In den Jahren 1942 bis 1945 war Else Pripis in Theresienstadt. Nach der Ankunft nähte sie zuerst Damenkleider. Die alte Dame erinnert sich: „Neue Kleider aus Zellstoff für die deutschen Frauen. Die Farben waren wirklich sehr sehr hübsch. Das war sicher für die deutsche Prominenz, denn andere Leute haben keine neuen Kleider mehr bekommen, ganz bestimmt nicht.“
Danach habe man Uniformen für das deutsche Militär für den Krieg gegen Russland genäht. „Auf einer Seite war es gemustert, von innen weiß. Nachdem keine neuen Stoffe mehr da waren, bekamen wir zerrissene Uniformen vom Militär. Die musste man dann alle reparieren. Das hat man etliche Monate gemacht, bis 1944.“
Auch an die Befreiung des Lagers erinnert sich Pripis: „Ich reparierte die Uniformen. Dann flohen die Deutschen aus Theresienstadt, weil die Russen nicht weit entfernt waren. Und dann kamen die Russen. Am Anfang, als ich gearbeitet hab, hat man in einer Kaserne eine Baracke errichtet.“ Auch danach nähte sie weiter. „Die Frau, die uns beaufsichtigt hat, hat immer geschrien: ‚Leistung, Leistung!‘ Für die Deutschen war die Leistung genug. Ich sagte ihr: ‚Wenn es für die Deutschen genug war, sollte meine Arbeit für Sie ganz sicher auch genug sein.‘“
Arbeit in einer Bäckerei
Später wurde Pripis in einer Bäckerei beschäftigt, die für die Kranken Brötchen backte. Dort bekam sie anderthalb Portionen zu essen, „also eine halbe Portion mehr als üblich“. Eine Portion für drei Tage bestand aus einem Stück Brot – Pripis spreizt ihren Daumen und Zeigefinger – „und 20 Gramm Margarine sowie 50 Gramm Zucker“.
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Viele Transporte der Deutschen gingen nach Auschwitz und in andere Lager. „Auch mich hätten sie wegschicken können. Aber solange ich Uniformen ausbesserte, war man geschützt, da ist man nicht weggeschickt worden.“ Pripis resümiert: „Gott sei Dank war der Krieg zu Ende, bevor ich auf der Liste stand.“
Normalerweise sollten die Leute an ihre Herkunftsorte zurückkehren. Aber ihre Verwandten in Köln waren tot. Pripis dachte darüber nach, zu ihrem Onkel in die Schweiz oder ihrer Tante in Amerika zu gehen. Sie gehörte schließlich zu den ersten zehn Personen, die in die Schweiz kommen durften. Nach drei Monaten musste sie eine neue Aufenthaltserlaubnis beantragen. „Das erste Mal war es in Ordnung. Das zweite Mal hat man die Nase gerümpft. Das dritte Mal hat man gesagt, ich darf die Schweiz nicht verlassen. Es war wirklich abscheulich.“
Einreise ohne gültige Papiere
Pripis verließ die Schweiz. Sie gelangte nach Marseille und ohne Papiere mit einem Schiff nach Israel „zur Zeit der Engländer.“ „Auf dem Schiff hat man gewartet. Der erste fragte mich nach Papieren. So ist das, wenn man die Grenze überschreitet, braucht man normalerweise einen Ausweis. Aber einen Pass hatte ich nicht. Ich hatte ein Papier, dass ich in Theresienstadt war und die Bewilligung für die Schweiz. Auf dem Schiff fragte jemand nach den Papieren und ich habe gesucht und gesucht und gesucht.“ Lachend ergänzt Pripis: „Aber ich habe natürlich nichts gefunden, weil ich ja nichts hatte.“
Doch schließlich durfte sie auf das Schiff. „Ich bekam einen Platz und sogar etwas zu essen. Das Schiff fuhr von Marseille nach Alexandria. Dort blieben wir über Nacht. Wer Papiere hatte, konnte das Schiff verlassen und wiederkommen. Aber das habe ich nicht gemacht. Am nächsten Tag fuhren sie nach Haifa. Und da war das Problem, wie ich von dem Schiff herunterkomme.“
Israelnetz Magazin
Schließlich kam jemand von einer jüdischen Institution und holte sie vom Schiff. „Doch mein Gepäck fuhr weiter nach Beirut. Hier war ich erstmal in Haifa, bis ich Papiere bekam, damit ich in die Stadt gehen konnte. Es gab immer Kontrollen und wer keine Papiere vorweisen konnte, wurde eingesperrt.“
Schon in Europa lernte sie ihren späteren Mann Naftali kennen. Er war bereits in Israel, doch weil sie nicht legal ins Land einreiste, hatte sie keine entsprechenden Papiere und bekam keine Arbeitserlaubnis. „Zuerst kam ich zu einer Verwandten von meinem Mann und dann nach Jerusalem.“ Naftali Pripis starb vor sieben Jahren, 72 Jahre waren er und Else verheiratet. Auch er war 1923 geboren, seine Familie kam aus Lodz. „Als 1945 der Krieg zu Ende war und wir nach Jerusalem kamen, heirateten wir mit einem Rabbiner. Wir mussten bezeugen, dass wir nicht etwa bereits verheiratet waren.“
Auch Tochter Miri ist vor einigen Jahren verstorben. Sie war nach Pripis‘ Mutter benannt, Sohn Max nach ihrem Vater. Er lebt in Jerusalem und wohnt etwa 10 Minuten von ihr entfernt: „Doch man muss starke Steigungen gehen, der Weg ist mir zu schwer.“ Inmitten des Krieges und wenige Tage vor ihrem Geburtstag ist Pripis erneut Uroma geworden.
Den kleinen Jungen hat sie Mitte März noch nicht kennengelernt. „Sie wohnen außerhalb von Jerusalem und es ist gefährlich, während des Raketenbeschusses hierher zu kommen.“
Aufräumen in Kriegszeiten
Die Zeit im Krieg nutzt die rührige kleine Dame, um ihre Wohnung zu ordnen. Die Kissenbezüge für ihr Sofa hat sie bereits gewaschen und obwohl sie nicht allzu gut sieht, näht sie immer noch. Stolz ist sie auf ihre zahlreichen Strickjacken: „Fast meine ganze Garderobe habe ich selbst gestrickt.“
Ob Pripis während der aktuellen Raketenalarme in den Schutzraum in ihrem Gebäude in der Jerusalemer Innenstadt geht? Die alte Dame lächelt: „Einmal bin ich nach unten gegangen. Doch ich bin viel zu langsam und als ich am Schutzraum ankam, gab es bereits Entwarnung und alle Nachbarn kamen schon wieder hinaus.“
Stattdessen legt sie sich während der Alarme ins Bett. „Ich habe schon so viele Kriege erlebt.“ Auch an Bombennächte in Köln erinnert sie sich. „Die Menschen sollen sich miteinander an einen Tisch setzen und sich für Frieden einsetzen.“
3 Kommentare
Danke für diesen Artikel!
Ich wünsche Frau Pripis noch etliche schöne Jahre und dass sie ihren jüngsten Urenkel bald kennenlernen kann.
Es freut mich, dass Else Pripis trotz ihres bewegenden Schicksals noch lebt und über 100 Jahre alt und sich noch so gut an ihre Vergangenheit erinnern kann.
„Die Menschen sollen sich miteinander an einen Tisch setzen und sich für Frieden einsetzen.“; wer wollte der alten Dame da widersprechen ? Es könnte so einfach sein. Aber wie heisst es : „es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. Ein tief berührender Beitrag. Ich schliesse mich Agnes an : noch etliche schöne Jahre möge sie haben, mindestens bis 120 !