Wie die römische Basilika zur Synagoge wurde

Der heutige Staat Israel liegt auf einer schmalen Landbrücke zwischen Afrika und Asien. Aufgrund der Lage weckte die Region von je her die Begehrlichkeiten vieler Eroberer; deren kulturelle Einflüsse finden sich auch in jüdischen Gotteshäusern.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Nachdem sein Vater, König Philipp II., den Grundstein gelegt hatte, trat Alexander das Erbe an. Jung aber entschlossen führte er einen legendären Feldzug, den sogenannten Alexanderzug. Auf die persische Periode (539–332 vor der Zeitrechnung) folgte mit Alexander dem Großen (356–323), König von Makedonien und einem der erfolgreichsten Feldherren der Antike, die hellenistische.

In nur elf Jahren eroberte der Makedonier ein riesiges Weltreich, das sich von Griechenland über Ägypten, das Heilige Land und Persien bis nach Indien erstreckte. Auf seinen ausgedehnten Eroberungszügen war Alexander mit vielen unterschiedlichen Kulturen und Sitten in Berührung gekommen. Fremde Gottheiten nahm er unter seinem neuen griechischen Konzept des Panhellenismus auf, durch die Verschmelzung orientalischer und griechischer Kultur prägte er den Hellenismus maßgeblich. 

Alexander der Große förderte die Integration der besiegten Völker, übernahm selbst persische Bräuche und ermutigte seine Soldaten, einheimische Frauen zu heiraten. Mit seiner Eroberung der Levante hielt auch die griechische Sprache Einzug in das Heilige Land. Die Philister und Phönizier assimilierten sich bereitwillig in die Kultur des makedonischen Eroberers.

Juden wollten Identität wahren

Nicht so die Juden, sie sträubten sich, um ihre kulturelle und religiöse Identität zu wahren, was nur bedingt erfolgreich war. Denn der Hellenismus gewann zunehmend an Einfluss, besonders auf die Diaspora-Juden. Er prägte Sprache, Philosophie und mancherorts auch religiöse Konzepte.

Ein prominentes Beispiel ist die Septuaginta. Die Hebräische Bibel wurde im 3. Jahrhundert vor der Zeitrechnung im ägyptischen Alexandria ins Griechische übersetzt. Der Name Septuaginta leitet sich von einer antiken Legende ab: Der Überlieferung nach (Brief des Aristeas) sollen 72 jüdische Gelehrte – je sechs aus den zwölf Stämmen Israels – die Tora in genau 72 Tagen unabhängig voneinander übersetzt haben. Die Legende rundete die Zahl auf 70, lateinisch septuaginta, ab.

Griechisch wurde zur alltäglichen Umgangssprache vieler Juden, auch im Heiligen Land. Jüdische Literatur übernahm teilweise hellenistische Stil-Formen. Griechische Lehnwörter gelangten in das Aramäische und Hebräische, wie etwa das Wort „Synagoge“ aus dem Griechischen von synagōgē = Versammlung. Auch Architektur und die Organisation jüdischer Gemeinden orientierten sich an griechischen Vorbildern.

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Auf eine kurze Periode der jüdischen Hasmonäer (165–63) als herrschende Dynastie folgten die Römer. Wieder versuchten große Teile der jüdischen Bevölkerung, sich gegen die paganen Einflüsse abzuschirmen. Dennoch fanden kulturelle Adaptionen statt. Ein architektonisches und bildhaftes Beispiel hierfür – im wahrsten Sinne des Wortes – finden wir im Nordosten Israel: Die antike Beit-Alpha-Synagoge liegt im Jesreeltal und wurde nach dem Vorbild einer römischen Basilika erbaut.

Der Begriff Basilika hat seinen Ursprung im altgriechischen basiliké stóa, deutsch „Königshalle“. Er bezeichnete im antiken Griechenland einen multifunktionalen Profanbau, in dem – unter anderem – das Gericht tagte und Markthallen ihren Sitz hatten. Vermutlich waren die griechischen Architekten wiederum von ägyptischen Säulenbauten inspiriert worden.

Etwa im 2. Jahrhundert vor der Zeitrechnung taucht im antiken Rom ein ähnlicher Gebäudetyp als basilica auf, und dies mit folgenden charakteristischen architektonischen Elementen: Ein Narthex, eine schmale und eingeschossige Vorhalle, die über die gesamte Breitseite des Gebäudes spannt, und ein Mittelgang, wobei beiderseitig stehende Säulen diesen Hauptgang von den Nebengängen trennen. Die Deckenwölbung des Mittelgangs ist stets höher als die der Seitenschiffe, und mündet in die Apsis, eine halbrunde Nische.

Vorläufer für christliche Basilika und Synagoge

Vom 4. Jahrhundert nach der Zeitrechnung an gilt dieser römische Gebäudetyp als direkter Vorläufer für die christliche Basilika. Er wurde auch von den Juden in den Synagogenbau adaptiert, wie etwa in Beit Alpha. Die Apsis ist nach Süden und somit gen Jerusalem ausgerichtet.

Der Fund von Dachziegeln lässt darauf schließen, dass die Synagoge ein Satteldach hatte. Ein von Archäologen als Galerie identifizierter Gebäudeteil diente vermutlich als Esrat Naschim, der in orthodoxen Gemeinden abgetrennte Bereich für die weiblichen Gemeindemitglieder.

Der gesamte Fußboden des Gebäudes ist mit Mosaiken ausgelegt, wobei man auch auf Motive trifft, die man in einem jüdischen Gotteshaus nicht vermutet. Hof, Seitenschiffe und Narthex sind mit geometrischen Mustern verziert. Im Hauptschiff sind von Norden nach Süden drei Mosaikfelder angeordnet, sie gliedern deutlich den Mittelgang der Synagoge: Das Nördliche greift mit der Opferung Isaaks, hebräisch: Akedat Jizchak, eine Erzählung aus 1. Mose 22,1–19 auf. Der Begriff bedeutet wörtlich die Bindung Isaaks“, im Judentum vermeidet man das Wort Opferung, da Isaak letztlich durch G´ttes Einschreiten nicht getötet wurde.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Die Darstellung der Bindung Isaaks

Rechts befindet sich ein Altar, von dem Flammen hochschlagen. Abraham steht am Altar, in der rechten Hand hält er das Opfer, seinen Sohn Isaak, in der linken Hand ein langes Messer. Das südliche Mosaik wurde unmittelbar vor dem Toraschrein eingelassen. Es ehrt den Tempel und betont dessen liturgische Bedeutung.

Zwei Löwen behüten den Schrein, beidseitig vom Schrein steht jeweils ein siebenarmiger Leuchter, die Menora. Zudem sind weitere rituell signifikante Gegenstände wie Lulav, Etrog (zwei Bestandteile des Feststraußes für Sukkot), Schofar (Widderhorn) und eine Schaufel mit Räucherwerk abgebildet.

Zwei Vorhänge umrahmen die Szene, sie markieren den heiligen Bereich um den Toraschrein. Das Motiv des mittleren Mosaiks überrascht und wirft Fragen auf: Es zeigt einen Zodiak. Der Tierkreis beschreibt das astrologische und astronomische Konzept einer gedachten Zone am Himmel, durch die die Sonne im Laufe eines Jahres wandert.

In der Wissenschaft ist der Tierkreis in zwölf gleich große Abschnitte unterteilt, denen jeweils ein Sternbild zugeordnet ist, zum Beispiel Wassermann, Stier und Löwe. In der Astrologie ist der Zodiak die Grundlage für Horoskope, die zwölf Tierkreiszeichen dienen als Symbole zur Deutung von Charakteren und Lebenswegen.

Tierkreiszeichen als Motiv

Der Zodiak, ein Motiv, das die jüdischen Propheten verdammten, und das uns dennoch in Israel als dekoratives Element in Synagogen aus der byzantinischen Epoche (325–638) begegnet. Die zwölf Tierkreiszeichen liegen auf einem Kreis, sie werden mit ihren hebräischen Namen benannt. Im Zentrum thront Helios, der Sonnengott der griechischen Mythologie. Vier Pferde ziehen seinen Wagen.

In den vier Mosaik-Ecken verkörpern vier geflügelte Frauenbüsten jeweils eine Jahreszeit, sie sind beschriftet mit den hebräischen Namen der Monate, die die jeweilige Jahreszeit einläuten: Nisan (Frühling), Tamus (Sommer), Tischri (Herbst) und Tevet (Winter). Die Synagoge von Beit Alpha wurde vermutlich beim Erdbeben von 749 zerstört.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Der Tierkreis ist nicht in der Synagoge von Beit Alpha abgebildet

Die Mosaiken sind eines der besterhaltenen Beispiele jüdischer Synagogenkunst in der byzantinischen Periode. Die Mosaiken wurden jedoch nicht vor Ort produziert, sondern in Antiochia, seinerzeit ein Zentrum der Mosaikkunst, gelegen in der heutigen Türkei unweit der syrischen Grenze. Ein sogenanntes Negativbild wurde auf eine Holztafel gezeichnet, die auf die Mosaiksteine ​​geklebt wurde, diese Technik erklärt auch die Rechtschreibfehler.

Mosaik-Herstellung in der Antike

Im antiken Griechenland wurde ein Fußbodenmosaik meist auf folgende Weise hergestellt: Zunächst musste eine Grube ausgehoben werden, in die zuerst Mörtel und dann eine Schicht Estrich gefüllt wurden. Estrich ist ein Fußbodenbelag, der aus Kalk, Sand und Asche besteht. Ein Maler entwarf nun eine Vorlage für das Bild und zeichnete sie mit Kohle auf den Boden. Dann wurden die einzelnen Steine mit einer dünnen Putzschicht auf die Zeichnung aufgedrückt.

Am Ende musste das Mosaik mit einer Mischung aus Marmorstaub, Kalk und Sand abgerieben werden, um kleinere Unebenheiten zu glätten. Für Wandmosaike wurden Putz und Mörtel auf die Wände aufgetragen. In diese Schicht drückte man die tesserae, von altgriechisch téssara „vier“ – kleine, meist würfel- oder quaderförmige Steinchen.

In Synagogen finden sich biblische Szenen auch auf dem Fußboden, in Kirchen hingegen war dies verpönt. Mosaike verbreiteten sich hauptsächlich in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten, wo sie ihre Blütezeit erlebten. Bis ins 14. Jahrhundert galt das Mosaik als eigenständige Kunstform, in der Folgezeit wurde es nach und nach von Malerei und Bildhauerei verdrängt und verlor zunehmend seine Bedeutung.

Mosaik bei Kanalarbeiten entdeckt

Der Fund der Beit-Alpha-Mosaike war ein glücklicher Zufall. Im Jahr 1928 waren junge Erwachsene aus dem nahen Kibbuz Chefziba beim Verlegen eines Bewässerungskanals auf ein antikes Mosaik gestoßen. Noch im selben Jahr begannen die Ausgrabungen unter der Leitung des Archäologen Elieser Lipa Sukenik, Vater von Jigael Jadin, der durch seine spektakulären archäologischen Entdeckungen in Massada und seine Entzifferung der alten Schriftrollen vom Toten Meer Furore machte. Sein Vorname Jigael bedeutet: ER (G´tt) wird erlösen. Die Ausgrabung in Beit Alpha war die erste archäologische Expedition der Hebräischen Universität Jerusalem.

Details zu den Mosaikmotiven erfahren die Besucher und Besucherinnen im Eingangsbereich der Synagoge auf zwei Inschriften, flankiert von einem Löwen und einem Bullen. Die aramäische Bodeninschrift besagt, dass die Mosaike zur Regierungszeit von Kaiser Justinian I. gelegt wurden, finanziert durch Spenden jüdischer Gemeindemitglieder.

Justinian I. (482–565), auch bekannt als Justinian der Große, war von 527 bis 565 römischer Kaiser. Zu den nachhaltigsten Aspekten seines Vermächtnisses zählt die einheitliche Neufassung des römischen Rechts – das „Corpus Iuris Civilis“ –, die zunächst im gesamten östlichen Mittelmeerraum Anwendung fand und bis heute die Grundlage des Zivilrechts in vielen modernen Staaten bildet.

Seine Regierungszeit war zudem von einer Blütezeit der byzantinischen Kultur geprägt und sein Bauprogramm brachte Bauwerke wie die prachtvolle Hagia Sophia hervor. Eine griechische Inschrift im Mosaikboden würdigt die handwerkliche Kunst von Marianos und seines Sohnes Hanina.

Archäologen haben in weiteren antiken Synagogen Tierkreismosaike ausgegraben: In Sephoris, auch als Zippori bekannt, zeigt der Boden der Synagoge aus dem 5. Jahrhundert ebenfalls ein komplexes Tierkreisrad. Ein weiteres Beispiel kultureller Adaption ist die Jafia-Synagoge nahe Nazareth. Das Mosaik zeigt die zwölf Stämme Israel, einen Zodiak und das Haupt der Medusa, der Tochter des Phorkys, des griechischen Meeresgottes der Gefahren der verborgenen Tiefe, und Ketos, der Göttin der Seeungeheuer und der Gefahren des Meeres.

Medusa ist die einzige Sterbliche der drei Gorgonen, ihre Schwestern Stheno und Euryale sind unsterblich. Die drei Schwestern werden oft zusammen erwähnt, aber Medusa ist diejenige, die in der antiken griechischen Literatur und Kunst am häufigsten dargestellt wird. Die Bezeichnung Gorgone geht zurück auf das altgriechische Wort für „grimmig“, „wild“ und „schrecklich“, Medusas Name leitet sich von dem altgriechischen Verb für „bewachen“ oder „beschützen“ ab.

Medusa ist vor allem durch die Geschichte ihres Todes bekannt, den der Held Perseus herbeiführte, indem er sie mit Hilfe der Götter Hermes und Athene enthauptete. Hammath Tiberias, auch diese Synagoge stammt aus dem 4. Jahrhundert, befindet sich in der Nähe des Sees Genezareth und zeigt ebenfalls den Sonnengott in der Mitte des Tierkreises; er hält einen Globus und eine Peitsche, während er auf seinem vierspännigen Streitwagen reitet.

Kontroverse Diskussionen

Die Einbindung von griechisch-römischen Motiven in Synagogen, wie dem Tierkreiszeichen, dem Sonnengott Helios, der Medusa und dem Adler, belegt den kulturellen Austausch und die künstlerische Vielfalt jüdischer Gemeinden in der Spätantike.

Die Abbildungen überraschten die Fachwelt zunächst und werden bis heute kontrovers diskutiert, einige Theorien lauten: Kosmische Ordnung: Der Tierkreis repräsentiere die göttliche Ordnung des Universums, den Wechsel der landwirtschaftlichen Jahreszeiten und G‘ttes Schöpfung. Kosmokrator: Helios stellt keine verehrte Gottheit dar, sondern dient vielmehr als eine visuelle Metapher für G‘tt als obersten Herrscher über Himmel und Erde.

Die zwölf Zeichen halfen dabei, die Monate, Jahreszeiten und landwirtschaftlichen Zyklen zu verfolgen, die für alte jüdische religiöse Kalender und Feste wichtig waren.

Einige Fachleute gelangten zu der Interpretation, dass die dekorativen Elemente die Majestät des Himmels nachahmen – und den Boden der Synagoge konzeptionell mit der göttlichen Heiligkeit des verlorenen Tempels in Jerusalem verbinden sollten.

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Ein Kommentar

  1. Liebe Frau Tegtmeyer,
    wieder einmal ein sehr interessanter Artikel.
    Die Mosaike auf dem Boden beflügeln die Gedanken über die möglichen Beweggründe der damaligen Künstler, wir werden diese nie eindeutig nachvollziehen können.

    Zum besseren Verständnis meinerseits habe ich eine Frage:
    Sie schreiben, dass der Zodiak nicht im Mosaik der Synagoge Beit Alpha abgebildet ist – ist das erste Foto am Beginn des Artikels nicht aus Beit Alpha?
    Die Darstellung der Bindung Isaaks (Abraham hält Isaak in der linken Hand und das lange Messer in der rechten Hand) ist auch dort zu sehen.
    ( Nicht zum Thema passende Anmerkung: Lt. Thora sollte Isaak bei seiner Bindung bereits erwachsen gewesen sein).

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie fragen, wieso Sie immer die Formulierung „vor der Zeitrechnung“ und „nach der Zeitrechnung“ verwenden?
    Die moderne Zeitrechnung richtet sich nach der Geburt von Jesus Christus, ist es inzwischen verpönt, das zu formulieren (v.C. bzw. n.C.)?
    Ich lese, forsche und recherchiere sehr viel und bin deswegen irritiert.

    Liebe Grüße,
    One

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