BERLIN (inn) – Der Eingang ist schmal, die Wände sind schwarz. Irgendwo klirrt es. Geschirr scheint irgendwo auf den Boden zu fallen. Wer dieser Tage das Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages betritt, findet sich schnell in diesem Szenario wieder. Nur wenige Meter nach dem offenen Eingangsbereich steht man plötzlich vor einem Bunker. Oder genauer gesagt: vor dem Nachbau eines Bunkers, der so hundertfach im Süden Israels anzufinden ist.
An den Wänden im Inneren des Bunkers hängen Bilder aus israelischen Kibbuzim: zerstörte Häuser, verwüstete Räume, stumme Zeugnisse des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023. Der Nachbau ist nur wenige Meter breit. Doch die Bilder führen in eine Welt, deren Schrecken sich kaum in Worte fassen lässt.
Christian Weiß, der Fotograf der Ausstellung „733:02:35“, erzählt im Inneren des Bunkers von dem Bild, das ihn am meisten bewegt: Ein rosa-farbener Plüschelefant mit großen schwarzen Augen liegt beschmutzt inmitten der Zerstörung. Daneben Bilder des zerstörten Kindergartens in Be’eri. Für Weiß sei es unvorstellbar, was dieser Elefant am 7. Oktober alles mitansehen musste. Und dennoch, sagt er mit Tränen in den Augen, erkenne er ein Lächeln im Gesicht des Elefanten. Das Lächeln gebe ihm die Hoffnung, dass die Menschen in Zukunft irgendwann friedvoller miteinander umgehen werden.
Ein Meer aus Anemonen
Am Ende des Bunkers weitet sich der Raum – eine Rückwand gibt es nicht. Auf schwarzen Tüchern auf dem Boden liegen rote Anemonen – eine für den Süden Israels typische Blume. Sie verkörpert Hoffnung, Erneuerung und die Schönheit des Lebens, ist ein Symbol für die Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit des Landes, selbst unter schwierigsten Bedingungen zu gedeihen.
Die insgesamt 255 Anemonen erinnern an jede einzelne Geisel, die am 7. Oktober in den Gazastreifen verschleppt wurde. Jede dieser Blumen sei handgefertigt und daher einmalig, erklärt Weiß. Getöpfert haben sie Überlebende des Massakers, Angehörige von Holocaust-Überlebenden und Freiwillige aus aller Welt. Neben der Erinnerung sei das auch ein Beitrag zur deutsch-israelischen Verständigung. Dieses „Ruhefeld“, wie Weiß es nennt, verbindet den ersten Ausstellungsteil mit dem letzten. Denn die Blumen links und rechts führen unmittelbar in die „Zeitspirale“.
Diese besteht aus zehn Stelen und zeigen auf Bildern, wie Israelis und die Gesellschaft als Ganze mit der Trauer und dem Schmerz nach dem 7. Oktober umgegangen sind. Zu sehen sind Bilder von Trauernden, von Demonstrationen zur Freilassung der Geiseln und von Gedenkorten. Sie stehen für den langen Kampf der Angehörigen um die Rückkehr der verschleppten Geiseln.
Doch mit dieser Perspektive endet die Ausstellung und auch die Geschichte der verschleppten Geiseln nicht. Denn 733 Tage, zwei Stunden und 35 Minuten nach dem Angriff der Hamas aus Israel wird ein Abkommen über die Freilassung der letzten Geiseln geschlossen. Diese Zahlen sind namensgebend für die Ausstellung.
Am Ende zeigt die Ausstellung erneut eine Wand mit einem schmalen Durchgang. Doch dieser führt nicht etwa wie zu Beginn in einen Bunker, sondern in den offenen Raum des Paul‑Löbe-Hauses – hindurch durch feiernde Israelis, nachdem eine Geiselfreilassung bekannt geworden ist. Aus Sicht von Weiß ist mit dieser letzten Wand die Geschichte nicht zu Ende. Sie geht weiter. Das soll der Durchgang symbolisieren. Denn obwohl die Geiseln frei sind, herrscht weiter Krieg und die Wunden des 7. Oktober sind längst nicht verheilt.
Die Ausstellung „733:02:35“ ist noch bis zum 6. November 2026 im Paul-Löbe-Haus des Bundestages zu sehen. Für den kostenlosen Besuch ist eine Anmeldung über den Bundestag notwendig.
Ein Kommentar
Zu Beginn der Ausstellung müssen die Besucher durch den Eingang eines nachgebauten Bunkers gehen.
Werden Linken und Grüne Jugend auch dadurch gehen?