BERLIN / JERUSALEM (inn) – Der israelische Botschafter in Berlin, Ron Prosor, hat am Montag die verstorbene CDU-Politikerin Rita Süssmuth als „Freundin“ gewürdigt. Die frühere Gesundheitsministerin (1985–1988) und Bundestagspräsidentin (1988–1998) war am Sonntag im Alter von 88 Jahren gestorben.
Als Anfang 1991 irakische Raketen israelische Städte trafen, sei sie ohne Zögern der Einladung von Regierungschef Jizchak Schamir und Staatspräsident Chaim Herzog gefolgt. „Es war ein starkes Zeichen der Solidarität in einer schwierigen Zeit, das in Israel einen bleibenden Eindruck hinterließ“, schrieb Prosor auf der Plattform X.
Genauso unvergessen sei die Mahnung aus ihrer Rede zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 1998: „Gedenken, das nicht von den Menschen getragen wird, erstarrt sehr rasch zum bloßen Ritual.“ Wie wichtig ihr das Gedenken war, beweise die Tatsache, dass sie auch die diesjährige Gedenkstunde im Bundestag am vergangenen Mittwoch besucht habe.
Vorsitzende des Freundeskreises Yad Vashem
Auch 1996, als der Bundestag den 27. Januar erstmals als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ beging, sprach Süssmuth als Parlamentspräsidentin. Daran erinnert der 1997 gegründete „Freundeskreis Yad Vashem“, dessen Vorsitzende die Politikerin viele Jahre war. Ihr Amtsnachfolger Kai Diekmann zitiert in einem Nachruf aus dieser Rede: „Wir sind im Gedenken an die Würde der Opfer aufgefordert, künftigen Generationen das Gewissen für Recht und Unrecht, für Toleranz und Unduldsamkeit, für den unschätzbaren Wert jedes einzelnen Lebens, seine Würde und seinen Anspruch auf Freiheit zu schärfen.“
Diekmann würdigte Süssmuth als „Pionierin der deutschen Erinnerungskultur“. Als Vorsitzende habe die Verstorbene „ganz praktisch die Mission der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte“ unterstützt, „die Geschichte der Schoa zu erforschen, die Namen der Ermordeten zu bewahren und ihre Geschichten zu erzählen“.
Gedenken an Wannseekonferenz
Im Jahr 2020 sprach Süssmuth als Bundestagspräsidentin a.D. auf einer Veranstaltung zum Gedenken 70 Jahre nach der Wannseekonferenz. Deren Teilnehmer hatten am 20. Januar 1942 das Vorgehen für die „Endlösung der Judenfrage“ beraten und beschlossen.
An der Gedenkveranstaltung nahmen auch Holocaust-Überlebende teil. Ihnen sagte die CDU-Politikerin: „Sie haben in Israel entscheidend dazu beigetragen, dass nicht falsches Zeugnis abgelegt wurde.“ Immer wieder werde versucht, zu verfälschen und etwa die Wichtigkeit der Wannseekonferenz für die Organisation des Judenmordes zu verharmlosen.
Sie würdigte diejenigen, „die trotz aller tiefen Verletzungen wieder gewagt haben, mit uns zu sprechen“. Gerade jüdische Gemeinden seien wichtige Brückenbauer in Europa und darüber hinaus. „Wir brauchen Austausch, Begegnung“, sagte sie. „Unsere wichtigste Aufgabe ist Schalom – Pioniere des Friedens zu sein.“
Israelreise mit Präsidentin der DDR-Volkskammer
Im Juni 1990 reiste Süssmuth mit der ersten frei gewählten DDR-Volkskammerpräsidentin, Sabine Bergmann-Pohl, nach Israel. Die beiden Parlamentspräsidentinnen wollten israelische Vorbehalte gegen die deutsche Wiedervereinigung zerstreuen und Vertrauen wecken. Bergmann-Pohl erzählte 2009 der „Jüdischen Allgemeinen“ von Widerständen: „Im Vorfeld waren einige arabische Botschafter bei mir und haben mich regelrecht davor gewarnt, als Repräsentantin der DDR nach Israel zu fahren.“
Rita Süssmuth erhielt im Jahr 1998 die Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva. Botschafter Prosor schreibt: „Israel wird Süssmuth als Freundin in Erinnerung behalten. Gestern ist sie verstorben, doch in unserer Erinnerung lebt sie weiter.“ (eh)
2 Antworten
Ich mochte Rita Süssmuth sehr. Sie war sehr gradlinig und hatte dabei keine Angst, anzuecken. Aufklärend, mutig und nicht zu allem Ja und Amen sagend, hat sie viele Jahre die Politik Deutschlands mitgestaltet. Gleichberechtigung, Familie, Aids, da hat sie viel getan. Und sie glaubte an einen Gott, der sie „durchs Leben trägt“, trotz Krankheit oder gerade IN der Krankheit. Taffe Frau.
Ruhe sie in Frieden.🙏
Ganz bei Dir. Von dieser Art Politiker(innen) darf es gerne mehr geben. RIP