„Der abgemagerte Mann, der sein Grab schaufelt, ist noch bei mir“

Das Video von Evjatar David, der als Geisel sein eigenes Grab schaufeln musste, erschütterte nicht nur Israel. Ein Jahr später erzählt er in einem Fernsehinterview von der Gefangenschaft.
Von Israelnetz

JERUSALEM (inn) – Vor einem Jahr löste ein Video von einer Geisel der Hamas in Israel und weltweit Entsetzen aus: Evjatar David, bis auf die Knochen abgemagert, wurde gezwungen, in einem Tunnel im Gazastreifen „sein eigenes Grab zu schaufeln“. Am 13. Oktober kam der heute 25-jährige Israeli mit den 19 anderen noch lebenden Geiseln frei. Nun erzählte er im Investigativformat „Uvda“ (Tatsache) beim israelischen Sender „Kanal 12“ von seiner Gefangenschaft.

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) und Rückblenden begleiten ihn, sagte David: „Manchmal bin ich an einem sicheren Ort, umgeben von Menschen, die ich liebe, aber mein Kopf geht immer noch dorthin zurück. Ich habe verstanden, dass es eine Sache ist, die Gefangenschaft zu überleben. Aber die völlige Rehabilitierung ist ein anderer Kampf.“ Er leide auch unter Alpträumen.

Beim Interview, das am Donnerstagabend ausgestrahlt wurde, stand ihm sein Freund Guy Gilboa Dalal zur Seite. Die beiden hatten mit zwei weiteren Freunden, Ron Zarfati und Idan Hermati, das Nova-Festival in Re’im besucht. Als palästinensische Terroristen am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 dort ein Massaker verübten, wurden ihre Begleiter getötet. David und Gilboa Dalal hingegen wurden in den Gazastreifen verschleppt.

Blickkontakt verboten

Dort kamen sie zunächst in einer Wohnung unter, mussten zwei Wochen in je einer Ecke an der Wand sitzen. Sie durften weder miteinander sprechen noch Blickkontakt aufnehmen.

Als sie wieder sprechen durften, gerieten sie immer wieder in Streit – etwa über den richtigen Umgang mit dem wenigen verschmutzten Wasser, das ihnen zur Verfügung stand. David warf Gilboa Dalal vor, dieses zu verschwenden. Doch sie fanden eine Lösung: „Einigen wir uns darauf, dass wir uns nicht einig sind.“ Dieser Satz löse alles. „Auch wenn ich immer noch denke, dass du zu viel Wasser benutzt hast“, fügte David hinzu.

Die meiste Zeit ihrer Geiselhaft verbrachten die beiden Freunde in den Tunneln der Hamas. Die Aushungerung habe sofort begonnen. Doch etwa drei Monate vor der Aufnahme des Videos seien die Rationen noch einmal deutlich reduziert worden. „Wir waren schon in einem Zustand, in dem wir nicht viel sprachen, um Energie zu sparen.“

Tee und Kuchen der Terroristen gerochen

Terroristen seien mit einer Kamera gekommen und hätten die Geiseln einzeln aufgefordert, das Oberteil auszuziehen. Dann wurden sie von vorn und von hinten fotografiert. Da David größere Knochen habe und deshalb noch magerer ausgesehen habe, hätten sie ihn gewählt.

Sie hätten ihm gesagt, dass sie zu einem „anderen Set“ gingen, außerhalb seines Tunnels. Mit verbundenen Augen kam er am Raum der Terroristen vorbei: „Ich erinnere mich an den Geruch von Tee, den sie zubereiteten, und von Kuchen, und ich konnte sie kauen hören“, sagte der Israeli und fügte verwundert hinzu. „Ein Skelett kommt bei ihnen vorbei, und sie genießen Kuchen und Tee.“

Sie erreichten den Ort der Aufnahme: „Ich sehe eine halb ausgehobene Grube. Sie sagen: ‚Hier, nimm dies, hier ist eine Schaufel, geh hinein, dies wird dein Grab sein.‘ Ich schaufelte dieses Grab. Es war körperlich nahezu unmöglich. Ich sagte mir in meinem Kopf: Es kann sein, wenn ich wirklich sterben werde, dann werde ich in dieser Grube liegen.“

David merkte an: „Wie mich die Leute kennen, durch dieses furchtbare Video, das ist so anders als mein heutiges Aussehen. Aber letztlich ist jener abgemagerte junge Mann mit dem Löffel, der ein Grab schaufelt, immer noch bei mir.“

Trennung trotz Protest

Eines gab den beiden Freunden indes Kraft: „Wenigstens sind wir zusammen.“ Doch nach der Aufnahme wurden sie voneinander getrennt, obwohl sie dagegen protestierten. Am 13. Oktober, dem Tag der Freilassung, konnten sich die Leidensgenossen wieder in die Arme schließen.

In den Sozialen Medien schrieb David: „Als ich zurückkehrte, erhielt ich mehr Liebe, als man sich vorstellen kann. Leute die ich nicht kannte, erzählten mir, dass sie dafür gebetet hatten, dass ich zurückkehre. Nach allem, was ich dort gesehen hatte, erinnerte mich die Nation Israel daran, dass es in der Welt auch Gutes gibt.“ (eh)

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3 Kommentare

  1. „…kamen sie zunächst in einer Wohnung unter, mussten zwei Wochen in je einer Ecke an der Wand sitzen“ umgeben von „unschuldigen Zivilisten“, nehme ich an.

  2. Der Herr hat gerettet. Was für ein furchtbar schmerzvoller Weg, ein Erleben, das so tief qualvoll ist, voller Wunden, und noch lange nicht abgeschlossen ist. Das wird noch Jahre dauern, bis es beginnt zu verblassen und etwas Lebensfreude aufkommt.

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