Eindrücke aus dem Schutzraum

Seit Samstag ertönt häufiger Raketenalarm in Israel. Er unterbricht jegliche Tätigkeiten. Im Schutzraum vermitteln Psalmen Hoffnung.
Von Merle Hofer
Bunker Kol Rina

Tag vier im aktuellen Krieg mit dem Iran. Seit Samstagmorgen ist der Lärm von Flugzeugen auch in Jerusalem wieder allgegenwärtig. Die israelische Luftwaffe fliegt gefühlt ununterbrochen, meist auf dem Weg nach Osten, zu den Angriffszielen in den Iran.

Militärsprecher erklären der israelischen Bevölkerung mit Kartenmaterial, welche Ziele sie angegriffen haben: Das Hauptquartier von Ajatollah Ali Chamenei, Regierungsgebäude, die Nachrichteninfrastuktur der Regierung. Außerdem zeigen sie Iraner, die den Tod des „Revolutionsführers“ offen auf den Straßen des Iran und der ganzen Welt feiern.

Frühwarn-Apps für Raketenalarm

Die von den Israelis entwickelten Apps, die das Eindringen von Drohnen und Raketen aus feindlichen Ländern in israelisches Gebiet registrieren, sind in den vergangenen Jahren immer genauer geworden. Vor einem Raketenalarm kommt die erste Warnung als vibrierendes Geräusch auf das Handy, mit „diesem so unangenehmen Geräusch, das ihr schon aus den vergangenen Kriegen kennt“ – Zitat einer israelischen Fernsehmoderatorin.

In der Nachricht ist auf Hebräisch, Englisch, Arabisch und Russisch zu lesen: „In den kommenden Minuten wird ein Alarm erwartet. Bitte halten Sie sich nahe eines geschützten Raumes auf. Wenn der Alarm ertönt, gehen Sie dort hinein, bis Sie neue Informationen erhalten.“

Foto: Israelnet/mh
Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann die Nachricht auf den Telefonen erscheinen

Die Wohnungen in neueren Gebäuden sind in Israel durchweg mit Schutzräumen ausgestattet. Für die Bewohner älterer Gebäude gibt es Bunker aus früheren Zeiten.

So unterschiedlich, wie Menschen mit Bedrohung und Druck umgehen, sind auch die Reaktionen auf die eingegangene Nachricht auf dem Mobiltelefon. In Mehrpersonenhaushalten überschlagen sich schon mal die Stimmen. Je nach Tageszeit ist dann etwa zu hören: „Schaffe ich es noch aufs Klo? Kann ich noch Zähne putzen? Wir haben doch gerade erst angefangen zu essen!“

Nachts ist die Stimmung eher ruhig, jeder kommt verschlafen aus dem Zimmer. Manche kommen im Schlafanzug und Hausschuhen, manche ziehen sich in stoischer Ruhe ihre Straßenkleidung an, andere ziehen sich lediglich ihre Kleider über ihren Schlafanzug. Wenige Minuten später ertönt dann meist die örtliche Sirene.

Und für alle, die keinen Schutzraum haben, wie etwa in den meisten Gebäuden der historischen Jerusalemer Viertel Nachlaot und Rechavia, ist es nun Zeit, loszulaufen. Hier rennen die Bewohner die Straßen und schmalen Gassen entlang, zum nächstgelegenen öffentlichen Bunker. Wer spät dran ist, sieht auf dem Weg lange Streifen im strahlend blauen Himmel – in der Nacht erinnern sie an ein unkoordiniertes, aber beeindruckendes Feuerwerk.

Foto: Israelnetz/mh
Die Streifen am Himmel zeugen von den Raketenangriffen und deren Abwehr

Kurz darauf ertönen mehrere laute Einschläge. Meist ist es gar nicht der Raketeneinschlag selbst, sondern das Geräusch, der „Bum“, wie die Israelis sagen, das entsteht, wenn das Abwehrsystem Eisenkuppel die Rakete abschießt.

Dabei kommt es zu vielen Splittern und die israelischen Sicherheitskräfte betonen immer wieder, wie wichtig es ist, gerade jetzt in den Bunker zu gehen, und dann mindestens zehn Minuten, beziehungsweise bis zum nächsten Signal, abzuwarten. Wenn es in der Vergangenheit zu Verletzten oder Toten kam, war vor allem immer wieder der Grund, dass diese sich nicht an die Vorschriften gehalten haben.

Mit Psalmen gegen Raketen

Im Bunker treffen sich Säkulare und Religiöse, Kinder und Jugendliche, Studenten und Berufstätige, Familien und Alleinstehende. Übermüdete Eltern versuchen, ihre Sprösslinge mit Spielen oder Bilderbüchern bei Laune zu halten. Die meisten sind sich aus der Umgebung vom Sehen bekannt, haben aber noch nie miteinander gesprochen. Plötzlich teilen sie diese intimen Momente. Viele Menschen auf engstem Raum. Plötzlich wirft man sich ein unsicheres Lächeln zu oder beginnt ein Gespräch.

Ein Spruch, der aus dem Golfkrieg geblieben ist: „Tehilim neged Tilim, Psalmen gegen Raketen“. Und so gibt es Bunker, in denen Psalmenbücher verteilt werden. Manche nehmen sie und fangen an zu lesen und zu beten, andere lehnen dankend ab.

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Manche Bunker sind mit Toiletten ausgestattet, andere nicht. Manche sind vorher gereinigt, andere nicht. In manchen gibt es Wasser und Stühle, in anderen vor allem vermüllte Ecken. In einem Bunker im Jerusalemer Zentrum geht eine junge Frau herum und verteilt Kekse. Die Besucher nehmen sie dankend an. Die junge Frau erklärt fröhlich: „Diese Kekse hat die Mutter meiner Freundin gebacken. Bitte nehmt reichlich. Wir haben Massen davon. Sie wird sich sehr freuen, dass sie euch schmecken.“

Auch Hunde- und Katzenbesitzer bringen ihre Schützlinge mit in den Bunker; die Hunde spüren die überirdischen Erschütterungen übermäßig stark und zittern auch noch nach den Einschlägen minutenlang.

Bunker mit Charme

Der Bunker „Kol Rina“ (Jubelstimme) in Nachlaot dient seit mehr als zwei Jahrzehnten als Synagoge und Gemeindezentrum der Bewegung, die nach dem verstorbenen amerikanischen Rabbiner und Musiker Shlomo Carlebach benannt ist. Sie ist bekannt für ihre musikalischen Gottesdienste – und so verwundert es auch nicht, dass sich bei den mehrfach täglichen und nächtlichen Raketenalarmen Menschen zum Singen und Gitarrenspiel verabreden oder spontan ihr Morgen- oder Abendgebet verrichten.

Am heutigen Dienstagabend beginnt das Purim-Fest in Jerusalem. Bereits in den vergangenen Tagen waren aus dem Bunker vermehrt Purim-Lieder zu hören.

Die offiziellen Feste sind landesweit abgesagt. Tausende Israelis lassen sich aber von den Verboten nicht abhalten und feiern trotzdem – in dem Bewusstsein, dass die Polizei die Party jederzeit sprengen könnte. „In einem Bunker in der dritten Etage unter der Erde wurde die Luft schon recht knapp“, beschrieb ein Israeli seine Erfahrung der vergangenen Nacht. Er blieb trotzdem bis 5 Uhr morgens. „Wir haben uns während der Party die ganze Zeit gesagt, dass wir sicher zwei bis drei Alarme verpasst haben.“

Beim erneuten Alarm am Dienstagmittag freut sich die zehnjährige Noemi im Bunker „Kol Rina“ auf den Abend: „Ich verkleide mich als Königin“. Vielleicht als Königin Esther? „Einfach als Königin.“ Mit ihren Geschwistern und Bewohnern aus einer benachbarten Wohngemeinschaft spielt sie ein Kartenspiel. Plötzlich ertönt auf den meisten Handys erneut ein Warnsignal. Die Nachricht erscheint wieder viersprachig: „Der Raketenangriff hat geendet. Sie dürfen den Schutzraum verlassen.“

Die Erwachsenen aus der WG springen auf. Noemis jüngerer Bruder David zeigt sich enttäuscht: „Können wir noch eine Runde spielen?“ Die Erwachsenen trösten: „Beim nächsten Alarm gerne wieder.“ David und Noemi nicken erfreut. Dann sagt Noemi: „Be Esrat HaShem, so Gott will, wird es kein nächstes Mal geben.“

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2 Kommentare

  1. Ich selbst habe in Israel schon mehrmals Raketenangriffe erlebt; in unserer Wohnung in Kfar Yona wurde unsere Tiefgarage in Musik- und improvisierte Schlafräume umfunktioniert, um die körperliche Belastung zu verringern.

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  2. Danke Frau Hofer für diesen Beitrag. Wir können uns das hier gar nicht wirklich vorstellen. Für mich ist es beeindruckend, dass die Israelis sich so standhaft zeigen, auch wenn Purim dieses Jahr anders ist. Ich denke gerade an unsere Mitforisten, an Am Israel chai und ihren Mann Chaim, sie nutzt die Zeit, im Krankenhaus zu helfen, an Sam, der dort im Bunker nicht sein möchte. So unterschiedlich nehmen Menschen Gefahr wahr und gehen damit um. Dass dort im Bunker jeder Mensch und jedes Tier seinen Platz hat, dass lachen, singen, beten, tanzen, verkleiden, spielen seinen Platz hat. Und auch Angst. Ich bete für euch alle, dass ihr bewahrt bleibt. Eine leichte Zeit ist es nicht. 🙏🇮🇱🛐

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