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Das Kloster St. Johannes in der Wildnis

Im Herzen der Jerusalemer Berge thront an einem steilen Hang fernab von den üblichen Touristenströmen ein besonderes Kleinod: Das Franziskanerkloster St. Johannes in der Wildnis.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Die Überlieferung identifiziert die Gegend um den Moschav Even Sapir in den Jerusalemer Bergen als den biblischen Ort, an dem Johannes der Täufer seine Kindheit unter der fürsorglichen Obhut seiner Mutter Elisabeth verbrachte. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich etwas höher am Hang. Wie Jesus, der sich in die Wildnis zurückzog, bevor er seine Mission begann, tat dies auch Johannes der Täufer, Jesu Vorläufer und Wegbereiter. 

Die Wüste ist ein besonderer Ort, von je her. Die Israeliten begegneten G-tt in der Sinai-Wüste, als sie von Ägypten in das ihnen verheißene Land wanderten. Der Prophet Jesaja verkündete, dass die künftige Erlösung durch die „Stimme eines Predigers in der Wüste“ (Jesaja 40,3–4; Lukas 3,2–4) kundgegeben würde.

Johannes der Täufer, ein asketisch lebender jüdischer Prophet, wurde unweit von hier in Ein Kerem, an der „Quelle des Weinbergs“, geboren. In der Heiligen Schrift lesen wir bei Lukas 1,80: „das Kind aber wuchs und erstarkte im Geist und war in der Einöde bis zum Tag seines Auftretens vor Israel“ (Elberfelder).Der Standort des Klosters markiert den Ort, wo Elisabeth ihren Sohn Johannes als Baby vor den Verfolgungen von König Herodes versteckte.

Auf Ruinen einer Kreuzfahrerkirche errichtet

Das Kloster, wie wir es heute besuchen können und das die Franziskaner vom lateinischen Patriarchat 1911 gekauft haben, wurde einst auf byzantinischen Ruinen und den Überresten einer Kreuzfahrerkirche mit angeschlossenem Konvent errichtet. Die Mönche beschlossen, das verwaiste Kloster wiederzubeleben. Sie erweiterten die Ruinen um ein weitläufiges Gebäude.

Als Architekten wandten sie sich an Antonio Barluzzi (1884–1960). Der Italiener, selbst stark geprägt und durchdrungen von franziskanischer Spiritualität, lebte 33 Jahre lang im Heiligen Land. Barluzzi wurde international bekannt durch zahlreiche von ihm entworfene römisch-katholische Kirchenbauten im Heiligen Land an Orten, die für die Geschichte des Evangeliums bedeutsam sind.

Zu seinen architektonischen Entwürfen gehören am Jerusalemer Ölberg die Kirche der Nationen, die Dominus-Flevit-Kirche, der Ort, an dem „Der Herr weinte“, sowie in Galiläa die Kirche der Seligpreisung am See Genezareth und die Verklärungskirche hoch oben auf dem Berg Tabor, um nur einige zu nennen. Interessanterweise lehnte Barluzzi die Urheberschaft für das Projekt „St. Johannes in der Wildnis“ ab.

Über seine Gründe wurde viel spekuliert. Barluzzi hat das Geheimnis mit ins Grab genommen. Eine Gedenktafel erinnert an den großen italienischen Architekten und Baumeister auf dem Berg Tabor. In der Folgezeit war das Kloster des Heiligen Johannes in der Wildnis erneut unbewohnt und vom Verfall bedroht.

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In den 1990er Jahren zog eine Gemeinschaft von melkitischen Katholiken ein. Als Melkiten, auch Melchiten, werden verschiedene aus dem Nahen Osten stammende Kirchen und ihre Mitglieder bezeichnet. Die Wortwurzel findet sich im syrisch-aramäischen malka – „König“. Die melkitische Kirche war in drei historische Patriarchate aufgeteilt: Alexandrien, Antiochien und Jerusalem, jeweils unter dem Patriarchen von Konstantinopel. In Folge eines verlorenen Prozesses musste das Kloster an die Franziskaner zurückgegeben werden, in deren Besitz es bis heute ist. Die Melkiten haben sich mit ausdruckstarken Freskogemälden auf einigen Innenwänden des Klosters verewigt.

Besucher werden an der großen Pforte freundlich begrüßt und auf das Klostergelände geführt. Aktuell leben auch eine Handvoll indisch-stämmiger Nonnen in dieser idyllischen Abgeschiedenheit. In der Klosterküche bieten sie hausgemachten Gewürzessig und selbst geimkerten Honig zum Verkauf an. Bei Markus 1, 6 heißt es: „Und Johannes war mit Kamelhaaren und einem ledernen Gürtel um seine Lende bekleidet; und er aß Heuschrecken und wilden Honig“ (Elberfelder).

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Auf der Tafel stehen die hebräischen Worte „Schma Israel“ – „Höre Israel“

Unter dem Kloster befinden sich zwei Höhlen: Direkt unter dem Hauptaltar führen 21 Stufen zur Höhle von Johannes dem Täufer, sie misst 6 mal 3 Meter und ist 2 Meter hoch. Es wird vermutet, dass die Erhebung gegenüber dem Eingang das Bett von Johannes dem Täufer war. Der Legende nach lebte der Prophet später hier, bis er sich endgültig in die Wildnis zurückzog.

Im hinteren Teil der Höhle steht ein kleiner Altar und ein schönes Freskogemälde. Es stellt dar, wie der junge Johannes und seine Mutter sich vor Herodes‘ Häschern verstecken. Maria, ihre Cousine, floh mit Josef und Jesus vor Herodes nach Ägypten. Besucher und Pilger sind willkommen, in dieser Höhle Notizen mit Gebetsanliegen zu hinterlassen.

Die „Quelle des Einsiedlers“

In einer weiteren Höhle sprudelt eine kalte und erfrischende Quelle. Die Araber nennen sie Ein el-Habis, die „Quelle des Einsiedlers“. Von hier fließt das Wasser in ein Bad, wo erschöpfte Pilger nach ihrer Ankunft im Kloster zu rituellen Zwecken eintauchen. Auch Taufen finden hier statt. Das Bad ist mit Heiligenfiguren, Laternen und Wanddekorationen ausgeschmückt.

Steigt man vom Kloster auf einem malerischen Pfad ein Stück den Hang hinauf, gelangt man zur Kapelle der Heiligen Elisabeth, die mit einer Kuppel gekrönt ist. Der Eingang zur Krypta verbirgt sich hinter einer Miniaturtür. Der Überlieferung nach ist hier die letzte Ruhestätte der Mutter Johannes des Täufers. Nur wenige Ikonen schmücken die kleine Kapelle. Eine zeigt Johannes den Täufer, wie er eine entfaltete Schriftrolle hält. Auffällig ist: Sie trägt eine hebräische Inschrift.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Johannes mit einer hebräischen Schriftrolle

Das Kloster des Heiligen Johannes in der Wildnis heißt Besucher und Pilger aus aller Welt ganzjährig willkommen. In Israel ist es als ein Ort der interkonfessionalen Begegnung und Freundschaft geschätzt, es pflegt gute nachbarschaftliche Beziehungen mit seinen israelischen und jüdischen Nachbarn. Das Kloster bittet um Voranmeldung von Besuchen (Kontakt: 02-6416715).

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6 Antworten

  1. Danke für den Bericht.
    Das Kloster St. Johannes ist ein wichtiger Ort, sowohl historisch als auch für die religiöse Verständigung.
    Über Johannes den Täufer erfahren wir dadurch auch viel mehr.

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  2. Während ich in Ein Kerem als Volontärin arbeitete, wanderte ich oft nach Even Sapir und besuchte das Kloster.
    Danke für den Bericht.

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  3. Ein ganz toller Bericht. Bekommt man Gänsehaut,weil man ist Johannes dem Täufer dort so nahe. Jedenfalls gefühlt. Da kommt Ehrfurcht auf. Ich liebe das!!!

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  4. Ein sehr interessanter und aufschlussreicher Bericht. Würde ich nicht so weit entfernt zu Hause sein, ein Besuch in dieser wunderschönen Einsamkeit wäre garantiert auf meinem Reiseplan. Danke für den schönen Einblick in die historischen Momente dieses Klosters.

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  5. Gottes Wort sagt: „In jenen Tagen kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe gekommen! … “ (Matth. 3, 1ff).

    Johannes wettert gegen Religiosität – haben wir das vergessen?
    Johannes durfte den Sohn Gottes, den Messias ankündigen – wie herrlich!

    Lieber Gruß Martin

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