Leben mit der Erinnerung

Vor einem Jahr kamen die letzten überlebenden Hamas-Geiseln nach Hause. Viele Israelis verbanden mit ihrer Rückkehr die Hoffnung, dass nun Heilung einsetzen könne. Israelnetz hat mit zwei Überlebenden des Hamas-Massakers gesprochen.
Von Marina Wall
Chanukka auf dem Nova-Gelände

Nir Os hat in den vergangenen drei Jahren traurige Berühmtheit erlangt. Hier lebte die Bibas-Familie, deren zwei kleine Söhne zum Symbol für den Hamas-Terror wurden. Hier ermordeten palästinensische Terroristen auch die Familie Siman-Tov, bestehend aus Vater, Mutter und drei kleinen Kindern.

„Es war wie ein Horrorfilm“, sagt Rita, als sie mit einer Gruppe deutscher Besucher durch Nir Os läuft. „Aber nun ernten wir unsere Erdnüsse schon zum dritten Mal.“ Rita Lifschitz ist 62 Jahre alt und lebt seit Kurzem wieder in dem Kibbuz, der vor dem 7. Oktober rund 420 Einwohner zählte. Wenn sie morgens im Garten ihres neuen Hauses sitzt und Kaffee trinkt, blickt sie auf die völlig zerstörten Häuser ihrer früheren Nachbarn, die nicht so viel Glück hatten wie sie: Nur zehn Stunden, bevor der Angriff der Hamas begann, brach Rita zusammen mit ihrer Enkelin nach Tel Aviv auf. So entkam sie dem bis dato größten Massaker auf israelischem Boden.

Wiederaufbaupläne in Nir Os

In Nir Os kollidiert die Erinnerung an den „Schwarzen Schabbat“ mit den Wiederaufbauplänen der Gemeinde. Noch ist der Ort vor allem eine Ruine; die ausgebrannten Häuser zeugen von dem grausamen Überfall von vor drei Jahren.

Sie werden nach und nach weichen müssen, um Platz für Neues zu schaffen. Die ersten Abriss- und Aufbauarbeiten finden bereits statt. Bis zum Winter 2027 soll ein Großteil der Bewohner wieder in den Kibbuz zurückkehren, so lautet der Plan des Direktorats für den Wiederaufbau (Tekuma). Doch wie viele der zum Teil schwer traumatisierten Überlebenden diesen Schritt wagen werden, ist schwer abzusehen.

Nir Os

Der Kibbuz Nir Os liegt in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen und wurde am 7. Oktober 2023 schwer getroffen. Mehr als 500 Hamas-Terroristen und palästinensische Plünderer stürmten in den frühen Morgenstunden den kleinen Ort. Sie töteten oder entführten mehr als jeden vierten Bewohner und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Nur sechs der 229 Häuser blieben unversehrt.

Aktuell leben in Nir Os rund 40 Menschen, die meisten von ihnen sind externe Freiwillige, die für den Wiederaufbau in den Kibbuz gezogen sind. Sie bestellen die Felder, auf denen neben Erdnüssen auch Kartoffeln, Weizen und Spargel angebaut werden. Etwas mehr als 100 Millionen Euro hat der israelische Staat für den Wiederaufbau von Nir Os zugesagt. Hinzu kommen Spenden und Hilfen von privaten Akteuren.

Opfern Gesicht und Namen geben

Für Rita Lifschitz war immer klar, dass sie in „ihren“ Kibbuz zurückkehren wird, der seit den 1980er Jahren ihre Heimat ist. Damals zog sie im Rahmen eines Freiwilligenprogramms aus Schweden nach Israel und entschied sich, zu bleiben. Seit dem 7. Oktober hat sie eine Mission: Sie möchte aufklären und darüber reden, was passiert ist, den Opfern des Massakers ein Gesicht und einen Namen geben. Denn die Toten von Nir Os, sie waren ihre Nachbarn und ihre Freunde. Das waren Menschen, mit denen Rita ihr halbes Leben verbracht hatte.

Deshalb habe sie schon kurz nach dem Terrorangriff der Hamas damit begonnen, internationale Besuchergruppen durch die Ruinen des Kibbuz zu führen, erklärt sie gegenüber Israelnetz. Denn hinter jedem Haus stecke eine Geschichte. Etwa die von Bracha Levinson, eines der ersten Opfer in Nir Os. Die Terroristen selbst dokumentierten ihre Ermordung: Sie filmten die 75-Jährige beim Sterben – und veröffentlichten das Video auf Levinsons eigener Facebook-Seite.

Auch in Ritas Familie gab es Opfer: Ihre Schwiegereltern Jocheved und Oded Lifschitz, zeitlebens Friedensaktivisten, wurden am 7. Oktober von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt. Überlebt hat das nur die mittlerweile 88-jährige Jocheved. Monatelang war unklar, ob Oded noch lebt.

In dieser Zeit, erzählt Rita Lifschitz, sei sie einmal die Woche nach Nir Os gefahren, habe sich vor dem Haus ihrer Schwiegereltern hingesetzt und zwei Bier getrunken: eine Flasche für sich selbst und eine für Oded. Von ihm sagt sie: „Er war ein wahrer Freund der Palästinenser.“ Zusammen mit anderen Bewohnern setzte sich der 83-Jährige dafür ein, dass Kinder aus Gaza in Israel medizinische Hilfe erhielten. „Wir waren ein Kibbuz, der sich für den Frieden einsetzte“, erklärt sie und fügt dann noch hinzu: „Wir kämpfen immer noch für den Frieden.“

Doch dabei dürfe die Erinnerung an die Opfer nicht untergehen. Das wachzuhalten, ist Rita Lifschitz ein zentrales Anliegen, das sie auch in die sozialen Netzwerke trägt. Doch noch etwas anderes ist ihr wichtig: Sie will Besucher über die Rolle der UNRWA im Gazastreifen aufklären. Die Europäer müssten erfahren, dass zahlreiche Mitarbeiter des UN-Hilfswerks für Palästina-­Flüchtlinge mit der Terror-Organisation Hamas verbunden seien, betont sie. Das Geld, das an die UNRWA gehe, unterstütze Terror. Deshalb führt sie auch regelmäßig Politiker durch Nir Os.

Hoffnung auf eine Zukunft

Auch Masal Tasaso möchte reden. Die junge Frau überlebte den Angriff auf das Nova-Festival nur knapp und bezeichnet ihre Rettung als Wunder. Nun führt die 36-Jährige Besuchergruppen über das einstige Party-Gelände.

Reden, um zu überleben: Masal Tasaso (links) und Rita Lifschitz (rechts) zeigen Besuchern die Orte des Hamas-Massakers

Es falle ihr manchmal schwer, die richtigen Worte zu finden für das, was sie erlebt habe, sagt sie und hält kurz inne, um dann ihre Geschichte zu erzählen: Wie sie und ihre Freunde zu fliehen versuchten und entsetzt feststellten, dass dies vergebens war, weil die Terroristen das Gelände umzingelt hatten; wie sie sich totstellte und dadurch tatsächlich überlebte; wie sie zwischenzeitlich das Bewusstsein verlor und schließlich vor dem Feuer wegrannte, mit dem einen Gedanken im Kopf: „Besser, sie erschießen mich, als dass ich verbrenne.“

Das Inferno beschreibt sie als „Film, den ich aber noch nie zuvor gesehen habe“. Fällt es ihr schwer, darüber zu sprechen? Nein, sagt Tasaso, sie müsse sogar reden, um mit dem Erlebten klarzukommen. Sie würde auch mit pro-palästinensischen Gruppen reden, wenn die kämen.

Früher habe sie daran geglaubt, dass Israelis und Palästinenser irgendwann einmal in Frieden miteinander leben werden. Doch dann sah sie, wie Shani Louks lebloser Körper durch den Gazastreifen paradiert und von Jugendlichen bespuckt wurde. Dieser Hass, der macht sie ratlos. Und doch: Für die Zukunft hat sie Hoffnung. Ihr Sohn, der gebe ihr Hoffnung, sagt sie zum Abschluss des Gesprächs und lächelt.

Israelnetz Magazin

Dieser Artikel ist in einer Ausgabe des Israelnetz Magazins erschienen. Sie können die Zeitschrift hier kostenlos und unverbindlich bestellen. Gern können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien. 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Die Ernnerung an das Massaker muss weltweit erhalten bleiben. die Überlebenden zeugen davon.
    Diese Welt ist grausam geworden, seit dem 24.2.2022 und noch mehr seit dem 7.Oktober 2023.
    Das Ende der Finsternis ist noch nicht in Sicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen