Und der HERR, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.
1. Mose 2,15 (Elberfelder Bibel)
Gärten können Orte der Freude und Entspannung sein und uns Nahrung schenken, theologische und philosophische Ideen ausdrücken, aber auch Wohlstand und Macht demonstrieren. Die Grundform aller Gärten der Welt kann bis ins 6. Jahrhundert vor der Zeitrechnung zurückverfolgt werden. Sie führt uns nach Persien, dem heutigen Iran, wo östlich des Zagros-Gebirges in der großen Ebene von Marv-Dascht die Überreste des frühesten Gartens liegen, von dem es schriftliche Überlieferungen gibt.
Die grünen Oasen dienten den Menschen als Zufluchtsorte vor Hitze und Trockenheit und waren Horte des Wassers, das seit je her als Gnade G´ttes gilt. Im Jahr 550 vor der Zeitrechnung besiegte Kyros der Große, der Gründer des Achämeniden-Reiches, die Meder bei Pasargadae. Er beschloss – so ist es in einer Legende überliefert –, seine Hauptstadt an eben dieser Stelle seines Sieges zu errichten.
Zu jener Zeit begannen auch Gärten zunehmend eine große Bedeutung im kulturellen Leben der Herrscher einzunehmen. König Kyros ist legendär: Er beendete im Jahr 539 das babylonische Exil der Juden, erlaubte ihnen die Rückkehr nach Jerusalem und unterstützte den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels.
Zudem schuf er einen Garten, der mit seinem vierteiligen Grundriss die älteste Gartenanlageplan ist, die noch heute „gelesen“ und nachgestellt werden kann, zumindest auf dem Papier. Der spartanische General Lysander schloss sich 401 als griechischer Söldner Kyros dem Jüngeren an. Er berichtete seinem griechischen Landsmann Xenophon, einem Politiker, Feldherr und Schriftsteller, darüber, wie die persischen Könige nicht nur in der Kriegsführung beeindruckten, sondern auch in der Gartenkunst.
Wasserbecken, Kanäle, Springbrunnen und Pavillons
Sein Bericht schildert, dass die Herrscher paradeisos anlegten, in denen sie Pflanzen sammelten, allen voran Früchte tragende Bäume, sowie Tiere, die sie von ihren Feldzügen in ferne Länder mitbrachten. Xenophon übersetzte das persische Wort pairidaeza – es ist zusammengesetzt Wort aus pairi, was im deutschen „rundum“ entspricht, und daeza, was „Mauer“ bedeutet. Die Übersetzung paradeisos ist die griechische Bezeichnung für den biblischen Garten Eden.
Charakteristische Elemente eines Tschahar Bagh, persisch für „vier Gärten“, sind Wasserbecken, Kanäle, Springbrunnen und Schatten spendende Pavillons. Der Innenraum ist durch vier Wasserläufe symmetrisch unterteilt, die in einem zentralen Becken zusammenlaufen. Die vier Kanäle versinnbildlichen die vier Flüsse des Lebens: Milch, Honig, Wasser und Wein.
Eine spezifische jüdische Gartenbautradition hat sich historisch hingegen nicht herausgebildet, was den Lebensumständen wie Verfolgungen und einem Leben in der Diaspora geschuldet ist. Stattdessen prägen religiöse Riten, biblische Erzählungen und der respektvolle Umgang mit der Natur das jüdische Verständnis, was zu eigenen „Gartenformen“ führte; denn jüdische Feste und Traditionen sind eng mit Früchten und Pflanzen verbunden.
Ein anschauliches Beispiel ist das Laubhüttenfest (Sukkot), für das traditionell vier Pflanzenarten (Zitrusfrucht Etrog, Dattelpalme, Myrte und Bachweide) zu einem Lulav gebunden werden. Ein Lulav ist der geschlossene, junge Palmwedel einer Dattelpalme und zentraler Bestandteil des Feststraußes beim Laubhüttenfest. Oft wird mit dem Begriff Lulav auch der gesamte Feststrauß bezeichnet.
Große Rolle in Literatur und Philosphie
Gärten spielen in der jüdischen Literatur und Philosophie eine große Rolle. Während die Diaspora die physische Anlage von Gärten erschwerte, oftmals auch unmöglich machte, war der „Garten des Textes“ – eine imaginäre Landschaft der Tora und des Talmuds – stets und allerorten präsent.
Mit dem Aufkommen des Zionismus entwickelte sich in Deutschland und Österreich eine praktische Garten- und Landwirtschaftskultur, die eng mit der Kibbuz-Bewegung und Aufforstungsprojekten verbunden war. Im 20. Jahrhundert spielten jüdische Gartenarchitekten und -architektinnen sowie Initiativen wie die jüdischen Gartenbauschulen, eine wichtige Rolle in der praktischen Ausbildung, auch als Vorbereitung für die Alija, derEinwanderung in das Heilige Land.
Gartenbau, Landwirtschaft und Landschaftsarchitektur als selbstverständliche Bestandteile auch jüdischen Lebens in Deutschland im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden lange von der Forschung ausgeblendet. Der Fokus lag überwiegend auf der Schoa, dem Holocaust. Eine Ausnahme bildet die Erforschung der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem und ihres Einflusses in Deutschland sowie in Israel.
Die Erforschung jüdischer Gartenarchitekten, Landschaftsplaner und Staudenzüchter rückte erst in den letzten Jahren durch wissenschaftliche Initiativen – wie etwa am Centrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur (CGL) der Leibniz Universität Hannover – verstärkt in den Fokus. Ein Schwerpunkt des Forschungsprojekts liegt dabei auf den Hachschara-Ausbildungsstätten, den „Vorbereitungsstätten“, an denen speziell für die Einwanderung nach Palästina ausgebildet wurde.
Kreative Frauen in Wien
In Wien bildete sich in den 1920er- und 1930er-Jahren ein dichtes Netzwerk meist jüdischer Frauen aus dem liberalen Großbürgertum. Sie verknüpften eigene Staudengärtnereien mit Planungsbüros für Gartenarchitektur und arbeiteten eng mit Architekten des Österreichischen Werkbundes zusammen.
Eine der Pionierinnen war Yella Hertzka (1873–1948), sie gründete 1913 in Wien-Grinzing die erste höhere Gartenbauschule für Mädchen in der gesamten Habsburgermonarchie. Die Schule war ein Meilenstein für die weibliche Emanzipation in diesem Berufsfeld. In den 1930er-Jahren diente auch ihre Gartenbauschule als Hachschara-Stätte, somit als „Vorbereitung“ von jüdischen Jugendlichen in Europa auf das Leben in landwirtschaftlichen Siedlungen, den Kibbuzim und Moschawim, wodie Frauen und Mädchen ihre wertvollen gärtnerischen Kenntnisse einbrachten.
Die Hachschara war vor allem in Ländern mit bedeutenden jüdischen Gemeinden und zionistischen Bewegungen aktiv, wobei Deutschland und Polen aufgrund ihrer großen jüdischen Bevölkerung und der intensiven NS-Verfolgung besonders herausragten. Nach Adolf Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 versuchten die Hachschara-Stätten in vielen Ländern, Juden vor der Verfolgung zu retten und ihre Auswanderung zu ermöglichen.
Yella Hertzka musste 1938 vor den Nazis nach London fliehen. Die Bildungsarbeit an ihrer Schule war eng verwandt mit den Konzepten der Gartenstadtbewegung, wie sie von Ebenezer Howard (1850–1928) entwickelt wurden. Seine Idee entstand als Reaktion auf überbevölkerte Industriestädte. Howards Vision kombinierte die jeweiligen Vorzüge von Stadt und Land, förderte soziale Harmonie und Gemeinschaft und setzte auf autarke Gemeinschaften.
Selbstversorgender Gartenbau mit konzipiert
Diese Bewegung strebte Siedlungsstrukturen an, in welche Wohnen, Arbeit und besonders der selbstversorgende Gartenbau von vornherein mit konzipiert ist. Auch in Hertzkas Unterricht fanden sich entsprechende Elemente: Der Garten war nicht nur Arbeitsplatz, sondern Lebensraum und Gestaltungsort.
Durch die Verbindung mit der Jugend-Alija und der Vorbereitung auf das Leben in Kibbuzim und Moschawim wird die ideelle Nähe deutlich: Die landwirtschaftlichen Kollektive in Palästina waren nicht nur ökonomisch motiviert, sondern Ausdruck einer sozialistisch-kooperativen Utopie in der Tradition europäischer Reformkonzepte.
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Eine weitere Pionierin der Gartenbauschule ist Grete Salzer, geboren 1892. Die Absolventin von Hertzkas Schule gründete 1920 den Betrieb und die Ausbildungsstätte „Hortensium“ in Wien-Döbling; sie entwarf avantgardistische Gärten im modernen Wohngartenstil, unter anderem für die berühmte Werkbundsiedlung Wien. Salzer emigrierte 1939 nach England, wo sie vermutlich während des Zweiten Weltkriegs starb.
Paula Fürth (1897–1970) gilt als eine der ersten promovierten Botanikerinnen Österreichs, sie leitete die „Döblinger Gartenbauschule“ samt Planungsbüro. Gemeinsam mit Architekten wie Otto Prutscher gestaltete sie moderne Hof- und Schaugärten. Auch sie floh 1939 ins britische Exil.
Von der Gartenbauschule zum NS-Sammellager
Die bereits erwähnte Israelitische Gartenbauschule Ahlem, 1893 als Israelitische Erziehungsanstalt vom hannoverschen Bankier Alexander Moritz Simon gestiftet, entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Zentrum jüdischer Gartenbauausbildung.
In den 1930er-Jahren überlebte sie als reine Ausbildungsstätte für Auswanderer, bevor sie von den Nationalsozialisten geschlossen und ab 1941 als Sammellager für die Deportation der jüdischen Bevölkerung Hannovers zweckentfremdet wurde. 1943 folgte auf ihrem Gelände ein Gestapo-Gefängnis, bis 1945 wurden in der zur Hinrichtungsstätte umfunktionierten ehemaligen Sukka, der Laubhütte der jüdischen Gartenbauschule, 86 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ermordet.
Nach der Befreiung führten DPs – Überlebende der Lager und offiziell als displaced persons (Vertriebene) bezeichnet – den landwirtschaftlichen Betrieb der Gartenbauschule weiter. Sie gründeten dort einen Kibbuz, der auf das Arbeitsleben in Palästina vorbereiten sollte.
Verschiene Orte erinnern an jüdische Gartenbaugestalter
An die Tradition und das Schicksal jüdischer Gartenbaugestalter und -gestalterinnen wird heute an verschiedenen Orten erinnert:
Im Garten der Diaspora des Jüdischen Museums Berlin wachsen auf Plateaus Pflanzen, die jüdisches Leben und Migrationsgeschichten verkörpern. „Ein grüner Weg durch die Geschichte der Diaspora“ nannte Cilly Kugelmann, einstige Programmdirektorin, den botanischen Pfad.
Der Fränkel-Terrassengarten an der Havel wurde vom nicht-jüdischen Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth in den 1920er-Jahren entworfen. Er zeugt vom anspruchsvollen gartenkulturellen Erbe des jüdischen Bankiers Max Fränkel, der 1933 ebenfalls zur Emigration gezwungen wurde.
Seit Oktober 2021 ergänzt und bereichert der „Jüdische Garten“ in Berlin-Marzahn die weitläufige Anlage Gärten der Welt: Ein 2.000 Quadratmeter großer Themengarten widmet sich dem jüdischen Naturverständnis, der Literatur und den rituellen Pflanzen mit Blickbeziehung zum benachbarten Christlichen Garten wurde.
Er ergänzt die bereits vorhandenen Themengärten und vervollständigt als landschaftsarchitektonisch-künstlerischer Beitrag die Darstellung der großen Weltreligionen und Weltanschauungen, insbesondere der monotheistischen Religionen. Auf vordergründige Symbolik oder Glaubensinschriften wurde bei der Gestaltung des Jüdischen Gartens bewusst verzichtet.
Das Wegenetz greift die jüdische Kultur mit ihren Verflechtungen und internationalen Bezügen auf. Eingebettet liegen Felder unterschiedlicher Größe und Form, in denen Nutz- und Zierpflanzen gedeihen, die zur Geschichte und Kultur jüdischen Lebens gehören. Die sieben Arten, hebräisch: Schiv’at ha-Minim, sind sieben landwirtschaftliche Produkte aus der Hebräischen Bibel, die den Reichtum des Landes Israel beschreiben (5. Mose 8,8):
ein Land des Weizens und der Gerste, der Weinstöcke, Feigenbäume und Granatbäume; ein Land mit ölreichen Olivenbäumen und Honig;
Die Arten sind: Weizen (Chita), Gerste (Seora), Weinstock / Trauben (Gefen), Feige (Te‘ena), Granatapfel (Rimon), Ölbaum / Oliven (Sajit) und Honig (Dwasch) – in der jüdischen Tradition meist als Dattelhonig beziehungsweise als Dattel verstanden.
An zwei Punkten im Wegenetz stehen skulpturale Pavillons, die zum Verweilen und als Treffpunkt für Begegnungen einladen. Nutz- und Zierpflanzen, die zum jüdischen Leben gehören, wurden durch eine begleitende Recherche erforscht und im Garten angebaut. Dazu gehören Obstbäume, Feigen, Mandeln, Magnolien, Kastanien und Ulmen. Die ausgewählten Pflanzen sind bekannt aus Novellen, Gedichten, Kurzgeschichten, Essays und Briefen jüdischer und dem Judentum nahestehender Autoren.
Diaspora: Kleines Fleckchen Erde für Selbstversorgung
In der Diaspora bildete sich keine eigenständige jüdische Garten- oder Baukultur heraus. Oft musste ein kleines Fleckchen Erde genügen, das der Selbstversorgung diente, auf dem aber auch Blumen und Zierpflanzen sowie Pflanzen für den zeremoniellen Gebrauch gezogen wurden. An diese Tradition knüpft der „Jüdische Garten“ in den „Gärten der Welt“ an.
Lesenswert ist die Gartenkunst-Abhandlung „Die Flora der Juden“ des ungarischen Botanikers und Rabbiner Immanuel Löw (1854–1944) aus dem Jahr 1924. In seinem vierbändigen Monumentalwerk erforschte der jüdische Gelehrte die Grundlagen der Pflanzenterminologie in verschiedenen Perioden der aramäischen und hebräischen Sprache.
Löw studierte an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und an der Universität Leipzig. Während des „Weißen Terrors“ – eine Bezeichnung für die gewaltsamen Unterdrückungsmaßnahmen im Rahmen von Konterrevolutionen und der Gegenrevolution in Ungarn 1920–1921 – wurde Löw staatsfeindlicher Äußerungen beschuldigt. Er war 13 Monate lang im Gefängnis.
Während seiner Inhaftierung arbeitete er an seinem vierbändigen Werk Die Flora der Juden, das 1924 bis 1934 in Wien und Leipzig erschien. Zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag besetzte Nazi-Deutschland Ungarn. Löw wurde zunächst in einer Ziegelei im Ghetto festgehalten, dann in einen Deportationszug verfrachtet, konnte wie durch ein Wunder in Budapest von Zionisten befreit werden. Rabbiner Löw starb im selben Jahr in der ungarischen Hauptstadt.
In Israel widmet sich der Landschaftspark Ne’ot Kedumim (Auen vergangener Zeiten) der Pflanzenwelt der Hebräischen Bibel und der jüdischen Traditionsliteratur. Der Name ist mehrdeutig: Zum einen bedeutet er „altehrwürdige, schöne Auen/Wohnstätten“. Da die Wortwurzel k-d-m auch „nach vorn“ bedeutet, ist es auch Ausdruck einer auf die Zukunft gerichteten Leitlinie.
Der Prager Rabbi Judah Löw lehrte, dass die wahre Liebe zum Schöpfer – wie sie uns geboten ist – auch die Liebe zu seinen Werken einschließt. Die Schöpfung sorgt nur dann für uns, wenn wir für sie sorgen. Abgeleitet vom Gedanken des Gartens kennen der Islam, das Christen- und das Judentum den Auftrag zum Schutz der Schöpfung. Der Mensch trägt die Verantwortung für die von G´tt geschaffene Welt, um sie für die folgenden Generationen zu bewahren.