Buch über Nahostkonflikt mit Licht und Schatten

Den Nahostkonflikt auf etwas mehr als 100 Seiten zusammenzufassen, ist schwierig. Das zeigt ein neues Buch, in dem ein jüdischer und ein arabischer Jugendlicher das Thema im gemeinsamen Unterricht durchnehmen. Eine Rezension
Von Elisabeth Hausen

Ein neues Buch soll deutschen Jugendlichen helfen, sich dem Nahostkonflikt anzunähern. Im Zentrum stehen ein jüdischer und ein arabischer Israeli, Moshe und Faris. Die beiden 16-jährigen Freunde besuchen eine Hand-in-Hand-Schule, in der sie Unterricht auf Hebräisch und Arabisch erhalten. Solche Schulen gibt es in Israel, die Handlung des Buches ist indes fiktiv.

Der Titel lautet: „Geschichte einer zerrissenen Heimat“. Diese Heimat ist die „südliche Levante“, wie die Autoren Dieter Vieweger und Claudia Müller das Gebiet im Buch nennen, weil andere Bezeichnungen umstritten sind. Moshe und Faris haben Geschichtsunterricht bei einer jüdischen Lehrerin und deren arabischem Kollegen. Beide sind abwechselnd Ich-Erzähler.

Zwischen zwei Rollen

Dabei schwankt Faris zwischen zwei Rollen, wobei die genaue Absicht nicht klar wird: dem israelischen Araber, der er ist, und dem Palästinenser, als der er sich mitunter darstellt. Dann könnte er allerdings nicht eine solche Schule besuchen. Denn beim Projekt „Hand in Hand“ geht es um eine Koexistenz jüdischer und arabischer Schüler aus Israel; immerhin sind gut 20 Prozent der israelischen Staatsbürger Araber. Doch mehrmals ist irreführenderweise die Rede von „Palästinensern in Israel“, womit keine Arbeiter aus dem Westjordanland gemeint sind, sondern Israelis.

Im Zusammenhang mit dem Sechs-Tage-Krieg zitieren die Autoren aus einer Erklärung im „Radio Kairo“ vom 18. Mai 1967: „Ab heute gibt es keine internationalen Friedenstruppen mehr, die Israel beschützen. Unsere Geduld ist zu Ende. Wir werden uns nicht mehr bei den Vereinten Nationen über Israel beklagen. Ab jetzt herrscht der totale Krieg gegen Israel, und er wird zur Auslöschung des Zionismus führen.“

Das entsprechende Kapitel „Ein Krieg verändert die Landkarte“ ist aus der Sicht von Faris erzählt. Als Reaktion auf die Radiomeldung heißt es: „‚Was aber offenbar nicht passiert ist‘, bemerkte ich. ‚Sonst hätte ich keinen israelischen Pass.‘“ Hier tritt der arabische Jugendliche also als Israeli auf.

„Ihr haltet uns mit Militär und Checkpoints unter Kontrolle“

An einem Tag bekommt Faris auf dem Schulweg aus der Ferne ein Attentat am Damaskustor mit. Der Terrorist wird erschossen. In der Schule sorgt der Vorfall für Diskussionsstoff. Eine jüdische Schülerin, Tabea, fragt: „Warum hasst ihr Araber uns so?“ und fügt hinzu: „Rennen wir etwa auch mit Messern auf euch zu?“ Faris entgegnet: „Nein, ihr haltet uns dafür mit Militär und Checkpoints unter Kontrolle.“

Weder Tabeas Vorwurf noch die Reaktion passen zum Ambiente der „Hand-in-Hand-Schule“. Offenbar wollten die Autoren durch die Zuspitzung und den Streit den Konflikt verdeutlichen. Doch wenn ein Jugendlicher in Deutschland das liest, entsteht bei ihm der Eindruck, israelische Araber müssten sich an Checkpoints Kontrollen unterziehen – und israelische Juden nicht. Und Wehrdienst können auch arabische Israelis leisten; sie sind nur nicht dazu verpflichtet, weil sie sonst möglicherweise gegen Verwandte in den Autonomiegebieten kämpfen müssten.

„Unsere Situation im Gazastreifen“

Faris thematisiert auch – im Zusammenhang mit dem am 7. Oktober ausgelösten Krieg – „unsere Situation im Gazastreifen“. Er identifiziert sich also mit den dort lebenden Palästinensern. Zu einem israelischen Angriff merkt er kritisch an: „Die Zivilisten hatten keine Rakete gezündet und waren doch von den Folgen betroffen.“

Immerhin äußert er auch Kritik an der Hamas – was einen Palästinenser im Gazastreifen in akute Gefahr bringen würde: „Es machte mich aber ebenso fassungslos, dass die Hamas wohl mit den vielen Toten in unserem Volk rechnete und diese Teil ihrer Strategie waren. Für die Zivilbevölkerung grub sie keine Tunnel oder Sicherheitsbunker. Deren Leid wurde in den Medien der Welt als die Grausamkeit Israels dargestellt und sollte offenbar die Weltöffentlichkeit von den Untaten und den Zielen der Hamas ablenke, die Israel auslöschen wollte.“ Von „Terroristen“ ist indes im Zusammenhang mit der Hamas nicht die Rede, nur von „Kämpfern“.

Der arabische Geschichtslehrer tut es Faris gleich. Er sagt mit Bezug auf die israelische Staatsgründung 1948 und die Folgend es Unabhängigkeitskrieges: „Kein Wunder, dass wir Araber diesen Krieg als ‚Nakba‘, als ‚Katastrophe‘ bezeichnen.“ Da stellt sich die Frage, ob ein Lehrer – zumal an einer Koexistenzschule – nicht mit gutem Beispiel vorangehen sollte, statt etwaige Spannungen zwischen jüdischen und arabischen Schülern noch anzuheizen.

Positive Aspekte

Es ist nicht einfach, eine so komplexe, jahrhundertelange Geschichte in ein Buch zu pressen, das auch noch für Jugendliche geeignet sein soll. Positiv fällt dabei auf, dass manche Informationen vorkommen, die sonst meist unter den Tisch fallen. Dazu gehört der Hinweis, dass Jerusalem unter König David Hauptstadt des israelitischen Königreiches war. Die Umbenennung Jerusalems in Aelia Capitolina durch den römischen Kaiser Hadrian wird ebenso thematisiert wie die des Landstriches, zu dem das damalige Judaea gehörte, in Provincia Palaestina. Dass die arabische Herrschaft erst mit dem Islam begann, ist ein weiterer wichtiger Hinweis.

Im Zusammenhang mit der „Al-Aqsa-Intifada“ ab Ende September 2000 wird der Besuch des späteren israelischen Regierungschefs Ariel Scharon als „Auslöser“ genannt. Gleichzeitig erfahren die Leser, dass Palästinenserführer Jasser Arafat die Gewalt schon vorher geplant hatte.

Zur vielkritisierten Sperranlage erläutert die jüdische Lehrerin: „Dieses Bauwerk wurde errichtet, um die Siedler und das Kernland Israels vor Terror aus den palästinensischen Städten und Dörfern zu schützen.“ Hier wird deutlich, dass der Sicherheitszaun mit Mauerabschnitten zwar das Leben der Palästinenser einschränkt, aber auch der Sicherheit dient, also nicht willkürlich errichtet wurde.

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Dass Israelis die palästinensischen Autonomiegebiete nicht betreten dürfen, wird erwähnt, als die Schulklasse einen Ausflug nach Hebron unternimmt: „Überdimensional große rote Schilder warnten alle Bewohner Israels davor, dass hier das sogenannte A-Gebiet beginnt.“ Der Grund für die Warnschilder wird hingegen weggelassen: Im Oktober 2000 wurden in Ramallah zwei Soldaten gelyncht und ihre Leichname durch die Straßen geschleift. Daraufhin beschloss die Regierung zum Schutz der Israelis, Zivilisten das Betreten der Zone A zu untersagen.

Die Illustrationen hat Ina Beyer beigesteuert. Auf dem Titelbild stehen die beiden Jugendlichen Arm in Arm als Zeichnung. Ein Foto mit der Klagemauer und dem Felsendom mit der goldenen Kuppel bildet den Hintergrund. Moshe lässt sich an der Kippa erkennen, das setzt sich im Laufe des Buches fort. Dort wechseln Fotos von realen Geschehnissen mit Zeichnungen von Situationen in der fiktiven Schulklasse.

Für Unterricht nicht geeignet

Herausgeber Vieweger ist Direktor des Deutschen Evangelischen Institutes für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes Jerusalem und Amman. Mitautorin Müller lehrt unter anderem Religion an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Das Buch ist auch für die Verwendung im Unterricht gedacht. Da es sich um eine fortlaufende Erzählung handelt, in der Faris, Moshe und ihre Mitschüler etwas über Geschichte und Gegenwart der südlichen Levante lernen, dürfte sich dies allerdings schwierig gestalten.

Inhaltlich bietet die „Geschichte einer zerrissenen Heimat“ Licht und Schatten. Einerseits gibt es Informationen zu dem komplexen Thema, die sonst oft außen vor bleiben. Andererseits sorgen Ungenauigkeiten wie die mangelnde Unterscheidung zwischen israelischen Arabern und Palästinensern möglicherweise für Verwirrung bei Lesern.

Es ist ohnehin schwierig, sich dem komplexen Thema auf wenigen Seiten zu nähern. Umso nötiger wären präzise Formulierungen gewesen.

Dieter Vieweger, Claudia Müller: „Geschichte einer zerrissenen Heimat. Wie junge Menschen den Nahostkonflikt erleben“, Vandenhoeck & Ruprecht, 112 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-525-70361-8

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