehn Minuten zum Thema Dank sprechen.

Segal hat eine Hoffnung: „Vor dem Jom Kippur gibt es einen Schabbat Schuva, einen Sabbat der Umkehr. In der Haftara, der Prophetenlesung, ruft der Prophet Hosea das Volk Israel zur Umkehr auf.“ Der sechsfache Vater erklärt: „Vielleicht können wir einen Schabbat Toda einführen, an dem der Fokus unserer Lieder auf dem Dank liegt.“

Von: mh

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