Ein steter Mahner gegen Israelhass und Antisemitismus

Nach dem Zweiten Weltkrieg warnte der Scho'ah-Überlebende Karl Pfeifer vor Hass gegen Juden und Israel. Bis kurz vor seinem Tod trat der jüdische Journalist vor allem in Österreich als Mahner auf.
Von Israelnetz

Foto: Heike Linde-Lembke

Der jüdische Journalist Karl Pfeifer wurde auch nach der Scho’ah mit Antisemitismus konfrontiert

WIEN (inn) –  Der österreichische Journalist Karl Pfeifer ist am Freitag in Wien gestorben. Er wurde 95 Jahre alt. Der Wiener Jude war ein steter Mahner gegen Antisemitismus und Israelhass. Er war ein Zeitzeuge, der mit seinem autobiografischen Buch „Einmal Palästina und zurück“ Gemeinden aller Religionen, Buchhandlungen, Schulen und weitere Bildungseinrichtungen besuchte, um aus seinem Leben zu erzählen, von Verfolgung und Entrechtung, von Geschichtsklitterung und davon, wie Kritik an Israel als purer Antisemitismus enttarnt werden kann.

Mit viel Geduld beantwortete der Publizist und Journalist stets die Fragen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer, ging auf Meinungen und Widerspiegelungen aus dem alltäglichen Medien-Wirrwarr über Israel ein. Er stellte richtig, was von den Presse-Agenturen missverständlich oder gar falsch berichtet wurde.

Von Österreich über Ungarn nach Palästina

Karl Pfeifer wurde am 22. August 1928 in Baden bei Wien geboren und wuchs dort auf. Zehn Jahre später musste er aus Österreich flüchten – kurz, nachdem Adolf Hitler den „Anschluss“ des Landes an das „Tausendjährige Reich“ verkündet hatte. Pfeifer floh 1938 mit seinen Eltern vor den in Österreich einmarschierendem Nazi-Truppen von seiner Heimatstadt Baden nach Ungarn und schloss sich in Budapest der „Haschomer HaTzair“ an, einer sozialistisch-zionistischen Jugendgruppe.

Am 5. Januar 1943 gelang es, den 14-Jährigen mit 49 anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen ins damals britische Mandatsgebiet Palästina in Sicherheit zu bringen. Ein gefährliches Unterfangen. Aber noch gefährlicher war es, zu bleiben. „Meine Mutter starb 1941 an Leberkrebs, mein Vater zwei Tage nach der Befreiung des Budapester Ghettos an Herzschwäche und wurde in ein Massengrab verscharrt“, berichtete Karl Pfeifer in einem Interview, das diese Journalistin in Wien mit ihm führte.

In Eretz Israel lebte er in einem Kibbutz, diente ab 1946 im Palmach, nach der Staatsgründung Israels in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften, und verteidigte den gerade wenige Tage alten jüdischen Staat Israel gegen seine die junge Demokratie angreifenden Nachbarn. Und er lernte Hebräisch.

Wegen deutscher Sprache zurückgekehrt

Da er aber in seiner Muttersprache Deutsch arbeiten und schreiben wollte, entschied er sich 1951, nach Österreich zu zurürckzukehren – und kam nach Innsbruck. Doch die Nazis und damit die Judenhasser waren mit der Befreiung vom braunen Regime nicht verschwunden, und Karl Pfeifer musste sich erneut gegen den Antisemitismus wehren. „Ich habe chronisch niedrigen Blutdruck, und in Österreich ging mein Blutdruck schon beim Lesen einiger Zeitungen hoch“, sagte er, und das ist einer seiner vielen lakonischen Sätze, die seine wahren, seine emotional geprägten Motive mit Wiener Charme überdecken sollten.

Als geborener Badner erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft sofort zurück. „Doch nach den Gesetzen waren nur diejenigen vom Staat zu unterstützende Heimkehrer, die entweder in der Wehrmacht oder in der Waffen-SS gedient hatten“, erklärte Karl Pfeifer mit bitterer Ironie.

Die jüdische Gemeinde in Innsbruck sorgte eine Woche lang für ihn, bis er nach Wien weiterreisen konnte. Ohne Geld und nur mit dem, was er am Körper trug. Da war er 23 Jahre alt. Er kam ins Asylheim der Stadt Wien und musste mit 50 Männern in dem Schlafsaal übernachten, in dem vor dem Ersten Weltkrieg schon Adolf Hitler unterkroch.

Unverhohlener Judenhass im Alltag

Karl Pfeifer wollte sich wieder in seiner Heimat integrieren. Er wollte Arbeit. Doch ihm begegnete immer noch unverhohlener Judenhass, sei es beim Beantragen eines Dokuments auf dem Amt, sei es im Alltag. So habe ein Beamter zu ihm gesagt: „Wozu braucht ein Jude zwei Vornamen im Ausweis.“ Als er einmal in Grinzing beim Heurigen (in einem Lokal mit Weinausschank) saß, hörte er andere Gäste ungeniert Witze über die Gaskammern in den KZs erzählen.

Seit 1979 arbeitete Karl Pfeifer als freier Journalist für Medien in Israel, Deutschland, Österreich, London und Budapest. Stets spürte er wachsam antisemitischen Tendenzen und Taten nach, um sie öffentlich zu machen. „Der Antisemitismus ist auch Jahrzehnte nach dem Holocaust ein Teil der Medien und der Politik“, beobachtete er.

Pfeifer war Kuratoriums-Mitglied beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) in Wien und baute das Archiv maßgeblich mit auf. Dort präsentierte er am 25. November 2008 den Dokumentationsfilm „Zwischen allen Stühlen“, den die Gesellschaft für kritische Antisemitismusforschung über sein Leben drehte.

„90 Prozent der Berichte gegen Israel antisemitisch gefärbt“

Der Antisemitismus sei heute vermischt mit dem Hass auf die israelische Politik. „90 Prozent der Berichte gegen Israel sind antisemitisch gefärbt“, sagte Pfeifer. Gleichwohl hegte er nicht viel Sympathie für die Politik von Israels Premier Benjamin Netanjahu (Likud).

„Die schreckliche Vergangenheit kann nicht geändert werden. Doch für die Gegenwart tragen wir alle die Verantwortung“, sagte der Zeitzeuge. 2013 erschien Karl Pfeifers Autobiografie „Einmal Palästina und zurück – Ein jüdischer Lebensweg“ bei der Edition Steinbauer. 2016 gab er „Immer wieder Ungarn. Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns“ mit Texten über die politische Entwicklung Ungarns von 1979 bis 2016 in der Edition Critic, Berlin, heraus.

Foto: Heike Linde-Lembke
Auch in Buchhandlungen las Karl Pfeifer immer wieder aus seiner Autobiografie „Einmal Palästina und zurück“ und erklärte, warum Kritik an Israel oft blanker Judenhass ist.

Der österreichische Jude warnte bis zuletzt vor Antisemitismus, Nazi-Täterschaft und Rechtspopulismus. Er nutzte dafür auch sehr engagiert die sogenannten Sozialen Medien und mischte sich über Facebook in die zahlreichen Debatten ein. Für sein unermüdliches Engagement gegen Antisemitismus ehrte ihn Österreich mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und für sein Lebenswerk.

Karl Pfeifer war einer jener Scho’ah-Überlebenden, die niemals nachließen, den Rassenwahn anzuprangern, um die Wiedergängerschaft eines NS-Unrechtstaats zu verhindern. Mit ihm ist wieder ein großer Mahner für Gerechtigkeit, für den Staat Israel und gegen Judenhass gegangen.

Von Heike Linde-Lembke

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