Auszug aus Psalm 119 – darin heißt es unter anderem: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege."

Auszug aus Psalm 119 – darin heißt es unter anderem: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege."

In 929 Tagen durch die Bibel

Sie sind das Volk der Bibel und doch ist dieses Buch vielen Juden heute fremd. Das Projekt „929“ will das ändern: In dreieinhalb Jahren führt ein Bibelleseplan für das Volk durch die Bibel. Rabbiner, Künstler, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens wirken an dem Projekt mit. Seit Sommer ist die Onlinepräsenz des Projekts auch in englischer Sprache zugänglich.

„Tescha schtajim tescha – TaNaCH bejachad (Neun zwei neun – Bibel für alle)“, so lautet der Name des Projekts, das seit einigen Jahren zum Alltag vieler Israelis gehört. Die Hebräische Bibel umfasst 929 Kapitel. Wer an fünf Werktagen, von Sonntag bis Donnerstag, jeweils ein vorgegebenes Kapitel liest, hat also in gut dreieinhalb Jahren die gesamte Hebräische Bibel durchgelesen. Neben den einzelnen Kapiteln der Bibel, die in jugendlichem Layout aufgeführt sind, stehen Lieder, Gedichte, Kurzvideos, Audiodateien, Fotos und Gedanken von Prominenten zur Verfügung. Diese sind auf der Homepage, über App auf dem Smartphone oder per Email zugänglich.

Präsent und doch so fremd

Die moderne hebräische Sprache ist voller biblischer Ausdrücke. Straßennamen sind nach biblischen Orten, Ereignissen oder Personen benannt. Israelis lernen biblische Inhalte in der Schule und selbst viele säkulare Juden können die Geschichten aus dem Stegreif nacherzählen. Trotz allem ist die Bibel dem Volk fremd geworden. Dieser Meinung ist zumindest der nationalreligiöse Rab­biner Benny Lau: „Wir wollen die Bibel dem Volk zurückgeben. Zu lange war sie durch die Jeschiven und Universitäten vom Volk getrennt“, hat er in den vergangenen fünf Jahren immer wieder betont. Mit dem Projekt „929“ möchte Lau Menschen ermutigen, verstärkt ihre Bibel zu lesen. Nach eigenen Angaben haben sich im ersten Zyklus knapp 300.000 Menschen in irgendeiner Form an dem Programm beteiligt, davon etwa drei Viertel Nichtreligiöse. „929“ verleiht der Bibel Bedeutung in heutiger Zeit. Wenn Lau über die Bibel spricht, werden biblische Propheten zu Journalisten, Könige zu Politikern und falsche Propheten sind „fake news“.

Der erste 929-Zyklus war Ende 2014 in hebräischer Sprache eröffnet und Mitte Juli mit dem letzten Kapitel beendet worden: Zig Tausende lasen zum Abschluss 2. Chronik 36. Mit dem Ende des Zyklus und anlässlich des 70-jährigen Staatsjubiläums Israels wurde auch eine kommentierte 929-Bibelausgabe herausgegeben. Die drei Kilogramm schwere Ausgabe besteht aus der Bibel und drei Büchern zum TaNaCH: Jedes Kapitel aus Tora (5 Bücher Mose), Neviim (Propheten) und CHtuvim (Schriften) ist auf einer halben Seite kommentiert oder illustriert. Subventioniert ist der Band von der Witwe von Mischael Cheschin, einem ehemaligen Oberrichter von Israel.

Dass „929“ so erfolgreich geworden ist, ist wohl auch Laus Bekanntheitsgrad zu verdanken: Er ist im israelischen Radio zu hören und im Fernsehen zu sehen, zudem war er seit 2002 bis Oktober dieses Jahres Rabbiner der von Aschkenasen gegründeten Jerusalemer Ramban-Synagoge. Seine Gottesdienste und wöchentlichen Vorträge erfreuen sich großer Beliebtheit. Und sein Cousin ist der amtierende Oberrabbiner in Israel, David Lau.

Doch trotz Laus Prominenz ist „929“ keine „One-Man-Show“, sondern ein Volksprojekt. Mehrere Hundert Autoren wirken darin mit: Musiker, Reiseleiter und Forscher; Dichter, Historiker und Rabbiner; Journalisten, Schriftsteller, Armee-Kommandeure und Politiker – sie alle haben sich schon öffentlich mit einzelnen Kapiteln der Bibel auseinandergesetzt. Dabei deckt die Autorenschaft ein breites politisches und religiöses Spektrum ab: Der Journalist der linksgerichteten Tageszeitung „Ha’aretz“ Gideon Levy gehört ebenso dazu wie der Likud-Politiker Jehuda Glick, der „Jahrtausendgelehrte“ Rabbiner Adin Steinsaltz schreibt ebenso wie die Bibelprofessorin der Hebräischen Universität Jaira Amit.

Bibel für alle

Wie nun funktioniert der Bibelleseplan? Auf der Homepage ist in ansprechendem Layout der komplette Text des jeweiligen Kapitels abgebildet. Wer möchte, kann es sich vorlesen lassen und sich die Kommentare aus der jüdischen Tradition zu einzelnen Wörtern oder Versen anzeigen lassen. Zudem gibt es eine Zusammenfassung des Kapitels und Gedanken von verschiedenen Menschen des öffentlichen Lebens dazu. Zeitweise konnten sich Interessierte eine einminütige Audiodatei über einen Vers aus dem jeweiligen Kapitel über WhatsApp senden lassen. Gelesen wurde die Auslegung vom bekannten Sänger Kobi Oz.

Anstelle eines weiteren Kapitels steht freitags eine Wochenzusammenfassung zur Verfügung. Dazu gibt es ansprechend animierte Kurzvideos zum Thema der Abschnitte der vergangenen Tage. Ferner treffen sich Kleingruppen zum Bibellesen, außerdem werden Ausflüge an biblische Orte des Geschehens, Vorträge und Filmabende organisiert. Dabei traten vereinzelt auch arabische Künstler auf.

Bibelstudium mit dem Präsidenten

Der prominenteste Gastgeber für Veranstaltungen von „929“ ist wohl Staatspräsident Reuven Rivlin. Zu Beginn des Projekts, Chanukka 2014, hatte er über sein Büro mitteilen lassen: „Die Gelegenheit, hier, in der Residenz der Präsidenten Israels, ein volkstümliches israelisches Projekt zu beherbergen, das auf den Pfaden der Hebräischen Bibel schreitet, ist für mich die Erfüllung eines Traumes. Das ‚Bibelseminar‘ der Präsidentenresidenz ist eine langjährige präsidiale Tradition. Israels Präsidenten sahen im Studium der Bibel ein bedeutsames Charakteristikum ihrer Arbeit. Die Bibel stellte für sie einen Werte- und Moralkompass für die gesamte israelische Gesellschaft dar.“

Deshalb lädt er die „929“-Gemeinde zweimal im Jahr in seine Residenz ein. Als Bürger wolle er an der Seite der Israelis die Bibel studieren. Zum Auftakt sagte er: „Die Bibel fordert von uns das Gute, das Moralische und das Gerechte. Die Bibel sucht den Menschen, der sich jeden Tag entscheidet.“ Eine Entscheidung sei eine moralische Tat, „die erforderlich ist beim Bestehen klarer und entgegengesetzter Möglichkeiten: Licht und Dunkelheit, Gutes und Böses, Leben und Tod“. Dabei gehe es nicht um ein Freizeitseminar. „Die Bibel ist das explosivste Buch in der Geschichte. Sie hat Sklaven befreit, Nationen geschaffen und Unterdrückte aufgerichtet.“ Die Bibel bedeute Gottes Aufforderung an Abraham: „Gehe los“. Rivlin bezeichnete die Hebräische Bibel als „Personalausweis des jüdischen Volkes, aber auch der gesamten Menschheit“. Obwohl das Chanukka-Fest darin nicht erwähnt sei, sei es als Lichterfest ein passender Zeitpunkt für den Beginn der Aktion. Denn die Bibel verbreite Licht in der Welt.

Für zwei Jahre schrieb der Dichter Omri Sharet im ersten Zyklus Artikel für das Projekt: „‚929‘ ist eine großartige Idee. Es bringt Menschen dazu, den TaNaCH zu öffnen und ihn zu lesen.“ Der Hobbyhistoriker zeigt sich hoch erfreut: „Wir müssen uns mehr mit dem TaNaCH beschäftigen. Wir sollten ihn mehr lesen, aber auch mehr seine Bedeutung für unsere Identität und Religiosität in unserem Leben verstehen. Auch wenn es nicht in jedem der Artikel konkret zum Ausdruck kommt – ‚929‘ bietet eine tolle Möglichkeit, diese Botschaften einem breiten Publikum verfügbar zu machen.“ Besonders gefreut hat ihn, wenn Leser ihm schrieben, dass sie auf seine Artikel warteten und er merkte, dass sie für Menschen Relevanz hatten.

Die Bibel setzt neue Maßstäbe

Der promovierte Judaist und Bibelforscher Micha Goodman sagte bei einem 929-Treffen über die Bibel: „Dieses Buch ist unsere Heimat. In ihm sind wir lokal verortet. Doch seine Botschaft ist nicht an territoriale Grenzen gebunden. Sie sprengt Grenzen.“

Mit Bezug auf die Unabhängigkeitserklärung machte er deutlich: „Wir sind ein Volk, das lokal verortet ist, nämlich in der Bibel, aber mit einer Botschaft, die universell gültig ist. Im TaNaCH sind drei Ideen festgehalten, die universelle Gültigkeit haben und die Menschheit verändert haben: Es gibt erstens eine neue Auffassung von Gott: Demnach gibt es nur einen Gott, der universell gültig ist. Zweitens entwickelt die Bibel eine neue Auffassung von Macht und Herrschaft. Demnach muss die Macht von Politikern und Regierenden beschnitten werden. Es ist eine biblische Idee, Politiker zu kritisieren. Dieses Konzept hat die Welt verändert. Drittens gibt es eine neue Auffassung von Zeit. Vor der Bibel drehte sich die Zeit im Kreis, jedes Ereignis begann immer wieder von neuem, allerdings ohne Gedächtnis. Die Bibel schafft ein neues Konzept: die Zeit wird linear, weil Gott und Mensch aus der Natur heraustreten. Erst dadurch wurde Zukunft überhaupt möglich.“

Biblische Ausdrücke sind im Alltag der Israelis allgegenwärtig und zeigen sich auch im Straßenbild. Mit Bezug zu 1. Mose 12,1 deutet dieses Bild die Auswanderung vieler junger Israelis nach Berlin an.

Biblische Ausdrücke sind im Alltag der Israelis allgegenwärtig und zeigen sich auch im Straßenbild. Mit Bezug zu 1. Mose 12,1 deutet dieses Bild die Auswanderung vieler junger Israelis nach Berlin an.

Nun auch auf Englisch

Im Sommer hat der zweite Zyklus des Bibelleseplans begonnen und seitdem gibt es ihn auch in englischer Sprache. Prominente Autoren der englischen Seite sind der Dichter Jakob Azriel sowie der britische Rabbiner Jonathan Sacks. Letzterer amtiert auch als internationaler Präsident von „929“.

Der englische Internetauftritt ist ähnlich wie das Original gestaltet: das Kapitel ist schriftlich aufgeführt, zudem lässt es sich als Audiodatei anhören. Zusätzlich gibt es weiterführendes Material in Form von Fotos, Kurzvideos, Skizzen oder Gedichten. Täglich wird ein hebräisches Schlüsselwort aus dem Kapitel erklärt.

Der Vorsitzende von „929 Englisch“ ist der nationalreligiöse Rabbiner Adam Mintz aus New York. Mit dem Projekt solle auch der Dialog zwischen den Juden aus Israel und aus der Diaspora gefördert werden. Das tägliche Kapitel könne als Basis für Ideenaustausch dienen. Der Onlineausgabe der Tageszeitung „Jerusalem Post“ sagte er: „Menschen, die sich ernsthaft Gedanken um ein bestimmtes Kapitel machen und einen aufmerksamen Zugang zur Bibel haben, wollen wir eine Online-Hilfe für ernstzunehmenden jüdischen Inhalt bieten.“

„929“ bekommt Unterstützung vom israelischen Bildungsministerium, finanziert sich aber hauptsächlich aus Privatspenden. Der Leseplan „929“ orientiert sich an der Aktion „Daf Jomi (tägliches Blatt)“, bei der seit 1923 hunderttausende Juden in aller Welt jeden Tag zwei bestimmte Talmud-Seiten studieren. Auf diese Weise wird der gesamte Talmud gelesen. Doch der Reiz, die Bibel statt der Auslegungen zu lesen, scheint um einiges höher zu sein. Joe ist vor fast zehn Jahren nach Israel eingewandert. Als Fremdenführer interessiert sich der gebürtige amerikanische Jude für jüdisches Schrifttum. „Der große Vorteil von ‚929‘ ist, dass es so einfach ist. Wenn ich mir jeden Werktag ein Kapitel aus der Bibel vornehme, habe ich in dreieinhalb Jahren die ganze Bibel durchgelesen. Für das Daf Jomi brauche ich mehr als sieben Jahre.“ Joe ist begeistert: „Außerdem wird die Bibel so wirklich für jeden zugänglich. Ein Kapitel schaffe ich täglich gut. Und wenn ich mal ein paar Tage nicht zum Lesen komme, hole ich es leicht wieder auf. Wenn ich dann noch Zeit habe, lese ich auch die zugehörigen Kommentare.“

„929“ hat viele Freunde

Auch Jael gehört zu den Nutzern. Immer wieder zieht die messianische Jüdin in ihrem persönlichen Bibelstudium die Kommentare von „929“ zurate. „Für eine Kinderkonferenz suchte ich kürzlich eine Auslegung zum Propheten Maleachi. Das Schöne ist, dass sich die Kommentare bei ‚929‘ stark am Bibeltext orientieren, und nicht so sehr an den Texten der späteren jüdischen Tradition. Ich konnte fast alles eins zu eins übernehmen. An ‚929‘ finde ich klasse, dass der TaNaCH hier für säkulare und traditionsbewusste Juden zugänglich wird, die sich im Alltag sonst weniger damit beschäftigen.“

Auch Tom, der als Mordechai in eine ultra-orthodoxe Familie geboren ist, mag „929“. Wenn er auch heute säkular ist, ist er überzeugt: „‚929‘ ist ein tolles Projekt, das viele Menschen zum Bibelstudium ermutigt. Es ist wichtig, die Bibel zu kennen.“

Ende Juli starteten Hunderttausende Israelis das Bibelstudium von vorne – wieder begannen sie mit dem ersten Kapitel des ersten Buches Mose: „Bereschit bara Elohim et haSchamajim ve‘et ha‘Aretz“ – „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Der Bibelleseplan sieht das letzte Bibelkapitel für den 2. Februar 2022 vor. Dieses endet mit der Beschreibung des Endes der babylonischen Gefangenschaft: Kyrus, der König von Persien, berichtet vom Auftrag Gottes, „dem Gott des Himmels ein Haus zu bauen zu Jerusalem in Juda. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei der HERR, sein Gott, und er ziehe hinauf!“ Eine Verheißung, die dieser Tage aktueller denn je klingt. Für alle Bibelliebhaber lohnt sich ein Blick auf die Homepage 929.org.il deshalb in jedem Fall.

Hintergrund

„929“ ist ein Bibelleseplan, der in mehr als dreieinhalb Jahren (929 Arbeitstage) fortlaufend durch die Bibel führt. An jedem Tag wird ein Kapitel vorgeschlagen und Material zum Studium bereitgestellt. Dabei wirken Religiöse und Säkulare mit, Journalisten, Schriftsteller und Politiker. Erklärtes Ziel der Initiative ist es, die Bibel dem jüdischen Volk wieder näher ins Bewusstsein zu bringen. Seit Sommer 2018 ist auch Material in englischer Sprache verfügbar.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 5/2018 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online.

Von: mh

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