Der Anruf bei der Israelischen Altertumsbehörde (IAA) ging am 22. Oktober 2023 ein. Am anderen Ende der Leitung ein Vertreter der israelischen Militärbehörden. In den Tagen zuvor hatte starker Winterregen den Süden des Landes teilweise überschwemmt, wichtige Beweise des Hamas-Terrorangriffs am 7. Oktober drohten unwiederbringlich verloren zu gehen. Diese Sorge veranlasste die Militärführung und Forensiker, die Israelische Altertumsbehörde um Unterstützung zu ersuchen.
Dreiunddreißig IAA-Mitarbeiter meldeten sich umgehend als Freiwillige. Unter der Leitung und Koordinierung von Ajelet Dajan schufteten sie in Teams von bis zu 15 Personen täglich an den Tatorten – auf der Suche nach Anhaltspunkten Vermisster und um bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichname zu identifizieren. Behutsam durchsuchten die Archäologen-Teams Zentimeter für Zentimeter systematisch bis zum Sommer 2024 das gesamte Gebiet, siebten unermüdlich Asche, stets in der Hoffnung, auf persönliche Habseligkeiten oder auch auf menschliche Überreste zu stoßen, anhand derer Vermisste identifiziert werden könnten.
Jeder noch so kleine Fund wurde wie auf einer Ausgrabungsstätte dokumentiert, Tausende von Fundstücken zu einem Puzzle zusammengesetzt. Um die Vorgänge möglichst detailgetreu rekonstruieren zu können, erstellten die Archäologinnen und Archäologen mit modernen Messmethoden eine flächendeckende Fundstellenkartierung. Fundstellen werden unter anderem mit Hilfe von Satellitenortung via GPS, Raumdaten, Laser-Abtastung (LiDAR) und manuellen Vermessungstechniken kartiert.
Die Teams waren in den Kibbuzim Be’eri, Nir Os, Kfar Asa und Kissufim im Einsatz, führten Spurensicherung in Nahal Os, Sufa, Re’im und Holit, im Moschav Netiv HaAssara und auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals durch. Zudem untersuchten sie die umliegenden Felder, Straßen sowie ausgebrannte Fahrzeuge, in denen Menschen versucht hatten, vor den Terroristen zu fliehen – viele fanden dabei den Tod.
An den Einsatzorten herrschte eine gespenstische Stille, unbeschreibliche Verwüstung, grauenhafte Anblicke getöteter Menschen und ihrer Haustiere, verbrannte Körper und der Geruch von Tod und Verwesung. Um dem Vergessen entgegenzutreten, haben die Beteiligten die schwierigen Erfahrungen in einer Ausstellung für die Nachwelt festgehalten.
Ausstellung „Rising from the Ashes”
Die Ausstellung „Rising from the Ashes“ erzählt die Ereignisse am 7. Oktober 2023 aus der Perspektive der Israelischen Altertumsbehörde, mit den Augen der an der Suche nach Vermissten beteiligten Archäologinnen und Archäologen. Dank ihrer jahrelangen Erfahrung und Expertise konnten Schicksale geklärt werden, wie etwa im Fall von Schani Gabai.
Die Archäologen entdeckten auf dem Gelände des Nova-Festivals in all dem Chaos und der Verwüstung eine Halskette, anhand derer Schani identifiziert werden konnte. Demnach wurde die junge Israelin nicht nach Gaza verschleppt, sondern bei ihrem Versuch, vor den Terroristen zu fliehen, erschossen. Ihre Familie lebte lange im Ungewissen und hatte auf ihre Rückkehr aus Gaza im Rahmen eines Gefangenenaustauschs gehofft.
In Kooperation mit dem israelischen Ministerium für Kulturerbe und der Tekuma-Direktion wurde ein nationales Dokumentationsprojekt initiiert: Die zerstörten und teils vollständig verwüsteten Orte im Gaza-Grenzgebiet werden als 3D-Modelle („digitale Zwillinge“) mit einer für weitläufige antike Stätten entwickelten Technologie reproduziert. So bleibt die Erinnerung an den 7. Oktober 2023 für kommende Generationen visuell erhalten.
Eine interaktive Wand zeigt Fotografien gefundener Objekte, sie liegen verborgen unter einer Aschedecke und werden durch Wischen auf der Wand sichtbar. Der Einstiegsfilm in die Ausstellung zeigt Originalaufnahmen vom 7. Oktober, teilweise gefilmt von Hamas-Terroristen und live gestreamt, dazu werden O-Töne eingespielt.
Vitrinen stellen die von den Archäologen verwendeten Arbeitswerkzeuge aus, mit denen sie normalerweise an antiken Stätten arbeiten. An Bildschirmen können Besucher anhand von erstellten 3D-Modellen der zerstörten Kibbuzim und Moschavim die Orte erkunden, blühende Gemeinschaften vor dem 7. Oktober. Beteiligte Archäologen schildern ihre Eindrücke und Arbeitsweise. Videos und Fotos zeigen die Teams bei ihrer Suche nach Vermissten, Überlebende des Massakers und Angehörige kommen zu Wort.
Der bekannte Street-Art-Künstler Benzi Brofmann hat in Tel Aviv einige Arbeiten dem 7. Oktober gewidmet und gab Anregungen für die Ausstellungskonzeption. Brofmann ist dem Grauen des 7. Oktober 2023 durch einen glücklichen Zufall entkommen: Der Künstler war für das Nova-Festival engagiert worden, welches er aber früher als geplant verlassen musste.
Die Ausstellung „Rising from the Ashes” ist seit September auf dem neuen Gelände der Israelischen Altertumsbehörde – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bibellandmuseum – geöffnet. Sie ist ausdrücklich nicht für Kinder vorgesehen, nur für Gruppen. Wer sie besichtigen möchte, muss sich einer Führung – auf Hebräisch und Englisch – von IAA-Mitarbeitern anschließen, die für die Besucher-Begleitung aufgrund der emotional herausfordernden Thematik speziell geschult wurden.
„Zeugnis ablegen von den Schrecken des 7. Oktober“
Ein Gespräch mit Dr. Yoav Arbel über Motivation, Eindrücke und Empfindungen.
Israelnetz: Yoav Arbel, die Teilnahme war freiwillig. Was hat Sie persönlich dazu motiviert, als Archäologe mitzuwirken?
Dr. Yoav Arbel: Wie unzählige andere Israelis suchte ich nach Möglichkeiten, meinem Land und seinem Volk auf jede erdenkliche Weise zu helfen, und meldete mich freiwillig für verschiedene zivile Aktivitäten, die die IAA initiiert hatte. Wir waren uns alle der potenziellen körperlichen und sonstigen Risiken bewusst, erkannten aber auch die Bedeutsamkeit dieser Mission. Über 100 unserer israelischen Mitbürger wurden noch vermisst. Ihr Schicksal musste geklärt werden, und falls sie verstorben waren, hatten sie Anspruch auf eine würdige Beerdigung in ihrer Heimat. Darüber hinaus brauchten ihre Familien einen Abschluss, und der Staat musste einer möglichen Manipulation auf Kosten der Vermissten durch Feinde, Betrüger und Leugner vorbeugen, wie sie bei vermissten Israelis in der Vergangenheit bereits geschah.
Welche besonderen Herausforderungen gab es vor Ort?
Körperlich: Stunden- und tagelange Arbeit in stark verbrannten und halb zerstörten Häusern, die kurz vor dem Einsturz standen. Nicht explodierte, aber noch scharfe Granaten und Munition inmitten der Ruinen, die Gefahr eines Hinterhalts durch zurückgebliebene Terroristen, Raketen- und Mörsergranatenbeschuss aus Gaza, mit nur maximal sieben Sekunden Zeit, um in einem der ausgebrannten Gebäude Schutz zu suchen.
Doch all das ist nichts im Vergleich zu dem, was unsere Soldaten täglich in den Kämpfen in Gaza oder im Libanon leisten müssen.
Psychisch: Wir wussten nie, was für ein schrecklicher Anblick uns an einem Ort erwarten würde, ob wir auf menschliche Überreste treffen würden. Die Menschen, die an den ersten Tagen nach dem Massaker vor Ort waren, sahen und erlebten viel, viel Schlimmeres, aber auch ein paar Wochen später, als wir ankamen, war es sehr hart.
Wie haben Sie es mental geschafft, Ihre Arbeit trotz der schrecklichen Anblicke und des Geruchs der verbrannten Leichen konzentriert zu leisten?
Bei manchen Menschen vermischen sich Anblicke, Szenen und Erlebnisse mit ihren Emotionen, für sie ist es am härtesten. Bei anderen wirken die Szenen erst später auf die Psyche und sie erleben möglicherweise noch lange danach Flashbacks. Und es gibt die Sorte von Menschen, die die grausamen Eindrücke in bestimmten Schubladen im Kopf speichern und ihre eigenen Gefühle in separaten Schubladen, sich emotional aus Schutz abspalten.
Es geht nicht um mentale Stärke oder Herzenskälte, sondern um besondere emotionale Strukturen. Man konnte nicht wissen, welcher Typ man ist und wie man auf die zerstörten israelischen Kibbuzim oder die gespenstische Atmosphäre des Nova-Festival-Geländes reagieren würde – wo am 7. Oktober 2023 Hamas-Terroristen und ihre zivilen Unterstützer aus Gaza unvorstellbare Gräueltaten begingen –, bis man selbst damit konfrontiert wurde.
Haben Sie und das Team während und nach Ihrem Einsatz psychologische Unterstützung erhalten?
Die IAA hat viel getan und tut es weiterhin, um ihre Unterstützung und Wertschätzung gegenüber unserer Arbeit zu zeigen. Gemeinsam mit der Armee wurden Sitzungen mit Psychologen organisiert. Hinzu kam finanzielle Unterstützung für private psychologische Behandlungen für diejenigen, die das Gefühl hatten, sie zu benötigen.
Es herrschte stets Offenheit für unsere Anliegen. Wertschätzung wurde auch anhand von Geschenkpaketen, einem Wochenende in einem Hotel am Toten Meer mit entsprechenden Aktivitäten und nun, über ein Jahr nach dem Abschluss unserer Mitarbeit, einem Tag mit Workshops in der Natur zum Ausdruck gebracht.
Wie viele Terror-Opfer konnten bislang durch die Unterstützung von Archäologen eindeutig identifiziert werden?
16 Vermisste.
Waren Sie auch an der Konzeption der Ausstellung „Auferstehung aus der Asche“ beteiligt?
Nein. Man wandte sich aber an mich, um bei der Medienberichterstattung zu unterstützen, und wir wurden nach dem Besuch der Ausstellung „Rising from the Ashes“ um unsere Kommentare gebeten. Als Archäologen sind wir es gewohnt, die Überreste längst vergangener Katastrophen freizulegen, zu analysieren und zu erforschen.
Doch weder unsere akademische Ausbildung, unsere Felderfahrung noch unsere Lebenserfahrung als Israelis und als Menschen haben uns auf das vorbereitet, was uns zwischen Oktober 2023 und Sommer 2024 bevorstand. Wir konnten keine Bücher zu Rate ziehen. Wir mussten sie selbst schreiben, in der Hoffnung, dass niemand in Zukunft unsere Methoden anwenden müsste.
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Leider gibt es im Ausland bereits Menschen, die die Ereignisse vom 7. Oktober herunterspielen. Manche bezweifeln sie sogar – ähnlich wie Holocaustleugner – oder versuchen, sie durch Gerede über einen „größeren historischen Kontext“ oder durch Verweise auf die aktuelle Situation im Gazastreifen zu relativieren, zu verwässern.
Es war damals unsere Pflicht, dort zu sein und zu tun, was wir getan haben, und es ist heute unsere Pflicht, durch die verbrannten Überreste Zeugnis von den Schrecken dieses Tages abzulegen. Aus diesem Grund gibt es die Ausstellung „Auferstehung aus der Asche“. Ich hoffe, Ihre Leser werden Gelegenheit haben, sie zu besuchen, um einen visuellen und emotionalen Einblick in unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu bekommen.
Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihre Zeit und für das Gespräch.
» Archäologen suchen nach menschlichen Überresten
» Fotografische Annäherung an den verwundeten Raum des Nova-Festivals
3 Antworten
Eben habe ich ein „ungefiltertes Video“ von ca. 21 Min. vom 7. Okt. 23 angesehen.
Mir fehlen die Worte, um mein Empfinden von diesen „bestialischen Grausamkeiten“ zu beschreiben.
Es ist einfach nur „abartig, monströs, unfassbar erschütternd und tief traurig“.
Dabei ist mir völlig klar, dass es noch viel „schrecklichere und zutiefst schockierende“ Situation, Videos und Bilder gibt, ganz zu Schweigen von der grausamen Realität vor Ort, den „entsetzlichen Gerüchen“ von Blut, verbrannten Personen. Unvorstellbar bestialisch. Die Ersthelfer, wie auch alle nachfolgenden, werden diese „Bilder des Grauens, die Gerüche“ vermutlich niemals vergessen. Es tut mir unendlich leid, was den Opfern, deren Familien, und besonders den Helfern, Soldaten, und wem auch immer damit angetan wurde.
Die Täter kann ich wirklich nicht mehr als Menschen sehen. Für mich sind es „Monster, Bestien“, mitsamt allen, die es wagen diese Gräuel zu feiern zu bejubeln. Ekelhaft.
Dass man sich solch furchtbare Dinge anschauen und auch noch in Worten schildern kann stößt bei mir auf völliges Unverständnis. Ich versteh das nicht – die Gefangenen, ich leide mit und bete fast jeden Tag für Israel und seine Gefangenen.
Wie geht es den Hinterbliebenen vom 7. Oktober – mein Bruder hat zwei verschiedene Krebsarten, er wird sterben. Das ist so schwer – dann denke ich wieder an die Hinterbliebenen vom 7. Oktober. Sie brauchen Gebet!
Grauenvoll, aber notwendig. Wie in dem Artikel erwähnt, gibt es jetzt schon Zeitgenossen, die die Massaker vom 7.Oktober relativieren oder gar leugnen. Und das, obwohl die Terroristen den Horror voller Stolz gefilmt haben und dabei die Mama angerufen haben.