Am 5. August wurde ein jüdisches Ehepaar aus Serbien nach Israel umgebettet: Schimon Leib und Rivka Herzl. Sie waren die Großeltern des Begründers des politischen Zionismus, Theodor Herzl (1860–1904). Den Nachnamen hatten die Vorfahren Mitte des 18. Jahrhunderts germanisiert, sie hießen vorher Loebl. Dies lässt sich vom hebräischen Wort „lev“, also Herz, ableiten.
Der Enkel indes verfügte, dass die Angehörigen an seiner Seite im jüdischen Staat beigesetzt werden sollten, wenn dieser gegründet sei. Möglicherweise entsprach er damit sogar dem Willen der Großeltern. Der israelische Staatspräsident Jizchak Herzog wies bei der Zeremonie auf dem Jerusalemer Herzlberg darauf hin, dass in ihrer Gemeinde im serbischen Semlin – heute ein Bezirk von Belgrad – ein Rabbiner gewirkt hatte, der zionistische Gedanken hegte: Rabbi Juda Alkalai (1798–1878).
„Er gehörte zu den ersten, die es wagten, die Worte auszusprechen, die niemand aussprach“, sagte Herzog. Unter anderem habe er eine Vision von jüdischer Selbstbestimmung, einer jüdischen Armee und einer lebendigen hebräischen Sprache formuliert. Theodor Herzl könnte mit diesen Gedanken von Alkalai vertraut gewesen sein. Zitiert hat er ihn in seinen Schriften allerdings nicht.
Rabbi Juda Alkalai
Er wurde 1789 im damals osmanischen Sarajevo geboren. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er in Jerusalem. 1835 wurde er Rabbiner in Semlin. Die Vorstellung von politischer Unabhängigkeit für Juden und der Ansiedelung im Land Israel als Vorläufer der messianischen Erlösung formulierte er erstmals 1834 in der Broschüre „Schma Israel“ (Höre Israel). Eine Welle von Nationalbewegungen auf dem Balkan ließen ihn ein Potential auch für Juden sehen, eine eigene nationale Identität und Heimstätte zu erreichen. Hinzu kam die Blutlegende von Damaskus: 1840 verschwanden dort ein Kapuzinermönch und sein muslimischer Diener. Juden wurden eines Ritualmordes beschuldigt. Die Verleumdung verstärkte Alkalais Auffassung, jüdische Sicherheit sei nur im Land der Vorfahren gewährleistet. Auch die jüdische Mystik, die Kabbala, beeinflusste ihn. Alkalai wertete 1840 als Beginn eines „Jahres der Erlösung“ und das folgende Jahrhundert als „Tage des Messias“. Wenn sie nicht handelten, würden Juden danach ab 1940 eine Zeit der großen Bedrängnis durchmachen. Alkalai zog 1874 mit seiner Ehefrau Esther nach Jerusalem. Vier Jahre später starb er und wurde auf dem Ölberg beigesetzt.
Schimon Herzl (1797–1879) war Synagogendiener. Er und Rivka (1809–1888) waren tiefgläubig – und nicht einverstanden mit der Lebensweise ihres Sohnes Jacob, seines Zeichens Direktor der Hungaria-Bank. Mit seiner Ehefrau Jeanette bekam er zwei Kinder: Pauline und Theodor. Diese erzogen sie im Lichte der deutsch-jüdischen Aufklärung. Die Familie lebte in Pest, das heute Teil der ungarischen Hauptstadt Budapest ist.
Bei der Feier der Religionsmündigkeit (Bar Mizva) 1873 soll der junge Theodor den Abschnitt aus den Prophetenbüchern (Haftara) mit lauter Tenorstimme gelesen und auch einen Text aus eigener Feder vorgetragen haben. Die Großeltern kamen nicht, möglicherweise wegen einer Cholera-Epidemie. Sie schickten aber ein Glückwunschtelegramm: „Wir gratulieren zu deinem dreizehnten Jahresgeburtstag. Gott erhalte dich zu unseren größten Freuden.“
Umzug nach Wien
Pauline starb 1878 mit 19 Jahren an Typhus. Daraufhin zog die Familie nach Wien. Theodor Herzl studierte Rechtswissenschaft, konnte aber als Jude weder Beamter noch Richter werden. Nach einem Jahr wechselte er zum Journalismus.
Für die Wiener Zeitung „Neue Presse“ war er von 1891 bis 1895 Korrespondent in Paris. Dort erlebte er, wie General Alfred Dreyfus fälschlicherweise der Spionage für Deutschland beschuldigt wurde und dies eine Welle von Judenhass auslöste. Mobs brüllten „Tod den Juden“. Herzl kam zu dem Schluss, dass eine politische Lösung für die „jüdische Frage“ nötig sei. Im August 1897 stellte er beim 1. Zionistischen Kongress in Basel seine Vision vor, die er zuvor im Buch „Der Judenstaat“ darlegte. Er starb 1904 mit 44 an einem Herzleiden.
Die Nachkommen
Theodor Herzl heiratete 1889 Julie Naschauer, die 21-jährige Tochter eines wohlhabenden jüdischen Geschäftsmannes. Sie zeigte kaum Interesse an seinen intellektuellen Aktivitäten. Die beiden bekamen drei Kinder: Pauline, Hans und Trude. Julie Naschauer starb drei Jahre nach ihrem Mann, im November 1907, mit 39 Jahren in Wien. Sie wurde eingeäschert. Die älteste Tochter Pauline war psychisch krank und abhängig, sie starb 1930 an einer Arzneimittelüberdosis. Hans war auf Wunsch seiner Mutter nicht beschnitten worden. Zionistische Anführer zwangen ihn jedoch nach dem Tod der Eltern dazu. Er konvertierte allerdings zum Christentum und wurde Baptist. Am Tag der Beerdigung seiner Schwester erschoss er sich. Trude heiratete Richard Neumann. Sie litt unter Depressionen. 1942 wurden sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, beide kamen im Holocaust um. Sie hatten einen Sohn, den 1918 geborenen Stephan Neumann, der die Schoa in England überlebte. Er war vom Zionismus inspiriert. Im Jahr 1946 nahm er sich in den USA das Leben, als er vom Tod seiner Eltern erfuhr. Pauline und Hans wurden 2006 von Frankreich nach Jerusalem umgebettet, der Leichnam von Trude ist verschollen. Die sterblichen Überreste von Stephan Neumann folgten 2007.
Ein Jahr nach Gründung des jüdischen Staates wurden seine Gebeine 1949 nach Jerusalem umgebettet. Hier ruhen nun auch die Großeltern auf dem Berg, der nach ihm benannt ist, an der Seite zweier seiner Kinder und seines Enkels.
» Herzog bei Umbettung der Großeltern Herzl: „Wir haben keinen anderen Ort“
Ein Kommentar
Danke für diesen Artikel. „Die Verleumdung verstärkte Alkalais Auffassung, jüdische Sicherheit sei nur im Land der Vorfahren gewährleistet.“ Und wenn die zukünftig in meiner Stadt wohl regierende Linke mich dafür hassen wird, weil ich Zitat Emde „ein weißer Zionistenchrist“ bin: Herzl hatte Recht!