Meinung

Das Europäische Parlament und der Tanz der sieben Schleier

Sollte das Europäische Parlament das Forum für muslimische Jugendorganisationen tatsächlich ausschließen, wäre das ein bedeutender Schritt. Doch bislang mangelt es an Transparenz, wie Francis Moritz beobachtet.
Von Israelnetz

Über Jahre hinweg genoss das Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (Forum europäischer muslimischer Jugend- und Studentenorganisationen, FEMYSO) einen bemerkenswerten Zugang zu europäischen Institutionen. Der Verband stellte sich als Stimme muslimischer Jugendlicher in Europa dar, nahm an verschiedenen Programmen teil und erhielt öffentliche Fördermittel. Kritiker warfen ihm jedoch seit langem eine ideologische und organisatorische Nähe zur Muslimbruderschaft vor.

Am 8. Juli erklärte die französische Europaabgeordnete Marion Maréchal, das Präsidium des Europäischen Parlaments habe beschlossen, FEMYSO von Aktivitäten des Hauses auszuschließen, insbesondere vom European Youth Event. Sollte dies bestätigt werden, wäre es ein politisch bedeutsamer Schritt: Das Parlament würde damit erstmals sichtbar Abstand zu einer Organisation nehmen, deren Rolle in europäischen Netzwerken seit Jahren umstritten ist.

Doch gerade hier beginnt die Unklarheit. Weder der genaue Wortlaut des Beschlusses noch sein Umfang oder seine Dauer wurden bislang in einer Weise veröffentlicht, die eine eindeutige Bewertung erlaubte. Handelt es sich um einen vollständigen Ausschluss, um den Entzug einer Akkreditierung oder lediglich um eine Einschränkung der Teilnahme an einer einzelnen Veranstaltung? Die Antwort ist keineswegs nebensächlich.

Ein langer institutioneller Blindflug

FEMYSO war nicht irgendein externer Gesprächspartner. Die Organisation wurde über Jahre hinweg als Vertreterin einer europäischen muslimischen Jugend wahrgenommen und in Dialogformate einbezogen. Diese Anerkennung verlieh ihr nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch institutionelle Legitimität.

Dabei waren die gegen FEMYSO erhobenen Vorwürfe keineswegs neu. Mehrere Beobachter, Forschungsstellen und Politiker hatten auf Verbindungen zu Strömungen hingewiesen, die der politischen Kultur der Muslimbruderschaft nahestehen. Das bedeutet nicht automatisch, dass jede Mitgliedsorganisation oder jeder Verantwortliche dieselben Positionen vertritt. Es verpflichtet die europäischen Institutionen jedoch zu besonderer Vorsicht.

Denn öffentliche Förderung und offizieller Zugang sind niemals rein technische Vorgänge. Sie vermitteln Anerkennung. Wer eine Organisation in Programme einbindet, als Ansprechpartner behandelt oder mit öffentlichen Mitteln unterstützt, bestätigt indirekt ihre politische und gesellschaftliche Repräsentativität.

Genau hierin liegt das Problem: Die Kommission und andere europäische Stellen haben sich lange auf formale Kriterien, Transparenzregeln und Projektbeschreibungen gestützt. Diese Verfahren sind notwendig, reichen aber nicht immer aus. Sie beantworten die Frage, ob ein Antrag korrekt ausgefüllt wurde – nicht unbedingt jene, welche politische oder ideologische Wirkung die Zusammenarbeit entfaltet.

Ausschluss ohne Erklärung wäre unzureichend

Falls das Parlament FEMYSO tatsächlich ausgeschlossen hat, sollte es diesen Schritt nicht hinter verschlossenen Türen belassen. Eine Institution, die Transparenz von ihren Partnern verlangt, muss ihre eigenen Entscheidungen ebenso erklären.

Dabei geht es nicht darum, eine Organisation ohne Beweise zu verurteilen oder die religiöse Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zum politischen Verdachtsmoment zu machen. Muslimische Bürger, Verbände und Jugendliche gehören selbstverständlich zur europäischen Öffentlichkeit. Gerade deshalb darf die Frage ihrer Repräsentation nicht an Organisationen delegiert werden, deren politische Verankerung und ideologische Nähe umstritten sind.

Europa braucht keine bevorzugten Gesprächspartner, die sich selbst zur Stimme einer ganzen Gemeinschaft erklären. Es braucht eine breite, offene und überprüfbare Vertretung: religiöse, säkulare, liberale, konservative und kulturelle Stimmen – ohne Monopolanspruch und ohne ideologische Hintertüren.

Die sieben Schleier

Der Titel mag zugespitzt erscheinen. Aber er beschreibt ein vertrautes europäisches Verfahren: Eine Kontroverse wird nicht wirklich gelöst, sondern schrittweise verhüllt – durch technische Formulierungen, unklare Zuständigkeiten, begrenzte Maßnahmen und den Verweis auf laufende Prüfungen.

Der erste Schleier ist die Sprache: Statt von politischer Verantwortung ist von „Dialog“ und „Inklusion“ die Rede. Der zweite ist die Bürokratie: Förderregeln ersetzen eine ernsthafte politische Bewertung. Der dritte ist die Fragmentierung: Parlament, Kommission und Agenturen verweisen jeweils aufeinander. Und der letzte Schleier ist das Schweigen, sobald eine Entscheidung getroffen wurde.

Ein möglicher Ausschluss von FEMYSO wäre daher nicht das Ende der Debatte. Er wäre allenfalls ihr Beginn. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob eine Organisation von einem einzelnen Ereignis ferngehalten wird. Sie lautet, nach welchen Kriterien europäische Institutionen künftig Partnerschaften, Förderungen und politische Anerkennung vergeben.

Eine notwendige Klärung

Das Europäische Parlament sollte den angeblichen Beschluss präzisieren: Welche Maßnahme wurde getroffen? Auf welcher Grundlage? Für welchen Zeitraum? Betrifft sie nur das European Youth Event oder sämtliche institutionellen Aktivitäten? Und welche Folgen ergeben sich für frühere oder laufende Formen der Zusammenarbeit?

Ohne diese Klarheit bleibt der Eindruck einer symbolischen Geste bestehen: sichtbar genug, um Kritik zu entschärfen, aber zu vage, um eine wirkliche politische Zäsur zu markieren.

Eine Demokratie gewinnt nicht an Stärke, indem sie religiöse oder weltanschauliche Gruppen ausgrenzt. Sie gewinnt an Stärke, wenn sie ihre Partner sorgfältig auswählt, ihre Entscheidungen begründet und keine Organisation ohne kritische Prüfung zur Stimme von Millionen Menschen erhebt.

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Ein Kommentar

  1. Das Europäische Parlament tut sich schwer das islamistische FEMYSO von Aktivitäten des Hauses auszuschließen. Warum?

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