Einblick ins Judentum ohne Klischees

Judentum ist nicht nur und nicht vor allem Gesetzesreligion. Das verdeutlicht ein Buch, das sich mit dem Wesen des jüdischen Denkens befasst.
Von Ulrich W. Sahm

Foto: Stiftung Stuttgarter Lehrhaus

Der Titel „Tenachon“ leitet sich von der jüdischen Bezeichnung für die Bibel ab

Das Buch „Tenachon“ präsentiert das Judentum mit einer vielschichtigen Beschreibung. Der Titel bezieht sich auf die jüdische Bezeichnung für die Hebräische Bibel, TaNaCH. Die Abkürzung steht für Tora, Nevi’im und Ketuvim – Tora, Propheten und Schriften.

Viele haben gehört, dass das Judentum eine Gesetzesreligion sei. Doch nur die Zehn Gebote bilden den Ursprung der Gesetze. Die Zusammenfassung der 613 biblischen Ge- und Verbote geschah erst in talmudischer Zeit, also in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.

Die Autoren von „Tenachon“ haben sich vielmehr auf das Wesen und die Entstehungsgeschichte des Judentums besonnen. Sie haben die Bibelverse ab der Schöpfungsgeschichte mitsamt den rabbinischen Kommentaren der letzten 2.000 Jahre geprüft.

Gebote und weltanschauliche Aussagen

Es stellt sich heraus, dass die jüdischen Schriftgelehrten die biblischen Texte seit der talmudischen Zeit auf Gottes Befehle durchsucht haben, um so die – wie es heißt – 613 „Gesetze“ in der Bibel zu finden und zum Kodex der jüdischen Gesetzesreligion zu sammeln. Gleichzeitig wurden dabei aber auch weltanschauliche Aussagen zusammengefasst, die letztlich den Charakter des Judentums ausmachen.

Als Beispiel sei hier die Schöpfungsgeschichte erwähnt, der die Rabbiner entnehmen, dass der Mensch zwar Tierfleisch genießen dürfe, nicht aber das Blut der Tiere. Denn das Blut sei der Sitz der Seele. Diese Regel wurde dann zur Grundlage des Schächtens, also des rituellen Schlachtens. Dabei müssen die Tiere mit einem scharfen Schnitt durch die Kehle getötet werden und zunächst völlig ausbluten. Das Fleisch wird dann über Nacht in Salz eingelegt, um ihm auch noch den letzten Tropfen Blut zu entziehen. Weitere Gebote, wie das Verbot, Schweinefleisch zu genießen, kamen später hinzu.

„Tenachon“ bietet Interessierten einen nicht sehr leichten und intellektuell durchaus herausfordernden Einblick in das Judentum, wie es entstanden ist und wie es „funktioniert“. Damit übertrifft das Buch die üblichen klischeehaften und viel zu vereinfachten Darstellungen dieser Weltreligion, ohne die letztlich auch das Christentum und sogar der Islam undenkbar wären.

Herausgeber des Buches ist der Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e.V. Es handelt sich um eine Sammlung verschiedener Beiträge. Redigiert wurde sie von dem niederländischen Gelehrten Eli Whitlau.

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2 Antworten

  1. Danke für den informativen Artikel.
    Richtig, die Zehn Gebote waren, sind, der Ursprung.
    Die 613 Gesetze kamen erst später.

    7

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