Biblische Könige und Netanjahu

Christen sehen oft einen Unterschied zwischen dem biblischen und dem heutigen Israel. Doch wer genau hinsieht, stellt fest: Eigentlich hat sich gar nicht so viel geändert.
Von Elisabeth Hausen

„Ist der heutige Staat Israel noch das biblische Israel?“ Diese Frage hören wir bei Israelnetz immer wieder. Als Gründe für die Zweifel werden die Politik von Regierungschef Benjamin Netanjahu und die Säkularisierung des jüdischen Staates genannt. Doch war es in der Zeit der Bibel so anders?

Den ersten König, Saul, verwirft Gott wegen Ungehorsams. Nach nur zwei weiteren Amtszeiten wird das Königreich wegen Zwietracht in Israel und Juda geteilt. Beide Reiche gehen unter, sie enden mit Verschleppung und Exil. Über die Könige heißt es entweder: „Er tat, was dem HERRN gefiel“, oder: „Er tat, was dem HERRN missfiel“.

David gilt hierbei als Maßstab für Gottesfürchtigkeit; so heißt es etwa in 2. Könige 18,3 über Hiskia: „Und er tat, was dem HERRN wohlgefiel, ganz wie sein Vater David.“ Dabei ist „Vater“ im Sinne von „Vorfahr“ zu verstehen. Wer in die Bibel schaut, sieht, dass David ein Ehebrecher und Mörder war. Dennoch gilt er als „Mann nach dem Herzen Gottes“. Zum Vorbild wurde er nicht wegen seiner Rechtschaffenheit – sondern weil er seine Sünden bekannte und Buße tat.

Die Könige nach ihm, die tun, was dem HERRN gefällt, zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie Götzenopferstätten zerstören. Offenbar ließ sich das Volk immer wieder dazu hinreißen, jemand anderem zu huldigen als seinem Gott.

Aus der Zeit der Erzväter wiederum lesen wir von Misstrauen, Lüge und Intrige. Josefs Brüder verkaufen ihn als Sklaven. Während der Wüstenwanderung nach der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft tut sich das Volk Israel durch Murren und Unglauben hervor, es macht sich sogar ein goldenes Kalb und betet es an. Die Richterzeit ist geprägt von Chaos und Kriegen.

Erwählung aus Liebe

Was also kennzeichnet das biblische Volk Israel? In 5. Mose (7,7f) steht: „Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.“ Die Erwählung hat also nichts damit zu tun, dass Israel besonders groß oder auch heilig wäre. Doch genau diesen Maßstab legen wir gern an das jüdische Volk an – und sind dann enttäuscht, wenn sich die Juden als sündige Menschen entpuppen.

Statt mit den Fingern auf Israel zu zeigen und dessen bleibende Erwählung anzuzweifeln, sollten wir als Christen lieber die Frage stellen: Ist die heutige Kirche gleichzusetzen mit der neutestamentlichen Urgemeinde? Von ihr heißt es in Apostelgeschichte 2,44: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele.“ In dieser ersten Gemeinde waren Juden übrigens in der Überzahl.

Kirche weit vom ursprünglichen Auftrag entfernt

Seitdem hat sich die Kirche weit von dem entfernt, was ihr Herr Jesus Christus in einem Gebet vor seiner Kreuzigung formulierte (Johannes 17,20): „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien.“

Nicht nur haben sich die Christen in so viele Konfessionen und Denominationen aufgespalten, dass selbst Gläubige den Überblick verlieren. Im Namen der Kirche haben Menschen schlimme Verbrechen begangen, auch an Juden. Nur wenige Jesus-­Nachfolger erhoben im Dritten Reich die Stimme für die Juden. Dabei sind Christen laut Römer 11 aufgepfropfte Ölzweige, die dank der jüdischen Wurzel existieren.

Nach allem Versagen und dem Hass auf Israel ist die Frage berechtigt: Gilt die Erwählung der Christen noch? Wer so viel Dreck am Stecken hat wie wir, nicht nur gegenüber Israel, sollte sich bei der Beurteilung des heutigen jüdischen Staates und seiner Regierung zurückhalten. Eines bleibt wie in biblischer Zeit: Ob Israel und dessen Regierungschefs nach Gottes Willen handeln, obliegt allein seinem Urteil. Das gilt auch für die Kirche und deren Verantwortungsträger.

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