Amputation nach Terroranschlag: Rollstuhl-Basketballer unter Fackelanzündern

Es gilt in Israel als große Ehre, am Unabhängigkeitstag eine der zwölf Fackeln anzünden zu dürfen. In diesem Jahr wird sie unter anderen einer Sängerin aus dem Iran, einem Rollstuhl-Basketballer und einer ukrainischen Jüdin zuteil.
Von Israelnetz

Foto: Privat

Der Rollstuhl-Basketballer Asael Schabo verlor als Kind bei einem Terroranschlag ein Bein – nun darf er eine Fackel entzünden

JERUSALEM (inn) – Das Entzünden von zwölf Fackeln gehört zu den Höhepunkten des israelischen Unabhängigkeitstages, Jom HaAtzma’ut. Sie symbolisieren die biblischen Stämme Israels. Für die Zeremonie werden aus zahlreichen Vorschlägen 14 Menschen ausgewählt, die sich in besonderer Weise um das Wohl der Gesellschaft verdient gemacht haben. Jeweils zwei von ihnen stecken gemeinsam eine Fackel in Brand.

Der Nationalfeiertag beginnt am heutigen Mittwochabend. Die Fackelzeremonie gehört zur offiziellen Auftaktveranstaltung auf dem Herzl-Berg. Außerdem werden Israel-Preise für hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Literatur, der Künste und der Wissenschaften verliehen. Am Donnerstagmorgen nehmen jüdische Jugendliche am internationalen Bibelwettbewerb teil. Militärbasen öffnen der interessierten Bevölkerung ihre Tore. Darüber hinaus gibt es eine Flugschau der Luftstreitkräfte und Vorführungen der Marine.

Einer der Fackelanzünder bleibt in diesem Jahr anonym und verhüllt sein Gesicht. Er tritt unter den hebräischen Buchstaben Chet Alef auf. Sein Vorname beginnt also mit Ch, sein Nachname mit einem Vokal. Er ist Kommandeur der Spezialeinheit der Grenzpolizei mit Schwerpunkt Anti-Terror-Kampf, JAMAM. Nach Angaben der israelischen Regierung hat er sich in gefährlichen Aktionen um die Sicherheit des Staates Israel und den Frieden der Bürger verdient gemacht.

Einsatz für Menschen mit Behinderungen

Die restlichen Teilnehmer der Zeremonie können unter ihrem vollen Namen auftreten. Einer von ihnen ist der 70-jährige Kalman Samuels. Er und seine Ehefrau Malki erlebten vor Jahren, dass ein Sohn von ihnen infolge einer fehlerhaften Impfung dauerhafte Schäden davontrug. Er wurde blind und gehörlos. Aus dieser Erfahrung heraus gründete Kalman die Organisation „Schalva“ (Ruhe, Gelassenheit). Sie unterstützt Menschen mit Behinderung. Zur Organisation gehört auch das gleichnamige Ensemble. Mit ihm sind Künstler mit Behinderung bereits im Rahmenprogramm des Eurovision Song Contest und auf anderen internationalen Bühnen aufgetreten. Die Oganisation fördere „eine Gesellschaft, die jeden Menschen so annimmt, wie er ist“, hieß es aus der Jury.

Mika und Ori Banki sind die Eltern von Schira Banki, die im Sommer 2015 bei der Gay Pride Parade in Jerusalem ermordet wurde. Die 15-Jährige wollte mit der Teilnahme an dem Marsch homosexuelle Freunde unterstützen. Die Eltern gründeten die Organisation „Derech Schira Banki“ (Der Weg von Schira Banki). Sie soll in der israelischen Gesellschaft Solidarität und gegenseitige Annahme fördern. Unter anderem organisiert sie Treffen zwischen religiösen und säkularen Schülern.

Um das äthiopische Erbe bemüht

Die 54-jährige Simcha Githon leitet in Holon das „Zentrum für das Erbe des äthiopischen Judentums“. Zudem ist sie Mitbegründerin von „Elem“, einer Organisation, die sich um gefährdete Jugendliche kümmert. Die Pädagogikdozentin stammt aus Äthiopien. Sie bemüht sich, schwache Bevölkerungsgruppen zu fördern und zu integrieren. Die Jury würdigte sie als Vorbild für Israelis äthiopischer Abstammung und Angehörige anderer Minderheiten.

Idan Klaiman hat in der Armee bei der Givati-Brigade gedient. Bei einem palästinensischen Angriff in Chan Junis im Süden des Gazastreifens drangen drei Kugeln in seine Brust ein, er wurde lebensgefährlich verwundet. Seitdem ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Während der Rehabilitation stieß er erstmals auf die Probleme von Armeeversehrten. Heute leitet er in Tel Aviv eine Organisation, die sich um Israelis kümmert, die beim Militärdienst bleibende Schäden erlitten. Der Verband hat etwa 50.000 Mitglieder.

Auch Joram Jair liegt die Armee am Herzen. Der Generalmajor sorgt mit einer von ihm geleiteten Organisation dafür, dass Jugendliche aus Randgebieten gute Erfahrungen mit dem Wehrdienst machen. Der heute 77-Jährige war während des Sechs-Tage-Krieges von 1967 als Fallschirmjäger im Einsatz. Dabei wurde er schwer verwundet. Vor etwa 30 Jahren kam seine Tochter Schlomit Jair, eine Offizierin, bei einem Flugzeugunglück ums Leben.

Öffentlicher Kampf gegen sexuellen Missbrauch

Die 39-jährige Jael Scherer wiederum wurde als Kind von ihrem Vater schwer sexuell missbraucht. In einem Film machte sie ihren seelischen und körperlichen Schmerz öffentlich. Sie erhob Anklage gegen ihren Vater und war damit eine Pionierin in Israel. Doch sie setzt sich auch für andere ein, die Gewalt in der Familie erlitten haben. Wichtig ist es ihr, die Stimmen der Opfer hören zu lassen. Deshalb hat sie die „Lobby für den Kampf gegen sexuelle Gewalt“ gegründet.

Der Druse Munir Madi ist Gründer und Leiter des Programms „Kerem-El“ im nordisraelischen Daliat al-Karmel. Es bereitet junge Juden und Drusen gemeinsam auf den Wehrdienst vor. Er selbst hat etwa 25 Jahre in der israelischen Armee gedient. Dabei lag sein Schwerpunkt auf der Ausbildung. Er setzt sich auch dafür ein, dass Drusen eine akademische Laufbahn einschlagen können. Zudem ermutigt er drusische Mädchen zum Zivildienst.

Aus Marokko stammt die 72 Jahre alte Angel Alon. Sie lebt in Netivot in der Wüste Negev und hat acht Kinder. Als sie von der Sozialabteilung der Stadt die Anfrage erhielt, ob sie sich als Pflegemutter zur Verfügung stellte, antwortete sie positiv. In den vergangenen 30 Jahren hat sie 217 gefährdete Babys und Kinder in Pflege genommen. Sie versorgte sie, bis eine dauerhafte Pflegefamilie gefunden war. Mit vielen der ehemaligen Pflegekinder steht sie bis heute in Kontakt.

Seit Terroranschlag amputiert – und aktiv im Behindertensport

Einen Terroranschlag überlebte der 28-jährige Asael Schabo in seiner Kindheit: Als er neun Jahre alt war, drang ein Attentäter in das Haus seiner Familie in der Siedlung Itamar ein. Der Terrorist ermordete die Mutter und drei Brüder vor den Augen des Jungen. Dieser wurde schwer verwundet und verlor das rechte Bein. Später entdeckte er den Parasport für sich. Er wurde zuerst Schwimmer und dann Rollstuhl-Basketballer. Heute arbeitet er als Basketballtrainer.

Eine Fackel ist bei der Zeremonie traditionell der Armee gewidmet. Diese entzündet in diesem Jahr Oberleutnant Hadar Cohen. Sie kommt aus einer religiösen Pfadfindergruppe. Beim Militär kümmert sie sich um Einwanderinnen, die Wehrdienst leisten. Mit ihrem Einsatz wolle sie Brücken bauen, Lücken schließen und Chancengleichheit für alle bei der Armee sichern, teilte die Regierung mit.

Eine Ukrainerin und eine Sängerin mit iranischen Wurzeln

Für die Fackel der Diaspora hat die Jury eine 51-jährige Ukrainerin ausgewählt: Jelisawjeta Scherstok. Sie gehört zur jüdischen Gemeinde in Sumy, die Stadt liegt im Nordosten nahe der russischen Grenze. Dort leitet sie das humanitäre Zentrum „Chessed Chaim“. Juden aller Alters- und Gesellschaftsgruppen können sich begegnen und ihre kulturellen Traditionen pflegen.

Sumy war nach der russischen Invasion eine der ersten Städte, die massive Bombenangriffe erlebten. Scherstok sorgte dafür, dass in einem humanitären Korridor 150 Juden, teilweise mit Rollstühlen, in Nachbarländer fliehen konnten. „Jelisawjeta leitet auch in diesen Augenblicken die humanitäre Hilfe für die jüdische Gemeinde in Sumy“, heißt es in der Mitteilung der israelischen Regierung. „Wir senden ihr von hier aus unsere Gebete und unsere Unterstützung.“

Die israelische Sängerin Rita Jahan-Farus ist ihren Fans unter dem Vornamen Rita bekannt. Die 60-Jährige wurde in der iranischen Hauptstadt Teheran geboren. Als sie acht Jahre alt war, wanderte ihre Familie in den jüdischen Staat ein. In ihrer Musik kommt die orientalische Kultur zur Geltung. Überdies zeigt sie soziales Engagement: Sie ist Ehrenpräsidentin der Organisation „Ruach Naschit“ (Weiblicher Geist). Dieser hilft Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. (eh)

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2 Antworten

  1. Das Schicksal dieser Menschen ist erschütternd, so erschütternd, dass es schwerfällt, den Artikel zu lesen. – Wie bewundernswert aber die Art und Weise, in der die Menschen dieses Schicksal annehmen/angenommen haben. – Hier sehen wir Opfer großen Unrechts, Opfer unsäglicher Gewalt, die sich aber nicht ein Leben lang allein dem Hass verschrieben haben. Diese Fähigkeit ist – so wie ich es einschätze – eine große Stärke vieler Menschen, denen Schreckliches widerfahren ist. Es ist aber eine besondere Stärke des jüdischen Volks.

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  2. Ja, es ist wunderbar, wie diese Menschen ihr Leben gemeistert haben.

    Aber zumindest einer davon trägt die Schuld an seinem Leid ja selbst im Verständnis eines gewissen Herrn: Hätte er nicht in einer Siedlung gelebt, hätt er noch beide Beine. Zynismus Ende.

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