BINJAMINA (inn) – Am letzten Tag einer Ausgrabung in der nordisraelischen Küstenstadt Binjamina haben Archäologen zwei Statuen aus römischer Zeit entdeckt. Die Marmorbüsten sind ungewöhnlich gut erhalten.
Anlass für die Ausgrabung war das Vorhaben, die Bahnstrecke zwischen Tel Aviv und Haifa auszubauen. Dort soll eine zusätzliche Schnellstrecke entstehen, auf der Züge eine Geschwindigkeit von bis 250 Kilometer pro Stunde erreichen können. Dies soll die Fahrtzeit zwischen den beiden Metropolen auf etwa 30 Minuten reduzieren; derzeit beträgt sie rund eine Stunde.
Wie bei solchen Bauvorhaben üblich, organisierte die Israelische Altertumsbehörde (IAA) eine Ausgrabung. Mitte Juni stießen Archäologen auf zwei Marmorbüsten, die in der Grube einer alten Weinpresse versteckt waren. Sie lagen dort mit dem Gesicht nach unten, wie die IAA am vergangenen Montag mitteilte.
Die Statuen sind etwa 1.700 Jahre alt und stellen zwei männliche Gesichter samt Oberkörper dar. Sie sind etwa 55 Zentimeter hoch und wiegen jeweils ungefähr 60 Kilogramm. Fundort ist ein Komplex für Weinherstellung aus byzantinischer Zeit, mit Sammelgruben für das Fermentieren von Traubensaft.
Überraschung am letzten Tag
„Wir fanden die Dinge, die wir normalerweise an einer solchen Stätte finden: Krüge, verstreute Münzen, Stücke von Glas und Metal“, sagte einer der Ausgrabungsleiter, Eliran Oren, der Nachrichtenseite „Times of Israel“. „Aber am letzten Tag der Grabung fanden wir diese sehr große Überraschung. Die wirklich großen Entdeckungen tauchen am letzten Tag auf.“
Um wen es sich bei den beiden Männern handelt, ist ungewiss. Eine der beiden Büsten trägt die griechische Inschrift „Lycurgos“. Hier könnte Lycurgos von Sparta gemeint sein; er gilt als Begründer der Doktrin von Bildung und militärischer Disziplin, für die Sparta bekannt war. „Aber das ist eine komplizierte These“, merkte Oren an. Denn Historiker hätten erst Jahrhunderte nach seiner angenommenen Lebenszeit begonnen, ihn zu erwähnen. „Also wissen wir nicht einmal, ob er eine wirkliche oder eine fiktionale Gestalt war.“
Auch Lycurgos von Athen kommt in Frage. Der Staatsmann und Redner lebte im 4. Jahrhundert vor Christus. Die zweite Statue bietet keinerlei Hinweise auf die abgebildete Gestalt.
Büsten und Weinpresse aus unterschiedlichen Jahrhunderten
Die Archäologen beschäftigt überdies die Frage, wie die Büsten Jahrhunderte nach ihrer Erschaffung nach Binjamina gelangten. Sicher sei, dass die Weinpresse und die Statuen nicht aus der gleichen Epoche stammen: Die Figuren werden dem 2. oder 3. nachchristlichen Jahrhundert zugeordnet, also der Zeit der römischen Herrschaft in der Region. Die Weinpresse hingegen ist offenbar deutlich jünger.
Denkbar ist, dass die Statuen von der nahegelegenen, römisch geprägten Stadt Caesarea nach Binjamin gebracht wurden. Gemäß Orens Einschätzung waren sie den Eigentümern lieb und wurden über mehrere Generationen hinweg weitergegeben.
Ein Spezialist für die Region Caesarea bei der IAA, Peter Gendelman, erklärte in einer Mitteilung: „In der römischen Zeit wurden derartige Stauten sowohl in öffentlichen Gebäuden als auch in den Wohnhäusern der Elite aufgestellt, die sich mit der kulturellen und spirituellen Welt der Antike verbinden wollten. Nicht weit vom Entdeckungsort wurden zuvor Überreste eines Badehauses entdeckt. Es ist möglich, dass die Statuen eine Luxusvilla eines Bewohners von Caesarea schmückten.“
Christlich-heidnische Konflikte als möglicher Hintergrund
Auch der Grund dafür, dass die Büsten in der Weinpresse versteckt wurden, ist noch Gegenstand der Forschung. Furcht vor Krieg, Diebstahl oder die damaligen Konflikte zwischen der christlichen und der heidnischen Welt könnten mögliche Ursachen sein.
In der Spätantike wurde das Christentum die vorherrschende Religion im römischen Reich. Viele heidnische Tempel und Monumente wurden beschädigt oder zerstört. Statuen, die zur griechisch-römischen Zeit gehörten, waren oft Ziel solcher Aktionen. Vielleicht hätten die Eigentümer gehofft, sie wieder ausgraben zu können, wenn sich die Lage beruhige, sagte Oren. (eh)
2 Kommentare
Die Bärte weisen jedenfalls darauf hin, dass die dargestellten Personen Griechen sein müssen. Sie erinnern jedenfalls an griechische Persönlichkeiten des 5. und 4. Vorchristlichen Jahrhunderts. Römer trugen damals zumindest diese Art von Bärten nicht.
Tertullian @ ich hatte spontan an Marc Aurel gedacht , zeitlich könnte das ungefähr hinkommen. Aber die israelischen Archäologen werden sicher weiter forschen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie archäologische Funde Rätsel aufgeben in einer Zeit, die glaubt, alles (besser) zu wissen.