„Ich denke, er wird es wieder schaffen“, sagt ein koptischer Händler in der Jerusalemer Altstadt – und bezieht sich damit auf den israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu (Likud). Ein arabischer Christ, der einen Laden in der Nähe des Jaffators hat, meint: „Ich habe den Eindruck, dass zumindest die politische Mitte der Bürger eine Veränderung wünscht.“
Diese Meinungen spiegeln das Bild wider, das sich vor den Knessetwahlen am heutigen Dienstag in den Umfragen zeigt: Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu und seinem Herausforderer Gadi Eisenkot (Jaschar). Von jüdischen Israelis ist immer wieder zu hören, dass Netanjahu lange genug im Amt ist und abtreten sollte – oder dass sie nach dem 7. Oktober 2023 das Vertrauen zu ihm verloren haben. Aber er hat immer noch viele Anhänger in der Bevölkerung.
In Jerusalem haben in den Tagen vor den Wahlen vor allem Anhänger der Parteien von Finanzminister Bezalel Smotritsch (Religiöser Zionismus) und Polizeiminister Itamar Ben-Gvir (Jüdische Stärke) um Wähler geworben. Am Sonntagabend etwa zogen junge Israelis durch die Jaffastraße und drückten Passanten Werbeprospekte in die Hand. Auf dem Zionsplatz war zusätzlich die rechtsgerichtete Kleinpartei „Noam“ mit einem Stand vertreten. Auf T-Shirts war der Slogan zu lesen: „Kinder sind unser Leben“.
Gemeinsam ohne den Likud
Ein Wahllokal befindet sich in einer Schule in der Hillelstraße. Gegenüber stehen am Wahltag Anhänger einer Partei, die für eine jüdisch-arabische Koalition eintritt: „Gemeinsam erfolgreich“. Der Likud soll dort nach ihrer Auffassung weder mit noch ohne Netanjahu vertreten sein, erzählen junge Juden am Stand auf Hebräisch; Arabisch können sie indes nicht. Sowohl Fußgängern als auch Autofahrern bieten sie ihr Werbematerial an, die meisten winken ab.
Erfreut äußern sich die Aktivisten über die hohe Wahlbeteiligung, die sich abzeichnet. Nach eigener Aussage sympathisieren sie mit der jüdisch-arabischen Partei „Ein Ort für alle“. Diese wurde im Juni in Nazareth gegründet, verzichtete aber wegen schlechter Umfragewerte auf eine Kandidatur. Auch „Gemeinsam erfolgreich“ dürfte den Einzug in die Knesset verpassen.
Links und rechts von ihnen sind Wahlplakate des Likud zu sehen: „Rechts oder Palästina“, auf Hebräisch „Jamin o Falastin“. Auch auf der Straßenseite des Wahllokals präsentiert sich die Partei des Premierministers.
Neben der Initiative für eine jüdisch-arabische Regierung haben etwas weiter links Aktivisten einen Wahlstand für „Die Demokraten“ von Jair Golan aufgebaut. Manche ziehen auch mit Fahnen durch die Straße. Die Frage „Haben Sie schon gewählt?“ ist allgegenwärtig.
Die Stimmung am Wahltag wirkt heiter, teilweise auch ausgelassen; Musik ist zu hören. Eltern nutzen den freien Tag, um nach der Stimmabgabe mit ihren Kindern ein Restaurant zu besuchen oder einen Ausflug zu machen.
3 Kommentare
Artikel spiegelt die heutige Stimmung am Wahltag wieder. Es ist ganz schön was los hier. Und ja, viele unterschiedliche Meinungen, auch Stimmenfänger? Wir freuen uns über viele Wähler aus dem Ausland, die nochmal eine andere Meinung haben, als Einheimische. Fazit: Wir bleiben abends wach, bis zu Hochrechnungen, wobei es für Eisenkot und Netanjahu knapp werden könnte. Shalom aus Israel.
Am Wahltag sind alle glücklich und zufrieden. Nach der Wahl kommt die Ernüchterung. Meine Ehefrau hofft, Netanjahu wird wie Wahl gewinnen.
Alle Gegner Netanjahu wissen natürlich, dass Israel ohne diesen Mann besser dastünde. Dieses Wissen ist ja wohl gesichert, was sonst? Alles würde heute friedlich sein, denn Herr Eisenkot hätte natürlich auch den 7. Okt. verhindert. Aber woher wissen die das so genau? Wer darüber nachdenkt, macht sein Kreuzchen dann auf der anderen Stelle.