Abu Gosch: Kultureller und religiöser Knotenpunkt

Der Jerusalemer Vorort Abu Gosch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Besucher können dort die kunsthistorisch interessante Auferstehungskirche besichtigen. Manche halten sie für das biblische Emmaus.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Am Schabbat stets das gewohnte Bild: Eine schier endlose Autokolonne quält sich in Abu Gosch im Schritttempo die langgezogene Straße hoch, der kleine Ort quillt über. Die Einheimischen nehmen es gelassen, geschäftstüchtige muslimische Ladenbesitzer freuen sich, schließlich sorgt der Ansturm an den Wochenenden für zusätzlichen Umsatz.

Viele Israelis verbinden ihre ausgiebigen Shopping-Touren mit Besichtigungen der Kirchen, manche werfen auch einen Blick in die gigantische Moschee, und meist klingt der Einkaufstrip in einem der Restaurants bei Hummus, Falafel und mezze, den opulenten und köstlichen arabischen Vorspeisentellern, aus – und nicht selten bei lebhaften aber friedlichen Diskussionen, wer denn nun Hummus und Falafel erfunden hat, Araber oder Juden.

Strategisch günstige Lage

Abu Gosch liegt in den judäischen Bergen, etwa 13 Kilometer westlich von Jerusalem, direkt an der kvisch achad, der Hauptverkehrsstraße 1 zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Seine strategisch günstige Lage an einer der wenigen Quellen der Umgebung machte den Ort durch alle Zeiten begehrenswert. Schon im Neolithikum – der Jungsteinzeit und somit der Übergangsphase vom Sammler und Jäger zur Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht – siedelten hier Menschen.

Die Landwirtschaft der Region basierte auf Getreide, Gemüse, Oliven, Kernobst und Weinreben. Letzteres ist eine mögliche Erklärung für den ursprünglichen Ortsnamen aus der Zeit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert, Qariat al-‚Inab, deutsch: „Dorf der Weinbeeren“.

Um 1806 fand der französische Reiseautor François-René de Chateaubriand und 30 Jahre nach ihm sein Landsmann Alphonse de Lamartine den kleinen Ort in einem relativ intakten Zustand vor. Alphonse de Lamartine (1790–1869) war ein renommierter französischer Dichter, Schriftsteller und Staatsmann, der in den Jahren 1832 und 1833 Gegenden bereiste, die heute zu Israel, dem Libanon und der Türkei gehören. Seine Eindrücke und Begegnungen dokumentierte er in Voyage en Orient.

Die beiden Franzosen sollen dem Ort seinen heutigen Namen Abu Gosch gegeben haben, benannt nach einem Scheich tscherkessischer Herkunft, der die Region seinerzeit beherrschte. Seine Erben haben von Reisenden und Pilgern nach und von Jerusalem „Schutzgebühren“ erhoben, die Erpressungen fanden um 1835 unter dem ägyptischen Gouverneur Ibrahim Pascha ein Ende.

Friedliches Miteinander

Trotz der Gründung der nahegelegenen Kibbuzim Kiriat Anavim (1920) und Ma‘ale HaChamischa (1938) blieben die Beziehungen zwischen den überwiegend muslimischen Bewohnern in Abu Gosch und den Juden freundlich und friedlich, und dies auch während des israelischen Unabhängigkeitskrieges. Überliefert ist, dass einige Dorfbewohner gar mit der Hagana kooperierten und überdies mit der militanten LECHI-Gruppe, die sich 1940 vom Irgun – einer zionistischen paramilitärischen Untergrundorganisation – abspaltete.

Auf das Konto des LECHI gehen etliche Terrorakte, er nahm arabische Siedlungen sowie die britischen Mandatstruppen ins Visier und wurde als terroristische Organisation eingestuft. Die Bezeichnung LECHI ist ein Akronym für das Hebräische Lochamei Cherut Israel, was übersetzt „Kämpfer für die Freiheit Israels“ bedeutet. Da die paramilitärische Gruppe von Abraham Stern gegründet wurde, nannten die Briten sie auch „Stern-Bande“.

Das biblische Kiriat-Jearim liegt innerhalb Abu Goschs Ortsgrenzen. Der Hebräischen Bibel zufolge führten die Israeliten auf ihrem Zug in das Gelobte Land die Bundeslade mit sich, die der HERR ihnen aus Akazienholz zu machen befohlen hatte.

Oft hatten die Bnei Israel, die „Kinder Israels“, sie in Schlachten bei sich. Bei Eben-Ezer fiel die Bundeslade in die Hände der Philister, brachte ihnen aber nur Unheil: Als sie das erbeutete Heiligtum in Aschdod in ihrem Tempel aufstellten, stürzte Dagon, der philistische Hauptgott, von seinem Sockel und zerbrach. Die Bundeslade verbrachte biblischer Überlieferung zufolge etwa 20 Jahre im biblischen Kiriat-Jearim (1. Samuel 7,1–2), nachdem sie von den Philistern an die Israeliten zurückgegeben worden war. Sie stand im Haus des Abinadab, bevor König David sie nach Jerusalem überführte.

Von Kreuzfahrern als Emmaus identifiziert

Im Jahr 1141 identifizierten Kreuzfahrer das heutige Abu Gosch als Emmaus, als den Ort, an dem zwei Jünger beim Mahl ihren Weggefährten als Jesus, den Auferstandenen, erkannten (Lukas 24,13–32):

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? (Elberfelder Bibel)

Die Johanniter bezeichneten Abu Gosch auch als „Brunnen-Emmaus“ und errichteten die Auferstehungskirche festungsartig über den Ruinen einer byzantinischen Kirche. Die Krypta fasst eine Quelle ein, die wahrscheinlich zur Wasserversorgung eines römischen Kastells diente, worauf ein eingemauerter Stein an der Tür zur Krypta hinweist. Er trägt folgende Inschrift: VEXILLATIO.X. FRE(TENSIS).

Dies deutet darauf hin, dass hier eine Abteilung der 10. Legion fretensis stationiert war. Octavian, der spätere Augustus, hatte die Legion um 40 vor der Zeitrechnung aufgestellt, um in den Bürgerkriegen zu kämpfen, die den Untergang der römischen Republik begleiteten.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Die Krypta über der Quelle

Bereits Mitte des 9. Jahrhunderts legten abbasidische Kalifen bei dem Wasserreservoir eine Karavanserei an. Sie stammten von Abbas, einem Onkel des Propheten Muhammad, ab, hatten ihre Hauptstadt in Bagdad und stürzten die Umajjaden. Sie förderten Wissenschaft, Kunst und Handel, bevor das Mongolenreich ihr Kalifat beendete.

Unter den berühmten Herrschern finden wir auch Harun ar-Raschid (786-809), er unterhielt diplomatische Beziehungen mit Karl dem Großen, der im Jahr 801 eine von Raschids Gesandtschaften in Italien empfing. Im Westen ist er auch durch die Sammlung Tausendundeine Nacht bekannt, in vielen Geschichten spielt Harun ar-Raschid eine zentrale Rolle.

Herausforderungen beim Kirchenbau

Die Kreuzfahrerkirche ist eine dreischiffige Basilika. Dem dreijochigen Langhaus schließt sich ein Chorjoch mit drei halbrunden Apsiden an, die außen in einem geraden Chorhaupt schließen. In die Mittelapsis fällt durch ein hoch angelegtes Fenster Tageslicht, Haupt- und Seitenschiffe sind kreuzgratgewölbt.

Der Kirchenbau stellte die Kreuzfahrer vor eine Reihe von Herausforderungen. Die mächtigen Mauern der römischen Zisterne gaben eine andere Konstruktion und Ausrichtung vor, als für die Anlage einer großen geosteten Kirche mit Mittel-und Seitenschiffen, Chor und Apsis erforderlich war. Die Karawanserei der Abbasiden – damals als Herberge für Händler und Pilger genutzt und bis heute eine Pilgerunterkunft – begrenzte zusätzlich den Bau.

Dies erklärt, warum die Erbauer die Kirchenschiffe mit je einer kleinen Apsis abschlossen, obwohl die Grundmauern der Zisterne genau genommen flache Kopfenden vorschrieben. Zudem musste sich der Baumeister im Westen an die Neigung des Geländes anpassen. Indem man im Untergeschoss Pfeiler um die Quelle herumbaute, konnte eine Krypta geschaffen werden. Die Pfeiler dienen gleichzeitig als Fundamentträger für die oberirdische Basilika.

Prachtvolle Fresken

Besondere Aufmerksamkeit sollten Besucher und Besucherinnen den Wandmalereien widmen. Die Geduld aufzubringen, bis sich das Auge der Dunkelheit im Innern der Kirche angepasst hat, lohnt sich. Belohnt wird man mit zwar in Teilen beschädigten, aber dennoch prachtvollen Fresken.

Trotz der Schäden – sie wurden durch Erdbeben, Witterung und menschliche Unachtsamkeit verursacht – sind die Wandmalereien ein außergewöhnliches Beispiel für Freskenkunst. Sie wurde ausgeführt von griechisch-orthodoxen Ikonenmalern. Experten und Expertinnen datieren sie auf das ausgehende 12. Jahrhundert, die Regentschaft Kaiser Manuels I. Komnenos (1118–1180) – eine Epoche, die der „dynamischen“ Phase des komnenischen Stils zugerechnet wird.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Die Fresken sind teilweise gut erhalten

Er entstand unter der Herrschaft der Komnenen-Dynastie und zeichnet sich durch eine Verschmelzung von strengem Formalismus mit gesteigerter Eleganz, Emotionalität und Detailreichtum aus. Manuel I. Komnenos regierte von 1143 bis zu seinem Tod und gilt als einer der letzten bedeutenden Herrscher von Byzanz, heute Konstantinopel. Seine Herrschaft markierte den Höhepunkt für das Reich.

Fünf Szenen

Die Ikonografie der Kirche gliedert sich im Wesentlichen in fünf Szenen. Die Fresken in den drei Apsiden lassen sich thematisch dem Jüngsten Gericht zuordnen: In der nördlichen Apsis eine Deësis-Szene. In der christlichen Ikonografie zeigt eine Deësis in der Regel eine Dreifigurengruppe mit Christus in der Mitte sowie seiner Mutter Maria und Johannes dem Täufer jeweils zu seiner Seite. Maria und Johannes erheben beide Arme und wenden sich Christus demütig und flehentlich zu, in der sogenannten Orantenhaltung.

In der mittleren Apsis greift ein Motiv Christi Abstieg in die Unterwelt und seine Auferstehung auf, in der südlichen Apsis symbolisieren der Schoß Abrahams sowie die Gegenwart der drei Patriarchen das Paradies. Unter dem zweiten Abschnitt der Nordmauer, im mittleren Register, hat der Künstler eine Szene der Entschlafung Mariens gewidmet.

Die orthodoxe und katholische Kirche lehrt, dass Maria sanft verstarb und Christus ihre Seele ins Paradies aufnahm. In der römisch-katholischen Kirche entspricht diesem Fest „Mariä Aufnahme in dem Himmel“, das „Hochfest“. Papst Pius XII. erhob 1950 die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zum Dogma.

Im rechten Teil der Wandmalerei werden die Gläubigen in einer Säulenarchitektur dargestellt. Forschungen zufolge deutet einiges darauf hin, dass zwei Künstler gleicher Qualität an den Wandmalereien in der Auferstehungsbasilika gewirkt haben.

Weitere Fresken faszinieren: Die Darstellung Jesu im Tempel, die Anbetung der Könige, die Verkündigung der Geburt Johannes des Täufers an seinen Vater Zacharias im Tempel. Laut Lukasevangelium war Zacharias ein jüdischer Priester und Ehemann von Elisabeth. Das Ehepaar lebte in Ein Kerem und blieb lange Zeit kinderlos. Als Zacharias im Tempel opferte, erschien ihm Gabriel und verhieß ihm einen Sohn, der Johannes heißen sollte. Der Name geht auf das hebräische Wort Jochanan und die griechische Form Ioannes zurück, und bedeutet: G´tt ist gnädig, oder der Herr ist gnädig.

Fresken restauriert

Die ausdrucksvollen Fresken wurden erstmals 1903 von Graf de Piellat beschrieben und in Zeichnungen festgehalten. Im Jahr 1995 begannen die deutschen Restauratoren M. Maul und M. Boimling mit der fachmännischen Reinigung. Ein weiteres Team unter der Leitung von Isabelle Dangas setzte die Restaurierungsarbeiten in den Jahren 2000 bis 2001 fort und schloss sie erfolgreich ab. Beiden Teams ist es zu verdanken, dass die Farben der Fresken dem Originalzustand nahekommen.

Ein Sternenhimmel schmückte einst das Gewölbe der Krypta, ähnlich dem in der „Grotte des Verrats“ in Gethsemane. Auch sie stammt aus der Kreuzfahrerzeit.

In den Wandbildern finden sich theologische Inhalte des byzantinischen Reichs und des lateinischen Königreichs von Jerusalem; in militärischen Notlagen wurden Zweckbündnisse geschlossen. Dies erklärt, warum beschreibende Inschriften mal auf Latein und mal auf Griechisch gehalten sind.

Das Jahr 1187 markiert eine Zäsur: Die Johanniter wurden durch Sultan Salah ad-Din (Saladin), ab 1171 der erste Sultan von Ägypten und ab 1174 Sultan von Syrien, aus dem Ort vertrieben. Die Kirche blieb verschont, auch vor einer Umwidmung in eine Moschee.

Mit dem Scheitern der Kreuzfahrer im Heiligen Landdurch den Fall ihrer letzten Bastion Akko im Mai 1291 endete die rund 200-jährige Ära der Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land. Die verbliebenen christlichen Ritter und Bewohner der Küstenstädte Tyros, Sidon, und Beirut zogen sich endgültig aus der Region zurück. Die Johanniter zogen sich nach Rhodos zurück.

Mit dem Sieg der Mamluken wurde die Auferstehungskirche als Lagergebäude genutzt, im 16. Jahrhundert verlassen und sich zunächst selbst überlassen. Die Mamluken waren vorwiegend turkstämmige, kaukasische, mongolische sowie ost- und südosteuropäische versklavte Söldner, Sklavensoldaten und Freigelassene, denen in der islamischen Welt hochrangige militärische und administrative Aufgaben übertragen wurden. Übersetzt heißt der Name sinngemäß: „derjenige, der sich im Besitz eines anderen befindet“, im Sinne von „Sklave“.

Sie wurden als Militärsklaven erworben, zum Islam bekehrt und in kriegerischen sowie höfischen Fertigkeiten ausgebildet. Nach Abschluss ihrer Ausbildung wurden sie freigelassen, blieben jedoch Teil der herrschenden Militärkaste.

Mamluken-Regimenter bildeten das Rückgrat des ägyptischen Militärs unter der Herrschaft der Ajjubiden im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert. Sie begann unter dem ersten ajjubidischen Sultan Saladin (Regierungszeit 1174–1193), der die schwarzafrikanische Infanterie des Fatimiden-Kalifats durch Mamluken ersetzte. Es waren die Mamluken, die dem mongolischen Reich im Jahr 1260 in der Schlacht von Ain Jalut seine erste entscheidende Niederlage beibrachten und dessen unaufhaltsame Expansion in den Nahen Osten stoppten.

Mehrere Orte beanspruchen für sich, das neutestamentarische Emmaus zu sein. Die Kandidaten sind: Emmaus-Nikopolis, Abu Gosch, Moza und Al-Qubeibe.

Eine eindeutige Lokalisierung des biblischen Emmaus ist schwierig, denn das Neue Testament gibt keinen genauen Ort an, sondern erwähnt lediglich die Entfernung von Jerusalem.

Der Großteil der alten Manuskripte des Lukasevangeliums, die noch erhalten sind, gibt für die Entfernung zwischen Jerusalem und Emmaus 60 Stadien an. Ein stadion ist eine römische Längeneinheit und entspricht etwa 185 Metern. Alte griechische Versionen des Neuen Testaments, wie etwa der sogenannte Codex Sinaiticus – entdeckt im Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel – und der Codex Siptrius, geben die Entfernung zwischen Emmaus und Jerusalem hingegen mit 160 Stadien an. Dies mag erklären, dass Eusebius und Hieronymus das biblische Emmaus mit Nikopolis in Verbindung brachten.

Private Ausgrabungen

Die Unterstützer der traditionellen Gleichsetzung des neutestamentlichen Emmaus mit Amwas / Nikopolis berufen sich auf private Ausgrabungen seit den 1990er Jahren. Durch diese habe sich Nikopolis als der Ort mit der ältesten und beständigsten christlichen Emmaustradition im Heiligen Land erwiesen. Zu ihnen gehören der Archäologe und Schriftsteller Karl-Heinz Fleckenstein und der evangelische Bibelhistoriker Rainer Riesner. Auch Anhänger der am 17. Mai 2015 heiliggesprochenen römisch-katholischen Nonne Mirjam Baouardy vertreten diese These – sie will den Ort des Emmausmahls 1878 in Amwas aufgrund einer Vision wiedererkannt haben.

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Verwiesen wird auf judenchristliche Ossuariengräber aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert sowie aus dem 5. Jahrhundert stammende Mosaiken, die als Zeugnisse für eine Verehrung des Ortes auch als Schauplatz des Emmausgeschehens gedeutet werden könnten.

Fleckenstein deutet die Mosaiken als ein Indiz für die im 5. Jahrhundert von dem spätantiken Kirchenhistoriker Sozomenos überlieferte Tradition, Jesus sei bereits vor seiner Kreuzigung in Emmaus gewesen und habe sich in der dortigen Heilquelle die Füße gewaschen.

Der erste moderne Theologe, der diesen Ort als Emmaus ansah, war der amerikanische Protestant Edward Robinson, Professor am „Union Theological Seminary“ in New York und ein bedeutender Kenner des Landes Israel. Er besuchte Emmaus-Nikopolis in den Jahren 1838 und 1852. Robinson erkannte als Erster, dass einige zeitgenössische arabische Namen die alten Namen in sich bewahrt hatten, was wir heute im Hebräischen Schimur Scham nennen: Schimur, hebräisch für Bewahrung oder Erhaltung, und Scham, der arabische Begriff für die Region der Levante/Syrien. Diese Erkenntnis erlaubte ihm, viele antike Stätten identifizieren zu können.

Verbindung mit heißen Quellen

Der Name Emmaus gilt als verkürzte Form des aramäischen Namens Hamata oder des hebräischen Hamat. Der Name Hamat wird mit Orten in Verbindung gebracht, an denen es heiße Quellen oder Geothermalbecken gibt.

Der griechische Name Emmaus hat sich auch im Namen des arabischen Dorfes Imwas erhalten, eines palästinensischen Dorfes im Westjordanland. Es wurde während des Sechs-Tage-Krieges 1967 von israelischen Streitkräften zerstört und entvölkert. Imwas lag im strategisch wichtigen Latrun-Korridor zwischen Tel Aviv und Jerusalem.

Forscher der Theologischen Hochschule Basel haben Ausgrabungen in dem Jerusalemer Vorort Moza durchgeführt, auch er hieß zu neutestamentlicher Zeit möglicherweiser Emmaus. Der Ort wird bereits in der Hebräischen Bibel im Buch Josua erwähnt. Werner Thiede, deutscher protestantischer Theologe und Publizist, identifiziert Moza mit dem von Flavius Josephus in seinem Geschichtswerk Der Jüdische Krieg erwähnten Ort namens Ammassa oder Ammaous („Emmaus“), was sich aus dem in Bibel und Talmud belegten hebräischen Namen Ham-moza herleiten könnte.

Franziskanische Lokalisierung

Nach der Niederlage der Kreuzfahrer gegen Salah ad-Din im Jahr 1187 und ihrem Abzug aus Jerusalem nahmen die christlichen Pilger eine neue nördliche Route in die Stadt. Sie begann in der Nähe des heutigen Kanada-Nationalparks und führte zum heutigen palästinensischen Dorf El-Qubeibe im nördlichen Westjordanland, etwa 11 Kilometer von Jerusalem.

Dieser Ort wird vor allem von den Franziskanern mit dem biblischen Emmaus gleichgesetzt und als Emmaus Al-Qubeibe verehrt. Die katholische Kirche St. Kleopas, auch Emmaus-Kirche genannt, ist eine wiederaufgebaute Kirche der Kreuzfahrer und heutige Klosterkirche der Franziskaner. Kleopas war einer der beiden Jünger, denen der auferstandene Jesus auf ihrem Weg nach Emmaus begegnet war.

1853 untersuchte und beschrieb der Orientegelehrte Marquis de Vogüé den Ort. Er war es auch, der mit dem Sultan von Konstantinopel darüber verhandelte, die Basilika dem französischen Staat zu überlassen. Seit ihrem Sieg über die Mamluken 1516/1517 herrschten die Osmanen im Gebiet der Levante. Als 1870 die griechisch-orthodoxe Kirche ein G´tteshaus in Lydda (Lod) unter französischem Besitz übernahm, lenkte der Sultan ein. Er sprach – als eine Geste der Kompensation – die Basilika in Abu Gosch Frankreich zu. Benediktinermönche restaurierten die Kirche und errichteten ein Kloster. Es wurde zunächst von Benediktinern, dann von Lazaristen geführt.

Im Jahr 1899 kaufte der französische Staat den Komplex mit der Auferstehungskirche. 1901 wurde es durch französische Benediktiner übernommen, die Neuweihe fand 1907 statt. 1956 wurde die Kirche von Lazaristen übernommen und ab 1974 wieder von Benediktinern geführt.

Gesellschaft des apostolischen Lebens

Heute ist es ein Doppelkloster von Frauen und Männern des Ordens. Die Kongregation der Mission, Ordenskürzel CM, kurz Vinzentiner oder Lazaristen, ist eine ordensähnliche Gemeinschaft von Weltpriestern. Sie wurde 1625 vom Priester Vinzenz von Paul für den Dienst an den Armen in Paris gegründet.

Die Kongregation hat die kanonische Rechtsform einer Gesellschaft apostolischen Lebens. Die Mitglieder leben in klosterähnlicher Gemeinschaft, legen aber keine feierlichen Ordensgelübde ab, sondern binden sich durch ein privates Versprechen an die Gemeinschaft in einem Leben nach den Evangelischen Räten. Das sind Ratschläge, die Jesus Christus im Evangelium denen gab, die – wie in Matthäus 19,21 beschrieben – „vollkommen sein“ wollten:

Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib ⟨den Erlös⟩ den Armen! Und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben. Und komm, folge mir nach!

Die Befolgung von Keuschheit, Armut und Gehorsam ist für Christen – laut Paulus in seinem Brief an die Römer – nicht zur Erlangung des ewigen Lebens notwendig:

Sondern was sagt sie? „Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen.“ Das ist das Wort des Glaubens, das wir predigen, dass, wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du gerettet werden wirst. Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, und mit dem Mund wird bekannt zum Heil. Denn die Schrift sagt: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ (Römer 8–11)

Die Ratschläge beruhen auf der Lehre und dem Beispiel Christi. Sie sind ein Geschenk G‘ttes für diejenigen Gläubigen, die er in besonderer Weise dazu beruft.

Das markanteste Gebäude in Abu Gosch und ist die weithin sichtbare neue Moschee, benannt nach dem tschetschenischen Präsidenten Ahmad Kadyrow. Sie ist die einzige Moschee in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten mit vier Minaretten – dieser Baustil herrscht in Zentralasien und der Türkei vor. Gemessen an der Einwohnerzahl von Abu Gosch ist sie sehr groß: Sie fasst 1.200 Gläubige.

Foto: Ranbar | CC BY-SA 3.0 Unported
Die Moschee prägt das Stadtbild

Ein Großteil der Arbeiten, die Innenausstattung wie Mihrab, der Gebetsnische mit Blickrichtung Mekka, und Minbar, dem Predigtstuhl, wurde von einem türkischen Unternehmen ausgeführt. Einen großen Teil der Baukosten spendeten die Tschetschenen an die Stadt Abu Gosch. Eine weitere Moschee befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Kreuzfahrerkirche, sie ist dem biblischen Propheten Esra geweiht, und trägt die Sure 9,30 At-Tauba, Die Reue:

Die Juden sagen: „Esra (Usajr) ist Allahs Sohn“. Und die Christen sagen: „Der Messias ist Allahs Sohn“. So spricht ihr Mund. Sie führen eine ähnliche Rede wie die Ungläubigen vor ihnen. Allahs Fluch über sie! Wie sind sie doch völlig ohne Verstand! (Quelle: Der Koran, übersetzt von Max Henning, überarbeitet und herausgegeben von Dr. Murad Wilfried Hofmann, Diederichs Verlag, München.)

Christliche Familien nach Abu Gosch gezogen

Der Streifzug durch Abu Gosch und seine Geschichte endet mit einer Begegnung mit der arabischen Nonne Rim in der Kirche Notre Dame de l‘Arche d‘Alliance – Unsere Liebe Frau von der Bundeslade. Rim erzählt, dass sich einige ausländische und englischsprechende christliche Familien in Abu Gosch niedergelassen hätten und ab und zu in den Gottesdienst kämen, worüber sie sich sehr freut: „Wir sind lediglich sechs Nonnen und die Zahl der Christen sehr gering. Wir freuen uns über den Zuzug von Christen nach Abu Gosch, die Menschen hier im Ort sind offen.“

Bleibt auf eine Begegnung mit den neu zugezogenen christlichen Familien bei einem weiteren Besuchen in Abu Gosch zu hoffen, womöglich anlässlich eines der wunderbaren Konzertabende hoch oben auf dem Kirchengelände der Notre Dame de l‘Arche d‘Alliance. Das Abu-Gosch-Musikfestival ist legendär: Es ist eine renommierte, zweimal jährliche Veranstaltung für Vokal- und klassische Musik. Sie findet im Herbst während der jüdischen Feiertage Sukkot und im Frühjahr während Schawuot statt. Zu den hochkarätigen Konzerten strömen Muslime, Christen und Juden nach Abu Gosch.

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