NIR OS (inn) – Anderthalb Jahre nach der Freilassung hat die ehemalige Geisel Sagui Dekel-Chen am Montagabend ein Konzert gegeben. Dabei war nicht nur der Ort ungewöhnlich, sondern auch die Lieder und ihre Entstehungsgeschichte.
Dekel-Chen wurde am 7. Oktober 2023 aus dem Kibbuz Nir Os in den Gazastreifen entführt. Am 15. Februar 2025 kam er frei. Er konnte nicht nur seine Ehefrau Avital und die beiden älteren Töchter wieder in die Arme schließen. Mittlerweile war die dritte Tochter Schachar geboren. Er sah sie zum ersten Mal und erfuhr ihren Namen, zu dem Zeitpunkt war sie schon mehr als ein Jahr alt.
Zwei Tage nach der Freilassung begab sich Dekel-Chen im Scheba-Krankenhaus in Ramat Gan in einen Nebenraum und machte eine Aufnahme mit seinem Mobiltelefon. Denn während der 498-tägigen Gefangenschaft hatte er neun Lieder erdacht, ohne die Texte aufschreiben oder die Melodien ausprobieren zu können. In den Liedern wendet er sich unter anderem an Frau und Kinder, auch an die damals unbekannte jüngste Tochter.
Großer Andrang
Am Montag trug er die Stücke erstmals vor Publikum vor. Als Ort hatte er einen Rasenplatz in seinem Heimatkibbuz Nir Os gewählt, der bei dem Massaker besonders schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der äußere Rahmen war das Israel-Festival, das an verschiedenen Orten im gesamten Land noch bis zum 20. August stattfindet.
Etwa 3.000 Menschen kamen zu dem Konzert. Der Beginn musste wegen des Andrangs verschoben werden, am Eingang zum Kibbuz kam es zu Staus, schreibt die Zeitung „Yediot Aharonot“. Der Erlös ist für Witwen und Waisen des Gazakrieges bestimmt.
„Hoffnung, Gesundheit und Verstand wahren“
Die Gäste erhielten eine Broschüre mit den Liedtexten – und einem persönlichen Brief, den der Rückkehrer auch vorlas. „Ich bin kein Sänger“, heißt es darin. „Ich bin ein Vater, der singt. Ich hatte niemals die Absicht, ein Sänger zu werden oder zu singen. Ich wurde entführt, sie nahmen mir alles.“
Er sei in Gefangenschaft in einem Krankenhausbett erwacht – mit einem verletzten Arm, einem Bein in Gips und eingezwängtem Körper. „Was sie nicht wegnahmen, einfach weil sie nichts davon wussten, war die wahre Stärke von innen. Das half mir, Hoffnung, Gesundheit und Verstand zu wahren.“
In der ersten Zeit als Geisel habe er Lieder anderer Interpreten in seinem Kopf wiederholt, erzählte Dekel-Chen. Doch nach mehreren Monaten begann er, eigene zu verfassen. Die Worte fügte er im Kopf aneinander, die Musik stellte er sich vor.
Auftritt mehrfach verschoben
Ein paar Wochen nach der ersten Aufnahme im Krankenhaus entschied der Israeli, seine Lieder live einem Publikum vorzuführen. Er erhielt Stimmbildung und nahm die Stücke professionell auf.
Das Konzert indes wurde wegen seiner medizinischen Behandlung, der Rehabilitation und des Familienlebens mehrmals verschoben. Auch die Entwicklungen in Gaza, dem Iran und dem Libanon spielten eine Rolle. Doch vor allem brachte er es nicht fertig, aufzutreten, solange sich noch Geiseln in Gefangenschaft befanden, die er zurückgelassen hatte.
Für den ersten Auftritt kam aus seiner Sicht kein anderer Ort in Frage als Nir Os, sein Zuhause. Der Ort, wo er als Kind herumgelaufen war, erstmals Avital getroffen und zwei Töchter aufgezogen hatte. Doch er hatte dort auch am 7. Oktober gekämpft und Freunde verloren. Dekel-Chen betonte: „Diese Veranstaltung ist keine Feier, keine Party, kein Abschluss, kein Sieg. Sie ist nur ein Teil der Geschichte.“ Er hat sich entschieden, nicht wieder nach Nir Os zu ziehen. Der Kibbuz bleibe aber sehr wichtig für ihn.
Das Debüt-Album trägt den Titel „Minus Eins“. Der Name bezieht sich auf das unterirdische „Stockwerk“ in einem Tunnel, wo er von der Hamas festgehalten wurde. Auf dem Cover der Broschüre prangt ein Bild, das den Israelis vom Geiselplakat her vertraut ist.
Schreck beim Blick in den Spiegel
Doch auch ein Foto ist abgebildet, das die Hamas im Januar 2024 in Rafah aufnahm. Nach zwei Monaten habe er sich plötzlich im Spiegel gesehen, erzählte Dekel-Chen. Dieser habe sich in einem engen, niedrigen und dunklen Korridor befunden, in dem er an sich nicht stehenbleiben sollte. „Aber ich schaute. Ich sah furchtbar aus.“
Durch den Anblick habe er erkannt, wie sehr ihn die Gefangenschaft verändert hatte: „Ich hatte gequollenes Haar, einen langen roten Bart, Narben auf meiner Wange, meine Gesichtsknochen schauten heraus. Ich sah einfach schwach aus, und es brach mich.“
Nun ist der Israeli wieder frei und kann seine Gedanken aus der Geiselhaft mit anderen teilen. „Yediot Aharonot“ schreibt von einem „kleinen Woodstock im Herzen der verwüsteten Gemeinde“ Nir Os. Und kommentiert weiter: „Die Menge sang, aß, trank und schaute zu, als Dekel-Chen endlich Worten Klang und Leben einhauchte, die monatelang in seinem Kopf eingesperrt gewesen waren. Worte, die er seiner Familie, seinen Freunden und sich selbst hatte sagen wollen.“ (eh)
Ein Kommentar
Oh wie gerne wäre ich dabei gewesen. Ich habe ihn schon bald nach seiner Geiselhaft gehört, er hat eine wunderbare Stimme. Und wie mutig, gerade am Ort des Grauens aufzutreten. Sing weiter, Sagui. Sing dich frei. Alles haben sie dir nicht nehmen können. Wenn sie wüssten, wie wenig Sinn ihr Tun hatte. Sie glauben noch immer, sie hätten euch besiegt. Manchmal ist es besser, jemanden glauben zu lassen, er hätte gewonnen, bis er irgendwann selbst merkt, was er alles verloren hat.
Alles Gute für dich und für die Familie. Gott sei mit seinem Segen allezeit bei euch.🇮🇱💙