Wer will was in der Islamischen Republik?

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Kurden, Belutschen, Araber und Aserbaidschaner verfolgen unterschiedliche Ziele. Fällt das Land auseinander, wenn die Mullahs ihre Macht verlieren?
Von Carmen Shamsianpur

In den vergangenen Jahren schien der Fall des iranischen Regimes immer wieder zum Greifen nahe. Zehntausende junge Oppositionelle ließen ihr Leben für die Hoffnung auf Freiheit. Ende 2026 halten sich die Mullahs noch immer mit grausamen Methoden an der Macht. „Iran Human Rights“ meldete im Oktober mindestens 617 Hinrichtungen seit Jahresbeginn.

Das iranische Regime schürt innenpolitisch Ängste vor Zersplitterung und Bürgerkrieg. Es stellt sich selbst als Garant für die Einheit des Landes dar. Ethnische Minderheiten, die gegen das Regime oder einfach für Gleichberechtigung protestieren, werden als Separatisten verfolgt. Der Staat bezeichnet sie als „von Zionisten unterstützte Terrorgruppen“. Laut der Propaganda wollen die „Feinde“, allen voran die USA und Israel, den Iran ausbeuten und in mehrere kleine Staaten zerteilen.

Multiethnischer Iran

Der Iran ist etwa viereinhalb Mal so groß wie Deutschland bei ähnlicher Bevölkerungsanzahl. Perser bilden die größte Bevölkerungsgruppe. Daneben leben dort unter anderem Aserbaidschaner, Kurden, Luren, Belutschen, Araber und Turkmenen. Die Schätzungen zu ihrer jeweiligen Größe unterscheiden sich, denn der iranische Staat erhebt seit Jahrzehnten keine neuen Daten zur ethnischen Zugehörigkeit.

Die ethnischen Minderheiten sind im Iran, anders als in Deutschland, nicht zum großen Teil zugewandert und auf die großen Ballungsräume verteilt. Sie leben historisch in ihren eigenen, angestammten Regionen, zum Beispiel Kurden im Westen, Belutschen im Südosten und Araber im Südwesten.

Ein Staat, viele Identitäten

Die verschiedenen Herrscher des großen persischen Reiches haben auf unterschiedliche Weise versucht, den Volksgruppen eine gemeinsame Identität zu geben. Nach der Islamischen Revolution sollte neben der persischen Sprache vor allem der schiitische Islam die Verbindung herstellen. Ungefähr 90 Prozent der Bevölkerung gehören dieser islamischen Glaubensrichtung an. Die ursprüngliche religiöse und kulturelle Identität aller Gruppen – auch die der Perser – wurde unterdrückt.

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Die einzelnen Ethnien entwickelten unterschiedliche Dynamiken im Umgang mit der staatlichen Bevormundung. Während die große Gruppe der schiitischen Aseris als gut integriert gilt, bildeten sich unter Belutschen und Kurden teils bewaffnete Widerstandsgruppen. Der Länderbericht des „Bertelsmann Transformation Index 2026“ beschreibt, wie die iranische Regierung insbesondere Kurden, Belutschen und arabische Iraner als ausländisch unterstützte Separatisten darstellt, um gegen sie vorzugehen.

Zugleich streben aber viele dieser Gruppen keinen eigenen Staat an, sondern vor allem Gleichberechtigung und politische Autonomie innerhalb des Iran.

Die Kurden

Die Kurden leben vor allem im Westen und Nordwesten des Iran in den Provinzen Kurdistan, Kermanschah, Ilam und West-Aserbaidschan. Ihre Zahl wird auf acht bis zehn Millionen geschätzt. Viele sind sunnitische Muslime und erleben eine doppelte Benachteiligung als ethnische und religiöse Minderheit.

Seit der Revolution von 1979 kommt es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Oppositionsgruppen und den iranischen Sicherheitskräften. Mehrere kurdische Parteien verfügen über Exilstrukturen und teilweise bewaffnete Kräfte im irakischen Kurdistan. Im Februar 2026 schlossen sich mehrere kurdische Oppositionsparteien zu einer Koalition zusammen, die einen Regimewechsel und kurdische Selbstbestimmung anstrebt.

Die Belutschen

Im Südosten des Landes, an den Grenzen zu Pakistan und Afghanistan, leben die Belutschen. Die Provinz Sistan und Belutschistan gehört zu den ärmsten Regionen des Iran. Die Bevölkerung ist überwiegend sunnitisch. Wirtschaftliche Benachteiligung und staatliche Gewalt prägen die Erfahrungen vieler Menschen. In der Region operieren bewaffnete Gruppen, die Anschläge auf iranische Sicherheitskräfte verüben.

Die arabischen Iraner

Die arabische Minderheit lebt vor allem in Chuzestan im Südwesten des Landes. Die Region grenzt an den Irak und den Persischen Golf und ist für die iranische Ölwirtschaft von großer Bedeutung.

Chuzestan ist für die Zukunft des Landes besonders sensibel. Eine Eskalation dort könnte die Ölproduktion und wichtige Verkehrswege beeinträchtigen. Bei einem Zusammenbruch der Zentralmacht würde schnell die große Frage aufkommen, wer über diese Region bestimmen darf.

Die Aserbaidschaner

Die Aserbaidschaner – auch Aseris genannt – bilden mit geschätzt rund 16 Prozent die größte ethnische Minderheit des Iran. Sie leben vor allem im Nordwesten, aber auch in Teheran und anderen Städten. Anders als viele Kurden und Belutschen sind sie überwiegend schiitische Muslime und in Staat und Wirtschaft stark vertreten. Der frühere Oberste Führer Ali Chamenei und der amtierende Präsident Masud Peseschkian stammen aus einem aserbaidschanischen Umfeld.

Dennoch gibt es Konflikte um die Anerkennung der aserbaidschanischen Sprache und Kultur. Einzelne nationalistische Gruppen streben eine stärkere politische Eigenständigkeit oder sogar eine Vereinigung mit der Republik Aserbaidschan an.

Luren, Turkmenen und kleinere Minderheiten

Die Luren leben vor allem im Westen und Südwesten. Sie sind überwiegend schiitisch und kulturell eng mit der iranischen Gesellschaft verbunden. Eine relevante Separatismusbewegung gibt es unter ihnen nicht.

Turkmenen leben hauptsächlich im Nordosten. Daneben gibt es Armenier, Assyrer, Juden, Bahai und weitere religiöse oder ethnokulturelle Minderheiten. Ihre Anliegen betreffen vor allem Religionsfreiheit und Schutz vor Diskriminierung. Vor der Islamischen Revolution von 1979 lebten mehr als 100.000 Juden im Land, jetzt sind es nur noch etwa 10 Prozent.

Was geschieht, wenn das Regime fällt?

Die entscheidende Frage lautet, ob die verschiedenen Gruppen bei einem Machtwechsel ihre eigenen Interessen über die Einheit des Iran stellen würden.

Wenn keine allgemein akzeptierte Übergangsregierung entsteht und Armee und Sicherheitskräfte ihre Befehlsstrukturen verlieren, könnten bewaffnete Gruppen versuchen, regionale Gebiete, Ressourcen und Waffen bis hin zum Atomprogramm zu kontrollieren. Chaos und Flüchtlingsbewegungen wären die Folgen.

Ein Regimewechsel würde aber große gemeinsame Interessen freisetzen. Die Ablehnung der Islamischen Republik verbindet Menschen über ethnische und religiöse Grenzen hinweg. Viele der beschriebenen Gruppen haben neben ihrer eigenen eine starke iranische Identität entwickelt. Millionen iranische Kurden beispielsweise verbindet mit den iranischen Persern, Aseris und Turkmenen mehr als mit den Kurden aus dem Irak, der Türkei und Syrien. Eine neue Ordnung, die Minderheitenrechte garantiert und regionale Selbstverwaltung ermöglicht, könnte einen stabilen gemeinsamen Staat hervorbringen.

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