TEL AVIV (inn) – Künstliches Licht in der Nacht schadet der Entwicklung von Antikörpern und damit dem Immunsystem. Das fanden Forscher der Universität Tel Aviv (TAU) in einer Studie heraus, die sie Mitte April im Journal „Environmental Pollution“ veröffentlichten.
Die Doktorandin Hagar Vardi-Naim hat die Studie mit Jariv Wine und Noga Kronfeld-Schor erstellt. Wine ist Leiter des Labors für angewandte Immunologie. Kronfeld-Schor leitet das Labor für Ökologische und Evolutions-Physiologie und ist Rektorin der TAU.
Für ihre Studie setzten die Wissenschaftler zwei Arten von Mäusen einer geringen Dosis von künstlichem Licht bei Nacht (ALAN) aus: die nachtaktive Arabische Stachelmaus und die tagaktive Goldstachelmaus. Beide leben in der Wüste Juda.
Das Experiment führten die Forscher mit 160 Mäusen im Zoologischen Forschungsgarten der Universität durch. In 16 je 1,5 mal 3 Meter großen Außenanlagen waren jeweils zehn Mäuse einer Art untergebracht, fünf männliche und fünf weibliche. Die eine Gruppe war nachts dem Licht von weißen LED-Leuchten ausgesetzt, die andere nicht. Das Experiment begann im Dezember 2021 und endete im August 2022.
Natürliche Zyklen gestört
Wie die Untersuchungen zeigten, wurden die natürlichen Hell-Dunkel-Zyklen durch das ALAN gestört. Die Intensität entsprach der einer gewöhnlichen Straßenlaterne. Der Wechsel der Tageszeiten war quasi ausgeschaltet.
Doch die Funktion des Immunsystems ist bedingt durch eine tägliche Oszillation, also den Tag-Nacht-Wechsel, der sich auf die Produktion von weißen Blutkörperchen auswirkt. Der Höhepunkt ist am Beginn der Ruhephase des Organismus. Dieses Tageszeitensystem ist laut der Studie unabdingbar für immunologische Abwehrreaktionen. Fehlt es, geht die Zahl der produzierten Antikörper zurück.
Wie die Versuche zeigten, erhöhte sich das Sterberisiko der Nagetiere um das 2,35-Fache. Dies war bei beiden Arten der Fall.
„Große Teile des Körpers von jedem Säuger, einschließlich unseres eigenen, werden von einer inneren biologischen Uhr reguliert“, sagte die Wissenschaftlerin Vardi-Naim der Nachrichtenseite „Times of Israel“. „Mit einem 24-Stunden-Rhythmus, der auf dem natürlichen Hell-Dunkel-Zyklus basiert, signalisiert diese biologische Uhr verschiedenen Organen und physiologischen Systemen, einschließlich des Immunsystems, was sie zu unterschiedlichen Tageszeiten tun sollten.“
So produziere der Organismus zu bestimmten Zeiten mehr oder weniger Antikörper, ergänzte die Doktorandin. „Solche Schwankungen können die Immunreaktion auf Bakterien oder Viren verbessern. Dafür muss der Körper aber die Zeit kennen.“
Lichtverschmutzung nimmt zu
Die Ausdehnung der Städte, erhöhter Zugang zu Elektrizität und die weit verbreitete Verwendung von LEDs haben dazu geführt, dass deutlich mehr Lebewesen künstlichem Licht bei Nacht ausgesetzt sind. Dies wirkt sich nach Erkenntnis der israelischen Forscher auf die Biodiversität aus. Es trägt zum Rückgang von Arten bei. In einer breiteren Perspektive könnte ALAN nicht nur einzelne Organismen beeinflussen, sondern auch die Gesundheit einer Population, die Dynamik von Krankheiten und die Stabilität des Ökosystems.
Ähnliche Erkenntnisse gibt es bereits bei Vögeln. So hat sich die Ansteckungsperiode für das Nilvirus bei Hausspatzen mit ALAN vergrößert. Das Ausbruchspotential wurde um mehr als 40 Prozent erhöht.
Lichtverschmutzung bringt den natürlichen Rhythmus völlig durcheinander: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass künstliche Beleuchtung in der Nacht nicht nur eine ästhetische Veränderung der Umwelt ist, sondern ein aktiver biologischer Faktor, der kritische physiologische Mechanismen stören kann“, sagte Vardi-Naim.
Selbst wenn nur Tiere betroffen sind, sieht die Wissenschaftlerin eine direkte Gefahr für Menschen: „Wir meinen, dass Lichtverschmutzung als Umweltgesundheitsrisiko mit weitreichenden Auswirkungen betrachtet werden sollte – nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für das Ökosystem als ganzes. Studien zeigen, dass Tiere mit einem geschwächten Immunsystem Krankheiten auf Menschen übertragen können, und das menschliche Immunsystem könnte ähnlich reagieren.“ (eh)