Früherer Schabak-Stabchef: Ajatollah wird Zerstörung des Iran nicht unterzeichnen

Auf einer Konferenz in Stuttgart gewährt ein ehemaliger Stabschef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Einblick in die geopolitische Lage. Der deutsche Journalist Broder beklagt eine „Renaissance des Antisemitismus“.
Von Elisabeth Hausen

STUTTGART (inn) – Der Schabak vereitelt pro Jahr 700 bis 1.500 Terroranschläge in Israel. Das sagte der ehemalige Stabschef beim israelischen Inlandsgeheimdienst, Lior Akerman, am Donnerstag auf einer Konferenz in Stuttgart. Damit könne der Geheimdienst 99,9 Prozent aller versuchten Attentate verhindern. Die Zahl beziehe sich auf Anschläge, für die Terroristen bereits Rekruten, einen Plan und Waffen hätten.

Er brachte ein Beispiel: Beim Schabak gehe etwa eine Warnung ein, dass sich eine Terrorzelle von der Autonomiestadt Nablus auf den Weg gemacht habe. Dann starteten binnen 2 Minuten und 40 Sekunden zwei Militärhubschrauber, um die Terroristen aufzuspüren. Die meisten Anschläge würden im Westjordanland vereitelt, einige aber auch in Israel.

Geopolitische Herausforderungen

Die Tagung veranstaltete die israelische Organisation Keren Hayesod. Referent Akerman hatte führende Positionen in der arabischen Anti-Terror-Einheit des Schabak inne. Der Fokus seines Vortrages lag auf der geopolitischen Lage und den gegenwärtigen Sicherheitsherausforderungen für den jüdischen Staat. Er wies darauf hin, dass sich in Israels Nachbarschaft mehrere Länder befänden, die keine mehr seien.

Eines von ihnen ist der Libanon. Er habe zwar eine Regierung und einen Präsidenten, aber die eigentliche Herrschaft habe trotz Israels militärischer Erfolge die Terrormiliz Hisbollah. Syrien wiederum werde von Russland kontrolliert. Wegen des Ukrainekrieges habe Präsident Wladimir Putin nach jahrelanger Unterstützung für das Al-Assad-Regime die Truppen aus Syrien abgezogen. Der neue Interimspräsident Ahmed al-Schar’a sei nicht auf Demokratie aus. Der Irak befinde sich derweil unter der Kontrolle des Iran.

Saudi-Arabien unter Kronprinz Mohammed Bin Salman habe keine diplomatischen Beziehungen zu Israel, heiße aber israelische Geschäftsleute willkommen. Voraussetzung für wirkliche Beziehungen ist nach Akermans Ausführungen, dass Israel zumindest eine Vision formuliere, wie irgendwann ein palästinensischer Staat entstehen könne. Dazu sei die derzeitige Regierung noch nicht bereit.

Der Referent ging auch auf die beiden Länder ein, die als erste arabische Staaten Friedensabkommen mit Israel unterzeichnet haben. Ägypten vermittle zwischen Israel und Akteuren wie der Hamas, es gebe sich Mühe.

Das jordanische Problem

Problematisch sei hingegen Jordanien. Von den etwa zehn Millionen Einwohnern sind nach seiner Einschätzung 70 bis 80 Prozent Palästinenser. Hinzu kämen Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und dem Iran. Das Land werde von der haschemitischen Familie beherrscht, die jedoch klein sei. „Es gibt kein jordanisches Volk“, stellte Akerman fest. Die Herrscherfamilie sei unbeliebt. Doch wenn das Königreich falle, könne der Iran über den Irak und Jordanien direkt Israel angreifen – die gemeinsame Grenze ist 300 Kilometer lang. Deshalb sei es im israelischen Interesse, das haschemitische Königtum zu erhalten.

Foto: Israelnetz/Elisabeth Hausen
Mit dieser Landkarte verdeutlichte Akerman das Größenverhältnis der muslimischen Länder (grün) zum einzigen Staat Israel (rot markiert)

Mit Bezug auf die Türkei wies der frühere Schabak-Mitarbeiter darauf hin, dass Staatsgründer Kemal Atatürk in der Verfassung festgelegt hatte, sie solle kein religiöses Land sein. Wenn ein Präsident dies ändern will, darf die Armee ihn stürzen. Das sei zwischen 1960 und 1990 etwa alle zehn Jahre einmal geschehen. Doch Recep Tayyip Erdogan habe die Regel außer Kraft gesetzt.

Mit der Vision, die Sunniten zur Weltherrschaft zu bringen, stelle die heutige Türkei einen Gegenpol zum schiitisch geprägten Iran dar. Dieser bleibt die größte Bedrohung in der Region: Das Regime strebe, allen Verhandlungen mit den USA zum Trotz, weiter die Atombombe an.  

Dass der Iran sie dann gegen Israel einsetzen werde, bezweifelt Akerman indes. Denn dann werde der jüdische Staat, der „gemäß ausländischen Quellen“ über etwa 200 Atombomben verfüge, hart zurückschlagen. Und der Ajatollah werde kaum die Zerstörung des Iran unterzeichnen. „Sie können Israel nicht zerstören. Aber die Lage ist nicht einfach“, ergänzte er mit Bezug auf nächtlichen Raketenalarm und Aufenthalte im Schutzraum.

Machtkampf um Abbas-Nachfolge zu erwarten

Was das Westjordanland angeht, rechnet der Referent mit einem Machtkampf um die Nachfolge des Vorsitzenden der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Zwar habe der 90-jährige Fatah-Chef im vergangenen Jahr erstmals einen Stellvertreter bestimmt. Doch mehrere andere Politiker dürften sich selbst für den wahren Nachfolger halten.

Im Gazastreifen wiederum habe das Massaker vom 7. Oktober 2023 Israel zur Erkenntnis gebracht, dass die Hamas dort keine Macht mehr haben dürfe. Denn die Terrorgruppe strebe die Vernichtung des jüdischen Staates an. Zudem habe sie Ägypten, Jordanien, Syrien und Saudi-Arabien im Visier. Nur wenn sie sich völlig entwaffne, könne es mit dem Gazaplan vorangehen. Deshalb müsse die israelische Armee vorerst im Gazastreifen präsent bleiben.

Broder: „Renaissance des Antisemitismus“

Ein weiteres Thema der Konferenz war Antisemitismus in Deutschland. Der Journalist Henry M. Broder las einen Artikel vor, den er am 29. Dezember in der „Welt“ publiziert hatte: Unter dem Titel „Er ist wieder da!“ befasste er sich mit der „Renaissance des Antisemitismus“. Er nahm Bezug auf den Publizisten Michel Friedman, der sich zum Mobbing gegenüber jüdischen Schülern in Deutschland geäußert habe, ohne „die Mobber beim Namen zu nennen“.

„Könnten es katholische Pfadfinder aus Polen sein? Protestantische Schachspieler aus Dänemark? Mormonen-Kinder aus Utah? Amish-Söhne und Töchter aus Pennsylvania oder die zuletzt ins Gerede gekommenen australischen Austauschstudenten?“, fragte Broder ironisch. Er gab dann selbst zu: „Die Sache ist nicht ganz einfach, denn es geht nicht um ‚Migranten‘ und ‚Muslime‘ als solche, sondern um Zugewanderte, die das Land, das sie aufgenommen hat, verachten und es in ein Kalifat verwandeln wollen.“

Weiter heißt es in dem Artikel: „Es sind überwiegend Menschen, die in Gesellschaften sozialisiert wurden, die weder bunt noch tolerant sind, wo der Judenhass entweder Staatsdoktrin oder Fundament der Volkskultur ist. Oder beides.“

Foto: Israelnetz/Elisabeth Hausen
Broder fordert, dass die Hauptverantwortlichen für antijüdische Aggression genannt werden

Broder erinnerte zudem an eine Anhörung, zu der ihn der Bundesinnenausschuss im Juni 2008 eingeladen hatte. Dort beschrieb er den „modernen Antisemiten“: Dieser „hat keine Glatze, dafür Manieren, oft auch einen akademischen Titel, er trauert um die Juden, die im Holocaust ums Leben gekommen sind, stellt aber zugleich die Frage, warum die Überlebenden und ihre Nachkommen aus der Geschichte nichts gelernt haben und heute ein anderes Volk so misshandeln, wie sie selber misshandelt wurden“.

Der moderne Antisemit „gedenkt selbstverständlich jedes Jahr der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, zugleich aber tritt er für das Recht des Iran auf atomare Bewaffnung ein“.  Leider hätten seine Ausführungen nichts bewirkt, sagte Broder auf der Konferenz, sie seien vielmehr aktueller denn je.

Israels Recht auf das Land

Über das „Recht des jüdischen Volkes auf das Land Israel“ sprach der Theologe und Journalist Johannes Gerloff, der seit mehr als 30 Jahren in Israel lebt. Nach seiner Überzeugung gehört das Land aus biblischer Sicht Gott, der es dem jüdischen Volk zur Verfügung stellt. Dieses habe kein Recht, Land abzugeben – das übrigens auch nach internationalem Recht den Israelis zustehe.

Statt des aus seiner Sicht missverständlichen Begriffes „Antisemitismus“ verwendet der frühere Israelnetz-Korrespondent den Ausdruck „Judäophobie“. Deren Symptom sei Hass, doch sie fange früher an. Die neueste „Mutation dieses Virus“ sei der Antizionismus, der dann auch die Beziehung des jüdischen Volkes mit dem Land Israel leugne. Christliche Theologie sei „judäophob durchtränkt“, Christen müssten zu Gott umkehren. 

Neumann: „Wiedererwachen des Bösen“

Der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, schilderte die Situation der Juden in Deutschland nach dem 7. Oktober. Das Massaker habe eine Retraumatisierung verursacht, das „Wiedererwachen des Bösen“ habe die Juden erschreckt. Der jüdische Zufluchtsort habe sich als verletzlich erwiesen. Zwar habe Israel den „Ring des Feuers“ erfolgreich zurückgeschlagen. Doch die Verunsicherung bleibe.  

Erschüttert habe ihn aber auch die Reaktion vieler Weggefährten, die von Schweigen oder gar Kälte geprägt gewesen sei. Solidarisierung, auch angesichts der vielen anti-israelischen Kundgebungen, habe er vermisst. Eine katholische Schule in Darmstadt etwa, die viele jüdische Kinder besuchten, habe sich trotz Aufforderung durch die Schüler nur schwer dazu durchgerungen, den 7. Oktober zu thematisieren. Umso erfreulicher ist für Neumann die wirkliche Freundschaft vieler evangelikaler Israelfreunde, die auch nach dem Massaker Juden in Deutschland zur Seite stünden.

Der Veranstalter der Konferenz mit geladenen Gästen, Keren Hayesod, unterstützt unter anderem Einwanderer und Terror-Opfer. In diesem Zusammenhang ist die Förderung von 6.000 Bnei Menasche aus Indien vorgesehen, die in den kommenden Jahren Alija machen dürfen. Derzeit finanziert die Organisation ferner Hilfsmaßnahmen und Therapien für Israelis, die infolge des Gazakrieges unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Zudem hilft sie Menschen, die in ihren zerstörten Kibbuz nahe der Gaza-Grenze zurückkehren oder im von Hisbollah-Raketen bedrohten Norden leben.

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