Gesundheit und Wohlbefinden gehören zum Dienst an G´tt

Der mittelalterliche Gelehrte Maimonides war Arzt und Philosoph. Er gab medizinische Tipps und kommentierte jüdische Gesetzessammlungen.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Eure Nahrungsmittel werden eure Medizin sein, konstatierte einst der jüdische Gelehrte Moses Maimonides (1138–1204).

Maimonides – ein bedeutender sephardisch-jüdischer Philosoph, Rechtsgelehrter, Theologe und Arzt, der in Al-Andalus und Kairo wirkte – vertrat die Auffassung, dass Gesundheit der natürliche Zustand sei, den G´tt seinen Geschöpfen zugedacht habe. Ein gesunder Mensch „wandelt auf dem Weg der Natur,“ heißt es bei Maimonides, „wenn er ein ausgeglichenes Leben führt“.  Weicht ein Mensch von diesem Weg ab, wird er krank; kehrt er jedoch auf den Pfad zurück, tritt Heilung ein, so seine Überzeugung.

Der jüdische Gelehrte verfolgte einen holistischen, somit einen ganzheitlichen Ansatz: Die holistische Denkweise betrachtet den Menschen als Ganzes, als Einheit von Körper, Geist und Seele. Sie zielt darauf ab, Zusammenhänge, Ursachen und Wechselwirkungen umfassend zu verstehen, statt sich auf isolierte Symptome zu beschränken. Im Gegensatz zur Schulmedizin, war Maimonides überzeugt, dass Krankheiten nicht isoliert von ihrem emotionalen und jeweiligen sozialen Umfeld der Patienten betrachtet werden dürfen.

Maimonides war mit dem medizinischen Wissen und den Weisheiten der alten Ägypter, den Lehren zeitgenössischer arabischer Philosophen und der griechischen Philosophie vertraut: Als Arzt stützte er sich auf Hippokrates‘ These: „Eure Nahrungsmittel sind eure Medizin“.

Vertrauen auf Selbstheilungskräfte

Die zentrale Annahme Maimonides‘ lautet, dass unser Körper weiß, wie er sich selbst heilen kann. Dabei können wir ihn mit gesunder Ernährung und Kräutern unterstützen, sollten darüber hinaus möglichst nicht in den Heilungsprozess eingreifen und wenn doch, dann stets beginnend mit sanfter Medizin, Erst wenn keine Wirkung mehr erzielt werden kann, sollten wir stärkere Heilmittel anwenden.

Unser Befinden nimmt bei Maimonides einen großen Raum und Stellenwert ein, Freude und glückliche Momente beschreibt er als kraftvollste Heilkraft. Aufgabe der Ärzte sei es, die Patienten in ihrem Selbstheilungsprozess durch ermutigenden Zuspruch zu unterstützten. Heute erkennt auch die Schulmedizin an, dass Freude sich günstig auf unser Immunsystem auswirkt.

Maimonides wurde als Mosche Ben Maimon am 14. Nissan 4895 (1135 nach der Zeitrechnung), am Vorabend von Pessach im spanischen Córdoba, geboren. Sein Vater Maimon – es heißt, er sei ein direkter Nachkomme König Davids – war Richter am Rabbinatsgericht der Stadt. Seine Mutter starb, als er noch klein war.

Flucht nach Marokko

Als die fanatischen Almohaden auch seine Geburtsstadt unter Kontrolle brachten, musste die Familie fliehen. Maimonides war zu jenem Zeitpunkt 13 Jahre als. Die Almohaden, arabisch al-muwaḥḥidūn, die  „Einheitsbekenner“, waren eine radikale islamisch-berberische Reformbewegung und Dynastie. Sie herrschte im 12. und 13. Jahrhundert (circa 1147–1269) über den Maghreb und Andalusien. Die Almohaden hatten zuvor die Almoraviden gestürzt, um eine strengere Auslegung des Islam durchzusetzen, und gründeten ein Großreich mit Marrakesch als Hauptstadt.

Die Suche nach einer neuen Bleibe führte die Familie schließlich in das marokkanische Féz. Im Jahr 1165 besuchte Maimonides das Heilige Land und zog anschließend ins ägyptische Alexandria. Später ließ er sich in Fustat, der ersten Hauptstadt Ägyptens unter muslimischer Herrschaft – heute in Kairo integriert –, nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte.

In Ägypten wurde Maimonides von seinem Bruder David, einem Kaufmann, der Diamanten aus Indien importierte, finanziell unterstützt. Dank dieser großzügigen Unterstützung konnte er sich dem Studium der Tora widmen und sein wissenschaftliches Werk zur Mischna, dem grundlegenden Werk zum jüdischen Recht aus dem 2. Jahrhundert, verfassen.

Mehrere Schicksalsschläge

Innerhalb von zwei Jahren treffen ihn eine Reihe von schmerzlichen Schicksalsschlägen: Im Jahr 1166 stirbt sein Vater, gefolgt von seiner Ehefrau – deren Identität nicht eindeutig überliefert ist – und zwei seiner Söhne. Die Identität seiner zweiten Ehefrau ist durch Dokumenten -Funde in der Kairener Geniza dokumentiert, sie war die Tochter von Mishael Ben Yeshayahu Halevi und die Schwester von Ibn Almali, einem königlichen Sekretär in Ägypten. Überliefert ist, dass Maimonides der Erziehung seines einzigen Sohnes Abraham viel Liebe und Aufmerksamkeit widmete.

Fünf Jahre später trifft ihn ein weiterer Schlag: David, sein Bruder und großzügiger Unterstützer, ertrinkt beim Untergang seines Schiffes auf dem Weg nach Indien.

Fortan muss der Gelehrte alleine für den Lebensunterhalt seiner Familie und der seines Bruders aufkommen. Dies veranlasst ihn, als Arzt zu praktizieren – erfolgreich, denn 1185 wird er von einem königlichen Höfling zum Leibarzt ernannt und später gar Leibarzt von Salah ad-Din (Saladin), dem Sultan von Ägypten und Syrien.

Empfehlungen für Essgewohnheiten

Seine neuen Positionen und Aufgaben sichern Maimonides finanzielle Stabilität, was ihm Freiraum für seine schriftstellerischen Tätigkeiten erlaubt. Bei allem Ruhm bleibt er als Arzt stets mit den einfachen und mittelosen Menschen verbunden, erhebt von den Ärmsten der Armen oft kein Honorar. Die Empfehlung „der Mensch soll morgens wie ein König, mittags wie ein Fürst und abends wie ein armer Mann essen“ stammt von Maimonides. Ferner sollten die Mahlzeiten möglichst natürlich belassen sein und vor Eintreten des Sättigungsgefühls beendet werden, denn dieses trete verzögert ein.

Maimonides plädiert dafür, Essen und Trinken zu trennen. Seine Faustregel lautet: zwanzig Minuten vor und etwa eine bis zwei Stunden nach einer Mahlzeit. Wein sollte in Maßen und nicht auf leeren Magen getrunken werden. Seine Verzehr-Empfehlung für Fleisch- und Fischkonsum lautet „ein- bis zweimal wöchentlich“, von Milchprodukten rät er ab. Zudem empfiehlt er, gründlich zu kauen – und: „Esst aus Freude!“.

Wissenschaftliche Werke

Maimonides‘ Hauptwerk ist die Kodifizierung des jüdischen Rechts, die er Mischne Tora, „Zweites nach der Tora“, nannte. Das vierzehnbändige Werk ist eine logische und systematische Kodifizierung des jüdischen Rechts. Maimonides verfasste außerdem den „Führer der Unschlüssigen“, hebräisch: More Nevuchim, ein grundlegendes Werk der jüdischen Philosophie.

Im „Brief des Märtyrertums“, sprach er den jemenitischen Juden in ihrer schwierigen Lage Mut zu. Briefe wurden in „Pe’er Hador“ gesammelt und ebenfalls in einem Band veröffentlicht. Darüber hinaus verfasste Maimonides einen „Eid für Ärzte“, ihm werden ferner verschiedene medizinische Texte zugeschrieben.

Seine Literatur beinhaltete stets verständliche Erklärungen, um auch ungebildetere Menschen erreichen zu können. Sein einzigartiger Stil und die Klarheit brachten ihm den Titel „die goldene Zunge“ ein. Nachts meditierte er über den Talmud.

Vor Maimonides musste man, um das jüdische Recht zu verstehen, den gesamten Talmud studieren. Da der Talmud selbst mitunter uneindeutig war und oft widersprüchliche Meinungen enthielt, war es erforderlich, auch die verschiedenen Kommentare zu studieren, die das endgültige Gesetz verdeutlichten. Der berühmte Rabbi Jizchak Alfasi, bekannt als der Rif, kodifizierte als Erster das anwendbare jüdische Recht – als Kommentar zum Talmud.

Die Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass die talmudischen Bestimmungen – ebenso wie die erwähnten Kommentare – weder streng enzyklopädisch noch logisch geordnet waren, was die Recherche äußerst mühsam machte. Um beispielsweise die Schabbat-Gesetze im Talmud zu studieren, muss man Dutzende von Traktaten durchsuchen.

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Maimonides war der Erste, der die gesamte mündliche Tora – beide Talmude, die verschiedenen halachischen Midraschim, spätere Werke der Geonim und sogar kabbalistische Texte – erfasste und systematisch zusammenstellte. Als Geonim bezeichnet man die Oberhäupter der beiden großen babylonischen Talmud-Akademien Sura und Pumbedita. DieEinzahl ist Gaon, die deutsche Bedeutung „Exzellenz“ oder „Herrlichkeit.  Sie waren die geistigen und rechtlichen Führer des Judentums und prägten die Ära des Gaonats, etwa vom 6. bis 11. Jahrhundert.

Gesetze kodifiziert

Maimonides kodifizierte die Gesetze zu Schabbat, Feiertagen, Gebet, Speisegesetzen und die Gesetze, die den jüdischen Alltag regeln. Während seiner Zeit in Kairo als Arzt am Hofe Salah ad-Dins verfasste er elf Texte mit Schwerpunkt auf Präventivmedizin, Ernährung und Hygiene. Er lehrte, dass all unser Handeln von Heiligkeit und G‘ttesfurcht geprägt sein sollte: „Die Gesundheit und das Wohlbefinden des Körpers“, heißt es bei Maimonides, „gehören zum Dienst an Gtt.“

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Bände ist, dass sie sich nicht auf Gesetze beschränken, die für unsere Zeit gelten – welche nur einen kleinen Teil der 613 biblischen Gebote ausmachen. Sie umfassen auch Gesetze der messianischen Ära, wie etwa die Gesetze zum Zehnten, zum Jubeljahr und zum Tempeldienst. Kein anderes Werk deckt das gesamte jüdische Recht ab.

Die dreizehn Glaubensätze

Maimonides wird vielerorts als die einflussreichste jüdische Persönlichkeit seit dem biblischen Mose verehrt. Er etablierte auch 13 Glaubensprinzipien, sie lauten:

  • Existenz G’ttes: G’tt ist der Schöpfer und Erhalter aller Dinge.
  • Einheit G’ttes: G’tt ist eine absolute, unteilbare Einheit.
  • Unkörperlichkeit: G’tt hat keine physische Gestalt.
  • Ewigkeit: G’tt ist der Erste und der Letzte.
  • G’tt allein anzubeten: Nur G’tt gebührt Verehrung.
  • Prophetie: G’tt offenbart sich durch Propheten.
  • Prophetie Moses: Mose ist der größte aller Propheten.
  • Göttlichkeit der Tora: Die gesamte Tora stammt direkt von G’tt.
  • Unveränderlichkeit der Tora: Die Tora wird niemals durch ein anderes Gesetz   abgelöst.
  • Allwissenheit G’ttes: G’tt kennt alle Gedanken und Taten der Menschen.
  • Vergeltung: G’tt belohnt das Gute und bestraft das Böse.
  • Messias: Der Glaube an das Kommen des Messias.
  • Auferstehung: Die Toten werden in einer zukünftigen Welt auferstehen.

Maimonides formulierte diese Schloscha-Assar Ikarim, die dreizehn Glaubensätze, als Leitfäden, um das Judentum gegen Irrwege abzugrenzen. Sie entstanden um das Jahr 1200. Ani Ma’amin, deutsch: „Ich glaube“, ist eine prosaische Wiedergabe von Maimonides’ Glaubensgrundsätzen. Jigdal, wörtlich: „ER möge groß sein/erhoben werden“,ist eine der bekanntesten und feierlichsten jüdischen Hymnen und fasst ebenfalls die dreizehn Glaubensgrundsätze des RaMBaM zusammen. Er ist auch unter diesem Akronym für „Rabbi Mosche Ben Maimon“ bekannt.

Um das Jahr 1404 nach der Zeitrechnung dichtete Daniel Ben Judah Dayyan Maimonides‘ Glaubenssätze in ein dreizehn-zeiliges Gedicht um. Jigdal wird häufig zum Abschluss der Schabbat-Abendgottesdienste gesungen.

Überlieferung: Grab in Tiberias

Maimonides starb 1204. Der jüdischen Tradition zufolge befindet sich sein Grab in Tiberias. Die früheste Quelle für diese Behauptung finden wir bei Al-Qifti (circa 1172­–1248), einem ägyptisch-arabischen Historiker, Biograph, Enzyklopädist und Administrator unter den ajjubidischen Herrschern von Aleppo. Diese waren eine mächtige sunnitisch-muslimische Dynastie kurdischer Abstammung, die vom späten 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (1171–1254) über große Teile des Nahen Ostens herrschte. Begründer des Reiches war Saladin.

Gläubige Juden und Jüdinnen pilgern nach Tiberias an Maimonides‘ Grabstätte, obwohl der verehrte RaMBaM sich explizit gegen das Besuchen der Gräber von Gerechten ausgesprochen hatte.

Maimonides’ Leben fiel mit dem Goldenen Zeitalter des Islam zusammen. Er schlug eine Brücke zwischen griechischer Philosophie, islamischer Wissenschaft und jüdischer Theologie. Obwohl der rationale Ansatz zu seinen Lebzeiten Kontroversen auslöste, ist sein Werk bis heute ein Eckpfeiler der jüdischen Geistesgeschichte. In der arabischen Welt als Musa Ibn Maimun bekannt, prägten seine Werke das jüdische, christliche und islamische Denken des Mittelalters nachhaltig.

Maimonides zählt zu den faszinierendsten Gestalten der Geschichte der jüdischen Medizin, viele seiner Erkenntnisse sind noch heute relevant.

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3 Kommentare

  1. Maimonides: Wein sollte in Maßen und nicht auf leeren Magen getrunken werden. Seine Verzehr-Empfehlung für Fleisch- und Fischkonsum lautet „ein- bis zweimal wöchentlich“. Zudem empfiehlt er, gründlich zu kauen – und: „Esst aus Freude!“. Das sagt auch unsere Köchin Marina, 1000 Jahre danach.

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  2. Ein gesunder Mensch „wandelt auf dem Weg der Natur, wenn er ein ausgeglichenes Leben führt“.
    Diesen Grundsatz teile ich. Sofern Maimonides nicht der Meinung ist, dass Gott den Menschen mit Krankheit bestraft, bin ich in vielem mit ihm einig. Ich halte es mit Teresa von Avila : Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin wohnen.

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