JERUSALEM (inn) – Entsprechend dem Letzten Willen von Theodor Herzl (1860–1904) sind die sterblichen Überreste seiner Großeltern am Mittwoch in Jerusalem beigesetzt worden. Wenige Tage zuvor waren sie auf dem jüdischen Friedhof im Bezirk Zemun der serbischen Hauptstadt Belgrad exhumiert worden.
Bei dem Staatsbegräbnis auf dem Herzlberg dankten Präsident Jizchak Herzog und Premier Benjamin Netanjahu (Likud) serbischen Politikern für deren Unterstützung. Sie erwähnten namentlich Präsident Aleksandar Vucic und Außenminister Marko Djuric (beide Serbische Fortschrittspartei).
Herzog wies in seiner Ansprache darauf hin, dass der Großvater des Begründers des politischen Zionismus, Schimon Leib Herzl (1797–1879), kein Anführer gewesen sei. Er habe nicht auf Kongressen oder mit Königen gesprochen, sondern als Gabai in der Synagoge gedient: „Der Mann, der als Erster die Tür öffnet und sie als Letzter schließt. Der Mann, der weiß, wer heute fehlt und warum. Der Mann, der an der Seite der Bima steht und zuhört“, beschrieb er die Arbeit des Synagogendieners. Bima ist die hebräische Bezeichnung für das Rednerpult im jüdischen Gebetshaus.
Zionistisch gesinnter Rabbiner
Es habe sich allerdings um keine gewöhnliche Synagoge gehandelt, betonte Herzog. Auf der Bima habe der aus Sarajevo stammende Rabbi Juda Alkalai (1798–1878) gestanden: „Er gehörte zu den ersten, die es wagten, die Worte auszusprechen, die niemand aussprach.“ Unter anderem habe er eine Vision von jüdischer Selbstbestimmung, einer jüdischen Armee und einer lebendigen hebräischen Sprache formuliert.
Alkalai äußerte sich etwa, als 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt wurden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden. Infolgedessen rief er Juden zur Einwanderung nach Palästina auf, das damals Teil des Osmanischen Reiches war.
Was der Gabai dachte, als er die Worte des Rabbiners hörte, sei unbekannt. „Aber wir wissen eins: Diese Worte nahm er mit nach Hause“, sagte Herzog. „Das ist vielleicht das größte Geheimnis unseres Volkes. Die Träume gehen nicht schriftlich ins Erbe über. Sie gehen am Schabbat-Tisch oder im Wohnzimmer über; sie gehen über in einer Geschichte, die ein Großvater seinem Enkel erzählt, in einem Satz, der nebenbei gesagt wurde und für immer eingraviert ist, in einem kleinen Funken, der von Generation zu Generation weitergegeben wird, bis er zu einer Flamme wird.“
Das Staatsoberhaupt ergänzte: „Rabbi Alkalai träumte, der Gabai Schimon hörte zu und Benjamin Se’ev, der Enkel, war derjenige, der die Unternehmung begann, in der wir leben – er machte aus Worten eine Vision, die in Taten übersetzt wurde.“ Theodor Herzl wird in Israel auch Benjamin Se’ev Herzl genannt.
Enkelin des Rabbiners beim Zionistenkongress
Beim Ersten Zionistischen Weltkongress, 1897 in Basel, hätten im Saal auch die Enkelin des Rabbiners, Rachel Aklalai, und ihr Ehemann Dr. David Ben Mosche-Alkalai gesessen. „Der Enkel des Gabai steht auf der Bühne, die Enkelin des Rabbiners sitzt im Saal. Die beiden Großväter, die in der Synagoge miteinander sprachen, und die beiden Enkelkinder, die sich eine Generation später trafen, um eine Bewegung zu gründen, die das Antlitz der Geschichte ändern würde.“
Schimon Herzl und seiner Ehefrau Rivka (1798–1888) versicherte Herzog: „Was hier aufgebaut wurde, gehört nicht nur uns, und nicht nur euren Enkeln; was hier aufgebaut wurde, gehört auch euch!“
Mit Bezug auf die Abwanderung aus Israel, die 2025 das dritte Jahr in Folge ungewöhnlich hoch war, sagte der Präsident, er sei traurig über jeden einzelnen Bürger, der Israel verlässt und an einen anderen Ort geht. „Wir haben keinen anderen Ort!“ Er fügte an: „Wir müssen alles tun, damit Herzls Vision vollkommen Wirklichkeit wird und wir nicht nur ein Licht für die fremden Völker sein werden, sondern eine herrliche Heimat und eine Quelle des Stolzes für alle Juden und alle Israelis.“
Herzog rief die Israelis einmal mehr zur Einheit auf: „Gerade in dieser Zeit, wenn wir in eine Wahlperiode eintreten, in der Auseinandersetzungen größer werden und uns trennen können, müssen wir uns daran erinnern, dass wir nur gemeinsam diese große Aufgabe bestehen können. Nur gemeinsam können wir diesen letzten Willen erfüllen. Ich stehe hier und erinnere daran: Wahlen sind kein Bürgerkrieg!“
Netanjahu: Judentum und Bibel als Fundamente
Auch Netanjahu warnte vor Spaltung: Um zu bestehen, „muss man die Gefahr rechtzeitig erkennen, aber man muss auch rechtzeitig die Kräfte vereinen. Da, wo Einheit nötig ist“. Doch Herzl sei nicht naiv gewesen. „Er verstand, dass es Diskussionen zwischen Menschen gibt, erst recht in einer Demokratie.“
Die lange Reise der Familie Herzl von fremder Erde zur Erde von Zion „endet heute hier, auf dem Herzlberg“, sagte der israelische Regierungschef. „Wir alle erweisen Benjamin Se’ev Herzl Ehre und Wertschätzung für das herausragende zionistische Riesenunternehmen.“ Er nannte die „Fundamente des Bauwerks: Judentum – als Grundlage für den Zionismus. Die Tora und die gesamte Hebräische Bibel – als Fundament der Identität. Die Kette der Generationen – als Anker von Werten und Erbe“.
Herzl bezeichnete er als „modernen Mose“: Der Zionismusbegründer habe die Bedingungen geschaffen, „die uns ins gelobte Land brachten“. Dabei verwies Netanjahu auf die Gebete der Großeltern. Im Achtzehnbittengebet (Amida) sprechen Juden bis heute: „und mögen unsere Augen deine Rückkehr nach Zion schauen“. Träume und Bitten seien beim Enkel zu einem konkreten Programm geworden, „das die Richtung der jüdischen Geschichte änderte“.
„Begeisterung in die Seele der Nation gepflanzt“
Die Liebe zu Zion sei in der Familie Herzl von einer Generation an die nächste übergegangen. „Dank ihrer wurde die zionistische Begeisterung in die Seele der Nation gepflanzt.“
Netanjahu äußerte den Wunsch für das umgebettete Ehepaar: „Mögen die Erdklumpen der Heimat es ihnen versüßen, denn die Vision erstand – und wurde Wirklichkeit. Der Zionismus hat gesiegt. Der Enkel, Benjamin Se’ev Herzl, hat gesiegt. Und mit Gottes Hilfe und der Hilfe der Tapferkeit unserer Kämpfer werden wir siegen.“
Theodor Herzl hatte verfügt, dass seine engsten Angehörigen im jüdischen Staat eine Grabstätte erhalten sollten, wenn dieser gegründet sei. Bereits 2006 wurden zwei seiner drei Kinder von Frankreich nach Jerusalem umgebettet. Die Tochter Trude kam während der Schoa in einem Konzentrationslager um; ihr Leichnam wurde nie gefunden. (eh)
2 Kommentare
Präsident Herzog: Wahlen sind kein Bürgerkrieg! Nein, Wahlen sind sehr unterhaltsam, die besten Schauspieler (Politiker) gewinnen, sagt meine Ehefrau, Politologin.
Herzlichen Glückwunsch für die Heimkehr der Großeltern des UR-Zionisten Theodor Herzl. Die machen auf Wunsch von Theodor Herzl also Allyia, das ist toll! Mögen alle Friedliebenden im Heiligen Land gesegnet und beschützt sein. Mögen die konstruktiven Elemente des Nahen Osten wissen, wie gut es ihnen geht, wenn sie den Judenstaat akzeptieren. * SHALOM!