SYDNEY (inn) – Jahrzehntelang glaubte Adriana Turk, dass der Holocaust die Familie ihres Vaters nahezu vollständig ausgelöscht hatte. Hans Turk war 1937 als deutscher Jude nach Neuseeland geflohen. Über seine Vergangenheit sprach er kaum. Nach seinem Tod und dem ihres einzigen Bruders Julian Ende 2024 blieb bei Turk das Gefühl zurück, die letzte Überlebende dieser Familienlinie zu sein.
Dann machte die 74-jährige einen DNA-Test. Das Ergebnis veränderte ihre Familiengeschichte grundlegend: Turk entdeckte mehr als 50 lebende Verwandte in Deutschland, Israel, Brasilien und weiteren Ländern. Inzwischen ist sie von ihrer neuen Heimat Australien nach Europa und Israel gereist, um ihre neu entdeckte Familie persönlich kennenzulernen. „Ich habe das Gefühl, durch diese Erfahrung wie neu geboren zu sein“, sagte Turk dem Nachrichtenportal „Times of Israel“.
Ein Vater, der über seine Vergangenheit schwieg
Turks Vater Hans, der sich später John nannte, verließ Deutschland 1937 und baute sich in Neuseeland ein neues Leben auf. Er heiratete eine nichtjüdische Neuseeländerin und sprach nur selten über seine Familie und die Zeit vor der Flucht. Für seine Tochter blieb deshalb vieles im Dunkeln.
Nach dem Weltkrieg erfuhr Hans Turk, dass seine Mutter im Warschauer Ghetto ums Leben gekommen war. Seine Schwester, deren Mann und ihre beiden kleinen Kinder wurden 1944 in Auschwitz ermordet. „Er hat nie darüber gesprochen, und ich habe nie danach gefragt“, erinnert sich Adriana. Sie wusste nur, dass die Familie ihres Vaters praktisch vollständig ausgelöscht worden war.
Der DNA-Test bringt die Überraschung
Als ihr Bruder Julian Ende 2024 in Auckland starb, wurde ihr die vermeintliche Endgültigkeit dieser Familiengeschichte besonders bewusst. In einem Blog auf der Website „MyHeritage“, wo sie ihre Geschichte teilte, spricht sie von einer überwältigenden Leere, die sie verspürt habe. Sie habe sich sehr allein gefühlt.
Einige Monate später entschloss sich Turk, einen DNA-Test bei „MyHeritage“ zu machen. Sie wollte mehr über ihre europäischen Wurzeln erfahren. Große Erwartungen hatte sie dabei nicht. Das Ergebnis war eine Überraschung. Statt kaum noch vorhandener Familienverbindungen fand Turk zahlreiche Übereinstimmungen mit Menschen in verschiedenen Ländern. Über die DNA-Verbindungen begann sie, Kontakt zu entfernten Verwandten aufzunehmen.
Vom Überlebenden zum Helfer in Israel
Dabei stieß sie auf eine Familiengeschichte, die der Vater ihr nie erzählt hatte. Ihr Großonkel Max Gusdorf war 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet worden. Doch seine drei Kinder hatten den Holocaust überlebt. Eines blieb in Deutschland, ein weiteres ging nach Brasilien. Das dritte, Hans Reuven Rudolph, gelangte nach Israel. Dort nahm den er Namen Reuven Gidron an. Er kämpfte im Unabhängigkeitskrieg des 1948 gegründeten Staates und engagierte sich später für Holocaust-Überlebende. Zudem war er an der Suche nach NS-Verbrechern beteiligt.
Über „MyHeritage“ wurde Adriana Turk schließlich mit Gidrons Sohn Ra‘anan verbunden. Die beiden sind Cousin und Cousine dritten Grades. Zunächst lernten sie sich über Videoanrufe kennen. Später beschlossen sie, sich persönlich zu treffen. Für Turk bedeutete die Entdeckung weit mehr als einen Eintrag in einem Stammbaum. Sie erfuhr, dass Teile ihrer Familie den Holocaust überlebt hatten und über mehrere Kontinente hinweg neue Familien aufgebaut hatten.
Von Neuseeland über Deutschland nach Israel
Turk machte sich schließlich selbst auf die Suche nach ihrer neu entdeckten Familie. Zunächst reiste sie nach Deutschland. Dort verbrachte sie zwei Wochen mit Verwandten und versuchte, die Lücken in der Geschichte ihres Vaters zu schließen. Anschließend flog sie nach Israel. Am Flughafen Ben-Gurion wurde sie von Ra‘anan Gidron empfangen.
Im Anschluss traf Turk weitere Verwandte. Gemeinsam mit Gidron besuchte sie zudem die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und erkundete das Land. Die Begegnung entwickelte sich zu einem kleinen Familientreffen mit weltweiter Vorgeschichte. Verwandte, von deren Existenz Turk jahrzehntelang nichts gewusst hatte, wurden plötzlich Teil ihres Lebens.
Und so hat ein DNA-Test, der eigentlich nur Antworten über ihre Herkunft geben sollte, für die 74-Jährige etwas viel Größeres bewirkt: Aus der vermeintlich letzten Überlebenden einer ausgelöschten Familienlinie wurde eine Frau, die plötzlich wieder Teil einer weit verzweigten Familie ist. (tko)
4 Kommentare
Interessante Familiengeschichte, gänzlich anders als bei mir. Aber ich hatte das Glück, spät, doch noch früh genug von den Ursprüngen meiner Familie zu erfahren.
Dennoch bin ich der letzte meiner in Deutschland lebenden Leute, der sich zu seinen Wurzeln bekennt, alle anderen sind konvertiert. Ich hingegen bin aus der Kirche ausgetreten und damit konfessionslos, bis ich nach Israel gehe, aber ich nenne mich schon jetzt Jude aufgrund der Bestätigung durch die
JAFI und trage zu recht den Stern.
SHALOM
Ich bin bei privaten DNS-Tests immer etwas misstrauisch – warum, wozu, weshalb – , aber in diesem Fall war diese Technik ein Segen. OT : habe gerade eine Geschichte gelesen von der Aliyah eines amerikanischen Ehepaares : der Mann 102 Jahre alt, die Frau 97 ! Musste dabei an Klaus denken, er muss es nicht eilig haben 🙂
Adriana, wie wunderbar. Habt viel Freude miteinander.
Das ist so eine wundervolle Geschichte. 🫶Herzlichen Glückwunsch an Adriana Turk zu der neu entdeckten Familie. 🤗
Es gibt viele Menschen der älteren Generation, vor allem jene, denen im Krieg Grausames widerfahren ist, die nicht gerne über diese Zeit reden. Auch meine Mutter wollte nie wirklich viel erzählen. Irgendwann hört man dann auf zu fragen. Bei Erstellung eines Stammbaumes endet meine Suche nach Familie 1885 in Fürstenwalde/Spree.