Der Umkehrende ist dem Schöpfer lieb und nah, als habe er nie gesündigt, mehr noch: sein Verdienst ist größer, denn obwohl er die Sünde geschmeckt hatte, wandte er sich von ihr ab und bezwang seinen Trieb.
Der jüdische Religionsphilosoph Moses Maimonides (1138–1204)
Jom Kippur beendet eine zehntägige Buß- und Reuezeit. Der G´ttesdienst des Versöhnungstages greift die einstigen Aufgaben des Kohen HaGadol, des Hohepriesters, auf. Laut biblischer und rabbinischer Überlieferung begingen die Israeliten den ersten Versöhnungstag während ihrer 40-jährigen Wüstenwanderung.
Mose war den beschwerlichen Pfad auf den Berg Sinai hochgestiegen, wo er von G´tt die Zehn Worte erhielt. Als „Zehn Worte“, hebräisch Aseret ha-Dibberot, werden im Judentum die Zehn Gebote bezeichnet.
Tanz ums Goldene Kalb
Als Mose zu den Bnei Israel, den Kindern Israel, zurückkehrte, tanzten diese um das Goldene Kalb, was Mose erzürnte, so dass er die beiden Gesetzes-Tafeln zertrümmerte. Mehr noch: Ihn quälten große Zweifel, ob er der Aufgabe als Anführer gewachsen ist. Doch G´tt hielt an ihm fest und so stieg Mose nochmals auf den Berg Sinai. Dieses Mal warteten die Israeliten geduldig auf seine Rückkehr.
In der rabbinischen Tradition heißt es, Mose habe am 10. Tag des Monats Tischrei die Gesetzestafeln ein zweites Mal dem Volk gebracht und verkündet, dass G´tt dem Volk die Götzenverehrung, den Tanz um das Goldene Kalb, verziehen hat. Die Hebräische Bibel und die Mishna, das erste kanonische Werk der mündlichen Überlieferung des Judentums und das grundlegende Gesetzbuch des rabbinischen Judentums, beschreiben die wiederkehrende Ausführung eines Versöhnungstages am 10. Tischrei. Dies erklärt, warum bis zum heutigen Tag Jom Kippur an diesem Datum des jüdischen Kalenders begangen wird.
Opferritual im Tempel
Bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels durch die römischen Truppen unter dem Feldherrn Titus am 9. Tag des Monats Av im Jahr 70 nach der Zeitrechnung wurde dieser Tag mit einem Opferritual begangen. Die Mizva des Widuj, des Sündenbekenntnisses, erfüllte der Kohen HaGadol in drei Stufen an Jom Kippur; er repräsentierte das gesamte jüdische Volk vor G’tt. Der Begiff Mizva bedeutet wörtlich „Gebot“, auch „Pflicht“, und bezeichnet im Judentum eine von G´tt aufgetragene religiöse Vorschrift oder eine gute Tat.
Zunächst musste der Kohen HaGadol selbst „rein“ sein, daher begann er mit dem Bekenntnis seiner eigenen Sünden und der Sünden seiner Familienmitglieder. Sein Sündenbekenntnis legte er während des Opferbringens ab, daraufhin bekannte er die Sünden aller Kohanim, gefolgt von den Sünden des gesamten jüdischen Volkes. In der Tora, in 3. Mose 16, wird ein zentrales Ritual für den Versöhnungstag beschrieben:
Der Hohepriester nahm zwei Ziegenböcke und warf Lose über sie, auf einem Los stand laHaschem, „zu G´tt“, auf dem anderen laAsasel, denn eines der Opfertiere war nicht für G´tt bestimmt, vielmehr legte der Hohepriester auf den zweiten Bock symbolisch alle Sünden des Volkes Israel. Danach wurde das Tier lebendig in die Wüste geschickt, um die Sünden wegzutragen.
An Jom Kippur versucht der „Satan“, derjenige, der uns vor G’tt anklagt, alle unsere Sünden zu erwähnen und G’tt zu überzeugen, uns dafür zu bestrafen. Dies erklärt, warum G´tt befahl, an Jom Kippur einen Ziegenbock zu nehmen und ihn „LaAsasel“ zu bringen.
Bedeutung von „Asasel“ unklar
Da der Text der Tora nicht eindeutig erklärt, wer oder was Asasel ist, gibt es im Judentum verschiedene traditionelle Auslegungen:
Der Talmud und klassische jüdische Kommentatoren, so auch der mittelalterliche Ausleger Raschi, erklären das Wort etymologisch. Laut Raschi, Akronym für den Namen Rabbi Schlomo Izchaki, bezeichnet Asasel eine steile, raue Klippe in der Wüste, von der der Sündenbock in die Schlucht hinabgestoßen wurde, damit er nicht wieder zurückkehrte.
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In der jüdischen Mystik und in apokryphen Texten, siehe Buch Henoch, wird Asasel als ein gefallener Engel oder Wüstendämon interpretiert, dem beim jüdischen Sühnefest die Sünden des Volkes Israel aufgeladen werden.
Im modernen Israel hat sich der Ausdruck verselbstständigt. Wenn heute jemand auf Hebräisch „Le’azazel!“ sagt, ist das ein gängiger Fluch. Es bedeutet so viel wie „Fahr zur Hölle!“, „Verdammt!“ oder „Geh hin, wo der Pfeffer wächst!“.
Vergebung empfangen
Zwischen die beiden Hörner band der Hohepriester einen roten Faden, ein Teil des Fadens blieb bei den Kohanim. Als der Ziegenbock auf der Spitze des Berges stand, verfärbte sich der Faden normalerweise von Rot zu Weiß als Zeichen dafür, dass G’tt die Sünden verzieh. Blieb der Faden rot, machte sich Bedrücktheit breit.
Der Hohepriester betrat – stellvertretend für das ganze Volk Israel – das Allerheiligste des Tempels um Vergebung zu empfangen. Jom Kippur war der einzige Tag, an dem er dreimal laut und deutlich den Namen G´ttes aussprechen durfte.
G’ttes Intention an Jom Kippur ist nicht, dass wir uns vor ihm und einer Strafe fürchten. Vielmehr will Er, dass wir Angst haben, den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Durch Selbstreflexion am Versöhnungstag erlangen Juden und Jüdinnen Einsicht, auf dem Irrweg zu sein, und diese soll sie so sehr erschrecken, dass sie den falschen Weg verlassen, um einen rechten Weg einzuschlagen.
Auch zu Zeiten des Tempels hielten Juden und Jüdinnen zu Hause und in ihren Gemeinden die fünf Verbote von Jom Kippur ein: Essen, trinken, sich waschen, Lederschuhe tragen sowie das Liebesspiel. Zudem konzentrierte man sich auf die Tschuwa, die Rückkehr zu G’tt.
Ablauf vorher geübt
Um den Gläubigen einen reibungsfreien Ablauf garantieren zu können, übten die Rabbiner – laut Mischna – bereits einige Tage vor dem Versöhnungstag mit dem Kohen HaGadol seinen Dienst an Jom Kippur, nur verheiratete Hohepriester durften den diesen G´ttesdienst leiten. Um für die Situation, dass seine Ehefrau kurz vor Jom Kippur sterben könnte, gewappnet zu sein, gab es stets eine „Reserve-Frau“, um im Todesfall als Ehefrau einspringen zu können.
Höchstes Ziel des Hohepriesters an Jom Kippur war die Vergebung der Sünden (3. Mose 16,30):
Denn an diesem Tag wird man für euch Sühnung erwirken, um euch zu reinigen; von all euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem HERRN. (Eberfelder Bibel)
Der Kohen durfte das Kodesch HaKodaschim, das Allerheiligste im Tempel, wo sich die Bundeslade befand, nur an Jom Kippur betreten. Ein Kohen, dem seine Sünden nicht vergeben worden waren, musste im Allerheiligsten sterben.
An Mozei Jom Kippur, dem Ausgang des Versöhnungstages, wenn der Kohen HaGadol am Leben geblieben war und seine Arbeit vollendet hatte, begleitete ihn das Volk nach Hause. Es veranstaltete ein großes Fest aus Freude darüber, dass er keinen Fehler begangen hatte und vollkommen rein war.
Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach der Zeitrechnung und bis zum heutigen Tag ersetzen Gebete und Riten die Arbeit des Kohen HaGadol. Die jüdischen Weisen lehren Folgendes: „So wollen wir opfern die Frucht unserer Lippen“ (Hosea 14,3). In anderen Worten: Die Gläubigen können den Dienst im Tempel mit ihren Lippen, durch das Lernen und Lesen, erfüllen.
Reinigung vor Versöhnungstag
Am Vorabend von Jom Kippur reinigt man sich, indem man in der Mikwe untertaucht. Die Tewila, das Untertauchen in der Mikwe, geschieht, indem man seinen gesamten Körper mit Wasser bedeckt. Auf diese Weise reinigte sich auch der Kohen vor Jom Kippur.
Der Hohepriester musste im Tempel bei jedem Kleiderwechsel in die Mikwe gehen, um „tahor“, also „rein“, vor G’tt zu stehen. Da die Mikwe als rituelles Tauchbad gilt, zählt es nicht als Waschung, die an Jom Kippur sonst verboten ist.
Als Entsprechung dafür, dass der Kohen HaGadol an Jom Kippur fünfmal in die Mikwe ging und zehnmal seine Hände und seine Füße reinigte, werden fünf Gebete gesprochen und zehnmal das Widuj-Gebet, das Sündenbekenntnis.
Im Mittelpunkt des Mussaf-Gebets steht Seder HaAvoda, die Ordnung des G´ttesdienstes. Dieses zusätzliche Gebet erwähnt alle Tätigkeiten des Hohepriesters, die er im Tempel verrichtet hat.
Name G´ttes ausnahmsweise ausgesprochen
Wenn der Kohen HaGadol das Sündenbekenntnis Widuj sagte, sprach er G’ttes Namen voll und ganz aus. Das Volk, das in der Azara, im Hof des Tempels, stand, fiel auf den Boden nieder, verbeugte sich vor G’tt und sprach: Baruch Schem Kwod Malchuto leOlam WaEd – „Gelobt sei der Name der Herrlichkeit Seines Reiches immer und ewig“. Seit der Zerstörung des Tempels legen die Gläubigen ein kleines Stoffstück zwischen ihren Kopf und den Boden, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, Götzendiener zu sein.
Nach Jom Kippur ist es eine Mizva, eine feierliche Mahlzeit einzunehmen, als Zeichen des Dankes, dass G’tt uns erneut in das „Buch des Lebens“ eingeschrieben hat. Auch dieser Brauch ist eine Reminiszenz: Er erinnert daran, dass die Israeliten für den Kohen HaGadol zur Zeit des Tempels zum Ausklang von Jom Kippur ein Festmahl als Dank organisierten.
Der tiefere Sinn von Jom Kippur ist. uns auf einen neuen Weg zu leiten. G´ttes Barmherzigkeit unterstützt uns dabei, verlängert unser Leben und schenkt uns Kräfte und Möglichkeiten, um ein besserer Mensch werden zu können. Viele Gläubige tragen Weiß als Zeichen der Reinheit und des Neubeginns.
Der Midrasch, eine Auslegung zu biblischen Texten, sagt:
Als G’tt die Welt erschuf, dachte Er, die Welt mit Härte und Gerechtigkeit zu regieren. Nur sah Er aber, dass kein Geschöpf das durchhalten wird. Also fügte Er Seine Barmherzigkeit hinzu – und regiert in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
„Mögest du für ein gutes Jahr besiegelt werden“
Gemäß dem gregorianischen Kalender beginnt Jom Kippur in diesem Jahr am Sonntagabend, den 20. September, bei Sonnenuntergang und endet am Montag nach Einbruch der Nacht.
Am Neujahrsfest Rosch HaSchana wurde das Schicksal der Juden und Jüdinnen im Buch des Lebens vorläufig eingetragen, an Jom Kippur wird es besiegelt. Man wünscht sich gegenseitig: G’mar Chatima Tova! „Mögest du für ein gutes Jahr endgültig eingeschrieben und besiegelt werden“.
2 Kommentare
Die Knesset, unser Haus, unser Hauspersonal in der Toscana, wünscht eine gute Versiegelung für Jom Kippur.
Möge der Tag der Versöhnung für unsere jüdischen Freunde hier im Forum, für Israel und die Juden der Diaspora zum Segen werden. Hoffen und beten wir, dass dieser Tag überall ohne Zwischenfälle begangen werden kann. Zuvor wünsche ich noch gut Schabbes und einen wunderschönen Sonntag.