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Friedliche Koexistenz in außergewöhnlichem Ambiente

Das YMCA-Gebäude in Jerusalem zeugt von der Architektur der Mandatszeit. Es bietet Raum für ein besonderes Miteinander.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Am 11. Dezember 1917 betrat der britische General Sir Edmund Allenby, Befehlshaber der Ägypten Expedition Truppe, Jerusalem durch das Jaffator. Als Zeichen seiner Bescheidenheit zu Fuß. Zwei Tage zuvor, am 9. Dezember, hatten die Osmanen Jerusalem, nach 400-jähriger Herrschaft, kampflos an die Briten übergeben.

Zwei Köche der Commonwealth Forces suchten in Lifta, einem Dorf westlich von Jerusalem, nach frischen Eiern. Eine Gruppe muslimischer Würdenträger sowie der Bürgermeister von Jerusalem näherten sich. Zum Zeichen ihrer Kapitulation trugen sie eine weiße Fahne. Die arabische Delegation übergab die „Schlüssel zu der Heiligen Stadt“.

Die kampflose Übergabe der Osmanen an die Briten verschonte die historische Altstadtmauer sowie die heiligen Stätten vor Zerstörung. Lord Allenby erklärte: „Jedes Gebäude wird geschützt werden gemäß der existierenden Gebräuche sowie des Glaubens.“

Umfangreiche britische Bauarbeiten

Das Datum markierte den Beginn der britischen Herrschaft über Palästina, zunächst als Militärverwaltung, ab 1920 als Mandatsmacht. Es markierte auch den Beginn von umfangreichen britischen Bauaktivitäten in Jerusalem. Der einsetzende Bauboom war ein Jobmotor. Es entstanden Arbeitsplätze für jüdische Einheimische, jüdische Immigranten sowie für die Arbeitssuchende der arabischen Bevölkerung aus den umliegenden Gebieten.

Die Türken hatten Jerusalem nur wenig Beachtung geschenkt, die Stadt dämmerte während ihrer 400-jährigen Herrschaft vor sich hin und hatte dabei den Anschluss an die Moderne verloren. Das sollte sich unter den Briten ändern. Sie wählten Jerusalem als Verwaltungssitz, ein Weckruf für die Stadt aus einem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf.

1921 entwickelte die britische Mandatsmacht über Palästina einen Masterplan für Jerusalem. Der schottische Stadtplaner und Architekt Patrick Geddes nominierte den Skopus-Bergrücken als Standort der Hebräischen Universität Jerusalem. Finanziert wurde das Bauvorhaben von jüdischen Zionisten.

Jerusalem erlebte in den Folgejahren eine sichtbare Transformation von einer provinziell anmutenden Stadt osmanischen Charakters zu einem modernen Verwaltungs- und kulturellen Zentrum. Namenhafte britische Architekten entwarfen öffentliche Gebäude im sogenannten „Mandat-Stil“, einer Verschmelzung von westlichen und östlichen Elementen. Jerusalem expandierte nach Norden, Süden und im Westen.

Von orientalischer Kunst geprägt

Chefarchitekt der britischen Abteilung für Öffentliche Bauvorhaben war Austen St. Barbe Harrison. Stark auch von orientalischer Kunst inspiriert, arbeitete Harrison Entwürfe für die für Jerusalem typischen Sandsteingebäude aus, in denen er architektonische Elemente aus dem Orient und Okzident aufgriff und ebenbürtig integrierte.

Beispiele seines unverwechselbaren Architekturstils finden sich einige in Jerusalem, wie etwa das imposante Gebäude der Hauptpost an der Jaffa-Straße, das Rockefeller-Museum, vormals Palästinensisches Archäologisches Museum und heute dem Israel-Museum Jerusalem und der Israelischen Altertumsbehörde (IAA) angegliedert.

Erwähnt werden sollte auch und das „Government House“, Hebräisch Armon HaNatziv, einst Sitz der britischen Hochkommissare für Palästina in Talpiot. Heute wird der Gebäudekomplex von der Organisation der Vereinten Nationen zur Überwachung des Waffenstillstands (UNTSO). Die militärische Beobachtermission entstand aus der am 29. Mai 1948 verabschiedeten Resolution 50 des UN-Sicherheitsrates.

Bauzeit in einer unruhigen Phase

Ein weiteres Zeugnis britischer Mandats-Architektur ist der YMCA Jerusalem (Young Men Christian Association). In Deutschland heißt die Organisation heute Christlicher Verein Junger Menschen (CVJM). Das Gebäude wurde entworfen vom britischen Architekten des Empire State Buildings in New York City, Arthur Loomis Harmon. Bauzeit war während einer unruhigen Phase, von 1924 bis 1933, die Zeit der arabischen Aufstände.

Der YMCA war am 6. Juni 1844 in London als Reaktion auf die prekären sozialen Verhältnisse in den Großstädten am Ende der industriellen Revolution (etwa 1750 bis 1850) gegründet worden. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes und die Zentralisierung von Handel und Industrie spülte viele junge arbeitslose Männer vom Lande in Städte wie London. Arbeitstage von zehn bis zwölf Stunden, sechs Tage die Woche, waren seinerzeit die Norm.

Fern ihrer Heimatorte, schliefen die jungen Männer dicht gedrängt in Zimmern über dem Laden ihrer Arbeitgeber. Wenn auch spartanisch, aber sicherer als die berüchtigten Londoner Mietskasernen. Offene Abwasserkanäle sorgten für katastrophale hygienische Zustände. Taschendiebe und Schläger trieben ihr Unwesen. Betrunkene torkelten über die Gehsteige und belästigten Passanten. Vielerorts Bettler und verwahrloste Kinder.

Auch George Williams, 1821 auf einem Bauernhof geboren, zog es in die Großstadt an der Themse, wo er zunächst eine Anstellung als Verkäufer in einem Textilgeschäft fand. Entsetzt über die Zustände, gründete Williams gemeinsam mit Tuchmacherkollegen den ersten YMCA, um das Leben auf der Straße durch Bibelstudium und Gebet zu ersetzen. 1851 gab es in Großbritannien bereits 24 YMCAs mit insgesamt 2.700 Mitgliedern und noch im selben Jahr das Erste in Nordamerika. 1853 wurde der erste YMCA für Afroamerikaner in Washington, D.C., von Anthony Bowen, einem befreiten Sklaven, gegründet. Im Jahr darauf fand in Paris der erste internationale Kongress statt.

Gesellschaftliche und soziale Grenzen überwinden

In Deutschland entstand 1848 der erste CVJM-Regionalverband. Die grundlegende Versammlung, aus der später der Gesamtverband hervorging, tagte 1882. Da sich immer mehr Frauen einbrachten, wurde 1984 aus dem Christlichen Verband Junger Männer der Christliche Verband Junger Menschen.

Die YMCA-Bewegung war revolutionär, denn sie überwand die starren gesellschaftlichen und sozialen Grenzen. Jeder war willkommen. Das soziale Engagement stand von Beginn an im Mittelpunkt.

George Williams wurde 1894 von Königin Victoria für seine YMCA-Arbeit zum Ritter geschlagen und 1905 in der St. Paul’s-Kathedrale unter den Helden und Staatsmännern der Nation beigesetzt. Ein großes Glasfenster in der Westminster-Abtei mit einem roten Dreieck ist den YMCAs, Sir George und der YMCA-Mission gewidmet.

Das „Jerusalem International YMCA“ ist ein Hotel mit Kultur-, Sport- und Bildungszentrum im Herzen der Stadt. Im Fokus steht das Bestreben, Gleichheit und Freundschaft zwischen Mitgliedern aller Religionen zu fördern, wobei der Schwerpunkt auf Judentum, Christentum und Islam liegt. Der Ort ist offen für Multikulturalität und will Raum der friedlichen Ko-Existenz bieten.

Ein Blickfang in Jerusalem

Das imposante Gebäude liegt an der King-David-Straße, vis à vis dem legendären King-David-Hotel. Mit seinen eleganten Bögen, Säulengängen, Kuppeln und dem 46 Meter hohen Aussichtsturm mit Blick auf die Alt- und Neustadt, ist es ein Blickfang und zählt zu den Wahrzeichen Jerusalems. Der Steinkomplex ist ein Stilmix aus Byzantinisch, Romanisch, Gotisch und Neo-Maurisch, und reich mit dekorativen Elementen verziert. Sie repräsentieren die drei monotheistischen Glaubensrichtungen.

Jedes Bauelement ist von hoher Symbolik, wie etwa die 40 Säulen des Vorhof-Bogengangs. Sie verkörpern die 40-jährige Wanderschaft der Israeliten durch die Wüste sowie Jesu 40 Tage in der Wüste und die satanischen Versuchungen. Die 12 Fenster im Auditorium stehen für die 12 jüdischen Stämme, die 12 Jünger Jesu sowie die 12 Gefährten des Propheten Muhammads.

In die Turmfront ist ein Seraph mit 6 Flügeln eingemeißelt. Die Seraphim sind Engel, die in den Lehren der abrahamitischen Religionen von Gott erschaffen wurden und ihm untergeordnet sind. In der Berufungsvision des Jesaja werden Mischwesen aus Tier- und Menschengestalt, die zum Hofstaat JHWHs (des Herrn) gehören, als Seraphim bezeichnet.

Vision aus Jesaja 6 nach der Elberfelder Übersetzung:

1 Im Todesjahr des Königs Usija, da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und die Säume seines Gewandes füllten den Tempel. 2 Serafim standen über ihm. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel: Mit zweien bedeckte er sein Gesicht, mit zweien bedeckte er seine Füße, und mit zweien flog er. 3 Und einer rief dem andern zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen! Die ganze Erde ist erfüllt mit seiner Herrlichkeit!

Aufmerksame Besucher entdecken am Eingang zum YMCA Symbole der vier Apostel und eine Darstellung der Samariterin mit dem Krug. Sie hatte Jesus als Messias anerkannt. Im Nordflügel schmücken Tiere die Säulen-Kapitelle, wie etwa ein Lamm, das Symbol für Jesus. Inschriften bekunden die Einheit G-ttes. Die arabische lautet, la ilaha illa Allah, auf Deutsch: „Es gibt keinen Gott außer Allah“. Das jüdische Glaubensbekenntnis:Schema Jisra’el Adonai Elohenu Adonai echad: „Höre, Israel, HaSchem, unser G-tt, ist ein einiges, ewiges Wesen!“

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Der Löwe symbolisiert den Evangelisten Markus

Eine Nachbildung der Madaba-Karte ist im Eingangsbereich zur Hotellobby eingelassen. Der Ausschnitt zeigt die Stadtvignette von Jerusalem. Die Madaba-Karte ist ein fragmentarisch erhaltenes frühbyzantinisches Bodenmosaik, entdeckt in Jordanien. Es ist die älteste im Original erhaltene kartografische Darstellung des Heiligen Landes beiderseits des Jordans und Unterägyptens. Sie wurde möglicherweise während der Regierungszeit Kaiser Justinians († 565), angefertigt.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Die Nachbildung der Madaba-Karte von Jerusalem im Eingangsbereich

Die Lobby lädt zum Verweilen ein. Die Möbel sind unverkennbar im Damaskus-Stil, so auch die Lobby-Decke. Sie wurde einst von Damaskus nach Jerusalem überführt.

Ein Gebetsraum unter dem herausragenden Wahrzeichen des Jerusalemer YMCA, dem Turm, lädt zur Kontemplation ein. Die 12 Felsbrocken stammen aus Zedekias Höhle, einem der Steinbrüche zur Zeit König Salomos. Zedekia gilt als der „erste Freimaurer“.

Die syrophönizische Frau

Auf dem Boden eine Bibelszene: Hunde fressen die Krümel auf der Hochzeit. In Matthäus 15 heißt es:

Eine kanaanitische Frau aus der Umgebung kam zu ihm und rief: „Herr, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter ist von Dämonen besessen und leidet schrecklich.“ Er antwortete: „Ich wurde nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt.“ Die Frau kam und kniete vor ihm nieder. „Herr hilf mir!“, sagte sie. Er antwortete: „Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ „Ja, das ist es, Herr“, sagte sie. „Sogar die Hunde fressen die Krümel, die vom Tisch ihres Herrn fallen.“ Dann sagte Jesus zu ihr: „Frau, du hast großen Glauben! Deine Bitte wird erfüllt.“ Und ihre Tochter wurde in diesem Moment geheilt.

Bei der Einweihung des Gebäudes im Jahr 1933 brachte Lord Edmund Allenby den Geist des YMCA in seinen Worten auf den Punkt: „Hier ist ein Ort, dessen Atmosphäre von Frieden geprägt ist, an dem politische und religiöse Eifersüchteleien vergessen werden können und an dem die internationale Einheit gefördert und entwickelt wird.“ Die YMCA-Mitglieder und -Mitarbeiter leben diesen Geist und Mission täglich vor.

Der wohl einflussreichste britische Beitrag zum architektonischen Charakter Jerusalems ist ein Erlass, der forderte, dass alle neuen Gebäudefassaden aus hellem Sandstein beziehungsweise aus dem Meleke gebaut oder zumindest verkleidet sein müssen. Das Wort heißt „königlich“, Meleke wird auch „Jerusalemstein“ genannt. Weißen Kalkstein verwendete schon König Herodes für seine Bauwerke bevorzugt. Am 14. Mai 1948 verließen die Briten Palästina, ihre Fassaden-Erlass von 1918 gilt bis heute.

Das besondere architektonische Ambiente des YMCA Jerusalem lädt zum Verweilen ein – und dazu, den Geist des Hauses zu spüren und zu verinnerlichen: friedliche Koexistenz.

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2 Antworten

    1. @ Christa Ackermann, ich finde, dass es ein trauriger Bericht ist, weil er das „Alleinstellungsmerkmal“ Gottes untergräbt! Es gibt einen Gott – Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit …“
      Lieber Gruß Martin

      1

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