Zwischen Lobpreis, Leid und Identitätsfragen

Israelis, Deutsche, Schweizer und Palästinenser. Sie alle waren Teil des sechsten Israelkongresses in Schwäbisch Gmünd. Mit dabei: viele berührende Geschichten, fachliche Expertise und auch die Frage danach, wem das Land Israel gehört.
Von Christian Biefel
Cynthia D. Wallace auf dem Israelkongress 2026 mit Übersetzerin Elisabeth Hausen

Israelische Rhythmen pulsieren durch die Lautsprecher, während die Sänger der JCSI‑Band „Sela“ nahtlos zwischen deutschen und hebräischen Lobpreisstrophen hin und her wechseln. Die meisten der mehr als 600 Teilnehmer haben bereits ihre Stühle verlassen und bewegen ihren Körper leicht zu der Musik. Manche der durchschnittlich etwa sechzig Jahre alten Besucher tanzen sogar ausgelassen. In der oberen Etage schwenkt eine Teilnehmerin eine große Israelflagge.

Zum sechsten Mal trafen sich Israelfreunde zum Israelkongress in der baden-württembergischen Kleinstadt Schwäbisch Gmünd. In dem christlichen Gästezentrum „Schönblick“ kamen dafür für dreieinhalb Tage Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Hintergründen zusammen, und feierten Israel und das Judentum. Darunter waren Israelis, Schweizer, Österreicher, Deutsche und Palästinenser. Das Motto „Israel geht uns alle an“ spiegelte sich in Vorträgen, Seminaren und persönlichen Gesprächen wider und weckte Emotionen.

„Wie dumm können Menschen sein?“

Unter anderem erzählten in den Vorträgen auch Betroffene des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 von ihren Erfahrungen. Unter anderem Sonja Bohl-Dencker. Sie ist die Mutter von Carolin Bohl – der einzigen deutschen Touristin, die durch das Massaker ermordet wurde.

In ihrer Rede schilderte sie ihren leidvollen Weg hin zu Israel. Zunächst hatte sie keinen Bezug zu dem Land. Als ihre Tochter dann bei dem Terrorangriff ums Leben kam, begann sie, sich nach und nach damit auseinanderzusetzen. Schritt für Schritt fühlte sie sich dem Land mehr verbunden. Heute könne sie es kaum aushalten, wie Medien ungefiltert Hamas-Propaganda verbreiten und meist nur einseitig gegen Israel berichten würden, kritisierte Bohl-Dencker von der Bühne.

Foto: Israelnetz/Christian Biefel
Bohl-Dencker erzählte, wie der Tod ihrer Tochter sie mit Israel verbindet

Außerdem äußerte sie sich zum wachsenden Antisemitismus in Deutschland deutlich: „Wie hasserfüllt, unreflektiert und dumm können Menschen sein?“ Für Bohl-Dencker seien die diesjährigen Demonstrationen zum Gedenktag des Hamas-Massakers erschütternd gewesen. Denn es gab auch Versammlungen, die sich mit der Hamas solidarisierten und dadurch das Leid der Israelis relativierten.

Die Mutter von Carolin Bohl unterstrich ihre Rede mit dem Satz: „Obwohl Hamas-Terroristen meine Tochter ermordet haben, bin ich nicht so voller Hass, wie die Menschen, die zurzeit gegen Israel demonstrieren.“ Dass manche Menschen aggressiv würden, nur weil sie eine israelische Flagge sähen, sei krank.

Völkerechtliche Existenzgrundlage für Israel

Neben Betroffenen kamen zudem Fachexperten wie die Völkerrechtlerin, Autorin und ehemalige UN-Diplomatin Cynthia Day Wallace zu Wort. „Halleluja, Halleluja, Halleluja“, ruft Wallace in den Saal und blickt erwartungsvoll in das Publikum, in der Hoffnung, dass jemand den Jubelruf erwidern würde. Sie hofft nicht vergeblich. Zahlreiche der Teilnehmer erwidern den Jubelruf. Es war Wallace Einstieg in ihre Rede über das Existenzrecht Israels. Das Besondere: Die 84-jährige Juristin begründete in ihrem Vortrag das Existenzrecht sowohl religiös als auch rechtlich. So stützt sich die Souveränität Israels laut ihr auf drei völkerrechtliche Instrumente. Sie meint damit historische Dokumente, die nicht nur die Duldung, sondern die Souveränität Israels begründen.

Zum einen sei das der Vertrag des Völkerbundes aus dem Jahre 1919. Im Artikel 22 ist darin das Osmanische Reich, unter dessen Herrschaft heutige israelische Gebiete fielen, als A-Mandat eingestuft. Das bedeutete, dass diese Gebiete so weit entwickelt waren, dass sie als „provisorisch unabhängige Nationen“ agieren durften und einer entsprechenden Siegermacht nur observativ unterstellt waren. Die Juristin erläutert: Jüdische Gebiete seien damals Teil des britischen Mandatsgebietes Palästina gewesen, wobei es den Staat Israel als solchen noch nicht gegeben habe.

San Remo und die Balfour-Erklärung

Ein weiterer Schritt, den Wallace nennt, war die San-Remo-Resolution aus dem Jahr 1920. Darin sei als Ziel formuliert, eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ in dem britischen Mandatsgebiet Palästina zu schaffen. Die beteiligten Besatzer übernahmen damit die Gedanken der Balfour-Erklärung. Bereits 1917 hatte dort der britische Außenminister Arthur James Balfour die Gründung einer nationalen Heimstätte für Juden in dem gleichnamigen Positionspapier formuliert. In San Remo werteten die beteiligten Siegermächte das Zentrum der Erklärung schließlich zu gültigem Völkerrecht auf, erklärte Wallace.

Der finale Schritt, der die Entstehung des Staates Israel völkerrechtlich legitimiert, war allerdings laut der früheren Diplomatin das Mandat des Völkerbundes für Palästina aus dem Jahr 1922. Ein ausgearbeitetes völkerrechtsgültiges Dokument, das den kompletten Text der Balfour-Erklärung in die Präambel mit aufnahm und konkrete Maßnahmen zu deren Umsetzung festschrieb. Den ausgearbeiteten Gesetzestext befürworteten alle Länder der Staatengemeinschaft.

Wallace_Shooting_Israelkongress26 Foto: Israelnetz/Christian Biefel
Wallace setzt sich seit Jahren für die Existenz Israels ein

Die gläubige Christin ist am Ende ihrer Rede angekommen. Alles an ihr unterstreicht die Dringlichkeit ihres Anliegens. Ihr akkurat sitzendes Kostüm, ihr eleganter Gehstock mit Jaguargriff und nicht zuletzt ihr freundlicher, doch unbeirrt wirkender Blick.

Noch einmal blickt sie in die Menge. Entschlossen unterstreicht sie die juristischen Grundlagen mit ihrem christlichen Glauben: „Israel ist legitim. Die Feinde – damit meint sie alle, die das Existenzrecht Israels infrage stellen – wollen Israel von der Landkarte löschen, doch sie verstehen nicht, dass Israel für immer sein wird. Gott hat immer einen Plan gehabt. Maranatha!“

Palästinensischer Christ macht sich stark für Versöhung

Doch es gab auch kritische Stimmen. Nicht am Existenzrecht Israels, sondern darüber, dass eine unreflektierte „Israelliebe“, auch unter Christen, Gräben schaffen kann, anstatt Versöhnung zu bringen. Indem Israel nur als jüdischer Staat gesehen wird, können Gräben etwa zwischen Palästinensern und Juden entstehen.

Ein Palästinenser, der das beispielsweise anmerkte, ist Johnny Shahwan. Er ist Leiter und Gründer des christlichen Begegnungszentrums Beit Al Liqa’ in der Provinz Bethlehem im Westjordanland. Er hat sich mit der Problematik vorab schon intensiv beschäftigt. In seinem Seminar „Wem hat Gott das Land verheißen?“ legte er seine Positionen dar.

„Ich habe mehr Recht, als Israels Premier Benjamin Netanjahu und andere Juden, in diesem Land zu leben. Wir kommen von dort“, beteuerte Shahwan. Dennoch gehe es ihm nicht darum, zu klären, wer mehr Recht habe, in Israel zu leben. Im Gegenteil: Israel sei Gottes Land und auch er, als palästinensischer Christ, sei Teil davon. Sowohl Juden als auch Palästinenser haben seiner Ansicht nach ein Recht, in Israel zu leben.

Laut ihm kann das Land aufgrund geografischer und strategischer Gründe nicht eingeteilt werden. Es sei von Gott als Einheit gedacht, erklärte er. Dass das allerdings leichter gesagt als getan ist, weiß Shahwan aus eigener Erfahrung. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Versöhnung der beiden Gruppen ein. Doch als Vermittler sei er oftmals zwischen den Stühlen, sagte Shahwan.

Ohne Jesus gibt es keinen Frieden

Die Folge: Diskriminierung von beiden Seiten. So benachteiligen ihn die Israelis strukturell, nur weil er Palästinenser sei. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) sehe ihn wiederum als „Freund der Zionisten“ und damit als ihren Feind, erläuterte Shahwan im Seminar. Sogar ein Gerichtsverfahren durch die PA stehe ihm nun deswegen bevor. Trotzdem schweigt der umtriebige Palästinenser nicht. Jeder in der Provinz Bethlehem wisse, „wie Johnny zu Israel steht“. Doch eines ist für ihn glasklar: „Ohne Jesus Christus wird es in Israel keinen Frieden geben.“ Nur durch die Beziehung zu Gott könne man lernen, das Land als eines zu sehen und zu leben.

Israelkongress_Tanzende Menschen Foto: Israelnetz/Christian Biefel
Israelkongress-Teilnehmer beim Lobpreis auf Hebräisch

Auf der Bühne erklingen erneut die Rhythmen. Diesmal etwas leiser, da sich einige Teilnehmer im fortgeschrittenen Alter beschwert hatten, dass es zu laut sei. Doch die Stimmung ist davon nicht im Geringsten betroffen. Erneut weht die Israel-Fahne und erneut schwingen manche ihre Hüften. Dreieinhalb Tage Israelkonferenz.

Dreieinhalb Tage voller Vorträge, Diskussionen, Musik und Gespräche. Und eine Botschaft, die hängen bleibt: Von welchem Standpunkt aus auch immer: „Israel geht uns alle an“ – auch in Deutschland.

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Ein Kommentar

  1. Johnny Shahwan: „Ich habe mehr Recht, als Israels Premier Benjamin Netanjahu und andere Juden, in diesem Land zu leben“. Nein, das glauben wir nicht.

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