Von der Ölbaumgemeinschaft und der Liebe zu Jesus

Wie hängen Kirche und Judentum zusammen? Und was motiviert Christen, sich an die Seite Israels zu stellen? Auf dem Israelkongress in Schwäbisch Gmünd diskutierten rund 800 Teilnehmer lebhaft über diese und andere Fragen.
Von Marina Wall
Anatoli Uschomirski

SCHWÄBISCH GMÜND (inn) – „Wer ein guter Christ sein will, der muss den Juden in sich töten“, soll einmal ein Theologieprofessor in einem Seminar gesagt haben. Eine mutige Studentin meldete sich und fragte: „Meinen Sie Jesus?“ Mit dieser Anekdote begann der Vortrag des messianisch-jüdischen Theologen Anatoli Uschomirski auf dem Israelkongress vergangene Woche in Schwäbisch Gmünd.

Auch wenn sich die Anekdote historisch nicht verorten lässt, bringt sie doch etwas Entscheidendes auf den Punkt: (Christlicher) Judenhass äußert sich immer auch in den Versuchen, das jüdische Erbe loszuwerden. War es im Nationalsozialismus der „arische“ Jesus, ist es heute der „palästinensische“, den der eine oder die andere in der Kirche verankert sehen will.

Warum solche Abwehrbewegungen fruchtlos bleiben müssen, erklärte Uschomirski anhand von Römer 11,17-24. Hier zeichnet der Apostel Paulus das Bild vom Ölbaum, das die Abhängigkeit des christlichen Glaubens vom Judentum deutlich macht. Daher haben Christen keinen Grund zur Überheblichkeit Juden gegenüber. Vielmehr warnt der Apostel sie genau davor, denn: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Vers 18).

In dem Seminar „Zu welchem Gott beten Juden und Christen?“ vertiefte Uschomirski den Gedanken noch weiter, indem er darlegte, wie sich der Gott der Bibel in der Geschichte offenbarte. Er habe sich Mose nicht etwa als Schöpfergott vorgestellt, der er auch ist, sondern als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (2. Mose 3,6). Damit bezog er sich auf drei Erzväter des Volkes Israel.

Versöhnung durch Begegnung

Mit der Frage, warum Christen zu Israel stehen sollten, befasste sich der schweizerische Pastor Marcel Rebiai. Die Liebe zu Jesus sei entscheidend. Christen müssten erkennen: Juden würden wegen Gott gehasst. Deshalb wollten viele von ihnen nichts mit ihm zu tun haben, doch: „Es ist nicht ihre Entscheidung.“ Gott habe sie erwählt, um durch sie und an ihrem Beispiel in der Geschichte zu wirken, zum Segen für die Völker.

Doch auch für die Palästinenser hat Gott einen Plan, betont Rebiai. Seit mehr als dreißig Jahren engagiert er sich in der Versöhnungsarbeit und bringt messianische und arabisch-israelische Pastoren zusammen. Für den Gründer des Vereins „Gemeinschaft der Versöhnung“ (GDV) steht fest: „Menschen sind nicht unsere Feinde.“

Menschenwürde als zentraler Wert

Bei dem Journalisten und Podcaster Tom David Frey wurde es dann politisch und mitunter auch polemisch. Der Schweizer sprach über das Bedrohungspotenzial des Antisemitismus für die westliche Welt und diskutierte dabei die Thesen eines anderen Eidgenossen: die des Schriftstellers und Journalisten Giuseppe Gracia. Dieser wollte eigentlich selbst am Kongress teilnehmen, musste aber aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen.

Tom David Frey Foto: Israelnetz/Christian Biefel
Journalist Tom David Frey spricht über die Grundlagen der westlichen Gesellschaften

Gleich zu Beginn attestierte Frey den westlichen Staaten „Schwäche“, da sie ihre Regeln nicht mehr durchzusetzen würden. Ein zentraler Wert unserer Gesellschaften sei die unveräußerliche Würde des Menschen, aus der sich unsere Freiheiten ableiten ließen.

Er fuße auf dem alttestamentlichen Konzept der Ebenbildlichkeit Gottes. Natürlich sei der Westen nicht nur vom jüdischen Denken geprägt, erklärte Frey. Auch die griechische Philosophie und das römische Rechtsverständnis seien tragende Säulen. Es werde aber gefährlich, sobald „jeder von uns an einer der Säulen sägt, die die Freiheit tragen“.

Frey zufolge geschieht genau das in Form einer exzessiven „Israelkritik“. Egal, was der jüdische Staat tue, es sei in den Augen vieler grundsätzlich und immer falsch. Dafür florierten Verschwörungsmythen. Das lässt nur einen Schluss zu: „Die Brandmauer gegen Judenhass ist längst gefallen“, folgert der Journalist aus diesem Befund. Und das hat über kurz oder lang Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Der Sieg der Partei „Die Linke“ in Berlin, die ihren Wahlkampf mit den Themen „Gaza“ und Enteignung bestritten habe, sei dafür ein Indikator.

Der Israelkongress fand vom 8. bis 11. Oktober im Gästezentrum Schönblick in Schwäbisch Gmünd statt. Er stand unter dem Thema „Israel geht uns alle an“. Zu den Organisatoren gehörte auch Israelnetz.

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Ein Kommentar

  1. Der Journalist Tom David Frey hat ins Schwarze getroffen mit seiner Analyse des politischen Trends und des Werteverfalls. Ein Blick zurück in die Geschichte Europas (nicht der EU) zeigt, wie Nationen gesegnet wurden, wenn sie nicht nur das Buch der Juden sondern auch die Juden selbst ernst- und angenommen haben. Umgekehrt zeugen beispielsweise die Bilder der vom Krieg zerstörten Städte in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg davon, welche Folgen die Verachtung der Juden und die die Verdrehung der Worte ihres Buches hat. Aber wer sich lieber aus einem Affen oder einem Schwein entwickelt haben will und auf diese absurde Weise Weise seinen Schöpfer ablehnt, der kann ja auch mit seiner schöpfungsgemäßen Berufung Ebenbild Gottes zu sein nichts anfangen. Das macht viehisch. Genau das erleben wir. Die Hasser der geliebten Kinder des einzig wahren Gottes sind bereit, sich weitaus schlimmer als die bestialischsten Raubtiere zu verhalten und sich entsprechendes Unrecht demokratisch legitimieren zu lassen. Hier ist unser Aufschrei gefragt.

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