JERUSALEM (inn) – Patriarchen und Oberhäupter der traditionellen Kirchen in Jerusalem haben in einer gemeinsamen Erklärung vor „christlichem Zionismus“ gewarnt. In dem am Samstag veröffentlichten Schreiben prangern sie Initiativen an, die sich im Namen der Christen des Heiligen Landes äußern, ohne ein kirchliches Mandat zu haben.
In ihrem Schreiben betonen die Würdenträger: Die „Herde Christi in diesem Land ist den apostolischen Kirchen anvertraut, die ihr heiliges Amt über Jahrhunderte mit standhafter Hingabe ausgeübt haben“. Doch gebe es Personen vor Ort, „die schädliche Ideologien wie den christlichen Zionismus vorantreiben“. Sie verfolgten eine politische Agenda. Dies stifte Verwirrung und könne den Christen im Heiligen Land und im Nahen Osten schaden.
Im Kern des Schreibens heißt es: „Die Patriarchen und Kirchenoberhäupter äußern zudem mit Besorgnis, dass diese Personen sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene offiziell willkommen geheißen wurden. Solche Handlungen stellen eine Einmischung in das innere Leben der Kirchen dar und ignorieren die seelsorgerische Verantwortung, die den Patriarchen und Kirchenoberhäuptern in Jerusalem anvertraut ist.“
Amtskirchen wenden sich gegen Verein einheimischer Christen
Die Verfasser lassen unklar, wer ihnen so zusetzt. Vieles spricht aber dafür, dass sie eine Gruppe einheimischer Christen meinen, die in der vergangenen Zeit auch mediale Aufmerksamkeit erlangt hat. Der Verein „Die israelische christliche Stimme“ gründete sich im Juni 2024 unter dem Eindruck des Terrormassakers vom 7. Oktober. Seine Mitglieder solidarisieren sich klar mit Israel und dienen in der Armee.
Der Gründer der Gruppe, Oberstleutnant Ihab Schlajan, gehört der griechisch-orthodoxen Kirche an. Er nahm am Neujahrsempfang für die Kirchenoberhäupter in der Residenz des Staatspräsidenten Jizchak Herzog. Dort ließ er sich mit dem Präsidenten und mit US-Botschafter Mike Huckabee fotografieren. Zwei Tage später erschien das Schreiben der Patriarchen.
Auf der Facebook-Seite des Vereins veröffentlichte Schlajan am Sonntag eine Reaktion. Darin betonte er die Autonomie des Vereins gegenüber den religiösen Autoritäten: „Wir handeln unabhängig – ohne Vormundschaft, ohne Furcht – für das Überleben und die Würde der Christen.“
Der Verein wolle die Kirche in doktrinären oder pastoralen Bereichen nicht ersetzen, fuhr Schlajan fort. Doch er beanspruche das Recht auf bürgerliches und politisches Engagement. Zudem behalte er sich rechtliche Schritte gegen jede Versuche der Delegitimierung vor. Weiter schrieb er, er arbeite mit religiösen Führungspersönlichkeiten der Christen, Juden, Muslime und Drusen zusammen. Er betonte, er erhalte keine Finanzmittel, die seine Entscheidungen beeinflussen könnten.
Plädoyer für Eigenverantwortung
Am späten Sonntagabend veröffentlichte Schlajan ein weiteres Statement. Das ist deutlich konfrontativer formuliert. Adressat sind „alle, die behaupten, sie würden im Namen der Christen sprechen“: „Was habt ihr wirklich für die christliche Gemeinschaft im Heiligen Land getan? Nennt ein einziges Ergebnis. Auch das kleinste.“
Es folgt ein Aufzählung von Missständen: In Bethlehem sterbe das Christentum, aus Ramallah und Taibeh würden Christen verschwinden. Kirchenland und Friedhöfe würden verkauft, Eigentum sei verloren. Christliche Kinder lernten nicht mehr ihre Geschichte. „Ein Christ ist heute entwurzelt. Er weiß nicht, woher er kommt oder wohin er geht. Er weiß nicht, wie er leben oder eine Zukunft für seine Kinder schaffen soll.“
„Wir sind Teil eines demokratisch-jüdischen Staates“
Schlajan schreibt weiter: „Wir respektieren die Kirchen und die Kirchenführer – sie sind die Krone über unseren Häuptern. Doch die Kirche muss sich auf ihre geistliche und glaubensbasierte Aufgabe konzentrieren. Das tägliche Leben aber, die Würde und Zukunft unserer Kinder, ist unsere Verantwortung.“
Wenn die Würde eines Christen gebrochen sei und er nicht weiß, wie er überleben soll, könne er auch nicht zum Gebet in die Kirche kommen. Erst wenn die Häupter der Christen erhoben seien, Arbeit gefunden, Sicherheit und ein würdevolles Leben garantiert sei, würden sich die Kirchen wieder füllen.
Schlajan folgert: „Erst dann werdet ihr, die Kirchen und Kirchenführer, mit uns gemeinsam gehen und wir werden wirklich mit einer Stimme sprechen. Doch heute ist die Situation der Christen eine der schwierigsten seit Beginn der Christenheit. Mit eurer Haltung werdet ihr das Christentum nicht retten! Es ist unsere Aufgabe, wir werden weitergehen und ‚die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen‘ (Matthäus 16,18)“.
Die Facebookseite des Vereins hat 18.300 Abonnenten. Am Montag veröffentlichte der Verein ein Bild mit einer Kirche, versehen mit einer Botschaft: „Wir sehen uns als Teil dieses Staates und nicht als Teil derer, die ihn ablehnen. Wir leben nicht in Syrien, wo Christen keine Meinungsfreiheit haben oder im Iran, wo Kirchen zerbombt werden. Wir leben in einem jüdischen Staat, der demokratisch und freiheitlich ist.“
Erklärung der Amtskirchen findet Unterstützung
Mit ihrer Erklärung ziehen die Patriarchen der traditionellen Kirchen eine klare Linie: Nur den historischen Kirchen soll es vorbehalten bleiben, für Christen „im Heiligen Land“ zu sprechen. Dazu gehören unter anderen das griechische Patriarchat, die Armenisch-Apostolische Kirche und die Katholiken.
Die evangelisch-lutherische Erlöserkirche in Jerusalem teilte am Sonntagmorgen die Erklärung auf ihrer Facebookseite, allerdings ohne einordnenden Kommentar. Die Frage einer orientierungslosen Userin „Kann mir mal bitte jemand erklären, worum es hier geht?“ blieb bisher unbeantwortet.
Ebenfalls am Sonntagmorgen postete der Pastor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) in Ramallah, Munther Isaac, die Erklärung mit dem Kommentar „Ein wichtiges Statement der Kirchenführer in Jerusalem: ‚Christlicher Zionismus’ ist eine schädliche Ideologie, die politischen Zielen dient und die Einheit der Kirche verletzt.“
Amerikanischer Botschafter widerspricht
Anschließend blieb es still um diese Erklärung. Bis am Dienstag viele Christen aus der „evangelikalen“ Welt mit Reaktionen und Stellungnahmen aufwarteten.
So äußerte sich etwa US-Botschafter Huckabee öffentlich. Der Baptist beginnt seine Reaktion auf der Plattform X: „Ich liebe meine Brüder und Schwestern in Christus aus den traditionellen liturgischen Kirchen und respektiere ihre Meinung, aber ich denke, niemand sollte für sich in Anspruch nehmen, die alleinige Sicht der Christenheit weltweit zu vertreten oder denken, dass es es nur einen Standpunkt geben darf, was den Glauben im Heiligen Land angeht.“
Er selbst sei Teil einer „globalen und wachsenden evangelikalen Tradition, die an die Autorität der Schriften und an die Treue Gottes bezüglich seiner Bündnisse glaubt“. Ohne das Judentum würde das Christentum nicht existieren und ohne das judäisch-christliche Weltbild gäbe es keine westliche Zivilisation oder den Staat Amerika.
Der Botschafter ist überzeugt: „Christen sind Nachfolger Christi und ein Zionist ist jemand, der akzeptiert, dass das jüdische Volk das Recht hat, in seiner alten, angestammten und biblischen Heimat zu leben. Es ist schwer für mich zu verstehen, warum nicht jeder, der sich als ‚Christ‘ bezeichnet, auch Zionist ist.“
Huckabee betont weiter, dass es hier nicht um eine bestimmte Regierung oder Politik gehe, sondern um die „biblische Offenbarung, die an Abraham, Isaak und Jakob gegeben ist“. Ferner schreibt er: „In meinem Glauben gibt es mit Sicherheit Raum für Menschen, die anders glauben und ich hoffe, dass es auch Raum in den Herzen anderer Kirchenmitglieder für mich gibt.“
Einigkeit solle sich in den wichtigen Fragen zeigen, wie etwa der Heiligkeit des Lebens und Heiligung der Ehe. Wichtig sei die Einigkeit über die Frage, dass Gnade „Gottes Geschenk an uns alle ist“. Huckabee endet seine Erklärung mit dem Aufruf aus Psalm 122: „Betet für den Frieden Jerusalems“.
ICEJ gegen Ersatztheologie
Ähnlich äußert sich auch die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ): „Als Christen bekennen wir uns zu einem Zionismus, der in Ursprung, Glaube, Umfang und Praxis rein biblisch ist“. Die versprochene Wiederherstellung Israels in der heutigen Zeit sei sowohl durch das Alte wie auch das Neue Testament reichlich begründet. „Die Rückkehr der Juden in das Land Israel spiegelt die treue Natur und den Charakter Gottes wider, der stets seine eidlich zugesagten Bündnisversprechen hält, und stärkt somit den christlichen Glauben, anstatt ihn zu schädigen oder zu untergraben.“
Die ICEJ erklärte weiter, dass „die versprochene Rückkehr der Juden nach Zion von vielen gläubigen Christen im Laufe der Kirchengeschichte gelehrt und angenommen wurde, von den ursprünglichen Aposteln und einigen der frühen Kirchenvätern bis hin zu mittelalterlichen Geistlichen und den modernen protestantischen und evangelikalen Kirchenbewegungen.“ Somit sei der christliche Zionismus älter als die Ersatztheologie und werde dessen Ende überdauern. Das Israelwerk ruft außerdem dazu auf, inhaltliche Differenzen unter Geschwistern zu besprechen und nicht über die Medien auszutragen.
Auf die Mitteilung angesprochen antwortet Pressesprecher David Parsons: „Unser Eindruck ist, dass viele einheimische Christen in Israel von den Ereignissen am 7. Oktober schockiert waren und dass der jüngste Versuch, sie besser in die israelische Gesellschaft zu integrieren, nun zusätzlichen Schwung erhalten hat.“
Frage über die Relevanz der biblischen Verheißungen
Die beschriebene Auseinandersetzung unter den Christen ist das jüngste Kapitel eines alten Streits um die Sicht auf Israel und das jüdische Volk. Eine Tradition betont die Universalität des christlichen Glaubens und deutet dabei die an Israel gerichteten biblischen Verheißungen auf die gesamte Christenheit. Eine andere Tradition betont hingegen die bleibende theologische Relevanz Israels.
Viele Christen in Israel leitet ein eher pragmatischer Ansatz, der auch in der Stellungnahme von Schlajan zu erkennen ist: Für sie bietet Israel einen Schutzraum gegen islamistische Kräfte, die die Region prägen. Um diesen zu erhalten, melden sie sich etwa zum Armeedienst. (mh)
2 Antworten
Patriarchen in Jerusalem warnen vor christlichem Zionismus. Warum?
Danke an Israel Netzwerk, dass wir hier noch gelebte Demokratie haben im Gegensatz zu vielen Medien !
Es sind ja gerade die „Christen“, die GEGEN Israel predigen, die Schlimmen, alle Christinnen/ Christen, die FÜR ISRAEL sind, sind von Gott gesegnet. „Wer mein Volk Israel segnet, der wird gesegnet werden, wer mein Volk Israel flucht, der wird verflucht werden.“
Christen, die für Israel kämpfen, stehen auf der richtigen Seite. Das heißt nicht, dass man Bibi nicht kritisieren darf, ich meine, man muss Vieles hinterfragen. Bibi sollte die ARD u. BBC rausschmeißen und nicht gegen IDF-Sender kämpfen.
Die Bibel sagt ALLES aus, der NEU-Staat Israel kommt von Gott, Papst Johannes Paul der Zweite ist ein Vorbild für die Aussöhnung, wir sollten alle, egal welcher christlichen Konfession, FÜR ISRAEL SEIN.
ISRAEL als GANZES, von Bibi bis Lapid, orthodox, sekukär, messianisch und die wahren Freunde Israels im Christentum und im gemäßigten Islam.
ICH GLAUBE AN DIE WENDE FÜR EIN PRO-ISRAEL, Adonai zeigt anhand der vielen Erfindungen durch Israel, welch Kraft das Volk Gottes hat. Ganz im Gegensatz zur Zeit nach Jesus bis Titus und der damaligen Zerstörung von Jerusalem. JETZT IST ZEIT, für Erez, Zion Jerusalem.