Eine unbeleuchtete Fluchtroute

Die Israelin Mikhal Dekel beleuchtet ein unbekanntes Kapitel des Holocaust. Ihr Buch „Die Kinder von Teheran“ ist eine erfrischende Mischung aus umfassender Wissensvermittlung und einem persönlichen Bericht. Wer zu lesen beginnt, mag es nicht mehr aus der Hand legen. Eine Rezension von Merle Hofer
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on email
Hunderte jüdische Kinder verbrachten einen Teil ihrer Kindheit in Teheran

Foto: Amir Pashael, Wikipedia

Hunderte jüdische Kinder verbrachten einen Teil ihrer Kindheit in Teheran

In „Die Kinder von Teheran. Eine lange Flucht vor dem Holocaust“ erzählt Mikhal Dekel die Geschichte ihres Vaters, der als eines von knapp 900 polnisch-jüdischen Kindern 1943 aus dem besetzten Polen über Teheran bis nach Palästina flieht. Anhand seiner Biografie gelingt es Dekel, ein weitgehend unbekanntes Kapitel des Holocaust zu beleuchten. Erfolgreich verwebt die Autorin die vielschichtigen Ereignisse miteinander, die nicht weniger komplex sind als die bekannteren Ereignisse in Europa während des Holocausts. Dekel stellt fest: „Hannans Flüchtlingsjahre haben ihn zweifellos geprägt, aber ich besitze nur wenige fotografische Belege“ für die Einzelheiten der Flucht. „Zwischen Polen und Palästina, zwischen den Familienfotos aus Ostrów und denen aus Haifa, klafft eine gewaltige Lücke.“

Diese Lücke zu schließen, gelingt der Israelin auf eindrückliche Weise, indem sie ihre eigene Familiengeschichte in den größeren Kontext einordnet. Vergleichsweise behütet wächst Dekel in Haifa auf. Über seine Flucht als Kind schweigt der Vater. Erst durch die Begegnung mit einem aus dem Iran stammenden Kollegen in New York beginnt die Professorin für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft Fragen zur Kindheit ihres Vaters zu stellen. Dass dieser eben nicht aus Teheran stammt, sondern eigentlich Pole war, begreift sie erst, als er auf seinem Totenbett Polnisch spricht.

Dekel beschreibt ihre eigenen Vorbehalte zu Beginn der Recherche und den Umstand, dass sie ihren Vater nie als Holocaust-Überlebenden gesehen hatte: „Die Geschichte meines Vaters war eine typisch israelische Geschichte.“ Holocaust-Überlebende hingegen „waren Leute, die im Israel meiner Kindheit und Jugend eine Aura gedämpfter Scham und Angst verströmten“. Dazu hätten ihr Vater und die anderen „Teheran-Kinder“ keinesfalls gezählt.

Gespräche mit Zeitzeugen

Die Autorin zeichnet den größeren Kontext nach, in dem die „Teheran-Kinder“ zu sehen sind: Mehr als eine Million polnische Juden flohen über die Sowjetunion vor den Nazis. Im Gegensatz zu bekannten Fotos aus den Lagern in Europa gab es von ihnen hingegen „keine ikonischen Bilder“. Dekel fährt nach Polen und sucht nach Spuren der Familie ihres Vaters. Sie führt zahlreiche Gespräche mit Überlebenden der „Teheran-Kinder“ und deren Nachfahren. Auf anschauliche Weise wertet sie historische Quellen aus Archiven sowie zahlreiche Interviews aus. Sie gibt Gespräche mit Zeitzeugen wieder und zeichnet die Todesangst der Flüchtlinge auf sowie die Hoffnung auf einen Neuanfang in einem unbekannten Land. Sie hält die Stationen der Flucht fest.

Mikhal Dekel: „Die Kinder von Teheran. Eine lange Flucht vor dem Holocaust“, wgb Theiss, 464 Seiten, 28 Euro, ISBN: 978-3-8062-4278-2 Foto: wgb Theiss
Mikhal Dekel: „Die Kinder von Teheran. Eine lange Flucht vor dem Holocaust“, wgb Theiss, 464 Seiten, 28 Euro, ISBN: 978-3-8062-4278-2

Dekel spricht vom Schweigen in ihrer Familie und davon, was dieses bis heute für Folgen für ihre eigene Familie hat. Ihr Vater überlebte die Verfolgung des Zweiten Weltkriegs. Er entkam den Nazis, und doch prägte ihn diese Verfolgung sein ganzes Leben. Die Autorin berichtet vom polnischen Nationalismus, von der Geschichte der Juden im Iran und in Zentralasien. Die Mittfünfzigerin thematisiert das israelische Selbstverständnis der sogenannten „zweiten Generation“, der Nachkommen der Holocaust-Überlebenden, und ihre Herausforderungen. Zudem schildert sie anschaulich, wie Juden während des Weltkrieges im Iran aufgenommen wurden.

Immer wieder schlägt sie eine Brücke zur Gegenwart, etwa wenn sie von den Begegnungen mit ihrem amerikanischen Kollegen berichtet und dieser ihr Fotos von Gräbern aus Teheran schickt, die bis heute erhalten sind. Auf allen ist der Buchstabe „J“ eingraviert sowie ein Davidsstern und ein „P“ für Pole. Ebenfalls ist bis heute die jüdische Grabinschrift auf Hebräisch zu lesen: „Ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens“. So bekommt der Leser neben vielen historischen Fakten noch einen Einblick in das aktuelle Geschehen der Stationen, auf denen die „Teheran-Kinder“ unterwegs waren: aus Polen, Russland, Usbekistan, Kasachstan und aus dem Iran – und schließlich aus dem heutigen Israel.

„Die Kinder von Teheran“ ist ein Sachbuch, das gleichzeitig so persönlich und packend geschrieben ist, dass der Leser in manchen Teilen denkt, er halte einen Brief in den Händen. Dekel lässt auch eigene Gefühle und Gedanken in ihr Rechercheergebnis einfließen. Das Buch ist ein Gewinn für die Holocaustforschung und ein Geschenk an den interessierten Leser – auch deshalb, weil die deutsche Übersetzung sehr gut gelungen ist.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 5/2021 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5 66 77 00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gern können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.