Wer einen alten Ölbaum betrachtet, sieht zunächst das, was über der Erde wächst: den knorrigen Stamm, die weit verzweigten Äste, die Blätter und seine Früchte. Was man nicht sieht, ist das, was ihn trägt. Tief unter der Erde breiten sich seine Wurzeln aus. Sie geben Halt und versorgen den Baum mit dem, was er zum Leben braucht. Ohne sie gäbe es keine Zweige, keine Blätter und keine Früchte.
Paulus greift in Römer 11 dieses Bild auf. Er spricht von natürlichen Zweigen und von wilden Zweigen, die in einen Ölbaum eingepfropft werden. Und mitten in diesem Bild der Satz:
„Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“
Römer 11,18
Die Wurzeln dieses Baumes reichen tief hinein in Gottes Geschichte mit Israel: zu Abraham, Isaak und Jakob, zu den Verheißungen Gottes und zu seiner Treue gegenüber seinem auserwählten Volk. Menschen aus anderen Völkern beschreibt Paulus dagegen als wilde Zweige, die in diesen Baum eingepfropft werden. Sie bekommen Anteil an etwas, das schon gewachsen ist. Sie werden hineingenommen in eine Geschichte, die nicht mit ihnen begonnen hat.
In Geschichte eingereiht
Auch wir als Christen leben von dieser Geschichte. Wenn wir die Psalmen beten, reihen wir uns ein in eine Geschichte von Menschen, die seit Jahrtausenden diese Worte beten.
Wenn wir von Segen und Verheißung sprechen, begegnen wir Abraham. Wenn wir von Befreiung und Erlösung reden, erinnern wir uns an den Auszug Israels aus Ägypten. Wenn wir darauf vertrauen, dass Gott auch durch Wüstenzeiten führt und versorgt, hören wir von einem Volk, das genau das durchlebt hat. Und wenn wir auf eine Welt hoffen, in der Frieden und Gerechtigkeit wohnen, hören wir die Stimmen der Propheten Israels.
Wir leben von den Früchten
Aus der Wurzel sind natürliche Zweige gewachsen. Von deren Früchten leben wir.
Am deutlichsten begegnet uns diese Verbindung in Jesus selbst. Jesus war Jude. Er betete die Psalmen, kannte die Schriften Israels und lebte mit den Festen seines Volkes. Wenn er von Gott sprach, sprach er vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Und wenn wir ihn Christus nennen – den Messias –, greifen wir selbst auf die Hoffnung Israels zurück. Jesus lässt sich nicht von der Geschichte Gottes mit Israel lösen.
Christlicher Glaube beginnt vor Kirche
Deshalb beginnt unser christlicher Glaube nicht bei uns. Er beginnt auch nicht erst mit der Entstehung der christlichen Kirche. Wir kommen zu etwas hinzu, das Gott längst begonnen hat. Wir empfangen Worte, die schon gesprochen wurden, Verheißungen, die schon gegeben wurden, und eine Hoffnung, die schon lange vor uns Menschen getragen hat.
Doch ein Zweig trägt nicht sich selbst, auch kein natürlicher. Er lebt davon, dass er verbunden ist. Er empfängt, was er zum Leben braucht. Ein Zweig, der getragen und versorgt wird, kann wachsen. Er kann Blätter treiben. Und schließlich kann er Frucht bringen, als Teil von Gottes Geschichte.
Von: Babette Heidel
Zur Autorin: Babette Heidel ist Diplom-Theologin und lebt im baden-württembergischen Bad Liebenzell
3 Kommentare
Danke an Israel-Netzwerk zu diesem schönen Bericht. Ich glaube an diesen Baum mit den Wurzeln und den Zweigen, und ich warne vor den vielen abgefallen Zweigen. Ich wünsche allen ein gesegneten Schabbat.
Unser Bischof, bester Bibelkenner von allen, und Ernesto, unser Gärtner, hochgebildet, lieben Olivenbäume.
Die geistlichen Wurzeln des Christentums liegen sicher im Alten Testament, Jesus selbst hat sich ja an vielen Stellen darauf berufen. Und er wiederum scheint eine geschichtliche Person zu sein, das ist zumindest indirekt belegt. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schrieb nämlich sinngemäß, dass sich in der römischen Kolonie Judäa ein verderblicher Aberglaube ausgebreitet habe, angezettelt von Menschen, die sich selbst Christen nennen. Es handelt sich also nicht um Bibel- interne Behauptungen, die sich einer historischen Überprüfung entziehen, sondern man hat davon im fernen Rom Kenntnis genommen und wohl verständnislos den Kopf geschüttelt.