Die Grundlagen der jüdischen Zeitrechnung

Ein neues Buch befasst sich mit der jüdischen Zeitrechnung zur Zeit des Zweiten Tempels. Der Autor sieht in der damaligen Version Vorteile gegenüber heutigen Kalendern.
Von Israelnetz

Mit seinem wissenschaftlichen Kompendium legt Daniel Robert Richard Klever eine umfassende Darstellung des jüdischen Kalenders vor. Er schildert die Sabbatjahrchronologie, die jüdische Woche sowie die jüdischen Feste, Halbfeste und Fasttage im Zeitalter des Zweiten Tempels in Jerusalem.

Das Werk verbindet historische Analyse mit kalendarischer Systematik. Es richtet sich an Historiker, Theologen, Judaisten und weitere Fachinteressierte. Im Gespräch erläutert der Autor seine Motivation, den Forschungsansatz und die Bedeutung seiner Arbeit.

Israelnetz: Herr Klever, was haben Sie in Ihrem Buch untersucht?

Daniel Robert Richard Klever: Ich habe grundlegende Aspekte der jüdischen Zeitrechnung im Zeitalter des Zweiten Tempels untersucht. Der Kalender, der bei den Juden zu jener Zeit in Gebrauch war, war ganz andersartig als unser gregorianischer Kalender. Er war ein Lunisolar-Kalender, das heißt, er glich Mondlauf und Sonnenlauf miteinander aus. Aber er unterscheidet sich auch stark vom heutigen jüdischen Lunisolar-Kalender, denn sein Lauf basierte auf Naturbeobachtungen, sodass ihm beispielsweise ein fester Schaltzyklus fehlte. Daneben erforderte das Leben der Menschen im Heiligen Land damals von den Kalendermachern eine Berücksichtigung des Sabbatjahrzyklus‘.

Dieser Kalender wird in meiner Arbeit aus den Quellen herausgeschält und dargestellt, um auf dieser Grundlage Wege und Möglichkeiten zur Rekonstruktion desselben Kalenders aufzuzeigen. Welche genauen Jahre Sabbatjahre waren, darüber wird in der Fachwelt gestritten. Da die absolute Chronologie der Sabbatjahre aber sowohl für die Kalenderrekonstruktion als auch für die Datierung bestimmter Ereignisse innerhalb der makkabäisch-hasmonäischen sowie der herodianischen und jüdisch-römischen Geschichte von Bedeutung ist, habe ich die historischen Quellen in dieser Sache gründlich befragt. Im Buch gelange ich zu einem – wie ich denke – belastbaren und eindeutigen Ergebnis.

Im dritten Teil werden unter historisch-chronologischer Fragestellung die täglichen Opfer, der Sabbat und die jüdische Woche sowie vor allem der jüdische Kalender in seiner Eigenschaft als Festkalender präsentiert, also die heiligen Feste wie das Passa-Mazzotfest, das Laubhüttenfest und so weiter., aber auch alle anderen jüdischen Jahrestage von besonderer Bedeutung.

Was hat Sie zu diesem Thema bewegt und was ist der zentrale Anspruch Ihres Werkes?

Bei meinen persönlichen Studien zu bestimmten Etappen der antiken jüdischen Geschichte wie zum Beispiel der Makkabäer- und Hasmonäerzeit, der Regierungszeit Herodes des Großen oder der Zeit Jesu hat mir oft eine Art chronologisches Hilfsbuch gefehlt. Mühsam habe ich den jüdischen Kalender immer wieder für einzelne Jahre versucht zu rekonstruieren und mich gefragt, was denn überhaupt die Grundlagen solch einer Rekonstruktion sein müssten. Ich, habe ebenso mühsam versucht, mir eine begründete Meinung zu der in der Forschung strittigen Sabbatjahrchronologie zu erarbeiten und so weiter. Es lag nahe, diese Lücke endlich zu schließen.

Für wen genau haben Sie das Buch geschrieben?

Mein Buch möchte ein Arbeitsinstrument und Kompendium für alle sein, die mit der jüdischen Zeitrechnung und Chronologie vor allem in hellenistisch-römischer Zeit zu tun haben oder denen Fragen in diesen Bereichen kommen. Die Zielgruppe ist also überschaubar. Ich denke da vor allem an Historiker, biblische Exegeten und Judaisten sowie Studierende dieser Fächer und Fachgebiete. Für den einfachen Leser des Neuen Testaments ist es vor allem dann von Nutzen, wenn ihm Fragen etwa zur Lage oder zum chronologischen Ablauf irgendeines jüdischen Festes kommen oder beispielsweise. dazu, was am Sabbat erlaubt und was verboten war, zu welchen Tageszeiten die Opferungen am Tempel stattfanden und so weiter.

Welche Funktion haben die Kalendertabellen am Ende Ihres Werkes?

Sie reichen von 63 vor Christus bis 72 nach Christus und dienen als praktisches Instrument zur Umrechnung zwischen der altjüdischen Zeitrechnung und der julianischen Zeitrechnung der Historiker. Wer wissen möchte, auf welches Datum im Jahre XY unserer Zeitrechnung irgendein bestimmter jüdischer Kalendertag, Festtag, Fasttag und so weiter. fiel, oder auf welchen Wochentag dieses oder jenes Datum fiel, findet die Antwort in diesen Tabellen – in umgekehrte Richtung natürlich genauso.

Das ist vor allem für die Entschlüsselung von Datierungen und Zeitangaben hilfreich und von Bedeutung, die in den antiken Quellen auftauche –, aber auch, wenn man chronologische Aussagen in der Forschungsliteratur nachvollziehen oder überprüfen möchte. Sie erleichtern es darüber hinaus, eigenständige Forschungen auf diesem Gebiet zu unternehmen.

In welchen Bereichen kann sich die Fachwelt eventuell über neue Forschungsergebnisse freuen?

Ich denke, dass meine Arbeit vor allem wertvolle Beiträge zur Erforschung des altjüdischen Schaltwesens, in den Diskussionen über die absolute Chronologie der Sabbatjahre und der jüdischen Woche und natürlich zur Frage der Rekonstruktion des Kalenderlaufs leisten kann. Ich habe zum Beispiel gezeigt, dass die Auswertung der Quellen die sichere Rekonstruktion des Kalenders für einzelne historische Jahre im 1. Jahrhundert. vor und 1. Jahrhundert. nach Christus durchaus erlaubt.

Welche Bedeutung hat das Thema über die Fachdisziplin hinaus? Oder provokant gefragt: Sind Themen wie der altjüdische Kalender oder das Sabbatjahr nicht „eingestaubt“? Haben sie für uns heute überhaupt eine Relevanz?

Als erstes fällt mir da die Institution der Siebentagewoche mit dem einen Ruhetag ein. Sie ist längst für die Menschen auf fast der ganzen Welt zum Segen geworden. Die französischen Revolutionäre haben die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass die Einführung einer Zehntagewoche nicht zu höherer Wirtschaftsleistung, sondern zu einer kränkeren und unproduktiveren Bevölkerung führt. Ebenso negativ fielen die Experimente der Sowjets unter Stalin aus, die Siebentagewoche abzuschaffen und durch andere Zyklen zu ersetzen.

Natürlich ändert die Beschäftigung mit der Zeit des Zweiten Tempels, in deren Spätphase die Völker des Römischen Reichs allmählich begannen, die Siebentagewoche von den Juden zu übernehmen, nichts mehr daran, dass wir diese Woche heute bereits pflegen.Aber die Beschäftigung mit den Wurzeln kann uns vielleicht bewusster machen, welch hohes Gut wir mit diesem uns zuträglichen Rhythmus besitzen, und mag uns helfen, den wöchentlichen Ruhetag in unserer geschäftigen, unruhigen Zeit bewusster zu leben.

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Aus dem altjüdischen Kalender können wir einiges Erbauliches ziehen. Für mich ist er geradezu ein Plädoyer für ein gesundes Urvertrauen. Unser gregorianischer Kalender, der heute gebräuchliche jüdische Kalender sowie die meisten anderen Kalender laufen unbeirrt nach ihrem Schema ab. Ihre festen Schaltzyklen und fixen Monatslängen nehmen keine Rücksicht auf die Zeichen der Natur, den veränderlichen Fortschritt des Naturjahrs und die daraus resultierenden landwirtschaftlichen und lebenspraktischen Bedürfnisse der Menschen.

Der Kalender, der das Zusammenleben der Juden im Zeitalter des Zweiten Tempels ordnete, war da ganz anders: Jeder Monatsanfang war von der Beobachtung des Neulichts des Mondes abhängig, jeder Jahresbeginn vom Wachstumsfortschritt der Gerste und jeweiligen Stand des Naturjahrs. Das ist nicht als primitiv, sondern als ein Einlassen auf den Rhythmus der Schöpfung zu bewerten.

Das ist vielleicht überhaupt der Kern des jüdischen Festkalenders: Die Juden liefen den Lauf seiner Schöpfung mit; sie strebten eben nicht danach, das Heilige und die Schöpfung mit einem selbst ersonnenen Kalender-Schema unter Kontrolle zu bringen. Sie steckten das Heilige nicht in eine Truhe, über die sie die Schlüsselgewalt hatten, sondern richteten ihre Sinne aufmerksam auf das Heilige, von dem sie wie die Kinder mit ihrem Urvertrauen freudig Gutes und Heil erwarteten.

Spannend ist: Es bedurfte geradezu dieser beobachtenden, erwartenden Menschen, die die Feste feierten, damit dieser Kalender existieren konnte. Jeder berechenbare, schematische Kalender kann als ein in sich abgeschlossenes System theoretisch über Jahre, Jahrhunderte und sogar Jahrtausende hinweg vor sich hinplätschern, ohne eine Gemeinschaft, die ihn pflegt. Er lässt sich für Millennien vorausberechnen. Wie leblos solche Kalender doch eigentlich sind.

Der altjüdische Kalender hingegen konnte gar nicht theoretisch laufen, er konnte nur ganz praktisch gelebt werden. Er wäre ohne die beobachtenden Menschen von heute auf morgen in sich zusammengebrochen, kein Kalendermonat und kein Kalenderjahr wäre mehr definiert gewesen. Dieser Kalender war ein lebendiges Zusammenspiel von Schöpfer, Mensch und Schöpfung, oder wie es Yochanan Schimmelpfennig aus Krakau einmal in einer freundlichen Nachricht auf meine Veröffentlichung hin so schön formulierte: Es war der „Ort, an dem das Volk Israel mit der Erde, dem Himmel und dem Heiligen spielt – im besten Sinne des Wortes“.

Im altjüdischen Kalender begegnet uns quasi ein Gegenentwurf zum ausgeprägten Kontrollbedürfnis und zum Alles-selbst-in-der-Hand-haben-Wollen unserer Zeit. Hierbei ist die Relevanz zugegebenermaßen eher ideeller Natur.

Es gibt aber auch sehr viel handfestere Aspekte, die konkrete aktuelle ethische Fragen berühren. In diesem Sinne ist die Einrichtung des Sabbatjahrs hochspannend und fordert uns Heutige auf mehreren Ebenen geradezu heraus: Der regelmäßig am Ende des Sabbatjahrs eintretende Schuldenerlass hat zur Zeit des Tempels zusammen mit dem Zinsverbot und dem Almosengebot versucht, die soziale Schere innerhalb der jüdischen Gesellschaft nicht zu weit auseinandergehen zu lassen. Heute würden wir die Einführung solcher Instrumente zur Förderung sozialer Gerechtigkeit vermutlich für völlig idealistisch, realitätsfern und utopisch halten.

Die Brache des Sabbatjahrs sodann diente der Erholung des Menschen und des Bodens, plädierte aber auch generell für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Angesichts des heutigen Rückgangs von heimischen Blüh- und Futterpflanzen für Insekten, des Artensterbens bei Insekten, Singvögeln und so weiter. in unserer intensiv genutzten Agrarlandschaft sendet das uralte Brachjahr eine sehr aktuelle Botschaft in unsere Zeit. Heute werden Prämien für das Brachliegen-Lassen von landwirtschaftlichen Flächen gezahlt.

Die wesentlichsten Bedürfnisse von Mensch und Schöpfung haben sich vielleicht in den über 2.000 Jahren gar nicht so sehr geändert. Für die Juden waren ihre Siebentagewoche, ihr Festkalender und ihr Sabbatjahrzyklus wesentliche Grundpfeiler für ein gutes Zusammenleben. Meines Erachtens vermag uns die Beschäftigung mit ihrer Zeitrechnung durchaus wertvolle Denkanstöße für unsere Gegenwart und Zukunft zu geben.

Arbeiten Sie bereits an weiteren Projekten?

Ja, das vorliegende Buch stellt ja lediglich den Eröffnungsband der geplanten Reihe „Zur Chronologie der Geschichte Israels im Zeitalter des Zweiten Tempels“ dar. Als zweiter Teilband des ersten Bandes wird die Darstellung der jüdischen Jahresrechnungen, außerdem der Hohepriesterchronologie sowie der Zeitrechnungen der Hegemonialmächte, also der Achaimeniden, Seleukiden, Ptomeläer und Römer folgen. Im zweiten Band möchte ich den Leser dann mit auf die spannende Suche nach dem Todesjahr des Herodes nehmen, an dessen Ende ein für alle unerwartetes Ergebnis stehen dürfte.

Vielen Dank, Herr Klever, für dieses umfassende Interview und viel Erfolg bei ihren weiteren Ausarbeitungen.

Die Fragen stellte G. Wedel. Sie ist freie Journalistin.

Daniel Robert Richard Klever: „Die Grundlagen der jüdischen Zeitrechnung. Kalender und Sabbatjahrchronologie nebst Sabbaten und Festen, Halbfesten und Fasttagen“, BoD – Books on Demand, 332 Seiten, 39,90 Euro, ISBN-13 9783769376814

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