JERUSALEM (inn) – „Wir sind hier und werden immer hier bleiben.“ Dies sagte die Mutter der getöteten Geisel Ran Gvili am Dienstagabend bei der offiziellen Eröffnung des 78. israelischen Unabhängigkeitstages. Talik Gvili entzündete bei der Zeremonie auf dem Jerusalemer Herzlberg eine von zwölf traditionellen Fackeln; sie stehen für die zwölf biblischen Stämme Israels.
Den Auftakt machten zwei Soldaten, die aus Sicherheitsgründen nicht mit vollem Namen vorgestellt wurden. Bei der Zeremonie traten sie nur mit den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen auf.
Mit Maske, Sonnenbrille und Sturmhaube
Oberst N. beteiligte sich am 7. Oktober 2023 an der Verteidigung des Militärstützpunktes Urim. Sie wurde zweimal verwundet und dient nach mehr als zwei Jahren Rehabilitation weiter in der Armee. Bei der Zeremonie trug sie eine Gesichtsmaske und eine Kappe, die nur die Augenpartie freiließen. Die Fackel widmete sie unter anderem den Soldatinnen und Soldaten, den Verletzten und den Toten.
Mit Sonnenbrille und Sturmhaube erschien Major M. auf der Bühne. Er leitet die Iran-Abteilung der Luftwaffe und hatte eine bedeutende Rolle bei der Operation „Löwengebrüll“ gegen das iranische Regime, die am 28. Februar begann. Er sprach über Techniker und Logistiker der Armee. Zudem dankte er den Israelis, die die Soldaten der Luftwaffe während der riskanten Einsätze mit Gebet und Hoffnung begleiteten. Seine Worte schloss er mit Psalm 29,11 ab; der Vers gehört zum Abendgebet bei der Begrüßung des Schabbat: „Der HERR wird seinem Volk Kraft geben; der HERR wird sein Volk segnen mit Frieden.“
Die zweite Fackel entzündete der Cyber-Experte Gili Ra’anan. Er widmete sie den Hightech-Initiatoren und den Investoren, die an sie glauben, sowie den Pionieren. Als Besitzer des Basketball-Vereins Hapoel Tel Aviv erwähnte er zudem die Sportliebhaber. Ein Augenblick der Wehmut entstand, als er an seine Tochter Adi erinnerte; sie war eine von zehn Jugendlichen, die 2018 bei einer Überflutung im südisraelischen Fluss Zafit ums Leben kamen.
Folgen Sie uns auf Facebook und X!
Melden Sie sich für den Newsletter an!
Für Ärzte und medizinisches Personal steckte Dina Ben-Jehuda eine Fackel in Brand. Die Leiterin der Hämatologischen Abteilung im Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus wies darauf hin, dass sie sowohl während der Corona-Krise, als auch im Krieg überdurchschnittlichen Einsatz gezeigt hatten. Dabei hätten sie viele Leben gerettet. Sie würdigte auch ihren Neffen Itamar Ben-Jehuda, der am 7. Oktober als Militärsanitäter fiel. Und sie widmete die Fackel „dem Mitleid und der Menschlichkeit, die die wichtigste Medizin von allen sind“.
Die Gemeinschaft der Drusen vertrat Tamer Atallah, der viele Jahre in der ökonomischen Abteilung und dem Sicherheitssystem der Armee diente. Er widmete seine Fackel dem Bund zwischen dem jüdischen und dem drusischen Volk in Israel und im Ausland. Die Drusen seien entschlossen, sich für die Entwicklung des Staates Israel einzusetzen, sagte er.
Milei zu früh aufgerufen
Bei der Überleitung zur fünften Fackel entstand eine kurze Verwirrung: Moderatorin Mali Levi sagte versehentlich den argentinischen Präsidenten Javier Milei an, der daraufhin aufstand und sich hilfesuchend umsah. Doch er kam erst später an die Reihe, und die Moderatorin wechselte dezent zu Ora Chatan über. Diese kocht ehrenamtlich für Soldaten im nordisraelischen Grenzgebiet, obwohl ihr Wohnort Schetula von Hisbollah-Angriffen bedroht ist. Die Fackel entzündete sie für die Bewohner des Nordens und die „Soldaten, die uns beschützen“ – sowie für „den Heiligen, gepriesen sei Er“. Sie betonte: „Wir dürfen nie den Norden verlieren!“
Auch Sternekoch Assaf Granit sorgt für Soldaten und Verwundete. Seine Fackel steckte er unter anderem für Jerusalem an, wo er geboren und aufgewachsen ist. Dort habe er gelernt, zwischen Osten und Westen, zwischen Religiösen und Säkularen sowie zwischen den Sportvereinen Hapoel und Beitar zu verbinden. Ferner nannte er das Volk Israel, das sich trotz aller Kritik und Spaltung wieder an einen Tisch setzen könne – und die Kraft finde, wieder aufzustehen.
Aus Teheran stammt Roni Aynsas. Bei der iranischen Armee stieg er zum Berater des Präsidenten auf und nutzte das Amt, um Juden zu retten. 1997 floh er selbst – und schlug Wurzeln in Israel. Mit der Fackel dankte er „dem Heiligen, gepriesen sei Er“, der ihm bei der Flucht geholfen habe. Er bekundete seine Freude über das Vorrecht, „mit allen meinen Kräften einen Beitrag für das jüdische Volk zu leisten“. Doch auch das iranische Volk, das nach Frieden strebe und die Juden liebe, vergaß er nicht. Zum Abschluss seiner kurzen Rede sprach er auf Farsi über seine Hoffnung, dass das Licht über die Finsternis siegen werde.
Fackel für ehemalige Geiseln
Die achte Fackel steckte Talik Gvili gemeinsam mit Gal Hirsch an, der nach dem 7. Oktober zum Beauftragten der Regierung für Geiselangelegenheiten geworden war. Er widmete sie den „Geiseln, die heldenhaft gekämpft haben“, sowie deren Familien, die in einem Alptraum gelebt hätten. Einen Dank richtete er an US-Präsident Donald Trump (Republikaner), der maßgeblich zur Freilassung der Verschleppten beigetraten hatte.
Talik Gvili gedachte ihres Sohnes, „der bis zur letzten Kugel kämpfte“. Ran Gvili war am 20. Januar die letzte Geisel, die aus dem Gazastreifen von der Armee nach Israel zurückgeholt wurde. Sie wiederholte ihre Worte: „Der Stolz ist stärker als der Schmerz.“ Die Fackel widmete sie den Familien der Geiseln, der Knesset, der israelischen Regierung und Premier Benjamin Netanjahu (Likud). Sie hätten ihr Versprechen gehalten: „bis zur letzten Geisel“. An die Feinde gerichtet erklärte sie: „Wir sind hier und werden immer hier bleiben.“
„Zwei Kinder im Herzen der Wüste“
Der aus Marokko stammende Filmemacher Mosche Edri stellte das israelische Kino in den Mittelpunkt der Kurzansprache für seine Fackel. Er brachte unter anderen Produzenten, Schauspieler und Techniker ins Spiel. Zudem erinnerte er an seinen verstorbenen Bruder Leon Edri, mit dem er vor 60 Jahren in Dimona sein Lebenswerk aufgebaut habe: „Zwei Kinder im Herzen der Wüste, die nicht dachten, dass sie am Ende der Welt seien, sondern an dem Ort, wo alles beginnt.“ Die Fackel sei für alle Kinder in der Peripherie, die es wagen, weit und hoch zu träumen.“
Das Recht, Tora zu lernen und zu lehren, würdigte Rav Avraham Sarbiv. Der Richter nannte ebenso die rabbinischen Gerichte wie die Familien derjenigen, die Armeedienst leisten. Außerdem lobte er den „Herrn der Welt“ – ein jüdischer Ausdruck für Gott –, „der allein uns die Kraft gibt, Erfolg zu haben“.
Ins Leben zurückgekämpft hat sich Ari Spitz. Der Soldat verlor bei einer Explosion beide Beine und den rechten Arm. Seine Fackel widmete er denjenigen, „die für unsere Existenz und unsere Zukunft fielen“, sowie den Verwundeten. „Wir haben keine Wahl, außer zu siegen“, betonte er. Dabei vergaß er nicht die Angehörigen der Verwundeten, die selbst in schwersten Augenblicken Licht brächten, sowie die Mediziner. Überdies erwähnte er die „Hesder-Jeschivot“, die Tora-Studium und verkürzten Wehrdienst miteinander verknüpfen. Sie zeigten: „Tora und Militärdienst sind zwei Säulen, die sich gegenseitig ergänzen.“
Argentinische Premiere
Als erster ausländischer Staatenlenker durfte der argentinische Präsident Milei eine Fackel entzünden. Beschwingt ging der Politiker der Partei „Die Freiheit schreitet voran“ (LLA) auf die Bühne. Dabei sang er das Lied „Libre“ (Frei) von Nino Bravo. Zuschauer reagierten mit „Olé, olé“-Gesängen.
Auf Spanisch sprach er von Israel als „einem so jungen Staat mit einem so alten Volk“. Er betonte die Freundschaft der beiden Nationen. „Das Entzünden einer Flamme in der Dunkelheit sieht vielleicht wie eine leichte Aufgabe aus, aber in Wirklichkeit ist es eine revolutionäre Tat. Diejenigen, die im Dunkeln waren, haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Der Übergang von der Dunkelheit zum Licht ist schmerzhaft. Licht zu schaffen, erfordert viel und schwere Arbeit.“ Die Worte des Argentiniers stießen im Publikum auf begeisterten Applaus.
Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir (Jüdische Stärke) indes bekam die Zeremonie zumindest nicht vor Ort mit. Vor der Eröffnung hatte er sich auf einen Platz neben Netanjahu gesetzt, der jedoch für Milei reserviert war. Er wurde gebeten, sich in einen anderen Bereich zu begeben. Ben-Gvir zog es allerdings vor, mit seiner Frau Ajala den Veranstaltungsort zu verlassen, berichten israelische Medien.
Netanjahu: „Israel ist stärker denn je“
Obwohl Netanjahu präsent war, trat er nicht vor das Rednerpult auf dem Herzlberg. Stattdessen wurde eine vorher aufgenommene Ansprache gezeigt. Darin sagte der Regierungschef: „Israel ist stärker denn je, und gemeinsam mit den Vereinigten Staaten führen wir den Kampf gegen die Kräfte des Bösen in der Welt.“ In jeder Generation hätten sich Feinde erhoben, um das jüdische Volk zu zerstören. Doch in der „Generation der Wiederbelebung“ erhebe sich Israel gegen seine Feinde.
Damit bezog sich Netanjahu auf einen Beschluss der Knesset aus dem vergangenen Jahr, den Kampf gegen die Hamas als „Krieg der Wiederbelebung“ zu bezeichnen. Dies weitete er auf den Irankrieg aus: „Die iranische Achse des Bösen, die Pläne zu unserer Zerstörung hegte, kämpft nun um ihr nacktes Überleben.“ Im „Krieg der Wiederbelebung“ habe Israel große Teile dieser Achse zerschmettert. Das Hamas-Massaker vom 7. Oktober erwähnte er nicht.
Ochana: Erstmals seit zehn Jahren keine Geisel in Gaza
Knessetsprecher Amir Ochana (Likud) erinnerte zum Auftakt der Zeremonie daran, dass in früheren Jahren am Unabhängigkeitstag für die Entführten gebetet worden war. Nun befänden sich erstmals seit mehr als zehn Jahren keine Geiseln in Gaza. Israel sei heute stärker denn je.
Mit Bezug auf die Nationalhymne sagte Ochana, auch wenn die militärische Mission noch nicht abgeschlossen sei, hätten die Israelis Hoffnung. „Die Hoffnung ist in unsere Leben eingewoben und bewegt unsere Träume. Die 2.000 Jahre alte Hoffnung, ein freies Volk in unserem Land zu sein – dem Land der Propheten und Könige, dem Land der Träumenden und der Kämpfenden. Die Hoffnung, dass derjenige, der Frieden schafft in Seinen Höhen, in Seinem Erbarmen Frieden schaffe über uns – und, ja, auch untereinander.“ Damit zitierte der Knessetsprecher auch aus dem Gebet für Trauernde, „Kaddisch“.
Der diesjährige Jom HaAzma’ut steht dem Motto „Ozmot schel Hitchadschut“ – „Kräfte der Erneuerung“. Er endet am heutigen Mittwochabend. (eh)
4 Kommentare
Staatspräsident Milei singt. Das haben wir Italiener gern.
Ohne Besserwisserei : das Wort Obrist ist im deutschen negativ belastet, es erinnert an das Obristenregime in Griechenland. Ich vermute, es handelt sich um einen weiblichen Oberst (colonel).
Danke. Das stimmt, es ist geändert.
David Ben-Gurion:
Ansprache an die Nation am Shabbat, 15. Mai 1948
„Etwas Einzigartiges geschah gestern in Israel und nur zukünftige Generationen werden dazu in der Lage sein, das volle historische Gewicht der Ereignisse einzuschätzen. Es liegt nunmehr an uns allen, indem wir aus einer Art von jüdischer Brüderlichkeit heraus handeln, jede einzelne Unze unserer Kraft dazu einzusetzen, unseren Staat Israel aufzubauen und zu verteidigen, der nach wie vor einem titanhaften politischen wie militärischen Kampf ausgesetzt ist…
Nethanjahu, 78 Jahre später:
Israel ist stärker denn je, und gemeinsam mit den Vereinigten Staaten führen wir den Kampf gegen die Kräfte des Bösen in der Welt.“ In jeder Generation hätten sich Feinde erhoben, um das jüdische Volk zu zerstören. Doch in der „Generation der Wiederbelebung“ erhebe sich Israel gegen seine Feinde.
Nach wie vor ist Israel einem titanhaften politischen wie militärischen Kampf ausgesetzt! Dem gesamten israelischen Volk wünsche ich von Herzen Gottes Segen, gutes Gelingen im Kampf gegen die Feinde und Hoffnung auf Frieden.