„Dies ist unser Land, und wir haben keinen anderen Ort“

Der diesjährige Schoa-Gedenktag beleuchtet den Wert der Familie. Außenminister Sa'ar würdigt Judenretter aus dem diplomatischen Milieu.
Von Israelnetz

JERUSALEM (inn) – Bis heute wollen manche das Zuhause zerstören, das die Überlebenden des Holocaust in Israel aufgebaut haben. Dies sagte Staatspräsident Jizchak Herzog in einer Ansprache zum Auftakt des diesjährigen Gedenktages Jom HaSchoa. Die Veranstaltung in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem wurde am Montagabend ausgestrahlt. Wegen des Irankrieges war die Zeremonie zuvor aufgezeichnet worden. Am Dienstagmorgen um 10 Uhr Ortszeit ertönten landesweit Sirenen, sie brachten die Israelis zum Innehalten.

Herzog sprach über den Reservisten Assaf Cafri, der im vorigen Jahr in Gaza fiel. Als er die Trauerfamilie besuchte, sei ihm eine stille Frau an der Seite aufgefallen: Assafs Urgroßmutter Magda Baraz. Sie war 15, als sie in ein Ghetto in Transsilvanien kam. Dann wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und größtenteils sofort nach der Ankunft ermordet; nur Magda und eine Schwester überlebten. Als sie im Frühjahr 1945 in Bergen-Belsen befreit wurde, wog die 16-jährige Magda 20 Kilogramm.

Mit ihrem Mann, den sie im Übergangslager auf Zypern kennenlernte, habe sie eine neue Familie gegründet. Die Tochter Racheli kam im Unabhängigkeitskrieg zur Welt. Am 80. Jahrestag der Befreiung war Magda Baraz Ehrengast bei der Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen. Dort erfuhr sie vom Tod ihres Urenkels Assaf, der „im Kampf ums Heimatland“ gefallen war. Sie selbst starb wenige Wochen später mit 96 Jahren. Trotz aller Kriege habe sie vor ihrem Tod gesagt: „Ich glaube weiter, dass es hier gut sein wird.“

Foto: Yad Vashem
Beim diesjährigen Gedenktag geht es um die jüdische Familie in der Zeit der Verfolgung

Der israelische Gedenktag steht in diesem Jahr unter dem Thema „Die jüdische Familie in der Schoa“. Dabei geht es sowohl um den Verlust der Familie und das Wiedersehen mit überlebenden Angehörigen, als auch um die Gründung neuer Familien. Herzog rief Juden in Israel und auch in der Diaspora zur Einheit auf: „Eine Familie kann diskutieren, aber sie darf sich nicht zerreißen lassen.“ Führende Politiker in der Welt forderte er zum Kampf gegen Antisemitismus auf.

Netanjahu: Iranisches Regime schwächer denn je

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu (Likud) lobte militärische „Erfolge“ im jüngsten Irankrieg. Das iranische Regime sei schwächer denn je. Oft werde die Frage gestellt: „Was wäre geschehen, wenn wir schon während der Schoa einen Staat gehabt hätten? Oder wenn die USA die Gaskammern bombardiert hätten?“

In der Geschichte gebe es kein „was wäre, wenn“. Doch Israel kämpfe jetzt dafür, dass kommende Generationen sich solche Fragen nicht stellen müssten. Europa habe seit der Schoa viel vergessen, etwa die Unterscheidung zwischen Gut und Böse.

Zum Abschluss zitierte Netanjahu aus 1. Chronik 12,9: „(Von den Gaditern gingen über zu David nach der Bergfeste in der Wüste) starke Helden und Kriegsleute, die Schild und Spieß führten, und ihr Angesicht war wie das der Löwen, und sie waren schnell wie Rehe auf den Bergen.“ Damit bezog er sich auf die Namen der Operationen gegen das iranische Regime, „Volk wie ein Löwe“ und „Löwengebrüll“. Er fügte an: „Als Volk von Löwen werden wir mit Gottes Hilfe weiter das ewige Gebrüll ausstoßen.“

„Familie tut mir gut im Herzen“

Im Zentrum der Zeremonie stand das Entzünden von sechs Fackeln, die für die etwa sechs Millionen ermordeten Juden stehen. Sechs Überlebende steckten sie mit Unterstützung je eines Familienmitgliedes in Brand. Die Fackelanzünder wurden in kurzen Videos vorgestellt.

Saadja Bahat wurde 1928 in Litauen geboren. Er überlebte das Ghetto von Vilnius und mehrere Lager. In Israel studierte er Maschinenbau und arbeitete jahrelang für das Rüstungsunternehmen Rafael. Er hat drei Kinder, acht Enkel und sechs Urenkel.

Michael Sidko, der 1936 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zur Welt kam, erlitt medizinische Versuche durch die Nazis. Von seiner Familie überlebte außer ihm nur der Stiefbruder Grischa, mit dem er bei einer Nichtjüdin und deren Tochter Unterschlupf fand. Heute hat er wieder eine große Familie, mit zwei Kindern, acht Enkeln und Urenkeln.

Mirjam Bar-Lev wurde 1936 in Tel Aviv als Tochter eines deutsch-niederländischen Ehepaares geboren. Als Kind kam sie mit ihrer Familie in die Niederlande, weil die Eltern den Angriffen von Arabern entgehen wollten. Sie überlebte das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Um ihrem kranken Vater eine Tasse Reis geben zu können, verkaufte sie ihren geliebten Teddy. Doch der Vater starb. Als ihre Mutter nach dem Weltkrieg wieder heiratete, bekam sie einen liebevollen Stiefvater. „Familie tut mir gut im Herzen“, sagt die Mutter von drei Kindern und Großmutter von sieben Enkeln.

Ebenfalls eine Fackel entzündete Mosche Harari, der 1934 in Polen geboren wurde. Er überlebte die NS-Verfolgung in verschiedenen Verstecken. Nach der Befreiung der Region durch die Rote Armee gab es Pogrome gegen Juden. Sein Vater wurde vermutlich ermordet, er selbst übernahm früh Verantwortung für die Familie. Als Zionist wanderte er mit Mutter und Schwester nach Israel ein, wo er eine eigene Familie gründete.

Aus dem libyschen Benghazi stammt Ilana-Lina Pelach, sie kam 1937 zur Welt. In der großen Familie erlebte sie Zusammenhalt. Infolge der nationalsozialistischen Besatzung wurden sie interniert, zwei Schwestern starben. Seit 1949 lebt sie in Israel, wo sie ebenfalls eine große Familie hat.

Avigdor Neuman wurde 1931 in einer chassidischen Familie in der damaligen Tschechoslowakei geboren. In Auschwitz wurden die meisten Mitglieder ermordet. Eines Tages erkannte er seine ältere Schwester, mit der er nach der Befreiung wieder zusammentraf. Sie sei ihm Mutter und Vater gewesen, sagt er in dem Video. Mit ihr wanderte er nach Israel aus. Heute hat er zwei Kinder, sieben Kinder und mehr als 40 Urenkel. Ein wichtiges Motto ist für ihn: „Lasst nicht zu, dass die Trauer euch überwältigt.“

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Gesichter der Eltern vergessen

Die Rede im Namen der Überlebenden hielt Haviva Burst, die aus einer Kleinstadt in Polen stammt und 1930 geboren wurde. Sie erinnere sich an die Liebe der Eltern, aber nicht an deren Gesichter, sagte sie bei der Zeremonie. Diese seien nur noch Schatten. Als sie sich bei einer Bäuerin versteckte, sagte die Mutter: Tagsüber dürfe sie Polin sein und verbotene Speisen essen. Doch nachts bleibe sie Jüdin. 1947 kam sie nach Palästina und war 72 Jahre mit einem Überlebenden aus Litauen verheiratet.

Familie betrachte sie als Grundlage des Lebens. Über Israel merkte sie an: „Dies ist unser Land, und wir haben keinen anderen Ort.“

Das Gebet zum Gedenken an die Schoa trug ein Überlebender aus Rumänien inbrünstig vor. Es heißt auf Hebräisch „El Male Rachamim“ – „Gott voller Erbarmen“.

Smotritsch kritisiert Merz

Eine diplomatische Verstimmung gab es derweil zwischen dem israelischen Finanzminister Bezalel Smotritsch (Religiöser Zionismus) und dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Dieser hatte seine „tiefe Besorgnis“ über den geplanten Siedlungsausbau im Westjordanland geäußert und vor einer „De-Facto-Annexion“ gewarnt. Daraufhin schrieb Smotritsch in den Sozialen Medien: „Ihr werdet uns nicht wieder in Ghettos zwingen.“

Die Äußerung und vor allem auch der Zeitpunkt kurz vor Jom HaSchoa stießen in Israel auf Kritik. Der israelische Botschafter in Berlin, Ron Prosor, sagte dem Sender „Kan“, sie „unterhöhlt das Gedenken an den Holocaust und stellt ihn in einer völlig verzerrten Weise dar“.

Es sei völlig legitim, mit den Deutschen zu diskutieren, ergänzte Prosor laut der Nachrichtenseite „Times of Israel“. „Politische Meinungsverschiedenheit besteht immer, aber Deutschland ist ein großer Freund Israels.“ Dabei räumte er ein: „Vieles, was Deutschland tut, ist für uns nicht akzeptabel, und Dinge, die wir tun, sind für die Deutschen nicht akzeptabel.“ Doch die Freundschaft habe Deutschland immer wieder bewiesen.

Sa’ar würdigt Judenretter

Indes würdigte der israelische Außenminister Gideon Sa’ar (Neue Hoffnung) Diplomaten, die während der Nazizeit Juden gerettet haben. An sie erinnert im Ministerium eine besondere Wand. Dort empfing der Politiker am Montagabend mehr als 50 ausländische Diplomaten und Repräsentanten.

Sa’ar hob einen Italiener, einen Schweizer und einen Japaner hervor. Giorgio Perlasca war als Italiener spanischer Generalkonsul in Budapest. In dieser Funktion verlieh er „Schutzbriefe“ an Hunderte Juden und brachte sie in von Spanien beschützten Häusern unter.

Auch Carl Lutz vergab als Schweizer Vizekonsul in Budapest 1944 „Schutzbriefe“ an Tausende Juden. Obwohl er von seiner Regierung zur Evakuierung aufgefordert wurde, harrte er bis Februar 1945 in Ungarn aus. Er wollte sicherstellen, dass den Juden unter Schweizer Schutz auch wirklich kein Leid geschah.

Chiune Sugihara wiederum war japanischer Konsul im litauischen Kovno. Nach der sowjetischen Annexion sollte er 1940 das Konsulat schließen. Doch er blieb länger im Land und schrieb per Hand Tausende Transitvisa für jüdische Flüchtlinge, so dass diese ausreisen konnten und gerettet wurden.

Sa’ar sagte: „Das Nazi-Regime war das Böse in Reinform.“ Den Iran beschrieb er als „moderne Version des Bösen in Reinform“. Es sei die Aufgabe der freien Welt, zu verhindern, dass das Böse triumphiert. (eh)

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6 Kommentare

  1. Wie man aus dieser Aussage:
    „Dieser hatte seine „tiefe Besorgnis“ über den geplanten Siedlungsausbau im Westjordanland geäußert und vor einer „De-Facto-Annexion“ gewarnt.“

    das hier:
    Smotritsch:„Ihr werdet uns nicht wieder in Ghettos zwingen“

    verstehen kann, erschließt sich mir einfach nicht.
    Wie verzerrt muss das eigene Weltbild sein um solch eine Aussage, dermaßen missverstehen zu wollen.

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    1. @Blub : ich hätte nie gedacht, dass ich Ihnen einmal zustimmen würde, aber Smotrich hat wirklich ein Händchen dafür, sich allenthalben Freunde zu machen. Diplomatisch gesehen, ist der Mann auf Trump/Vance-Niveau. Der Aussage von Merz, die er in einem Telefongespräch mit Nethanjahu gemacht hat, kann man zustimmen oder widersprechen, aber als Ghetto-Drohung ist sie nun wirklich nicht zu verstehen. Der Zeitpunkt, der Vorabend des Shoah-Gedenkens, ist allerdings taktlos.

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      1. Kurzer Nachtrag : die Times of Israel hat aus dem im Artikel erwähnten Interview des israelischen Botschafters in Berlin eine Passage zitiert, in dem dieser Smotrich heftig angeht, seine Aussagen klar verurteilt und Merz als Freund Israels bezeichnet.

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  2. Giorgio Perlasca, bester Italiener von allen 1989 durfte als einer der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem einen Baum pflanzen.

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  3. Smotrich schrieb aber auch
    „die Zeiten in denen Deutsche Juden vorschrieben, wo sie leben dürfen, sind vorbei – und werden nicht wieder zurück kehren. Diese Meinung kann ich nur unterstreichen. Ich frage mich, was geht den Bundeskanzler und auch Europa an, wo Israel neue Siedlungen baut? Warum kümmert er sich nicht um die Probleme in unserem Land? Da hat er genug zu tun.

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  4. Ganz recht hat Präsident Herzog nicht, wie IN am 24.Juni 2016 berichtet. Das Land gehört dem allmächtigen Gott, es ist sein Eigentum. „Das Land gehört Gott
    Schon die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob hatten sich selbst nicht als „rechtmäßige Besitzer“, sondern als „Ausländer und Gäste“ bezeichnet.[2] In der Wüste am Sinai, lange vor dem Einzug ins Gelobte Land, macht Gott den Israeliten klar, dass sie nicht etwa „Eigentümer“ des Landes sein würden, sondern „Fremdlinge und Beisassen bei mir“ (3.Mose 25,23).
    Gott warnte sein Volk auch davor, das Land zu „verkaufen“ – Jerusalem, Gaza, Westjordanland – Land für Frieden – Es ist sehr gefährlich, menschliche Entscheidungen des lieben Friedens willen zu treffen – wenn einem das Land gar nicht gehört. Die Bibel bleibt das Kursbuch für Israel.
    Lieber Gruß Martin

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